Zur Ausgabe
Artikel 81 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Briefe

Geächtet statt geachtet
aus DER SPIEGEL 13/1986

Geächtet statt geachtet

(Nr. 10/1986, SPIEGEL-Titel: »Der geächtete Raucher - Nichtraucher schlagen zurück") *

Nichtraucher, die uns als Autofahrer rücksichtslos ihre Giftgase ins Gesicht pusten, haben zu schweigen.

Das gilt auch für Ärzte.

Außerdem sind Raucher die größten Steuerzahler. Ergo, unterstützen die Raucher die Freiheit, die Nato, Hochrüstung, Atomraketen, den Krieg der Sterne, Reagan sowie Kohl und Konsorten.

Dagegen sind diese Nichtraucher, die dem Staat Milliarden Steuergelder vorenthalten und somit unsere Verteidigungsbereitschaft und den Wehrwillen des freiheitlich demokratischen Rechtsstaates schwächen, hinterhältige Pazifisten. Pazifisten sind Kommunisten, und Kommunisten haben in diesem, unserem Lande nichts zu suchen. Die sollen doch nach drüben gehen. Logo?

Essen FRIEDRICH KUHFUS

Hipp - hipp - hurra, ich habe es geschafft. Jetzt stinke ich zwar nicht mehr dafür kann man an mir 15 Kilogramm mehr bewundern. Früher war ich ausgeglichen, tolerant und fröhlich, jetzt nerve ich meine Umwelt mit abwechselnden Depressionen und Aggressionen. Welch ein Tausch!

MONICA HERMANN

Ich protestiere und fordere: Freiheit für den Tabakrauch der freien Bürger! Haben wir uns nicht immer bemüht, wie die Schlote zu rauchen, damit die Schlote rauchen und der Fiskus jedes Jahr 14,5 Milliarden Mark an Tabaksteuer einsacken konnte? Plötzlich werden wir geächtet, anstatt geachtet. Ist das der dankbare Händedruck der öffentlichen Hand? Und waren wir nicht stets tolerant zur winzigen Minderheit der Nichtraucher? Nie haben wir ein Nichtraucherverbot gefordert. Selbst wenn sich ein Außenseiter der rauchenden Gesellschaft ins Raucherabteil eines D-Zuges verirrt hatte, verlangte keiner, er solle das Nichtrauchen sofort unterlassen oder aus dem Abteil verschwinden.

Mein Ideal ist eine Beschäftigung im Kohlekraftwerk Ibbenbüren in Nordrhein-Westfalen, wo die Schlote so richtig dicken, staatlich genehmigten Qualm in die Luft blasen. Da merkt kein Raucherfeind, wenn ich mal zwischendurch genießerisch mit meiner Tabakpfeife ein wenig blauen Dunst erzeuge.

Miltenberg (Bayern) GÜNTHER JUST

Hiermit wird der oder die Autoren des Artikels für Verdienste um das Nichtrauchen mit der Nichtraucheranstecknadel ausgezeichnet. Am Revers getragen, verfehlt sie ihre Wirkung nicht.

Hattingen(Nrdrh.-Westf.) DR. M. KRATOFIEL

Da ich aus Erfahrung weiß, daß Nichtraucher(innen) besser schmecken als Raucher(innen), habe ich vor einigen Jahren versucht, die Sache von der humorvollen Seite anzugehen - und beiliegenden Aufkleber produziert, der auch von Rauchern gern benutzt wird.

Kriftel (Hessen) THILO GÖTZE REGENBOGEN

Schon Sandro Pertini sagte: »Toleranz kann man von Rauchern lernen, denn noch nie hat sich ein Raucher über einen Nichtraucher beklagt.«

Gütersloh (Nrdrh.-Westf.) JAN SCHREIBER

In Anbetracht des kommenden Milliardenlochs in der Rentenversicherung kann doch niemand daran gelegen sein, daß noch mehr Rentner noch älter werden. Je mehr Raucher vorzeitig sterben, um so mehr bleibt übrig, um es an nichtrauchende Rentner zu verteilen.

