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STREITKRÄFTE Ganze Kerle

Die Bundeswehr, rügt der Wehrbeauftragte, verharmlose und vertusche die sexuelle Belästigung von Soldatinnen.
Von Susanne Koelbl und Alexander Szandar
aus DER SPIEGEL 32/2001

Der Hauptmann im Sanitätsamt der Bundeswehr gilt als gestandenes Mannsbild. Den Ruf festigt er zum Amüsement seiner Kameraden mit starken Sprüchen. So schwadronierte er über eine junge Marinekollegin: »Die möchte doch immer nur zur See fahren, um die ganzen Männer durchzuvögeln.«

Ein Bootsmann der Marine lästerte über eine Kameradin, die sich für ein Manöver im Ausland beworben hatte: »Die ist schön, naiv - und wird dort nur Orgien feiern.«

Eine Soldatin der Luftwaffe musste mit anhören, wie ein Spätpubertierender seine Kameraden wissen ließ: »Der würde ich auch mal gern an die Brust fassen.« Ein anderer Kollege kratzte auf dem Kasernenparkplatz das Wort »Bitch« (zu Deutsch: Schlampe) auf die vereiste Frontscheibe ihres Autos.

Als sich die drei Frauen auf dem Dienstweg über sexuelle Belästigung beschwerten, wurden sie mit verniedlichenden Begründungen abgewiesen. Dem Hauptmann, hieß es, sei keine »schuldhafte Verletzung von Dienstpflichten« vorzuwerfen. In anderen Fällen war von »unglücklichen Missverständnissen« oder »dummen Jungenstreichen« die Rede. Ganze Kerle eben.

Für die Soldatinnen fingen die Probleme dagegen erst richtig an. Sie wurden gemobbt, isoliert, als Störenfriede verunglimpft - und von ihren Vorgesetzten im Stich gelassen.

»Seit ich vom Urlaub zurück bin, redet keiner mehr mit mir, ich habe das Gefühl, dass während meiner Abwesenheit Stimmung gegen mich gemacht wurde«, klagt die Luftwaffensoldatin. Ihr einziger Ausweg: ein Antrag auf Versetzung.

Zur Bundeswehr »gehört offenbar eine besondere Form des sexuellen Schwadronierens«, so der Wehrbeauftragte des Bundestages, Willfried Penner. Der Sozialdemokrat will in dem »Männerorden« eine »reflexartige Solidarität« beobachtet haben und die weit verbreitete Neigung, sexuelle Übergriffe »zu vertuschen und zu verharmlosen«.

Das könnte sich bald zu einem größeren Problem auswachsen. Denn den Männern in Uniform werden viele neue Kolleginnen zur Seite gestellt. Durften Frauen zunächst nur bei den Sanitätern und der Militärmusik dienen, können sie seit Jahresbeginn auch bei Kampfverbänden antreten, Jets fliegen, Panzer oder U-Boote fahren - und damit den Männern zur ernsthaften Konkurrenz werden.

Knapp 800 Soldatinnen sind schon in die Kasernen eingerückt. Von den künftig 285 000 Soldaten der Bundeswehr sollen rund acht Prozent Frauen sein. Vor allem jüngere Zeitsoldaten im Heer, besagt eine Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr, lehnen weibliche Kameraden in ihren Reihen ab, weil sie in ihnen eine Bedrohung der eigenen Karriere sehen.

Vorbeugend erließ Generalinspekteur Harald Kujat vergangenen Dezember eine sechsseitige »Führungshilfe« mit dem »Verbot sexueller Belästigung«. Ein »Gender training« (Geschlechterschulung) sollte Offiziere »verhaltenssicher« machen, wurde aber in der Truppe als »Frauenversteherkurs« bespöttelt.

Damit umgekehrt die Frauen die Bundeswehr besser verstehen, gibt das Wehrressort Bewerberinnen eine Broschüre an die Hand. Die erklärt anschaulich mit vielen Bildern den Auftrag der Armee und beantwortet Fragen zu »Mutterschutz«

oder »Familie und Beruf«. Aber erst am Ende, auf Seite 15, findet sich ein kurzer Hinweis auf »Ansprechstellen« bei »eventueller sexueller Belästigung am Arbeitsplatz«. Anschrift und Telefonnummer fehlen allerdings.

Die sind auch in der Truppe weithin unbekannt. Die Rufnummer 0228/12 64 34 der Flottillenärztin Jutta Gohr in der zentralen »Ansprechstelle« in Bonn findet sich nur im Bundeswehr-Intranet, einem internen Computernetz, zu dem längst nicht alle Kompanien Zugang haben. Viele Anruferinnen, so Gohr, begännen das Gespräch mit dem Satz: »Hätte ich gewusst, dass es Sie gibt, hätte ich viel früher angerufen.«

Den Frauen, hat die Flottillenärztin festgestellt, gehe es selten darum, die Belästiger disziplinarrechtlich zu belangen: »Die möchten eine Entschuldigung - und dass das aufhört.« Doch direkte Einwirkungsmöglichkeiten hat Gohr nicht. Sie kann nur Ratschläge erteilen und - auf Wunsch der Frauen - die für Innere Führung zuständigen Abteilungen im Ministerium informieren.

Demonstrativ hat der Wehrbeauftragte nun eine eigene Anlaufstelle eingerichtet. An dem Telefon mit der Nummer 030/72 61 60-239 sitzen die Ministerialrätinnen Angela Konrad und Reinhild Schornack. Mit ihrer Hilfe will Penner ("Wir werden genau aufpassen, wie die Truppe und das Ministerium sich da verhalten") Fälle sexueller Belästigung sammeln, dokumentieren - und notfalls öffentlich anprangern.

Seine Ansprechstelle, betont Penner, sei selbstverständlich für alle da. Dass sich Männer über sexuelle Übergriffe weiblicher Kameraden beschweren, hält der Wehrbeauftragte jedoch für »ziemlich unwahrscheinlich«. SUSANNE KOELBL, ALEXANDER SZANDAR

* Angela Konrad, Jutta Gohr.

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