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KRIMINALITÄT Ganz ungezielt

Bundesburger schützen ihr Eigentum zunehmend durch Waffengewalt vor Rechtsbrechern. In drei Wochen wurden fünf Täter erschossen.
aus DER SPIEGEL 34/1979

Am 6. August frühmorgens gegen 11 vier wachte die Hausfrau auf. In der Balkontür zu ihrem Schlafzimmer in der Kasseler Quellhofstraße 115 entdeckte die erschreckte Frau die Silhouette eines Unbekannten und rüttelte ihren Mann auf: »Kalli, Kalli, Einbrecher.«

Ehemann Karl reagierte »automatisch«, wie er später zu Protokoll gab. Aus seinem Nachttisch holte der Hobbyjäger einen Revolver, mit dem er sonst angeschossenem Wild den Gnadenschuß gibt. Als der Einbrecher vom Balkon sprang und auch auf Anruf nicht stehenblieb, gab der Hausherr einen »Warnschuß« ab. Aus 7,60 Metern Entfernung abgefeuert, traf das Neun-Millimeter-Projektil den Flüchtenden tödlich, genau zwischen die Schulterblätter.

Im fränkischen Kupferzell erwischte der Spediteur Karl Braun gegen Mitternacht einen jungen Mann, der sich an dem Mercedes 280 5 in Brauns Garage zu schaffen machte. Als der junge Mann dem Anruf »Halt, Hände hoch« nicht nachkam, gab der Spediteur aus einem Kleinkalibergewehr zwei Schüsse ab. 30 Meter vom Tatort entfernt brach der flüchtende Autoknacker tödlich getroffen zusammen.

Im niederrheinischen Kerken stellte der Webereiinhaber Volker Lutze, 37, morgens zwischen zwei und drei einen Unbekannten, der sich an der Haustür zu schaffen gemacht hatte. Als Lutze, barfuß und im Schlafanzug, die Tür öffnete, wurde er von einer Taschenlampe geblendet. Er fühlte sich »bedroht« und gab aus einem Kleinkalibergewehr »ganz ungezielt« zwei Warnschüsse ab -- einen in den Rücken des Täters, der wenige Schritte weiter tot liegenblieb.

Der Schütze aus Kassel rechtfertigte sich hinterher damit, daß jeder, der »auf Einbruchstour geht, mit so etwas rechnen muß«, die »Niederrhein-Nachrichten« lobten den Todesschuß von Kerken als »Volltreffer«. Und »Bild« zeigte seinem Publikum einen Vermummten im Fadenkreuz und wollte wissen: »Er stand im Schlafzimmer -- was würden Sie tun?«

Ob in Kassel, Kerken oder Kupferzell -- daß manche Bundesbürger entschlossen sind, ihr Eigentum notfalls auch mit Waffengewalt zu verteidigen, beweisen sie neuerdings. In drei Wochen wurden fünf Rechtsbrecher auf frischer Tat erschossen.

Der folgenschwere Schutz des Eigentums mit Waffengewalt ist Rechtswissenschaftlern, wie dem Leiter des Kriminalwissenschaftlichen Instituts der Kölner Universität, Ulrich Klug, Indiz dafür, daß auch bei unbescholtenen Bürgern »die Hemmschwelle zum Töten immer weiter sinkt«. Todesschuß-Erlaubnis für bayrische Polizisten, zuweilen vorschnelles Feuer-Frei auf Terroristen und das weit auslegbare westdeutsche Recht auf Notwehr begünstigen, so Klug, »eine Entwicklung, in der sozialethische Grenzen immer weniger Beachtung finden«.

Wohl ermitteln nun in Kassel wie in den übrigen Fällen, da ertappte Einbrecher durch Gewaltanwendung zu Tode kamen, Staatsanwälte wegen Totschlags, fahrlässiger Tötung oder Körperverletzung mit Todesfolge gegen die Schützen. Doch ob es jemals auch Anklagen geben wird, ist fraglich.

Denn während manche Rechtswissenschaftler, wie der ehemalige Berliner Justizsenator Jürgen Baumann, argumentieren, die »Intensität der Abwehrhandlung« müsse sich »nach der Intensität der Angriffshandlung bemessen«, fordert das in den Strafgesetzbuchparagraphen 32 bis 35 verankerte Recht auf Selbstverteidigung von Notwehrtätern bislang noch keine Abwägung der verletzten Rechtsgüter. Anders als beispielsweise in Frankreich und Großbritannien darf, wenn andere Mittel keinen Erfolg versprechen, in der Bundesrepublik auch auf solche Täter geschossen werden, die es nur auf Sachwerte abgesehen haben. Verboten sind Schüsse nur dann, wenn zwischen Tat und Notwehr ein unerträgliches Mißverhältnis besteht, etwa wenn zum Schutz von Biergläsern zum Revolver gegriffen wird.

