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Gastarbeiter: Entwicklungshilfe für Reiche?

Ein großer Treck zieht seit Jahren gen Norden, Männer, Frauen, Halbwüchsige, eine mobile Reservearmee aus den Armenhäusern Europas -- die Gastarbeiter. Die Industriestaaten preisen ihre Beschäftigung stolz als »die bedeutsamste Entwicklungshilfe, die je geleistet wurde«. Doch wer hilft wem? Profitieren am Ende nur die ohnehin schon Reichen? Die griechische Zeitung »Ta Vima« jedenfalls nennt die Arbeiter-Wanderung »ein übel, schlimmer als der Krieg«. Denn in Spanien und Griechenland, in Portugal und Italien, in Jugoslawien und der Türkei veröden Landstriche, Familien werden auseinandergerissen, aus den Gastarbeitern werden entwurzelte Pendler.
aus DER SPIEGEL 48/1971

In Cavindir, eine Autostunde hinter Ankara, dort, wo die Türkei regierungsamtlich als »entwickelter« gilt, wohnen vielleicht 800 Menschen -- wie viele es genau sind, weiß niemand.

In Cavindir gibt es eine Schule mit fünf Klassen und fünf Lehrern, einen Traktor, drei Lastwagen, seit vier Jahren elektrisches Licht, und außerdem gibt es viele Greise, viele Frauen und viele Kinder.

Kanalisation, fließendes Wasser gibt es noch nicht, Männer im arbeitsfähigen Alter gibt es nicht mehr. Sie leben im »goldenen Norden«, »in Almanya.

Fatma Demirci zum Beispiel, gerade 30, lebt seit gut einem Jahr ohne Ehemann. Der schafft auf einem deutschen Bau, in Kiel.

Im Frühjahr war der Vasti Demirci zuletzt auf Urlaub zu Hause in Cavindir, und nun erwartet Frau Fatma -- drei Kinder, 13, 8. 4, hat sie schon -- zum viertenmal Nachwuchs.

Sonst hat Vasti nicht viel zurückgelassen, denn die Souvenirs, die er heranschleppte, haben hinten in der Türkei wenig praktischen Wert: Mit Photoapparat und Reiseschreibmaschine wußte niemand etwas anzufangen, sie wurden verkauft; der elektrische Rasierapparat ruht unten in einer Truhe -- bis zu jenem fernen Tag, da Vasti wiederkommt oder dem heute vierjährigen Sohn der erste Bart sprießt.

Vom Vasti im Wunderland kündet lediglich ein Saba-Kassettenrekorder 320, der in Fatmas brüchiger Bleibe gleich neben einem Gebetsteller hängt und allabendlich zum Abspielen der einzigen Kassette in Betrieb gesetzt wird -- solange die Batterien reichen. Denn es gibt zwar Elektrizität, aber keine Steckdosen -- und so ist auch das Radio, mit Strippe, bloße Dekoration.

Geld schickt Vasti niemals heim, denn er »soll sparen«, zehn, zwölf Jahre lang, für einen Traktor und ein neues Haus. Statt des Traktors soll es inzwischen nach seinen Vorstellungen allerdings ein Taxi sein, wenngleich Frau Fatma sich überhaupt nicht vorstellen kann, was er damit in Cavindir anstellen will.

Immerhin schreibt er fleißig, und Fatma tut erhaben über die Erzählungen der alten Männer im Dorf, die schon einmal in Deutschland waren. Viele schöne -- und dicke -- Frauen soll es dort geben, aber Fatma glaubt, ihr Vasti bleibt ihr treu, denn schließlich will sie noch mehr Kinder von ihm haben.

Die Familie Demirci -- ein Einzelschicksal in der Völkerwanderung des 20. Jahrhunderts?

Der Kreis Medjimurje, 100 Kilometer nördlich von Zagreb. an der Grenze zu Ungarn. war einst das Armenhaus Jugoslawiens. Heute breiten sich in Medjimurje einige der wohlhabendsten Dörfer des Landes aus.

Denn Medjimurje ist ein Kreis der Jugo-Schwaben. jener Tito-Untertanen. die seit Jahren zu Tausenden in der Fremde leben und streben.

Von den 120 000 Erwerbstätigen des Kreises sind nahezu 14 000 auf Wanderschaft -- fast zwölf Prozent. mehr als in den meisten anderen Regionen Jugoslawiens.

Jedes zweite Haus in den Dörfern von Medjimurje ist ein Neubau. sogar die Handwerker, die nicht im Ausland arbeiteten, haben von der Emigration auf Zeit profitiert.

[>och seit sich die ersten Medjimurje-Männer auf den Weg nach Norden machten, fehlt es in den Städten und Dörfern an Arbeitskräften. Zwar zahlt das Baukombinat von Cakovec seinen Arbeitern gezwungenermaßen Spitzenlöhne. einem Maurer beispielsweise 1300 bis 1500 Dinar (300 bis 340 Mark) im Monat. Doch in Deutschland kann man das Drei- bis Vierfache verdienen. So verliert Medjimurje immer mehr Arbeitskräfte -- nicht Hilfsarbeiter, sondern Fachkräfte im besten Alter, die in der Heimat dringend gebraucht würden.