Schwabach (Bayern) WOLFGANG WALPER

Schon 1979 konnten wir, Peter Jörling und ich, in einer »Jugend forscht«-Arbeit (2. Preis) beweisen, daß ein Nichtraucher in verräucherten Räumen innerhalb von zwei Stunden eine Nikotinmenge aufnimmt, die einer Anzahl von drei bis vier Zigaretten entspricht.

Hannover DETLEF JAKSCHIES

Seit Herbst 1985 ist es, zum Schutze der Nichtraucher, in unserer Pension nicht mehr gestattet, in den Gemeinschaftszimmern zu rauchen. Wir sind dennoch enttäuscht über den Belegungs-Rückgang von ungefähr 20 Prozent. Trotzdem

bedauern wir es nicht, diese Maßnahme gesetzt zu haben.

Brixen im Thale (Österreich) JOOST LAMAN Gästehaus »An der Loipe«

Bei Besuchen in der DDR glaube ich festgestellt zu haben, daß dort viel mehr geraucht wird als bei uns. Trotzdem darf in den Gaststatten in der Mittagszeit nicht geraucht werden.

Iserlohn (Nrdrh.-Westf.) ERNST RAHN

Ich mag sie einfach, die Atmosphäre Tabakrauch geschwängerter Räume. Räume von Wärme und Lebenslust. Ich mag sie einfach! Berlin J. SZYMCZAK

Als leidenschaftlicher Raucher kann ich nur sagen: Auch ein Taxifahrer mit Nichtraucherplakette kommt ins Grübeln, wenn alle Raucher konsequent sein Taxi meiden. Genau das praktiziere ich, seitdem es so was gibt.

Berlin KARL-HEINZ SCHMIDTKE

Bin eine alte Pafferin Hab' sonst nicht viel im Sinn! Ja, ja, ich bin ein armer Wicht Doch aufhör'n - nein, das will ich nicht.

Luxemburg BRIGITTE KEIPES

Es ist völlig widersprüchlich, wenn die katholische Kirche einerseits gegen Pille und Schwangerschaftsabbruch eingestellt ist, andererseits aber zur Vernichtung des Lebens beiträgt, indem sie die Einweihung von Tabakgeschäften vornimmt, so etwa das Davidoff-Depot in Fulda im März dieses Jahres.

Fulda KLAUS WENDEL

Ich erfreue mich des Rauchens. Und übrigens: Wer eine Sache anfängt, soll sie auch konsequent zu Ende führen - wer mittendrin aufhört, ist ein willensschwacher Mensch. Da ich mich diesem Leitsatz verpflichtet habe, werde ich nie einen Gedanken daran verschwenden, das Rauchen einzustellen.

Hürth (Nrdrh.-Westf.) WILLI PÜTZ

Das Betrüblichste an der ganzen Diskussion scheint mir die Tatsache zu sein, daß es in einer Welt, die mit dem mehrfachen Atom-Overkill leben muß, in der täglich Tausende an Hunger oder in Kriegen vor die Hunde gehen und die mit immer größer werdenden Umweltbelastungen fertig zu werden hat. Zeitgenossen gibt, deren größte Sorge etwa in der Vorstellung besteht, mit einem Raucher einen Arbeitsraum teilen zu müssen.

Aarau (Schweiz) ROLF MEYER

Ich glaube kaum, daß es viele Ehefrauen gibt, die am Lungenkrebs gestorben sind, weil ihre Männer Raucher waren. Bei Langstreckenflügen bestehe ich immer auf einem Platz in der Raucherabteilung, weil der Qualm meiner Nachbarn wesentlich bekömmlicher für meine Nerven ist als das Blöken der Säuglinge, das Grölen der Gören und die griesgrämigen Gesichter der Anti-Raucher.

Singapur GERT HALLE

Der ehemalige Bundesgesundheitsminister Heiner Geißler sagte anläßlich eines Besuches im Bundesgesundheitsamt: Einen Feldzug gegen das Rauchen kann ich mir nicht leisten, in meinem Wahlkreis - in der Südpfalz - befindet sich schließlich das größte Tabakanbaugebiet Deutschlands.

