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HANDEL / REIFEN Gebremster Profit

aus DER SPIEGEL 20/1969

Der Frankfurter Versand-Großhändler Josef Neckermann verkauft westdeutschen Autofahrern seit kurzem Pkw-Reifen mit einer ungewöhnlichen Qualitätsgarantie: Innerhalb von sechs Monaten bekommen Kunden bei Beanstandung »ohne Aufpreis für etwa abgefahrenes Profil« einen neuen Reifen oder auf Wunsch den vollen Kaufpreis zurück.

Das aggressive Angebot des Außenseiters signalisiert auf dem Reifenmarkt der Bundesrepublik ein bisher unbekanntes Freistilringen: Durch eine Schwemme billiger Pneus sind Pkw-Reifen bis zu 35 Prozent billiger geworden.

Bis vor zwei Jahren lebte die Branche sorglos in den Tag hinein. Ein Umsatzrabatt-Kartell, dem die großen Reifenhersteller Continental, Dunlop, Michelin, Phoenix, Metzeler, Veith-Pirelli, Uniroyal-Englebert, Goodyear, Fulda und Goodrich angehörten, garantierte seit 1961) stabile Preise. Außenseiter konnten sich nicht entwickeln; Westdeutschlands Reifenkonzerne hatten einen Marktanteil von 80 bis 85 Prozent.

Das Kartell der Gummi-Löwen verschaffte auch den Händlern reichlich bemessene Profite. Außer der üblichen Verkaufsspanne von 18 bis 20 Prozent kassierten sie gepfefferte Rabattsätze. Händler, die im Jahr Pkw-Reifen im Wert von 40 Millionen Mark verkauften, bekamen den Höchstbonus von 12,5 Prozent. Selbst Pneu-Hökern mit Mini-Umsätzen (10 000 Mark jährlich) gewährte das Kartell noch einen »Wohlstandsbonus« (Branchenjargon) von drei Prozent.

Die Preisidylle wurde jedoch empfindlich gestört, als die Wirtschaft um die Jahreswende 1966/67 in die Krise hineinschlitterte. Der Rückschlag in der Automobil-Industrie ließ die deutsche Pkw-Reifen-Produktion von 23,3 Millionen Stück (1966) auf 22 Millionen Stück (1967) sinken. Noch schlimmer als bei Pkw-Reifen (minus 5,8 Prozent) sah es in der Lkw-Reifen-Produktion aus, die um 14 Prozent zurückfiel.

Überdies hatten Kaufhäuser, Versandhändler und Cash-and-carry-Geschäfte begonnen, den Deutschen im großen Stil billige Auslandsreifen zu verkaufen. So importierte Neckermann »Everest-Reifen« aus Israel, Quelle holte aus Frankreich »Privileg-Reifen« ins Land. Andere Branchenaußenseiter offerierten Pneus aus Japan ("Yokohama"), Schweden ("Gislavet"), England ("Avon"), CSSR ("Barum">, Jugoslawien ("Sava") und der DDR ("Pneumant").

Deutschlands Autofahrer, die seit der Krise wieder mit dem Pfennig rechneten, verhalfen den importreifen rasch zu einem Marktanteil von 25 Prozent. Ende 1968 war im Ersatzgeschäft jeder vierte in der Bundesrepublik gekaufte Reifen ein ausländisches Fabrikat.

Um der Importschwemme zu begegnen, rüsteten die Gummigewaltigen zum Gegenschlag. Nach mehreren Sitzungen beschlossen sie, gemeinsam eine billige Handelsmarke unter dem Namen »Union« herauszubringen.

Der wohlfeile Pneu der Kartellbrüder kam aber nie auf den Markt, da die Dunlop AG, Hanau (Jahresumsatz: 287 Millionen Mark), im letzten Moment absprang. Statt dessen brachten die Konzerne eigene Zweitmarken heraus. Branchenführer Conti kreierte den »Concord«, Dunlop den »Regent«.

Billige Reifen planen auch die übrigen Reifenhersteller. So verkauft Michelin, Karlsruhe, schon seit einiger Zeit den »Kléber Colombes« des französischen Mutterwerkes, Goodyear drängt in Discountläden mit »Kelly Springfield« vor.

Auf dem hart umkämpften Markt mischen seit kurzem auch branchenfremde Konzerne mit. 6350 Tankstellen versorgt zum Beispiel die Esso mit billigen Reifen. Die Ölbosse beliefern ihr Tankstellennetz mit Pneus des italienischen Gummikonzerns Cavi Elettrici Affini Torino (Ceat).

Der Vormarsch ausländischer Billigmarken und der zunehmende Verkauf über Versandhäuser, Tankstellen und Cash-and-carry-Geschäfte brachte Deutschlands 15 000 Reifenhändler in arge Bedrängnis. Pneu-Höker, die früher ein Monopol beim Ersatzreifengeschäft hatten, verlieren immer mehr Kundschaft. Um ihre Dienste den Westdeutschen schmackhaft zu machen, schlagen sie jetzt kräftig auf die Werbetrommel. Europas größter Reifenhändler und Runderneuerer, die Firma Gummi-Mayer KG in Landau! Pfalz zum Beispiel, investiert fast zwei Millionen Mark in eine bundesweite Werbekampagne. Ihr Motto: »Reifenkauf ist Maßarbeit.«

Der Großhändler, der über seine 120 Niederlassungen 10 000 Kleinhändler beliefert, empfiehlt sich als »neutraler Reifen-Dienst« und zielt auf eine Schwäche aller Preisunterbieter: Discountläden, Kauf- und Versandhäuser können nur die gängigsten Reifengrößen anbieten.

Deutschlands Autofahrer benutzen aber 254 Reifengrößen in 506 verschiedenen Ausführungen. Gummi-Mayer möchte den Trend zum »individuellen Reifen« noch verstärken. In Zeitungsanzeigen mit dem Signet »der Richtige« offeriert er Maßreifen für jeden Fahrstil und Fahrzeugtyp.

Mayer bietet wie viele seiner Kollegen freilich nicht nur fabrikneue Ware an, sondern verkauft auch runderneuerte Pneus. Obwohl die sogenannten »Arme-Leute-Reifen« kaum noch billiger als Importreifen sind (sie kosten 20 bis 50 Mark), werden sie von den Deutschen weiterhin geschätzt. Ihr Marktanteil im Ersatzgeschäft liegt konstant bei 50 Prozent. Treueste Kunden der Runderneuerer sind Taxifahrer, Verkehrsunternehmen und -- die deutsche Bundeswehr.

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