Trotz persönlichen Wohlstands also wirtschaftliche Verödung im Gefolge der Völkerwanderung des 20. Jahrhunderts.

Im spanischen Lodoselo, etwa 50 Kilometer von der Hauptstadt der galicischen Provinz Orense entfernt, leben 110 Familien. Doch sie leben dort nur zum Teil. Denn von 100 der 110 Lodoselo-Familien wohnt und arbeitet mindestens ein Mitglied im Ausland, in der Bundesrepublik. Männer und Frauen unter 45 gibt es nicht mehr, Lodoselo ist ein Dorf von Omas und Enkeln.

»Die traditionelle Struktur der spanischen Familie«, klagt Antonio Gonzalez y González, seit zwölf Jahren Dorfpfarrer in Lodoselo, »wurde hier total zerstört: Großeltern und ältere Verwandte, von den Erziehungsaufgaben fast immer überfordert. »haben völlig resigniert und lassen die Kinder aufwachsen, wie sie wollen«.

Wohl kommen die Eltern einmal im Jahr -- meist um den 15. August herum, wenn Mariä Himmelfahrt, die »Asunción de la Virgen«, gefeiert wird -- auf Urlaub nach Lodoselo. Doch die Kleinkinder erkennen Vater und Mutter kaum. die größeren begegnen den Fremdgewordenen mit Feindseligkeit.

Schon diagnostizierte Dr. Manuel Cabaleiro Goas. Leiter einer psychiatrischen Klinik in Orense, der die psychopathologischen Folgen der Auswanderung für die zurückgebliebenen Angehörigen untersuchte, bei kleinen Kindern »Symptome, die dem Hospitalismus sehr ähnlich sind: Kränklichkeit, Traurigkeit. Angst. Mißtrauen und eine gewisse geistige Spätentwicklung«.

Familienzerrüttung also, schwere gesundheitliche Schäden als Folgen der Völkerwanderung des 20. Jahrhunderts.

Mit dem großen Treck ziehen seit über einem Jahrzehnt Millionen Menschen in den geldverheißenden Norden, nach Belgien und Frankreich, nach Österreich, in die Schweiz und, vor allem, in die Bundesrepublik.

Als Krankenpfleger und Kellner, als Fließbandarbeiter und Friseure, als Müllkutscher und Mechaniker haben sich allein zwischen Flensburg und München 2,24 Millionen »Gastarbeiter« niedergelassen -- eine mobile Reservearmee von Männern, Frauen und Halbwüchsigen aus den Armenhäusern des Kontinents, wo sie zuvor oft noch in Höhlen vegetierten, wo es kaum Arbeit, kein Entrinnen aus dem Teufelskreis des Elends gab.

Die Beschäftigung von 478 000 Jugoslawen, 453 000 Türken, 408 000 Italienern, 268 000 Griechen, 186 000 Spaniern, 58 000 Portugiesen, aber auch 93 000 Österreichern, 64 000 Holländern und 44 000 Franzosen ist folglich für Anton Sabel, den ehemaligen Chef der Bundesanstalt für Arbeit, »die bedeutendste Entwicklungshilfe ... die von der Bundesrepublik Deutschland bisher geleistet wurde«.

»Die Gastarbeiter vermehren unseren Wohlstand.«

Die griechische Zeitung »To Vima« dagegen klagte, die Beschäftigung von Arbeitern im Ausland habe »sich als ein Übel erwiesen, das schlimmer ist als der Krieg«. Ganze Dörfer sind verödet, Anbauflächen liegen brach, Reichtumsquellen bleiben ungenutzt.

Variationen zum Thema Gastarbeiter-Wanderung -- je nach Standort: Sabel sagt Segen, »To Vima« sagt Fluch.

Tatsächlich sind Segen und Fluch verteilt, willkürlich verteilt zwischen den Heimatländern der Gastarbeiter, den Gastgeberländern und den wandernden Arbeitern selbst.

Der Segen für die Armenhäuser Europas: Zehntausende von Arbeitslosen. Unterbeschäftigten, Armen verlassen das Land -- die Unzufriedenen, die Unbefriedigten, Potential für gewaltsame soziale Auseinandersetzungen.

Für die Regierungen entfällt dadurch -- zumindest vorübergehend -- die Notwendigkeit. die Struktur ihrer Länder durch gezielte Maßnahmen zu bessern (freilich oft auch der Anstoß dazu). Und selbst für Erleichterung und Versäumnis kassieren sie noch: Jährlich überweisen die Arbeiter im Ausland Devisen in Milliarden-Höhe in die Heimat, häufig sogar so viel, daß die Regierungen ihre defizitären Zahlungsbilanzen damit ausgleichen können.

Aus Erspartem überwiesen beispielsweise die etwa 1,5 Millionen Auslands-Portugiesen allein im vorigen Jahr 14,3 Milliarden Escudos (1,7 Milliarden Mark) in die Heimat, viel mehr, als der Portugal-Tourismus mit etwa sieben Milliarden Escudos erbrachte.

