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BETTY-FORD-KLINIK Ganz weggetreten

In Kalifornien treffen sich alkohol- und pillensüchtige Filmschauspieler, Bühnenstars und Politiker in der »Betty-Ford-Klinik« zur Entwöhnung. *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Texas, unendlich groß und unendlich flach, ist eine der letzten Regionen der USA, in denen Entfernungen in Bierkonsum gemessen werden. Eine einstündige Fahrt von der Ranch in die nächste Stadt ist für den echten Texaner ein »two beer drive«.

Nicht lange mehr. Wie 39 weitere US-Bundesstaaten verschärft auch Texas seine Alkoholgesetze. Offene Alkoholbehälter, so sieht es der Entwurf vor, dürfen künftig nicht mehr in Personenkraftwagen transportiert werden, nicht einmal eine Dose des beliebten, für den deutschen Geschmack eher laschen Kilometerzählers.

Gut 50 Jahre nach der Aufhebung der Prohibition wird der Kampf gegen den Alkoholismus wieder zum nationalen Anliegen. Zehn Millionen Bürger gelten als Alkoholiker - und dies, obwohl die Umsätze der Alkoholproduzenten seit Jahren sinken.

In Washington billigte der Kongreß im vergangenen Jahr ein Gesetz, das die Bundesstaaten verpflichtet, das Mindestalter für Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit und für Alkoholeinkauf auf 21 Jahre anzuheben. Noch in diesem Jahr werden auch die Alkoholsteuern erhöht.

Bürgerinitiativen gegen den Alkoholmißbrauch sind im ganzen Land erfolgreich. Die »Mütter gegen Trunkenheit am Steuer« oder Gruppen wie »Stoppt Alkoholwerbung im Fernsehen und im Radio« haben sich als mächtige Lobby der Nichttrinker etabliert.

In dem Land, in dem Stars und Prominenz immer noch Vorbildcharakter haben, kann es auch nicht ausbleiben, daß einschlägig erfahrene Helden aus Hollywood und Washington sich dem Trend zu Milch und Limonade anschließen, oft genug nach persönlicher bitterer Erfahrung mit dem Alkohol.

Prominenteste Überläuferin ist die Frau eines ehemaligen US-Präsidenten, Betty Ford. Nach einer Brustamputation und nach der Wahlniederlage ihres Mannes 1976 suchte Betty Ford, heute 66, Trost in Gin und Whisky, Beruhigung durch Valium und Schlaftabletten. In dieser Phase war die ehemalige First Lady nach eigenem Geständnis zeitweilig »völlig weggetreten«, anscheinend bereit »zu einem langsamen Selbstmord«.

Ihr Vater war Alkoholiker gewesen, ihr Bruder ebenfalls. Letztlich war sie es selbst, »vielleicht schon über viele Jahre, ohne es zu wissen«.

Zunächst versuchte sie, die Krankheit zu verdrängen, den Tablettenkonsum durch Arthritis-Schmerzen zu rechtfertigen. Zu einer Behandlung war sie erst bereit, als der Ehemann ihr in einer nüchternen Phase erklärte: »Du bist nicht mehr die Frau, die ich geheiratet habe.« Und die Tochter ihr vorwarf: »Wegen deiner Trinkerei lehnen meine Freunde es ab, uns zu besuchen.«

Die Präsidenten-Frau ist unterdessen zur prominentesten Aktivistin im Kampf gegen die Abhängigkeit von Drogen und Alkohol geworden. In Interviews und bei Fernseh-Diskussionen bekennt sich Betty Ford zu ihrer Krankheit. Sicher sei mancher Bürger zunächst schockiert gewesen, sagt sie dem SPIEGEL, »heute aber wird über Alkohol- und Drogenabhängigkeit so offen geredet wie über Krebs«. Und: »Erinnern Sie sich - es gab Zeiten, da durfte auch niemand das Wort Krebs aussprechen.«

Football-Spieler, Baseball-Stars, Kongreß-Abgeordnete, Künstler und Industrielle wie Leonard Firestone, Sohn des Reifenkonzern-Gründers, bekennen sich nun öffentlich zu ihren Alkohol-Problemen oder ihrer Drogensucht.

Die Sängerin Liza Minnelli beispielsweise diktierte dem Massen-Magazin »People« im November fünf Heft-Seiten über ihren Kampf gegen Alkohol und Drogen. Eine der Konsequenzen für ihre Karriere: »Schließlich ereignete sich etwas, was mir nie zuvor passiert war. Ich versäumte meine Auftritte, weil ich mich so elend fühlte.«

Der aus Jugoslawien stammende Psychiater Joseph Pursch, ein Banat-Deutscher, der Betty Fords Alkoholismus 1978 im »Naval Hospital« im kalifornischen Long Beach behandelte,

einen Astronauten von der Flasche brachte und den Präsidenten-Bruder Billy Carter in sieben Wochen vom süchtigen Bier-Trinker zum genesenden Alkoholiker formte, sagt: »Betty Ford hat ein Beispiel gesetzt.« Sie sei zu »einer Art Leitfigur geworden«.