Was können wir von den Politikern also erwarten?

Bad Pyrmont DR. MED. B. GRÜNEWALD, Chefarzt

Viel stärker als die Zigarette richtet das Auto Schäden an: Bewegungsmangel, Umweltschäden, Luftverschmutzung, Störung der Tierwelt und Gebäudezerstörungen. Mir ist ein Raucher lieber als ein Nichtraucher, der glaubt, die Wahr- und Weisheit gepachtet zu haben.

Paris CARSTEN HOKEMA

Nun ist es ja bald heraus: So in 10 bis 15 Jahren wird man Raucher in die inzwischen gestorbene Landschaft führen und für allein Schuldige erklären, daß unser Globus vergiftet ist. Wie schade, wie schade, daß all diese Schreihälse und Krämerseelen, die uns unseren Glimmstengel nicht gönnen, an den faszinierenden Ergebnissen neurophysiologischer Forschung nicht teilhaben dürfen und im Gegensatz zu uns Rauchern mehr und mehr verblöden.

Blumberg (Bad.-Württ.) SIEGFRIED GELCHSHEIMER

Leider gibt es noch ein verwandtes Thema: das zu viele Fleischessen. Ich finde es doch schade um das deutsche Volk, das so mit Sicherheit den Anschluß an die weitere Entwicklung der Menschheit verliert und im Fleisch versumpft. Wie wäre es, wenn der SPIEGEL ihm mal den Spiegel vorhielte?

Stühlingen (Bad.-Württ.) LEONORE LAUTERBORN

BRIEFE

Berechtigte Bedenken

(Nr. 11/1986, Währung: Bundesbanker streiten darüber, ob das Europa-Geld Ecu in der Bundesrepublik neben der Mark zugelassen werden soll) *

Der Ecu ist keine Währung im eigentlichen Sinne, in keinem Mitgliedsstaat ist er ein gesetzliches Zahlungsmittel.

Der Ecu-Währungskorb ist in der Bundesrepublik keineswegs »rigoros ausgesperrt. Anders als in vielen Mitgliedstaaten sind Erwerb und Veräußerung von Ecu-Forderungen von allen Restriktionen frei, auch über die Grenzen hinweg.

In seiner heutigen Form ist der Ecu keine Basis für eine europäische Währung. Für eine »dritte Säule im Weltwährungssystem fehlen entscheidende Voraussetzungen, erst recht ist der Ecu keine Gefahr für die Bedeutung der Mark und die Wichtigkeit der Deutschen Notenbank. Auch die Zulassung von Ecu-Verbindlichkeiten (Ecu-Konten) in der Bundesrepublik nach Paragraph 3 Währungsgesetz würde daran nichts ändern.

Die zutreffend wiedergegebenen Befürchtungen der Bundesbank vor einem Verlust von Autonomie der nationalen Geldpolitik beziehen sich nicht auf die Verbreitung der privaten Ecu, sondern auf den weiteren Ausbau des EWS, den Übergang in die sogenannte institutionelle Phase. Dies ist heute in keiner Weise ein aktuelles Problem.

Meine Meinung ist: Die grundsätzlichen ordnungspolitischen Bedenken der Bundesbank gegen eine Kompetenzübertragung zugunsten einer europäischen Währungsbehörde sind bei dem derzeitigen, völlig unzureichenden Stand der wirtschaftlichen Konvergenz in den Mitgliedstaaten der Gemeinschaft berechtigt.

Über eine Genehmigung von Ecu Konten in der Bundesrepublik kann man unter bestimmten Voraussetzungen nachdenken. Allerdings sollte Zug um Zug der längst überfällige Abbau der gemeinschaftswidrigen Kapitalverkehrsbeschränkungen in den anderen Mitgliedstaaten erfolgen.