Auch Jugoslawien, Billig-Traumland deutscher Pauschalreisender, profitierte mehr von seinen Landsleuten im Ausland, die im vorigen Jahr fast 1,5 Milliarden Mark nach Hause schickten, als von den sonnenhungrigen Touristen an seinen Küsten.

Die Türkei schließlich konnte 1970 allein mit den Überweisungen ihrer Bürger in der Bundesrepublik (900 Millionen Mark) ihre Auslands-Verpflichtungen von rund 700 Millionen Mark decken und obendrein noch wichtige Importe finanzieren. Die Auslandsüberweisungen, so die Professorin Nermin Abadan von der Universität Ankara, »sind unabdingbar für das Land«.

Die Kehrseite: Ohnedies schon arme, verödete Gebiete der Gastarbeiterländer bluten vollends aus. Die Arbeiterwanderung bietet den Regierungen ein fatales Alibi -- warum Arbeitsplätze in Gebieten schaffen, in denen es keine Arbeitslosen mehr gibt? Doch mit jedem Tag und besonders jetzt wächst die Furcht vor jenem Augenblick, da -- vielleicht aufgrund einer Rezession in Europas Industriestaaten -- die Landsleute und mit ihnen die sozialen Konflikte zurückfluten, die Überweisungen aber ausbleiben.

Segen wiederum für die Gastgeberländer: Die Gastarbeiter »tragen dazu bei, unseren Wohlstand zu vermehren« (so Ministerialdirigent Dr. Hermann Ernst vom Bonner Arbeitsministerium). Bundes-Wohlstand, Bundes-Wohlsein wären gefährdet, Räder und Fließbänder stünden still, Hochöfen würden erkalten, Städte im Müll ersticken, Kranke nicht mehr gepflegt, Leichen nicht mehr begraben, Gäste in Restaurants nicht mehr bedient, Straßen nicht mehr geteert werden, gäbe es nicht die arbeitenden Gäste aus dem Süden Europas.

Der Import dieser Arbeitskräfte kostet wenig und zahlt sich aus, denn die meisten Gastarbeiter sind -- so Ministerialrat Dr. Christoph Rosenmöller vom Arbeitsministerium »nur im produktiven Alter bei uns. So entfallen vor allem die hohen Heranbildungskosten für die Jugendlichen und darüber hinaus auch ein Teil der Alterskosten«.

Als Säuglinge, Schüler. Lehrlinge, Kranke haben sie die Gastgeberländer nichts gekostet; für deren Alte, Invaliden, Sieche aber müssen sie bezahlen. So lieferten die Gastarbeiter 1966 in der Bundesrepublik rund 1,2 Milliarden Mark an die Rentenversicherung ab, nahmen aber nur ein Zehntel, 127 Millionen, in Anspruch. Ohne die Zahlungen der Gastarbeiter hätten die Beiträge zur staatlichen Rentenversicherung längst erhöht werden müssen. Der Speck des Wohlstands fällt schnell wieder ab.

Der Fluch bei allem Segen: Die Gastgeberländer wollten Arbeiter, doch es kamen Menschen -- und mit ihnen das schlechte Gewissen. Man trifft sie überall -- in Bahnhöfen, Betriebskantinen, Schulklassen, doch man behandelt sie wie Aussätzige und meidet die Verantwortung für die Zugereisten. »Einen Teil seines Wohlstandes« habe sich das bundesdeutsche Volk durch »unzulängliche Lebensbedingungen der ausländischen Arbeitnehmer erkauft«, sagt Theodor Schober, Präsident des Diakonischen Werkes der EKD.

Der Segen für den einzelnen Gastarbeiter: Er verdient mehr Geld als je in seiner Heimat, schafft sich bescheidenen persönlichen Wohlstand -- ein eigenes Auto, ein eigenes Haus -, kommt als Erfolgreicher wieder heim.

Doch, und da beginnt wiederum der Fluch, der Speck des Wohlstands, gezüchtet auf jahrelanger Entbehrung, auf Trennung von der Familie. Isolierung und Erniedrigung in einer feindlichen Umgebung, fällt schnell wieder ab.

In den Jahren des Exils ist der Nährboden für eine Existenz weiter verdorrt, schnell versiegen die Ersparnisse, aus den Dörfern mit den schönen neuen Häusern werden Geisterdörfer: Die Besitzer, einmal an eine andere Welt gewöhnt, gehen oft ein zweites Mal in die Fremde.

Seit die »Nigger Europas« (so der Titel eines Buches über die Lage der Gastarbeiter von Ernst Klee) nach Norden

* Oben: Stadtreinigung München, unten: Howaldtswerke Kiel.

ziehen, ist ihre Wanderung ein Teufelskreis, in Ursache, Wirkung und Konsequenz bislang von kaum jemandem ernsthaft erforscht und begriffen.

