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SCHRÖDER Gebremster Traum

aus DER SPIEGEL 12/1971

Während sich die sozialliberale Koalition sicherer wähnt denn je und Kanzleramts-Minister Horst Ehmke meint: »Jetzt haben wir es geschafft bis 1973«, plant im 28. Stockwerk des Bonner Abgeordnetenhauses ein Christdemokrat, dessen Zukunft längst Vergangenheit schien, den baldigen Wechsel der Macht am Rhein: Dr. Gerhard Schröder, 60, stellvertretender Vorsitzender der CDU, Ex-Bundesminister des Inneren, des Äußeren und der Verteidigung.

Im Winter 1971/72, so kalkuliert der soignierte CDU-Altherr, könne die Regierungskoalition platzen, wenn sich die FDP dagegen sperrt, eine Finanzmisere des Bundes durch Steuererhöhungen zu sanieren. Für eine schmollende FDP oder eine von ihrem Koalitionspartner verlassene SPD will Gerhard Schröder die CDU/CSU als Seniorpartner und sich selber als Kanzlerkandidat bereit halten.

Sein, Krisen-Kalkül veranlaßte Schröder am vorletzten Wochenende, das Schweigen zu brechen und »den Hut in den Ring zu werfen«. Der Ex-Minister will verhindern, daß bei einem Zusammenbruch der Linkskoalition allein Fraktionsvorsitzender Rainer Barzel in Partei und Öffentlichkeit als Kandidat für das Palais Schaumburg gilt.

Zum offenen Kampf gegen den Rivalen Barzel fühlte sich Schröder zudem von der neuesten Umfrage des Emnid-Instituts stimuliert, die ihm sein Bonner Büro vorletzte Woche ins Tiroler Urlaubsquartier Seefeld übermittelte.

Die Befrager aus Bielefeld hatten herausgefunden, daß Schröder den Deutschen derzeit von allen Christdemokraten der liebste ist. Mit 18 Punkten führt er die Popularitäts-Skala vor Rainer Barzel (15), CDU-Chef Kurt Georg Kiesinger (13) und CSU-Boß Franz Josef Strauß (11) an.

Zugleich verstand Schröder die Umfrage so, daß nur er Chancen habe, für seine Partei eine Bundestagswahl zu gewinnen. Denn Barzels Anhänger finden sich vorwiegend unter CDU-Freunden. Dort rangiert der gegenwärtige Oppositionsführer mit 22 Punkten weit vor seinem Konkurrenten (13 Punkte). Unter den SPD-Anhängern hingegen darf der konservative Christdemokrat, der bislang mit seiner Kritik an der SPD/FDP-Regierung zurückhielt, auf Sympathien rechnen. Diese Gruppe gab Schröder mit 23 Punkten den Vorzug vor Barzel, der lediglich zehn Punkte erreichte.

Das Konzept des Kandidaten Schröder ist indes nicht nur kurzfristig angelegt. Sollte das Linksbündnis doch bis zum Ende der Legislaturperiode halten, will er die Union 1973 als Kanzlerkandidat in den Wahlkampf führen.

In dieser längerfristigen Perspektive liegt Schröders größere Chance. Denn bei einem vorzeitigen Regierungswechsel könnte Barzels Hausmacht, die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, allein entscheiden.

Schröder ist deshalb daran gelegen, die Kandidaten-Kür nicht allein den Unions-Parlamentariern zu überlassen, sondern die Partei-Basis daran zu beteiligen. Freilich soll -- nach Schröders Wunsch -- die Entscheidung noch nicht auf dem Hamburger Parteitag im Oktober 1971, sondern erst im Herbst 1972 fallen. Bis dahin, so hofft er, habe sich in Parteikadern und Fraktion die Einsicht durchgesetzt, daß nur Gerhard Schröder der Union einen Wahlsieg verheißen kann. Der bedächtige Ostfriese vertraut seinem Wahlspruch: »Alles kommt zu dem, der warten kann.«

Mitbewerber Barzel will nicht warten. Der Fraktionschef hofft, schon in Hamburg zum Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten zu avancieren. Denn Barzel fürchtet, daß bei längerem Zuwarten und näherrückendem Wahltermin die Partei sich eher für den seriösen Norddeutschen als für den Bonner Sympathie-Hemmer entscheiden könnte.