Bonn DR. OTTO GRAF LAMBSDORFF MdB/FDP

BRIEFE

Krise der Extraklasse

(Nr. 11/1986, Trends) *

Der SPIEGEL hat ganz recht: Jede Prognose, sei sie auch noch so gut (oder gut gemeint), ist eines Tages obsolet. Bis dahin kann sie aber Dienste leisten, wie meine Edelmetallprognose aus denn Jahr 1973, als mein Buch »Gold schlägt Geld« erschien: der Goldpreis verzehnfachte sich bis 1980, so daß mir die Behauptung des SPIEGEL ("Als der Goldpreis seinen ganzjährigen Abwärtskurs begann, propagierte Martin »Gold schlägt Geld") rätselhaft erscheint.

Auch die in ein Wettangebot an den Deutsche-Bank-Chef Guth gekleidete Dollar-Prognose vom Februar 1984 war zunächst richtig: der Dollar stieg bis Februar 1985 von 2,80 auf fast 3,50 Mark, ich hatte gegen Herrn Guth auf mindestens 3,30 Mark gesetzt. Damit mich der SPIEGEL in Zukunft auf aktuellere Prognosen festnageln kann:

Ich prophezeie weltweit sinkende Preise, also eine Deflation, eine in einem Börsen-Crash endende Aktien-Hausse sowie eine schwere Weltwirtschaftskrise der Extra-Klasse, die dem vom SPIEGEL immer so mißtrauisch beäugten »Kapitalismus« endlich den Garaus machen wird.

Zürich DR. PAUL C. MARTIN Crash-Prophet

BRIEFE

Rund 18 Prozent

(Nr. 12/86, Medien: Privatprogramme ohne Publikum) *

In Ihrem Artikel wurde offensichtlich »Radio M 1« mit »Radio 1« verwechselt, dem »Sender der großen Pressekonzerne«. Radio M 1«, der von drei Privatpersonen betrieben wird, gehört zu den Pop-Wellen, die laut Ihrem Artikel »allerhand junges Volk« erreichen »Radio M 1« dümpelt in der Hörergunst keineswegs bei Null, sondern erreichte laut Infratest rund 18 Prozent aller Radiohörer in München und Umgebung, eines der besten Ergebnisse unter den privaten Anbietern.

München MARIA-TH. VON SEIDLEIN Geschäftsführerin Radio M 1

Sie schreiben: »Als... Forscher vom Infratest-Institut Ende letzten Jahres das Münchner Publikum nach seiner Meinung befragen wollten, waren für die Privatsender oft keine Hörerzahlen feststellbar«. Die Feststellung der Infratester bezieht sich ausschließlich auf Radio 1. Radio Gong 2000 (Frequenz 96,3 MHz) hören zehn Prozent aller Münchner.

München ULI BAUR Chefredakteur Radio Gong 2000

BRIEFE

Verstoß gegen Europaverträge

(Nr. 11/1986, SPIEGEL-Gespräch mit Bundesinnenminister Zimmermann) *

Herr Zimmermann hat recht, wenn er behauptet, daß... »das Volk auf seiner Seite steht«. Wozu der Kampf mit den Sicherheitsgesetzen? Ich finde, daß es höchste Zeit ist, diese einzuführen! Ich habe nicht und ich werde nicht mit Pflastersteinen demonstrieren, mit Drogen handeln, Banken überfallen und so weiter - mir ist also völlig schnuppe welche Maschine oder welcher Beamter meinen Personalausweis lesen oder die Daten speichern will!

Jüchen (Nrdrh.-Westf.) ALWIN WOLLNER

Der maschinenlesbare Ausweis und die Schleppnetzfahndung sind ein weiteres Beispiel für die Praxisferne unserer Politiker: Während die Deutschen fluchend im Fahndungsstau stehen, werden die Inhaber von zum Beispiel amerikanischen, türkischen oder arabischen Pässen durchgewunken. Mit diesen Pässen -

egal ob echt oder falsch - kann nämlich der Computer nichts anfangen.

