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Garten Eden der Wüste

Global Village: In Niger kämpft eine Familie aus Europa für ein anderes Afrika.
aus DER SPIEGEL 51/2005

Natürlich braucht es Verrückte, wenn die Aufgabe lautet: Bepflanzt die Sahara. Es braucht Fanatiker, und als die Beamten in den gekühlten Büros der Regierung in Niamey diesen seltsamen Norweger fragten, wie lange seine Arbeit voraussichtlich dauern werde, da sagte der Norweger: »Versprechen kann ich nur zwei Generationen.« Der Sohn des seltsamen Norwegers war damals 18 Jahre alt und sein Leben damit verplant. Arne Victor Garvi, 1954 in Stavanger geboren, ist ein Mann, der wenig Bescheidenes sagt. Er nennt »kriminell«, wen er für kriminell hält, und Arne Victor Garvi zeigt selten Zweifel. Er verspricht eine »langsame Revolution«, sagt, die Menschheit müsse »einen Schritt zurück machen und diversifizieren«, sagt, »wir können die Entwicklung der letzten 50 Jahre umdrehen«.

Es existieren ungefähr 78 000 essbare Pflanzenarten, aber die Menschheit hat sich angewöhnt, aus 20 Arten 90 Prozent ihrer pflanzlichen Nahrung zu gewinnen. Diese 20 Arten wachsen leider nicht in der Sahara, aber die Sahara wächst, da das Klima sich wandelt, der Wind den Sand vorantreibt, der Boden erodiert und in Ländern wie Niger die Savanne und mit ihr die Gazellen und Löwen verschwinden.

Arne Victor Garvi, Sandalen- und Schnurrbartträger mit breitem Kreuz und braungebrannten Armen, sagt, er liebe die Wüste und bekämpfe sie dennoch, und die Wüste müsse nicht siegen. Er gründete die Eden Foundation, brachte bei seiner vierten Sahara-Durchquerung Kühlschrank und Klavier nach Niger - und blieb. Und jetzt fährt er mit seinem Sohn Josef von seinem Haus in Zinder hinauf zur Plantage; die Plantage liegt 13 Kilometer südlich von Tanout, wo im Jahr 125 Millimeter Regen fallen. Es gibt Wüste dort und mittendrin die Plantage, schockierend grün.

Viele weiße Menschen, Menschen von Regierungen und Nichtregierungsorganisationen, sagen, Garvi habe einen Knall. Viele schwarze Menschen, 2000 Bauern im Wüstenstaat Niger, sagen, Garvi habe recht. Die Bauern haben ein ziemlich gutes Argument: Vor ein paar Jahren hatten sie Hunger, jetzt können sie ernten.

Niger, einst französische Kolonie, hat zwölf Millionen Einwohner, die im Schnitt 44 Jahre alt werden und von denen 86 Prozent nicht lesen und nicht schreiben können. Die Vereinten Nationen wollen 2003 gemessen haben, dass Niger das ärmste Land der Erde sei, Platz eins unter 177 Teilnehmern, vor Sierra Leone, aber was vergleichen sie da? Welche Zahlen, welche Kriterien führen zu solchen Statistiken in Gegenden, in denen es keine Taschenrechner, keine Kugelschreiber und kein Papier gibt? Oder Schulen. Oder Ärzte. Oder Wasser.

Es gibt in Niger nur Wüste, Armut und Missverständnisse.

Im Juli 2005 war Niger zuletzt Thema der Welt, es rollte jene Welle, die aus Medien, Spenden, Helfern und mehr Medien besteht und die nach ein paar Wochen weiterzieht und ein unter Mitleid und Lebensmittelpaketen begrabenes Land zurücklässt - so ist es immer. In Niger war im August 2004 der Regen ausgeblieben, Heuschrecken hatten die Felder verwüstet, die Menschen hungerten wie nie zuvor.

Oder hungerten sie wie immer?

Das war eine Frage der Perspektive. Die Helfer sagten, die Hungersnot sei katastrophal; Präsident Mamadou Tandja sagte, es sei eine Lebensmittelknappheit, keine Hungersnot, und alles andere sei die »falsche Propaganda« jener Helfer, die Spenden sammeln und Medien locken wollten. Natürlich prügelten die Helfer und die Medien für diese Worte den Präsidenten, der gefährlich sei, weil er keinen Hunger kenne und die Hilfe blockiere.

Arne Victor Garvi sagt, recht habe der Präsident und gefährlich sei das Rote Kreuz, und fatal sei diese ganze verdammte Scheiße, die der Westen »Entwicklungshilfe« nenne.

Die Eden Foundation funktioniert so, dass Arne Victor Garvi und inzwischen vor allem sein Sohn Josef und dessen Frau und mal fünf, mal zehn Freiwillige jahrelang testen, welche Pflanzen in der Sahara wachsen. Sie betreiben »direct seeding«, was bedeutet, dass die Pflanzen nicht gezüchtet und dann verkauft werden, sondern an Ort und Stelle bleiben und darum unter der Erde mächtige Wurzelgeflechte bilden, die sich das Wasser von ganz weit unten holen. Wenn etwas blüht, stellt Familie Garvi die Samen in weißen Dosen daheim in Zinder ins Regal und wartet. Denn ihr Konzept ist: keine Werbung. Die Bauern sollen selbst kommen und fragen, was denn da plötzlich wächst und wieso.

Wenn sie wollen, kriegen sie die Samen. Wenn sie damit arbeiten, kriegen sie nächstes Jahr neue Samen, wenn nicht, dann nicht.

Die Garvis begannen 1997. 160 Arten haben sie getestet, sie säten und warteten, wässerten nicht, schützten nicht, entweder es wächst oder nicht. Nach zwei Jahren kam der erste Farmer und fragte: »Sagt, wie bewässert ihr eure Sachen?« Dann kam der nächste. Und Arne Victor Garvi geht durch seine Plantage, sieht, dass Cordia nevillii wächst, ein Strauch mit kleinen Früchten, aus denen man Sirup machen kann. Und Dania wächst und schmeckt wie eine amerikanische Erdnuss, nur süßer. Manche Pflanzen brauchen fünf Jahre, aber dann sind sie da und tragen Früchte.

Der Norweger hat 50 000 Euro im Jahr für seine Familie und sein Projekt, die 50 000 Euro kommen von Freunden. Der Norweger sagt, dass Afrikaner von Europa wie Kinder behandelt würden. Er sagt, dass Afrika sich entwickeln könnte, wenn alle Entwicklungshilfe aufhörte, denn nur dann müsste der Kontinent nutzen, was er hat, und daraus eigene Ideen entwickeln.

Und nur schwarze Bauern wollen die Sätze des Norwegers hören, nicht die weißen Retter Afrikas, wie seltsam.

KLAUS BRINKBÄUMER

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