»Das Problem ist wie ein Blitz aus heiterem Himmel über die Nationen Europas gekommen«, erklärte der griechische Nationalökonom Nikolaos Polyzos. »Es gibt psychologische, es gibt chauvinistische, es gibt andere Schwierigkeiten. Dieses Problem wird sich noch verschlimmern.«

Es ist nicht zuletzt ein menschliches Problem auch für die Gastgeber-Länder. Die Deutschen, so ermittelten die Wickert-Institute schon 1965, würden lieber jeden Tag eine Stunde länger arbeiten, wenn nur die Ausländer verschwänden. Die Abneigung gegen die Fremden hat sich seither eher verstärkt.

Gustav Adolf Sonnenhol, Bonns Botschafter in der Türkei, einem Land, das mit der Bundesrepublik im Augenblick vor allem durch die Massen-Zulieferung von Gastarbeitern verbunden ist, formuliert sein Kredo zur Sache so: »Man müßte einmal überlegen, ob es volkswirtschaftlich überhaupt sinnvoll ist. Gastarbeiter zu beschäftigen, ob es nicht vernünftiger wäre, die Ansprüche heber etwas zurückzuschrauben und nicht so gebannt auf die Voll- oder gar Überbeschäftigung zu starren.«

Derselbe Diplomat urteilt über zwei Türken, die einmal in der Bundesrepublik gearbeitet hatten und die er in Ankara kennenlernte: »Aus diesen Typen könnte man schon was machen.«

in Wahrheit aber haben »diese Typen« mitgeholfen, etwas aus Deutschland oder zumindest für Deutschland zu machen, und sie tun es immer noch.

Deutschlands Unternehmer geben auch offen zu, daß sie sich bei der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte keineswegs von hehren Prinzipien leiten lassen.

Rolf Weber von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände: »Kein deutscher Arbeitgeber beschäftigt Ausländer, um damit Bildungs- oder Entwicklungspolitik zu betreiben. In erster Linie interessiert ihn die Arbeitskraft und was sie für den betrieblichen Produktionsprozeß zu leisten imstande ist.«

Auf Viehmärkten in Jugoslawien Handel zu DM-Kursen.

Über zehn Prozent aller Arbeitsplätze in der Bundesrepublik sind mit Gastarbeitern besetzt. die allein im vorigen Jahr knapp 5,5 Milliarden Mark in deutsche Steuer- und Versicherungskassen abführen mußten.

Sie verdienen zwar insgesamt 18,2 Milliarden Mark netto* -- aber mindestens ein Drittel dieser Summe gaben die Gastarbeiter nach Schätzungen des Arbeitsministeriums in der BRD aus und stützten so die deutsche Konjunktur; etwa ein weiteres Drittel ruht auf deutschen Sparkassen und Banken oder unter den Matratzen in den Schlafstätten ausländischer Gastarbeiter.

Und selbst wenn die Gastarbeiter in ihre Heimat zurückkehren, profitieren die Industriestaaten noch von ihnen. Siegfried Balke, Vorsitzender des Arbeitgeber-Dachverbandes:

»Es ist eine alte Regel, daß Devisen. die ins Ausland fließen, die Tendenz haben, in ihr Ausgangsland in Form höherer Auslandsnachfrage zurückzugehen. So sollte es also nicht verkannt werden, daß sich hier Wechselbeziehungen zwischen Ausländerbeschäftigung und Export ergeben. Die Gewöhnung an deutsche Konsum- und Investitionsgüter, der die ausländischen Arbeitskräfte während ihrer Beschäftigung in Deutschland unterliegen, dürfte sich im

* Durchschnittlicher Nettoverdienst eines Gastarbeiters im Monat: 867 Mark.

Endergebnis auch für unseren Außenhandel günstig auswirken.«

Die Bundesrepublik leistet also nicht, empfängt vielmehr Entwicklungshilfe -- von den Ärmsten des Kontinents.

Die Ausbildung fertiger Arbeitskräfte, hielt der jugoslawische Experte Momir Lecic den Westeuropäern vor, habe sein Land Millionen gekostet -- den Nutzen davon aber hat nun das Ausland. Der Gewinn der Reichen, der Verlust der Armen -- für die von deutschen Beamten die wahrlich doppeldeutige Vokabel »Abgabeländer« ersonnen wurde -- erreicht mithin Milliarden-Zahlen.

Diese unsichtbaren Milliarden sind nur ein Posten in der Verlustrechnung der Armen. Aus Griechenland beispielsweise wanderten während der letzten zehn Jahre fast zehn Prozent der Griechen aus, in manchen Dörfern schrumpfte die Einwohnerzahl auf die Hälfte. Zurück blieben die weniger Mobilen, die Armen und Kranken.

»Nur Alte und Kinder hier«, radebrecht der -- alte -- Obsthändler im griechischen Kyrgia, das einstmals 6000 Einwohner zählte, wo heute aber kaum mehr als 3000 leben. »Viele Familien sind zerstört«, klagt Gemeindevorsteher Savvas Deligiannidis.