Darmstadt HARALD F. TÄUSCHEL

Kohl und Zimmermann verstoßen mit der Anwendung ihrer Sicherheitsgesetze gegen die Europaverträge. Diese machen den Mitgliedsstaaten zur Pflicht, in der EG alle Hindernisse für den freien und unkontrollierten Personenverkehr zu beseitigen. Nach Artikel 5 Abs. 2 EWG-Vertrag »unterlassen« (die Mitgliedsstaaten) zudem »alle Maßnahmen, welche die Verwirklichung der Ziele dieses Vertrages gefährden könnten«. Die Aufstellung von 400 Lesegeräten,

unter anderem an unseren Binnengrenzen, stellt aber einen Sperrgürtel gegen die EG-Nachbarn dar. Ich habe die EG-Kommission um Einleitung eines Vertragsverletzungsverfahrens gebeten.

Bochum Nordwalde DR. DIETER ROGALLA

Mitglied des Europäischen Parlaments sozialistische Fraktion

Ich kann nur hoffen, daß sich weitere Charaktere mit Format wie Otto Schily finden, die unsere sich sowohl im Denken als auch im Handeln in einer Einbahnstraße befindende Regierung aus dem Sumpf ziehen

Hannover HEIKE SCHECKER

Die Erfahrung der letzten Wochen hat mich gelehrt, daß man auch in Kleinigkeiten sich gegen Unwahrheiten wehren sollte. In dem mit Ihnen geführten SPIEGEL-Gespräch behauptet Herr Bundesminister Zimmermann, ich habe »mit Recht erklärt, daß man auf Ratschläge früherer Verfassungsrichter nicht hören solle«. Dieses Zitat ist falsch.

In meiner Abschiedsrede vor dem Bundesverfassungsgericht am 20. Dezember 1983 habe ich vielmehr folgendes gesagt: _____« Am Tage des Abschieds beabsichtige ich keine letzten » _____« Ratschläge zu erteilen, außer dem einen: Das Gericht » _____« sollte nicht auf die Ratschläge seiner in den Ruhestand » _____« gehenden Kollegen hören. Das Gericht muß in jeder neuen » _____« Besetzung seinen eigenen Weg suchen. »

An diesem Ratschlag an meine früheren Kollegen halte ich fest. Herr Zimmermann ist hiervon nicht betroffen. Ich beabsichtige auch nicht, ihm meine Ratschläge aufzudrängen. Dennoch steht ihm mein Rat, falls er ihn haben will, nach wie vor uneingeschränkt zu Verfügung.

Freiburg PROF. DR. ERNST BENDA Albert-Ludwigs-Universität Institut für Öffentliches Recht

BRIEFE *KASTEN

Dank an Dr. Zimmermann *

Wie schade, daß der SPIEGEL Herrn Dr. Zimmermann mit seinen Fragen zu den Sicherheitsgesetzen »gelangweilt« hat. Gar zu gern hätte ich aus dem berufenen Mund unseres Verfassungsministers noch mehr darüber erfahren, was unsere Grundrechte wert sind. Aber einiges ist mir immerhin klar geworden.

Zum Beispiel weiß ich jetzt, wie das Trennungsprinzip funktioniert. Wenn »ein Nachrichtendienst von einer strafbaren Handlung erfährt«, teilt er »dies der Polizei mit«, und wenn umgekehrt »die Polizei von verfassungsfeindlichen Bestrebungen erfährt«, teilt »sie das dem Verfassungsschutz mit«. So einfach ist das.

Wer läßt sich schon - angesichts besonderer deutscher Erfahrungen, die Herrn Dr. Zimmermanns Schweizer Kollegen allerdings fehlen - dadurch irritieren daß das Trennungsgebot von einem Prinzip der Machthemmung zu einem Instrument möglichst effektiver Arbeitsteilung zu degenerieren droht.

Ich lasse mich belehren: »Den normalen Bürger, dem es egal ist, was an den Grenzen registriert wird, interessiert das einen Kehricht.« Wie konnte nur jemand meinen, der Bürger müsse wissen können, wer was wann und bei welcher Gelegenheit über ihn weiß. Und wie kann jemand »der These entgegentreten, daß anständige Bürger keinen Datenschutz benötigen«. Vom Verfassungsminister habe ich gelernt, daß das »Außenseitermeinungen« sind.

