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»Gaukler auf Durchreise«

SPIEGEL-Redakteur Hans Leyendecker über Tourismus nach Rheinhausen *
Von Hans Leyendecker
aus DER SPIEGEL 12/1988

Eine trostlose Ecke, die Villenstraße in Rheinhausen. Von den Gebäuden im Cottage-Stil springt der Mörtel, die Türen hängen längst anderswo, was rosten kann, rostet. Das Leben ist fort, in den meisten Häusern wohnt nur noch die Luft zur Miete.

Zwischen den rußgrauen einstigen Herrenhäusern, in denen früher Betriebsdirektoren und Betriebsführer samt Gesinde Quartier hatten, rührt sich seit einigen Wochen wieder was. Fremde rücken zum Sightseeing an, die Kamera im Anschlag. Besucher, die besonders gut die Stimmung einfangen wollen, klettern auf einen Baum: Dann haben sie auch noch die Krupp-Hütte im Hintergrund drauf.

Rheinhausen mit seinen fast 80 000 Einwohnern ist, für einige Zeit zumindest, ein Anziehungspunkt geworden, als sei es Rothenburg ob der Tauber. »Es kommen Leute aus aller Herren Länder«, sagt der Bezirksvorsteher Hans Kleer. Sie wollen den Kampf der Arbeiter gegen den Krupp-Konzern, der seine Hütte mit 5300 Arbeitsplätzen dichtmachen will, live miterleben.

Die Rheinhauser, ohnehin mit großer Arbeitslosigkeit geschlagen, nachdem Krupp in den letzten drei Jahrzehnten schon fast 12 000 Arbeitsplätze abgebaut hat, wehren sich mit Mahnwachen und Demonstrationen, Blockaden und Protestgesängen. Das Drama, das da gegeben wird von der Stadt, die sich gegen Krupp, den deutschen Konzern, auflehnt, zieht massenhaft auswärtiges Publikum an.

Es kommen welche, denen geht es wirklich an die Nieren, daß das Werk geschlossen werden soll. Es kommen Politiker, die sich mit einem Auftritt in Rheinhausen profilieren wollen, und Gewerkschafter, die ihren Solidaritätsbeitrag abliefern. Show-Stars eilen herbei auf der Suche nach Publikum und die Gaffer, die sehen wollen, ob Rheinhausen wirklich noch steht.

Kaffeefahrer legten auf der Tour nach Belgien in Rheinhausen einen Zwischenstopp ein, in manchen Bussen saß sogar

ein Rheinhausen-Führer mit Mikrophon. Viele »durchreisende Gaukler«, sagt Pfarrer Dieter Kelp, »haben wir hier erlebt«. Die Einheimischen haben den Kurzbesuchern einen Namen verpaßt: »Hochofentouristen«.

Die Sozialdemokraten in Düsseldorf mußten für Besuchergruppen aus Schweden und Israel das Programm ändern. Die stinknormale Grubenfahrt im Revier reichte nicht mehr hin, es mußte Rheinhausen sein. Gewerkschafter aus Brasilien und den USA ergänzten ihren Deutschland-Ausflug um die Stahlkrisen-Tour, selbst eine 10. Schulklasse aus Dänemark mußte unbedingt dorthin.

Emissäre der PLO und ehemalige Hausbesetzer aus der Hamburger Hafenstraße kamen. Und nicht nur Günter Wallraff, halt gerne ganz unten, war da, auch Karnevalsprinzen, die Pfadfinderschaft St. Georg und die Sternsinger von St. Vincentius aus Dinslaken reisten an.

Die Gelegenheit, den Zusammenbruch des Kapitalismus wenigstens in lokaler Dimension zu studieren, ließen sich DDR-Delegationen aus Gera, Cottbus, Görlitz, eine Studentengruppe aus der moldauischen Sowjet-Republik gar, nicht entgehen. »Wir haben hier einen guten Publikumsverkehr«, sagt Erich Schlemö, 53, Obermaschinist in der Hütte, »Rheinhausen kennen sie jetzt auch in Rußland.«

Schlemö, der Tag für Tag freiwillig vor der Margarethensiedlung Mahnwache schiebt, gibt bereitwillig Auskunft über die besten Photoplätze. Sogar Photokurs-Teilnehmer von Volkshochschulen kommen zur Hütte.