1967 bereits warnten die Autoren des Athener Fünfjahresplans 1968-1972: »Die fortgesetzte Auswanderung in großem Umfang würde die Entstehung ernsthafter Engpässe auf dem Arbeitsmarkt zur Folge haben und damit die Industrialisierung und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes hemmen.«

Heute ist dieser Engpaß längst da. einige Branchen -- wie Leichtindustrie, Bergbau, Schiffahrt und Schiffbau -- weisen Tausende freier Stellen aus, der Industrieverband klagt über akuten Facharbeitermangel; der Handwerksverband fordert eine Reglementierung der Auswanderung; die Regierung versucht, die Auswanderung zu kontrollieren, und läßt fast nur noch Landarbeiter und Frauen ausreisen. Für einige Gebiete -- so zum Beispiel in Westthrakien, wo sich infolge der starken Auswanderung von Griechen das Bevölkerungsverhältnis zugunsten der muselmanischen (türkischen) Minderheit zu verschieben droht -- besteht praktisch ein genereller Auswanderungsstopp.

Doch möglicherweise ist es schon zu spät. Während fast eine Million Griechen im Ausland mithelfen. den Wohlstand ihrer Gastgeberländer zu mehren, ist in ihrer Heimat die wirtschaftliche Entwicklung behindert, verschlechtern sich Griechenlands Chancen, Anschluß an den Lebensstandard Westeuropas zu gewinnen.

Jugoslawien öffnete seine Grenzen, als es den Wandel vom Agrarland zum Industriestaat nicht bewältigen und die freigesetzten Arbeitskräfte nicht beschäftigen konnte. Zwar wurde dadurch der gefährliche Druck einer Massenarbeitslosigkeit und sozialer Unzufriedenheit gemildert -- doch neben den ungelernten Arbeitern vom Lande wanderten zunehmend die Fachkräfte aus. Vergebens beklagte Präsident Tito ihren Mangel an »sozialistischem Bewußtsein«.

Von den Bewohnern des kroatischen Dorfes Imotski in der Karst-Einöde östlich von Split arbeiten mittlerweile schon drei Viertel im Ausland. Die Jungen sind fast alle in Deutschland -- und auf dem örtlichen Viehmarkt wird beinahe nur noch zu DM-Kursen gehandelt. Wer eine Kuh

kauft, überweist den Preis in Deutscher Mark auf das Devisenkonto des Verkäufers.

Schon jeder fünfte jugoslawische Arbeitnehmer ist im Ausland beschäftigt -- und zahlt dort seine Steuern. Die Steuereinnahmen der jugoslawischen Gemeinden aber, mit denen sie ihre Straßen, Schulen oder Brücken bauen und unterhalten müssen, schrumpfen.

Der Trend zur Arbeit im Ausland sei »erschreckend«, sorgte sich Ivo Jerkic, Vorsitzender der jugoslawischen Kommission für Migrationsfragen. Bei gleichbleibender Tendenz werde sich die jugoslawische Wirtschaft bald in einer prekären Situation sehen. Und die Tendenz ist gleichbleibend.

In Spanien hat die Auswanderung

so stellte der spanische Soziologe Jesus Cambre Marino für die Nordwestprovinz Galicien fest -- »den Charakter eines Exodus erreicht, der in seinem Ausmaß nur mit der irischen Emigrationswelle des vergangenen Jahrhunderts vergleichbar ist«.

Mehr als drei Millionen Spanier. ein Zehntel der Gesamtbevölkerung, leben und arbeiten außerhalb der spanischen Landesgrenzen -- und immer mehr Spanier wandern aus, um endlich einmal das kennenzulernen, was man im industrialisierten Westeuropa allenfalls als bescheidenen Wohlstand bezeichnen würde.

Dieser Wohlstand dokumentiert sich zumeist in der Verwirklichung des Traumes vom »pisito«, dem eigenen Häuschen. Ganze Straßenzüge in den Städten des spanischen Nordwesten sind mittlerweile »made in Germany": kleine, meist eingeschossige Gebäude mit Balkon, die oft Wand an Wand neben die alten Häuser aus grauen, unbehauenen Steinen gebaut sind.

Doch es sind tote Immobilien -- denn rings um die Dörfer geschieht nichts. bleibt die Infrastruktur archaisch, entstehen weder Arbeitsplätze noch Schulen. Die Milliarden-Beträge, die spanische Auswanderer jährlich in die Heimat überweisen, werden kaum dazu genutzt, jene Mißstände zu bekämpfen oder gar zu beheben, die den Exodus erst ausgelöst haben.

Die Regierung finanziert lieber Prestige-Projekte zum Ruhme des Franco-Staates. So erhielten 1968 die bereits stark industrialisierten Provinzen Madrid und Barcelona zusammen fast 5,5 Milliarden Peseten staatliche Kredite; für die Landwirtschaft der rückständigen Provinz Galicien standen ganze 942 Millionen Peseten zur Verfügung.

Der scheinbare Wohlstand der galicischen Gastarbeiter ist mithin meist nur von kurzer Dauer. Viele »pisitos« stehen bald leer, oft monate- oder jahrelang. denn das Ersparte aus dem Ausland ist bald wieder ausgegeben, der Status quo an der untersten Grenze des Existenzminimums wieder erreicht -- man wandert ein zweites Mal aus.

