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USA Ganz schweres Ding

Kühne Schönheit wird belohnt: Miss Amerika 1993 darf den Nutzen von Kondomen preisen.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Klammheimlich kam das Jahr der Frau: Auch in ihren ärgsten Alpträumen hätten die meisten US-Senatoren, durchweg kampferprobte Polit-Machos, nicht damit gerechnet, daß sich in diesem Jahr elf Frauen um die Mitgliedschaft in ihrem exklusiven Klub bewerben würden. Weil einige Herausforderinnen obendrein erfolgreich Wahlkampf führen, suchen die Amtsinhaber nun verzweifelt nach stimmenträchtigen Frauenanliegen.

Mit dem Argument, der Kampf gegen den Brustkrebs sei ein moralisches Äquivalent zum Kalten Krieg, forderte der Demokrat Tom Harkin vergangenen Monat zusätzliche Mittel in Höhe von 185 Millionen Dollar. Weitere 88 (von 100) Kollegen schlossen sich seinem Ruf zu den Waffen an und plünderten dafür die Pentagonkasse.

Ungestraft darf niemand mehr das gewachsene Selbstbewußtsein der Amerikanerinnen provozieren. Vizepräsident Dan Quayle rief einen Entrüstungssturm hervor, weil er alleinstehenden Müttern mangelnde moralische Grundsätze bescheinigt hatte. Seither hastet er von Frauengruppe zu Frauengruppe, um sich zu entschuldigen.

Nichts ist mehr wie früher, nicht einmal so uramerikanische Rituale sind es wie die alljährliche Kür der Schönsten im Land. 66mal haben prominente US-Firmen den Auftrieb zum Miss-Amerika-Titel finanziert und immer wieder versucht, die simple Tatsache zu vertuschen, daß sich die Auswahlmechanismen nicht wesentlich von jenen unterschieden, mit denen auf ländlichen Jahrmärkten die besten Kühe prämiert werden. Vergebens.

Sogar ein abgeschlossenes Hochschulstudium kann heute nicht mehr den Erfolg sichern. Gegen heftige Konkurrenz angehender Juristinnen und Kommunikationswissenschaftlerinnen schied Miss South Carolina, eine Ärztin, schon im Halbfinale aus.

Was den Bewerberinnen bislang noch fehlte und der Kandidatinnenkür den ersehnten Ausweis gesellschaftlicher Relevanz verleihen könnte, war gewissermaßen der Hillary-Clinton-Faktor. Nicht nur attraktiv und klug sollten die Bewerberinnen sein, sondern auch noch - wie die Frau des demokratischen Präsidentschaftskandidaten auf dem Gebiet der Kinderrechte - sozial engagiert. Zum erstenmal traten deshalb alle 50 Staatsschönheiten mit ausgefeilten Wahlprogrammen an, die der Jury den innenpolitischen Schwerpunkt ihrer künftigen Regentschaft als Schönheitskönigin erläutern sollen.

Mutige Visionen waren gefordert. Miss Indiana beispielsweise beschrieb zu heftigem Applaus das Hilfsprogramm für gefährdete Jugendliche, das sie in ihrem Heimatstaat organisiert hatte. Überhaupt: Randgruppenpflege war das Anliegen aller Bewerberinnen.

Dabei stach Miss Florida alle Konkurrentinnen aus. Erstmals wird die Botschafterin heimischer Produkte - mit dem Titel Miss Amerika ist auch eine Sprecherrolle für die gewerkschaftsnahe »Made in the USA«-Kampagne verbunden - den korrekten Gebrauch von Kondomen propagieren. Miss Leanza Cornetts Anliegen ist die Förderung von Aids-Bewußtsein.

Da hatte der Zeitgeist seine Tochter gekürt: Gläubige Christin, aber für die Abtreibungsfreiheit, eingeschriebene Republikanerin, aber von George Bush nicht sonderlich begeistert - »Miss Normal« (so die Washington Post) verkörpert offenbar die statistische politische und emotionale Mitte Amerikas.

Wenn das stimmt, steht es schlecht um den Präsidenten. Traditionelle Familienwerte, von den Bush-Getreuen heftigst propagiert, hätten »in der politischen Arena keinen Platz«, kanzelte Miss Amerika ihre Parteifreunde ab.

Mit ihren Überzeugungen hielt sich die kühne Schöne auch sonst nicht zurück: Kondome für alle »sexuell aktiven Kinder«? Aber sicher, ihr Gebrauch sollte »definitiv« an Schulen gelehrt werden. Sie selbst will sich überall im Land dafür einsetzen, und zwar mit »ein wenig Leichtigkeit«. Aids sei schließlich »ein ganz, ganz schweres Ding«.

Welch ein Schritt im Vergleich zur Herstellung perfekter Apfelkuchen, ein Test, der noch vor wenigen Jahren als »Talentprobe« beim Schönheitswettbewerb durchging. Und noch etwas war unerwartet: Trotz ihrer dezidierten Ansichten erhob sich kein Proteststurm im Land, der Leanza Cornett vom Thron gefegt hätte.

»Ich bin wohl von Gott besonders gesegnet«, bekannte die diesjährige Idealfrau und unterzog sich dann doch einer Tradition, um die sich noch keine Vorgängerin drücken konnte. Am Tag nach ihrer Krönung in Atlantic City stieg auch sie ins Meer für das gewohnte Foto Gischt umsprühter Grazie.

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