Gegen Barzel hofft Schröder auf ein Bündnis mit dem Mainzer Ministerpräsidenten Helmut Kohl. Der rheinland-pfälzische Provinzpolitiker soll den Fraktionsführer vom Parteivorsitz fernhalten.

Kohl, der keine Aussicht hat, schon 1973 Kanzler-Kandidat seiner Partei zu werden, könnte dafür erwarten, daß ihm ein Regierungschef Gerhard Schröder dann die Möglichkeit bieten würde, nach nur wenigen Jahren Aufbauzeit selber ins Palais Schaumburg einzuziehen. Ein Kanzler Barzel, mit 46 nur sechs Jahre älter als der Mainzer Premier, würde diesem auf lange Zeit den Griff nach der Staatsmacht verwehren.

Auch andere CDU-Stars wie Gerhard Stoltenberg, Heinrich Köppler und Alfred Dregger, die sich für spätere Wahlen Kanzler-Chancen ausrechnen, hofft Schröder für eine Barzel-Blockade gewinnen zu können.

Bei einem neuen Machtwechsel wäre ein Kanzler Schröder, anders als früher, nicht mehr auf einen Bürgerbund mit den Freien Demokraten festgelegt. Er gibt heute einer Neuauflage der Großen Koalition mit den Sozialdemokraten den Vorzug.

Unter einem schwarz-roten Machtkartell soll -- nach Schröders kaum gebremstem Traum -- zustande kommen, was die Regierung Kiesinger« Brandt von 1966 bis 1969 nicht fertigbrachte: ein Mehrheitswahlrecht, dem die FDP zum Opfer fallen müßte.

Schon im Sommer 1970 empfahl sich der Ex-Verteidigungsminister bei seinem Nachfolger auf der Hardthöhe, dem SPD-Vize Helmut Schmidt, als Partner einer künftigen Zusammenarbeit. In Schmidts Ferienhaus am schleswig-holsteinischen Brahmsee enthüllte er dem parteipolitischen Gegner früher als den eigenen Parteifreunden seine Kanzler-Ambitionen.

Denn in Schröders Planspiel nimmt der machtbewußte Brandt-Vize eine Schlüsselstellung ein: Nur Schmidt -- so meint der CDU-Vize -- könnte die Sozialdemokraten in eine neue Große Koalition unter einem CDU-Kanzler führen.

Welches Ressort Schröder für einen Vizekanzler Schmidt bereithalten will, Ist freilich unklar. Denn den CSU-Chef Franz Josef Strauß, ohne dessen Stimmenblock kein CDU-Mann Kanzler werden kann, will Gerhard Schröder mit dem gleichen Geschenk reizen, das auch Rivale Barzel dem Bayern ausgelobt hat: einem Superministerium aus dem Finanzressort sowie der Grundsatz-Abteilung und der Abteilung Geld und Kredit des bisherigen Wirtschaftsministeriums.

Und selbst Rainer Barzel soll unter einem Kanzler Schröder nicht leer ausgehen. Der außenpolitische Profi will dem in seinen Augen unfertigen Politiker Barzel die Chance geben, doch noch Staatsmann zu werden: Er soll als AA-Chef außenpolitische Praxis lernen.

Zur Zeit verweigert Lehrherr Schröder dem Anwärter Barzel noch das Zeugnis der Kanzlerreife: »Warum der wohl glaubt, daß er unbedingt Bundeskanzler werden muß, verstehe ich nicht.«

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