Und er lehrt uns weiter, was die Datenschützer sich so alles »anmaßen«. Ich fühle mich als Mitglied eines »Sondergremiums« von »Oberkontrolleuren« entlarvt und weiß jetzt, daß wir alle unsere »Rolle verkannt haben«, indem wir unserer gesetzlichen Aufgabe nachgekommen sind, die Verwaltung kontrolliert und den Gesetzgeber beraten haben. Deshalb rate ich dem Bundesverfassungsgericht seine - im Volkszählungsurteil

vertretene - Meinung schleunigst zu revidieren, daß die Beteiligung unabhängiger Datenschutzbeauftragter von erheblicher Bedeutung für einen effektiven Schutz des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung sen

Schließlich stand damals an seiner Spitze auch ein Richter, dessen »Vorhalte« Herrn Dr. Zimmermann »heute in keiner Weise erschrecken können«. Es ist höchste Zeit, daß die Bundesregierung - wie sie es mit ihrem Entwurf zur Novellierung des Bundesdatenschutzgesetzes vorhat - den Bundesbeauftragten für den Datenschutz in seine Schranken verweist, zumal »doch genug Sachverstand« insbesondere »beim beteiligten Innenressort vorhanden« ist.

Von dem »Kampfwort« Verdachtschöpfungsinstrument hat sich der Bundesinnenminister distanziert. Das Wort ist also nicht mehr in der Welt. Die Befugnis, »dv-geführte Informationsbestände zu nutzen, um durch Überprüfung und Abgleich einer Vielzahl auch unverdächtiger Personen vermutete, jedoch nicht konkret benannte Straftaten zu erkennen« (so hatte sein Polizeiabteilungsleiter Dr. Schreiber den Begriff erläutert), soll die Polizei gleichwohl erhalten.

Aber ich verlasse jetzt besser meinen Schreibtisch und »baue« nicht wieder »absichtsvoll einen Popanz auf, um die Leute zu verunsichern, obwohl nichts davon wahr ist«. Wie alle »vernünftigen Bürger« lese ich jetzt einen Krimi«, um zu erfahren, »daß bei der Suche nach dem Täter auch Unschuldige kontrolliert werden müssen«.

Wozu brauche ich da noch das Grundgesetz. Der Bundesinnenminister hat mich beruhigt: Wenn ich einen komplizierten Gesetzentwurf aus seinem Hause »nicht begreife« oder wenn mir in rechtlicher Beziehung sonst etwas fehlt, dann gehe ich halt zum Dr. Zimmermann und suche seinen »rechtlichen Rat«.

Hamburg CLAUS HENNING SCHAPPER Der hamburgische Datenschutzbeauftragte

BRIEFE

Pfui, Spinne!

(Nr. 9/1986, Bordelle: Mann bleibt aus) *

Die Dame, die Sie in Ihrem Artikel als »HWG-Sprecherin« bezeichnen, hat deshalb weder im Namen der Gruppe noch in unserem Auftrag irgendwelche Äußerungen zu diesem Thema gemacht.

Sie sprach allein für sich selbst als Betroffene über ihre Situation.

In Ihrer Redaktion sitzen wohl auch viele Klemmis, die auch heute noch nicht in der Lage sind, mit dem Thema Prostitution sachlich umzugehen.

Sie haben auch vergessen, eine Information weiterzugeben, die sehr wichtig ist, es ist inzwischen erwiesen, daß Frauen im allgemeinen ein viel kleineres Ansteckungsrisiko haben als Männer. Oder sollten Sie etwa auch in das Horn tuten: »Frau: Finger weg von der Promiskuität«? und: »Gott straft eben unmoralischen Lebenswandel«?

In diesem Falle, pfui, Spinne SPIEGEL!

Frankfurt Verein zur Förderung der Information und Kommunikation zwischen weiblichen Prostituierten (HWG) Stadtteilbüro Gutleut

Zur Ausgabe
Artikel 81 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.