»Natürlich ist die Emigration im Grunde nicht wünschenswert«, erklärt der technische Chef der spanischen Auswanderer- Behörde, Garcia Passigli. »Aber was kann der Staat anderes tun, als den Emigrationswilligen die Auswanderung zu ermöglichen? Er kann sie ihnen ja nicht verbieten.«

Für ein Verbot plädieren einflußreiche Interessengruppen in Spaniens Nachbarland Portugal. Denn dort hat die erste Volkszählung seit zehn Jahren bestürzende Ergebnisse erbracht: In neun Provinzen wurde ein durchschnittlicher Bevölkerungsrückgang von 13 Prozent ermittelt, die Nordprovinz Braganca verlor sogar 23 Prozent ihrer Einwohner, einzelne Orte -- wie die Stadt Miranda do Douro nahe der spanischen Grenze -- schrumpften um über 70 Prozent.

Jahr für Jahr verliert das Neun-Millionen-Volk rund 170 000 Bürger durch Auswanderung; über eine Million Portugiesen leben bereits im Ausland. Nur wer im Ausland war, wird von den Frauen erhört.

Portugals Unternehmer und Großgrundbesitzer möchten die »fortschreitende und gefährliche Anämie« (so die Lissaboner Tageszeitung »A Capital") am liebsten durch scharfe Restriktionen kurieren. Der Arbeitskräftemangel sei bereits so schlimm, menetekeln sie, daß Portugal nicht zuletzt auch um seine Attraktivität für ausländische Investoren bangen müsse.

Die Wirtschaftsbosse sehnen sich zurück in die Zeit des verstorbenen Diktators Salazar, dessen »Junta de Emigracao« die für die Ausreise erforderlichen Emigrantenpässe oft erst mit monate- oder jahrelanger Verzögerung ausstellte oder ohne Angabe von Gründen verweigerte. 1967 wurde die Auswanderung so drastisch erschwert, daß Beamte in Portugal heute noch von einem »Verbot« sprechen.

Doch Verbote und Einschränkungen nutzten nichts. Wer nicht legal ausreisen durfte, ging illegal -- »zu Fuß, im Taxi oder im Zug; in Lastwagen oder sogar in Tiefkühl-Transporten« (so die beiden portugiesischen Soziologen Carlos Almeida und António Barreto in ihrer Studie über »Kapitalismus und Emigration in Portugal").

Mit dem Amtsantritt des Salazar-Nachfolgers Caetano wurden die Restriktionen wieder gelockert. Das Technokraten-Team des neuen Staatschefs beschloß, es sei nützlicher, die Emigration zu lenken und zu rationalisieren als sie zu verbieten. Seither stiegen die Überweisungen der Auslands-Portugiesen um fast 50 Prozent.

Doch -- ähnlich wie in Jugoslawien -- wanderten nicht etwa nur arbeitslose Landarbeiter aus, sondern auch Handwerker und Industriearbeiter.

In der Umgebung von Leiria, einer Stadt auf der Strecke Lissabon-Coimbra« müssen die Männer nachgerade auswandern. Denn die portugiesischen Frauen erhören dort nur einen Brautwerber, der beweisen kann, daß er mindestens einmal im Ausland war: Wer nie in die Fremde strebte, ist den Mädchen von Leiria zu simpel und zu arm.

Angst vor der Armut und Angst davor, auf ewig ohne Frau zu bleiben, treibt die jungen Portugiesen aus Städten mit Kleinindustrie ebenso ins Ausland wie die Jugend vom Dorf, aus Castro Laboreiro etwa, im Norden des Landes, wo es im vorigen Sommer noch genau zwei Personen gab, die nicht schon einmal ausgewandert waren.

Zum Teil gehen -- undenkbar noch vor ein paar Jahren -- auch die Frauen selbst ins Ausland. »Viele junge Mädchen aus unserer Gemeinde sind heimlich nach Frankreich ausgewandert, weil sie hier niemanden mehr zum Heiraten fanden«, berichtet Pater Manuel Goncalves Diogo, seit 30 Jahren Seelsorger der Gemeinde von Vila Verde.

»Zum Planen ist es fast zu spät.«

Auch über die Portugiesen ist das Problem der Gastarbeiterwanderung »wie ein Naturereignis« (so der griechische Nationalökonom Polyzos) hereingebrochen. »Solange der Vorrat an billigen, willigen Arbeitskräften unerschöpflich war«, urteilt ein Lissaboner Journalist, »hat man geglaubt, Planung sei überflüssig. Jetzt entdeckt man plötzlich, daß es zum Planen schon fast zu spät ist.«

Völlig unmöglich ist Planung im Abgabeland Italien. Denn die Mitgliedschaft Italiens zur EWG gibt allen Italienern die Möglichkeit, sich ohne Formalitäten in einem anderen Land der Gemeinschaft niederzulassen.

Jeder zehnte der rund 53 Millionen Italiener lebt im Ausland, allein 1970 wanderten 190 000 aus, davon die große Mehrheit in die nördlichen Nachbarländer.