Gefragte Motive sind die Koksöfen, die, noch, Tag und Nacht in Rheinhausen glühen, und die Brücke über den Rhein, die von demonstrierenden Arbeitern tagelang besetzt war - heute ist sie mit dem Schild »Brücke der Solidarität« verziert. Auch vor der Büste von Friedrich Alfred Krupp, Regierungszeit 1887 bis 1902, gehen die Touristen fürs Album in Positur.

Stahl muß schon ein besonderer Stoff sein. Das Schlagen von rollendem Eisen, die Ausdünstungen der Fabrik und der rotglühende Schein in der Nacht - das kann, nicht für die da drinnen, aber für manche da draußen, ein sinnliches Erlebnis sein. Bereitwillig erzählen die Arbeiter über ihr Leben in der Fabrik, der ganze Ort ist mit Parolen versprayt, im Finanzamt hängen noch Plakate: »Die Beharrlichkeit ist die Macht der Rheinhauser.«

Hier hat das Volk, so macht die Inszenierung glauben, endlich mal was zu sagen. Zweimal die Woche tagt ein Bürgerkomitee in der meist überfüllten Menage, die früher das Kruppsche Schlaf- und Speisehaus für unverheiratete Arbeiter war. Unter Beifall wird der Stand des ständig anwachsenden Solidaritätskontos (1,1 Millionen Mark) bekanntgegeben. Alte Arbeiter treten auf wie jener Krupp-Mann, der von seinem Hochofen schwärmte wie von einer schönen Landschaft. »Ich möchte«, sagte er zum Schluß, »schlicht auf chilenisch venceremos sagen.«

Doch die Überzeugung, daß sie siegen werden, schwindet, die Stimmung hängt durch. Beim letzten Auto-Korso waren nicht mehr 528, sondern nur noch elf Demonstranten zur Stelle.

Geräuschlos und präzise, wie mit dem Computer, plant der Konzern den Abbruch. Der Betriebsrat will zwar Mitte

dieser Woche ein Alternativkonzept zur Rettung der Hütte präsentieren, das den Erhalt von mehr als 3000 Arbeitsplätzen vorsieht. Doch das Papier wird wohl von den Firmenvorständen nur beiläufig zur Kenntnis genommen.

»Wo kommen wir denn da hin«, sagt ein Manager, »wenn die mit ihren gesetzwidrigen Aktionen durchkämen.« Ehrlich sind sie zumindest, die Konzernherren. Über die Politiker mögen die Rheinhauser das nicht mehr sagen.

In Scharen sind sie angereist, stets mit einem Troß von Fernsehleuten im Schlepptau. Vor den Mikrophonen machten sie Dampf und Kampf, im Hinterzimmer ging's dann kleinlaut zu.

Johannes Rau, der SPD-Ministerpräsident aus Düsseldorf, beispielsweise, spielte sein Standard-Stück. Er blickte trüben Auges, ließ die Schultern hängen und wirkte wie gebrochen von eines langen Lebens Mühe und Last. Diskret teilte er den verblüfften Kruppianern mit, wie machtlos er doch sei. Die Presse drehe einem »jedes Wort im Munde herum«, ihm fehle es an Personal, im übrigen lasse sich Krupp von einem Ministerpräsidenten nicht dreinreden. »Der wirkte«, staunte Pfarrer Kelp, »wie ein Landpfarrer, der auch noch die Glocke läuten muß.«

Bundesarbeitsminister Norbert Blüm, stets stark im Reden, versicherte, er werde Rheinhausen nicht im Stich lassen. Stahlarbeiter bewarfen ihn mit rohen Eiern, dann eilte Blüm an einen anderen Krisenort. »Eine Mogelpackung - mal Pausenclown, mal kaltschnäuziger Typ«, fand hernach Betriebsrat Theo Steegmann.

