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»GANZE WOHNBLOCKS VERSANKEN IN SCHUTT«

Harrison E. Salisbury, 58, stellvertretender Chefredakteur der »New York limes«, ist der erste nichtkommunistische Journalist des Westens, der seit Beginn der amerikanischen Bombenangriffe ein Visum für Nordvietnam bekam, dort unbeschränkt reisen und unzensiert berichten kann. Salisbury, der 1955 für eine Serie über die Sowjet-Union den Pulitzer-Preis erhielt, traf am Freitag vor Weihnachten mit einer Kurier-Maschine der Internationalen Kontrollkommission für Indochina aus Kambodscha in Hanoi ein. In seinem ersten Bericht bestätigte er die nordvietnamesischen Meldungen, daß US-Bomber vor Weihnachten Wohngebiete der Hauptstadt angegriffen hatten. In dem -- hier wiedergegebenen -- zweiten Artikel schildert Salisbury die Auswirkungen von bisher unbekannten Flächen-Bombardements auf Nordvietnams drittgrößte Stadt, Nam Dinh. Das Pentagon hielt in einem Kommentar zu Salisburys Berichten daran fest, daß die US-Angriffe militärischen Zielen gälten, räumte aber ein, daß es »unmöglich ist, Zerstörungen in Wohngebieten zu vermeiden«.
aus DER SPIEGEL 1/1967

Die Weihnachtsruhe in Hanoi wurde heute um 14.30 Uhr gestört. Die Sirenen heulten, die Flak dröhnte.

Der Anlaß für den Weihnachts-Alarm in Hanoi war offensichtlich derselbe wie in Nam Dinh, 100 Kilometer südlich von Hanoi, wo ich mir gerade die Auswirkungen früherer Angriffe ansah.

Tran Thi Doan, 40, die zierliche Bürgermeisterin der Stadt, führte eine Gruppe von Beamten daraufhin in einen Bunker nahe dem Rathaus. Dort setzte sie ihren Bericht über eine Serie von 51 Luftangriffen gegen die Stadt fort.

Nur wenige Amerikaner haben von Nam Dinh gehört. Es war bis vor kurzem noch Nordvietnams drittgrößte Stadt. Nam Dinh wurde nie in einem amerikanischen Kommunique erwähnt. Bürgermeisterin Doan empfindet das als selbstverständlich, denn nach ihrer Meinung ist die vorwiegend von Baumwollweberei und Seidenspinnerei lebende Stadt kein militärisch bedeutendes Ziel.

Dennoch wurde Nam Dinh seit dem 28. Juni 1965 von Bombern der Siebten US -- Flotte systematisch angegriffen. 70 000 Von 90 000 Einwohnern wurden evakuiert. 13 Prozent aller Gebäude, einschließlich der Wohnungen von 12 464 Personen, sind zerstört. 89 Personen wurden getötet und 405 verwundet.

Ich konnte selbst eindeutig feststellen, daß ganze Blocks von Wohngebäuden, besonders in der Nähe einer Textilfabrik, in Schutt versunken sind.

Die Textilfabrik, deren gefährlichstes Produkt vielleicht Uniformstoff sein mag, wurde 19mal bombardiert. Sie arbeitet dennoch, wenn auch unter großen Schwierigkeiten.

In Nam Dinh gibt es außerdem eine Reismühle, eine Seidenfabrik, ein Werk, das landwirtschaftliche Geräte herstellt, und eine Fabrik, in der Obst in Dosen abgefüllt wird. Alle diese Betriebe wurden von Bomben getroffen. Am besten kam die Reismühle davon. Sie arbeitet immer noch normal.

Straße um Straße in Nam Dinh wurde geräumt, zwischen den zerschmetterten Häusern klaffen große Lücken.

Eine dieser Straßen ist die Hangthao (Seidenstraße), einst Mittelpunkt der traditionellen Seidenindustrie. Fast alle Häuser wurden hier am 14. April 1966 morgens um 6.35 Uhr zerstört -- gerade beim Schichtwechsel. 49 Menschen wurden getötet, 135 verwundet, 240 Häuser stürzten in sich zusammen.

Zu den Zielen in Nam Dinh gehörte auch der Deich des Schwarzen Flusses. Er wurde sechsmal getroffen, zahlreiche Bomben gingen nur knapp daneben. Ein Deichbruch hätte den Reisbau in dieser Gegend schwer in Mitleidenschaft gezogen.

Warum hat die Siebte Flotte der Stadt Nam Dinh überhaupt soviel Aufmerksamkeit geschenkt?

»Die Amerikaner meinen, sie könnten unsere Herzen treffen«, erklärt Nguyen Tien Canh, Mitglied des Stadtrats, und will damit sagen, daß die Amerikaner glaubten, die Bewohner durch Dauer-Angriffe zermürben zu können.

Bomben auf Nam Dinh seien außerdem eine Warnung für Hanoi. Sie sollten den Nordvietnamesen zeigen, was stärkere Luftangriffe in der Hauptstadt anrichten können. Welche Erklärung auch immer richtig sein mag -- Tatsache bleibt, daß die Flugzeuge der Vereinigten Staaten riesige Massen von Bomben auf zivile Ziele werfen.

Was auch immer sonst an Nam Dinh gewesen oder nicht gewesen sein mag -- Tatsache ist, daß die Zivilbevölkerung schwer getroffen wurde.

Präsident Johnsons erklärtes Ziel Ist es, in Nordvietnam Stahl und Beton zu bombardieren, aber keine Menschen. Zwischen dieser Politik und den Angriffen, die amerikanische Maschinen fliegen, scheint jedoch ein Widerspruch zu bestehen.

Ein gutes Beispiel ist die kleine Stadt Phu Ly, die etwa 50 Kilometer südlich von Hanoi an .der Nationalstraße 1 liegt. Phu Ly hatte ungefähr 10 000 Einwohner. Bei Angriffen am 1., 2. und 9. Oktober wurde jedes Haus, jedes Gebäude zerstört. Die Verluste blieben gleichwohl niedrig: nur 40 Menschen wurden getötet oder verwundet. Denn viele Bewohner waren bereits evakuiert, und es war ein ausgezeichnetes Netz von Ein-Mann-Bunkern geschaffen worden.

In dieser Gemeinde gab es keinerlei Industrie, aber sie lag unmittelbar an der Autostraße, südlich der Eisenbahnlinie nach Hanoi, von der einige Nebengleise auch nach Phu Ly führten. Wahrscheinlich griffen die Maschinen die Eisenbahnlinie an -- aber dabei zerstörten sie auch noch eine ganze Wohngemeinde.

Harrison E. Salisbury

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