Zwar verkündet eine von Italiens Regierung herausgegebene Broschüre: »Infolge der verminderten Not und dank der immer engeren Zusammenarbeit mit den befreundeten Ländern erhält die Auswanderung immer mehr das Gepräge einer vorübergehenden und freiwillig gewählten Ortsveränderung.«

Doch das ist fraglos eine Beschönigung« denn wenn es innerhalb der EWG überhaupt ein Entwicklungsland gibt. dann ist es zweifellos Italien oder zumindest sein Süden, der Mezzogiorno. Kaum einer der Bewohner Kalabriens oder Siziliens profitierte bisher vom italienischen Wirtschaftswunder, jenem ökonomischen Aufschwung, der Italien zur viertstärksten Wirtschaftsmacht des Kontinents werden ließ.

»Unsere Gemeinde ist gesund, ist gut katholisch.«

Nach wie vor ist der Anteil der Industriearbeiter in diesen Regionen wesentlich niedriger als im Landesdurchschnitt, nach wie vor werden immer mehr Süditaliener arbeitslos, weil ihr einziger Erwerbszweig, die Landwirtschaft, immer weniger Menschen ernährt. Allein in den Jahren 1969/70 verloren 40 000 sizilianische Landarbeiter ihren Job -- oder sie gaben ihn auf. weil er sie nicht mehr ernähren konnte Eine Million Menschen verließen zwischen 1961 und 1967 den Mezzogiorno.

Aus dem Bergdorf Roccapalumba in der Provinz Palermo zum Beispiel, das einmal 6000 Einwohner zählte, wanderten in den vergangenen drei Jahren 2000 Bewohner aus, die meisten in die Bundesrepublik.

Zurück blieben verbitterte Frauen. Kinder, die ohne Väter aufwachsen. Familien, die nur noch dem Namen nach Familien sind. Zwar versichert der christdemokratische Bürgermeister Saladino Filippo: »Bei uns bleiben die Familien intakt, selbst wenn die Männer auswandern müssen. Denn unsere Gemeinde ist gesund, ist gut katholisch.«

Doch selbst diese »gesunde Gemeinde« könnte noch gesünder sein -- wenn die Regierung in Rom die Industrialisierung nicht auf den reichen Norden beschränkte. Filippo zum SPIEGEL-Reporter: »Wenn Sie erreichen, daß hier eine Fabrik aufgemacht wird und unseren Leuten Arbeit gibt, mach' ich Sie zum Ehrenburger von Roccapalumba!«

Viel schlimmer noch als Italiens Armenhaus ist die ganze Türkei dran. »Um den Standard der EWG-Länder zu erreichen«, so erklärte der zweite stellvertretende Ministerpräsident und Planungsminister Atila Karaosmanoglu, »braucht die Türkei beim gegenwärtigen Entwicklungstempo und Bevölkerungszuwachs 2359 Jahre.«

Der Minister bezog sich auf einen Bericht der Staatlichen Planungsorganisation, der von einem Wirtschaftswachstum von 6,5 und einem Bevölkerungswachstum von 2,6 Prozent im Jahr ausging.

Die Planer hatten freilich auch eine, wenngleich irreale, Rechnung aufgemacht: Bei einer Steigerung der Wachstumsrate auf acht und einer Reduzierung des Bevölkerungszuwachses auf zwei Prozent sei der Anschluß schon in 88 Jahren zu schaffen.

Mit einer solchen Entwicklung mögen selbst türkische Optimisten nicht rechnen. Denn in kaum einem anderen Gastarbeiter-Abgabeland ist die Interessenlage der Regierung so einseitig -- und so eindeutig -- wie in der Türkei.

ihre Politik, so kritisiert Frau Professor Abadan. zielt darauf, »von draußen das Höchstmaß an Geld hereinzuholen und von drinnen die höchste Zahl von Bewerbern hinauszuschicken«.

Kemal Sülker, Generalsekretär der progressiven Gewerkschaftsgruppe »Disk«, betrachtet die Tätigkeit der Türken im Ausland denn auch als« Arbeit gegen die Türkei«.

Sülker: »Wenn arbeitslose Türken ins Ausland gehen, dann verhindert das den sozialen Druck, der nötig ist, um die Industrialisierung zu erzwingen. Das erste Ziel muß es sein, dafür zu sorgen, daß die Arbeiter in der Türkei bleiben, damit dies ein entwickeltes, industrialisiertes Land wird. Doch die Regierungen denken nur an eines: 'Laßt uns die arbeitslosen Türken loswerden.' Wenn sie erst mal draußen sind, ist die Regierung an ihrem Schicksal nicht mehr interessiert.«

Insgesamt haben sich schon 1,2 Millionen Türken für einen Arbeitsplatz im Ausland vormerken lassen. Bis zu sechs Jahre müssen sie oft auf ihre Ausreise warten, aber mit orientalischem Fatalismus überstehen sie auch solche Fristen, die nun, angesichts der deutschen Konjunktur, gewiß noch länger werden.