Nicht mal Jürgen Möllemann, der Bonner Bildungsminister und FDP-Landesvorsitzende, blieb den Krupp-Leuten erspart. Die fällige Einladung hatte er angemahnt. Und dann kam er mit einem tollen Vorschlag: Er könne ja nach Teheran reisen, um die Ajatollahs, die vom Schah 25 Prozent Krupp geerbt haben, zum Handeln zu bewegen.

Bei der Bonner Kanzlerrunde übers Revier im Februar saßen sie alle wieder vor den Kameras in Positur. Wichtige Gesichter waren zu sehen, bedeutende Statements zu hören - für Rheinhausen kam nichts rum. Einzig der Betriebsratsvorsitzende Manfred Bruckschen, der auch geladen war, hat mittlerweile eine Perspektive: Die SPD will ihn unbedingt ins Europa-Parlament schicken.

Und dann fielen auch noch die kommerziellen Absahner ein. So erbarmungslos wie der Schnulzen-Brummi Gunter Gabriel ("Hey Boß, ich will mehr Geld") hat keiner zugeschlagen. Er textete ein Rheinhausen-Lied ("Du darfst nicht untergehn, sonst bleibt kein Stein mehr auf dem andern stehn"); sobald eine Kamera in Blickweite geriet, fing er auch noch an zu singen.

Der maulfaule Rüpelkommissar Schimanski ist den Rheinhausern da schon lieber. Er gesellte sich zur Mahnwache. »Scheiße«, kommentierte Götz George die Lage. Als ihn Betriebsrat Steegmann später um eine Analyse bat, wurde er ausführlicher: »Große Scheiße.« Immerhin hat er mit einer Kinovorführung 10 286,60 Mark für die Krupp-Kasse eingespielt.

Wenn die Malocher, ob Sokolowski, Szewinski oder Sonstski, abends zu 'ner Kanne Bier und 'nem Pinnchen Schnaps auf Trallafitti inne Kneipe gehen, sind sie nicht mehr unter sich. Neuerdings sitzen da Leute, die da noch nie gesessen haben. Nicht mal der Wirt kennt sie.

Sie träumen in der »Pinte« oder im Lokal »Zum Reichsadler« von den großen Schlachten: Es sind die vom trotzkistischen Bund Sozialistischer Arbeiter, die mit Zitaten aus Rosa Luxemburgs »Sozialreform oder Revolution« den Fall lösen, oder die von der »Marxistischen Gruppe«, die immer wissen, wo's langgeht - Revolutionstouristen.

Die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands, mit Ortsgruppe in Rheinhausen, präsentiert sich modern. Sie bietet nicht nur Postkarten, sondern auch Videos vom Arbeitskampf.

Manchmal geht der Rummel den Rheinhausern doch zu weit. Südafrika bot Stellen für drei Lokomotivführer an, und weil die Rheinhauser angeblich ihre vielen Hunde nicht mehr anständig ernähren können, schickten Tierfreunde aus München einen Laster mit drei Tonnen Hundefutter. Gutherzige Damen sammelten Spielzeug und Kleider für die armen Krupp-Kinder. Pfarrer Kelp: »Wir sind doch nicht die Dritte Welt.«

Nein, das pure Elend ist bisher nicht sichtbar geworden, aber Tristesse hält Einzug. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 16 Prozent; wenn die Hütte »plattgemacht« wird, wie die Einheimischen sagen, werden es 27 Prozent sein. An jedem Platz in der Schwerindustrie hängen zwei weitere Arbeitsplätze. Soziale Versteppung droht.

Manche wollen schon die Sendboten des Untergangs gesehen haben - Chinesen. Sie schauten Mitte des Monats vorbei. Die Asiaten, die an allen Stahlstandorten gefürchtet sind, suchen weltweit gebrauchte Hüttenanlagen.

Zur Zeit demontieren sie säuberlich das Hüttenwerk in Hattingen. Vorher hatten sie die guterhaltene Mittelstahlstraße bei Krupp in Rheinhausen zerlegt und nach Hause geschickt.

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