Pursch unterstützt seine Ex-Patientin auch weiterhin, freilich in einer anderen Eigenschaft. Der Mediziner ist Berater eines von Betty Ford gegründeten »Chemical Dependency Recovery Hospital«, einer Entwöhnungsklinik, die ihren Namen trägt: »Betty Ford Center«.

Dieses drei Auto-Minuten von der Ford-Residenz im kalifornischen Millionärsdorf Rancho Mirage entfernt gelegene Institut sei, so melden Amerikas Gazetten, zu einem »Entwöhnungs-Zentrum für Stars« geworden. »Berühmte und Unbekannte«, notierte die »Los Angeles Times«, »teilen hier dasselbe Problem.«

Elizabeth Taylor und Robert Mitchum, Tony Curtis, Johnny Cash und Liza Minnelli, einstige und gegenwärtige Filmstars und Sänger, dazu »eine Reihe von Persönlichkeiten, die anonym bleiben wollen« (Betty Ford), meldeten sich in der Klinik an, obschon die »kein Society-Platz zum Austrocknen ist«, wie Liza Minnelli erkannte, »wo man den ganzen Tag nur am Pool sitzt«.

Kein Posten einer Wachgesellschaft sichert die Zufahrtsstraßen zur Klinik, die aus vier flachen Gebäuden besteht. Auf einem Schild wird lediglich gewarnt: »Privatstraße. Nur mit Genehmigung zu befahren.« Die Inneneinrichtung des Instituts entspricht einem modernen Motel, zweckmäßig, einfach, eben so, wie die Patienten sein sollen - nüchtern.

In den Doppel- und Vierbettzimmern existieren weder Fernsehgeräte noch Telephone. Besucher sind lediglich am Sonntagnachmittag zugelassen. In der Kantine bedienen sich die Patienten selbst. Die Zimmer werden nicht von Putzfrauen, sondern den Bewohnern aufgeräumt - Hausarbeit ist ein Teil der Therapie. Elizabeth Taylor, verriet ein Mitpatient, mußte »Müll und Abfall aus dem Haus schaffen, bis sie es wegen ihrer Rückenschmerzen nicht mehr konnte«. Fragt einer der Star-Alkoholiker nach einem Einzelzimmer, so wird er, laut Anstaltsleitung, »mit Sicherheit« auf ein Vierbettzimmer gelegt.

Vier Wochen lang arbeiten die Patienten mit Therapeuten, die zum Teil selbst Ex-Alkoholiker sind. Schmerzliche Realitäten werden in Gruppensitzungen freigelegt. Es ist die »Suche nach dir selbst«, so Liza Minnelli, die »Heilung durch das Gespräch«. Die Gruppe provoziert, sie stabilisiert. Gedanken, Zweifel, Selbstverachtung und Unsicherheiten werden diskutiert und in Tagebüchern festgehalten. In der letzten Behandlungswoche nimmt dann die Familie des Kranken an der Therapie teil.

Liza Minnelli traf im Hospital keine prominenten Kollegen. »Die machen nur einen Bruchteil aus«, behauptet Betty Ford. In der Mehrheit bekämpfen hier Aufsichtsratsvorsitzende, Studenten, Maler, Bauern, Hausfrauen oder Stewardessen ihre Krankheit.

Alte Patienten bleiben der Klinik auch nach der Behandlung verbunden: Eine

Einladung zu einem Gala-Abend des Frauen-Presseclubs von Hollywood sagte Elizabeth Taylor vor wenigen Tagen telegraphisch ab. Sie sei wieder in der Klinik in Rancho Mirage, um eine Auszeichnung entgegenzunehmen: »Ein Jahr ohne Alkohol.«

Bei Leonard Firestone, inzwischen Vize-Präsident des »Betty Ford Centers« (Präsidentin: Betty Ford), stieß die Schauspielerin mit Mineralwasser auf die Medaille an: »Diese Auszeichnung ist für mich wichtiger als alle anderen, die ich bisher erhalten habe.«

Der »Erfolg dieser Klinik«, die überwiegend mit den Spenden reicher Freunde gebaut wurde, urteilt Mediziner Pursch, sei vor allem »mit der Person Betty Fords zu erklären«. Im Oktober 1982 flog Vizepräsident George Bush im nahen Palm Springs ein, um das Institut zu eröffnen. Seither, so die Klinik-Präsidentin Betty Ford, sei der Erfolg »einfach erstaunlich«.

Nahezu jede Woche hält die ehemalige First Lady in der Klinik Vorträge und schildert den Patienten ihren Leidensweg. Auch Nachbar Firestone läßt kaum eine Gelegenheit aus, den Alkohol- und Drogenabhängigen zu erklären, daß »auch ich in einer gewissen Phase meines Lebens nicht mehr wußte, ob Montag oder Freitag, Morgen oder Abend war, und aus dem Elend dennoch rausgekommen bin«.

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