Das Fazit aus mehr als Lehn Jahren Gastarbeiterwanderung ist für alle Abgabeländer zumindest auf lange Sicht negativ -- wenn nicht verheerend: > Fast alle Abgabeländer leiden unter überalterter Bevölkerungs-Struktur denn die reichen Industriestaaten sind nur an jungen, mobilen Arbeitskräften interessiert (90 Prozent der Gastarbeiter in der Bundesrepublik sind jünger als 45 Jahre, jeweils 21 Prozent der Männer unter 25 beziehungsweise zwischen 25 und 35 Jahre alt).

* Nicht nur arbeitslose Bauern oder Hilfsarbeiter wanderten aus und entlasteten so den Arbeitsmarkt. sondern auch qualifizierte Fachleute und Industriearbeiter; Jugoslawien etwa hat mittlerweile einen chronischen Mangel an Facharbeitern. gleichwohl aber 262 000 Arbeitslose. > Zwar bauten sich Gastarbeiter und Rückkehrer Tausende von Eigenheimen -- im griechischen Mazedonien lag der Zementverbrauch 1970 höher als in der gesamten Schweiz -, die Regierungen der Abgabeländer taten jedoch nichts, um die private Initiative durch staatliche Maßnahmen zu unterstützen und die rückständigen Gebiete an das 20. Jahrhundert heranzuführen.

Profitiert hingegen haben von der Völkerwanderung des 20. Jahrhunderts vor allem jene Nationen, die auch ohne die Gastarbeiter schon reich waren, deren Wohlstand aber heute ohne die Gastarbeiter gefährdet wäre.

Die Abgabeländer kassierten zwar Milliarden durch die Auslandsüberweisungen ihrer Landsleute, sie konnten damit Schulden begleichen und ihre Zahlungsbilanzen entlasten, doch für diese Vorteile zahlten sie teuer: mit der zunehmenden Verödung ganzer Landstriche, mit wirtschaftlichem Stillstand oder zuweilen gar wirtschaftlichem Rückschritt.

So prägen fern in der Türkei, in Anatolien, noch immer brüchige Hütten aus Lehm und Stroh das Gesicht der Landschaft. Im unteren Geschoß ein holpriger Boden mit einer Grube, in der im grimmigen Winter Holz und Stroh und Kuhfladen entzündet werden. Glaslose Fensterrahmen bröckeln, die Läden wie die Türen hängen lose in den Angeln.

Da gibt es kaum irgendwo Elektrizität oder fließend Wasser, da dienen zwei winzige Kammern als Unterkunft für eine zehnköpfige Familie, da wirkt selbst die Moschee noch ärmlich.

»Ich hab's satt, ich hau' ab.«

»Man muß Anatolien gesehen haben«, sagt Heinz von Harrassowski, in Istanbul Chef der Verbindungsstelle der Deutschen Bundesanstalt für Arbeit, »dann versteht man, daß sich die Türken selbst in Baracken in Deutschland noch wohl fühlen.«

Ähnliches gilt auch für Spanien, dessen Ministerium für Information und Tourismus in diesem Jahr als beste Fremdenverkehrswerbung ein Plakat mit dem Text auszeichnete: »Spanien -- ein Luxus, den Sie sich leisten können«.

Den Spruch, so empfahl jedoch die links-katholische Monatszeitschrift »Cuadernos para eI diálogo«, solle man ein wenig verändern. Für die über 100 000 spanischen Arbeiter, die alljährlich aus Francos Staat ins reiche Europa abwandern, müsse man texten: »Spanien -- ein Luxus, den Sie sich nicht leisten können«.

Denn um etwa in Madrid leben zu können, braucht ein Familienvater mit Frau und zwei Kindern -- so errechnete in diesem Frühjahr ein Sozialausschuß der Arbeitgeber -- mindestens 326 Peseten pro Tag, also 15,90 Mark.

Ein Madrider Bauhilfsarbeiter jedoch kassiert nach acht Stunden Arbeit im allgemeinen fast 100 Peseten weniger. Und über 680 000 Arbeitnehmer in ganz Spanien müssen sich sogar mit 136 Peseten (6,60 Mark) am Tag begnügen -- dem gesetzlich festgesetzten Mindestlohn.

In Andalusien oder in Estremadura erackern viele Landarbeiter noch nicht einmal dieses Minimum, denn von dem, was sie in den etwa acht Monaten verdienen, in denen es Arbeit auf den Feldern gibt, müssen sie das ganze Jahr leben.

»Nackte Not«, so urteilt ein Madrider Arbeiterpriester, ist das Hauptmotiv für die Auswanderung spanischer Arbeiter. »Me voy a Alemania« ("Ich gehe nach Deutschland") wurde in vielen Gebieten längst zum Synonym für »Ich hab's satt, ich hau' ab«. Im nächsten Heft

Die Motive der Auswanderer: Nicht alle kommen, weil sie arm sind -- 300 Mann in einem Wartekeller -- Die Rückkehr der Auswanderer: Wohlstand nur von kurzer Dauer -- »Ich muß wieder nach Deutschland.«

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