Erlaubt ist der Noteinsatz von Schußwaffen auch dann, wenn ein Rechtsbrecher mit der Beute flüchtet. Denn die Flucht gilt rechtlich noch als Angriff, gegen den sich der Geschädigte nach Ansicht des renommierten Tübinger Strafrechtskommentators Theodor Lenckner »zur Sicherung der Beute« wehren darf -- nach einem Urteil des Bundesgerichtshofs freilich nur durch Schüsse auf die Beine.

Selbst wenn Täter erfolglos türmen oder sich harmlose Bürger nur nachts in der Haustür geirrt haben, muß ein Schuß nicht unbedingt strafbar sein. Paragraph 33 des Strafgesetzbuches ("Überschreitung der Notwehr") schützt auch solche Schützen vor Strafe, die »aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken« handeln.

Ob es Notwehr war oder nicht, prüft derzeit auch die Staatsanwaltschaft in Hamburg. Am Mittwoch vergangener Woche, abends um halb zehn, schoß ein 49jähriger Tabakwarenhändler aus dem Fenster seiner Wohnung auf Jugendliche, die sein Auto demoliert hatten.

Als die Randalierer den Schwerbehinderten von der Straße aus mit Cola-Dosen bewarfen und ihn bedrohten ("Dich Schwein machen wir kalt"), gab er aus einem Kleinkalibergewehr zwei Schüsse ab. Ein Projektil durchschlug die Hand eines Jugendlichen, das andere drang einem 16jährigen in die Brust, der eine Stunde später auf dem Operationstisch eines Hamburger Krankenhauses starbl

Wie weit sich das Notwehrrecht auslegen läßt, wird demnächst die rechtliche Behandlung eines Todesschusses ergeben, der am 24. Juli in Heilbronn fiel. Dort hatten, morgens gegen sieben, Arbeiter des städtischen Gartenbauamts den Stadtrat Willi Söhner mit der telephonischen Nachricht aufgeschreckt, in sein Wochenendhaus im Stadtteil Neckargartach sei eingebrochen worden.

Als der mit einem Kleinkalibergewehr bewaffnete Stadtrat gemeinsam mit seiner Frau am Freizeit-Grundstück eintraf, parkten vor dem Eingang zwei schwere Motorräder. Ihre Besitzer, der 19jährige Maschinenbaulehrling Andreas Wörz und sein Freund Martin Dwornitzak, waren durch ein offenstehendes Fenster in Söhners Haus eingestiegen und wollten dort ihren Rausch vom Vortag ausschlafen.

Statt auf Söhners Anruf ("Ist da wer?") zu antworten, kletterten die Jugendlichen aus dem Rückfenster und versuchten, über den Gartenzaun zu türmen. Martin Dwornitzak erinnert sich:

Andy war immer dicht hinter mir. Ich hechtete mit einer Flugrolle über den Zaun. Andy war etwas schwerfälliger. Er hatte sich am Abend vorher das Knie angestoßen. Sein rechter Fuß war schon auf dem Zaun. Da fiel ein Schuß, und Andy fiel zurück in den Garten.

Plötzlich fing er an zu schnaufen, und die Augen traten hervor. Ich rief dem Mann zu, er solle sich mal ansehen, was er angerichtet hat. Aber der rührte sich nicht von der Stelle und sagte zu mir: »Dich sollte ich auch noch über den Haufen schießen. Das wird das beste sein, ihr Verbrecher.«

Als der Krankenwagen Andreas Wörz in die Heilbronner Klinik einlieferte, war er innerlich verblutet; eine Kugel hatte ihn in den Rücken getroffen und die Hauptschlagader verletzt. Frau Söhner kommentierte, wie Augenzeuge Dwornitzak später zu Protokoll gab, spontan den Schuß ihres Mannes: »Willi, jetzt hast Du einen Fehler gemacht.«

So sahen es auch Andreas Wörz' Freunde vom Motorradklub »Blue Rebels«, die in einer Todesanzeige sarkastisch formulierten: »Wir trauern um unseren Kameraden Andy -- von einem ehrenwerten Bürger von hinten erschossen.« Und der Heilbronner Staatsanwalt Herbert Seeling ließ Söhner vergangenen Dienstag wegen Totschlag-Verdachts verhaften.

Doch Bürger der Neckarstadt urteilten in Briefen an die örtliche Zeitung »Heilbronner Stimme«, daß auch solch ein Fall von Selbstjustiz nicht ehrenrührig sei. Ein Leser befand, es gehöre ja »zur Bürgerpflicht, sich hinreichend zu bewaffnen«, damit, so meinte ein anderer, »extremen Querschlägern« wie Wörz gezeigt werde, »daß sie nicht ungestraft wider den Stachel locken dürfen«.

Der Rechtsanwalt Max Kohlhaas gab zu bedenken, »daß der junge Mann ja tatsächlich in dem Anwesen des Herrn Söhner nichts zu suchen hatte«, ein anderer Leser wies auf die Berechtigung des Todesschusses durch den »Urinstinkt der Abwehr« hin. Denn »solche Reaktionen«, teilte ein Bürger namens Siegfried Biedermann mit, »sind doch selbstverständlich«.

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