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NORDIRLAND Gebrochenes Versprechen

Der Mord an einem Kronzeugen im Nordirlandkonflikt bedroht den Friedensprozeß. Eamon Collins starb, so die Ermittler, einen »schrecklichen Tod«.
Von Hans Hoyng
aus DER SPIEGEL 5/1999

Als sein Buch über das Innenleben der Irisch Republikanischen Armee vor knapp eineinhalb Jahren auf deutsch erschien, schrieb der SPIEGEL über die fürchterliche Beichte des Ex-Terroristen und Kronzeugen gegen seine einstigen Kampfgefährten: »Eamon Collins hat Glück gehabt. Verräter liegen sonst an der Landstraße, die Hände mit Klebeband nach hinten gebunden, überm zerschmetterten Kopf ein Müllsack.«

Beide Aussagen treffen so nicht mehr zu: Als Nachbarn vorigen Mittwoch die Leiche von Eamon Collins an einer Straßenkreuzung unweit seines Hauses in der IRA-Hochburg Newry entdeckten, hatten sich die Mörder keine Mühe gemacht, ihr Opfer herzurichten.

Einen »schrecklichen Tod« sei Collins gestorben, berichteten die Ermittler. Seine Mörder hätten ihm den Kopf bis zur Unkenntlichkeit eingeschlagen, ihn zusätzlich noch erstochen und vermutlich überfahren. »Dieses Verbrechen paßt besser zu primitiven Urmenschen als zu einer Gesellschaft an der Schwelle zum 21. Jahrhundert«, sagt Eddie Graham, Kommissar bei der Royal Ulster Constabulary.

Der Mord an Nordirlands prominentestem Polizeiinformanten bedroht nun den Friedensprozeß, bislang größter politischer Triumph des britischen Premiers Tony Blair. Noch gelingt es der Londoner Regierung, die Mehrzahl der starrköpfigen Nordirlandpolitiker zu mühsamen Fortschritten anzutreiben. Doch mit jeder politischen Gewalttat vergrößert sich die Diskrepanz zwischen dem Versprechen auf stabilen Frieden und der immer noch blutigen Realität des Alltags.

Blair mag weiterhin darauf hoffen, in diesem Frühjahr einen Teil der Londoner Machtbefugnisse über die Krisenprovinz an eine nordirische Regierung abzugeben, in der beide Konfliktseiten vertreten sind. Die Voraussetzung dafür ist allerdings kaum noch zu erkennen: Im Karfreitagsabkommen von Belfast hatten alle Beteiligten Gewaltverzicht vereinbart.

Zwar hält der prekäre Waffenstillstand noch einigermaßen. Die katholische IRA bombardiert derzeit keine britischen Ziele, protestantische Untergrundgruppen knallen nicht mehr katholische Taxifahrer in Belfast ab. Doch nun richtet sich die Gewalt der Paramilitärs nach innen.

Allein im vorigen Jahr zählten regierungsunabhängige Beobachter rund 500 Anschläge, mit denen katholische wie protestantische Untergrundkämpfer die Herrschaft über ihre Hochburgen absicherten. Zum Arsenal des Terrors gehören Schüsse durch Hand-, Fuß- oder Kniegelenke, das systematische Brechen von Knochen und die Vertreibung aus Wohnsiedlungen, falls einzelne Familien nicht der gleichen Konfession angehören wie ihre Umgebung.

Ob der Friedensprozeß den Nordiren wirklich eine Dividende bringt, entscheidet einstweilen der Wohnort. In den Villenvierteln etwa des Belfaster Südens herrscht bereits Friede, im Norden und Westen der nordirischen Hauptstadt hingegen regieren IRA-Führer wie absolute Herrscher. »Teile der besseren Gesellschaft haben sich abgewandt«, klagt der designierte nordirische Regierungschef, der Friedensnobelpreisträger David Trimble. Für ihn zeigt die Gewalt in den Sozialbau-Siedlungen »klassenspezifische Elemente«.

An diesem Alltagsterror droht nun sogar die bisherige Überparteilichkeit der britischen Nordirlandpolitik zu scheitern. Im

Unterhaus verlangten die Konservativen vorige Woche, die im Friedensabkommen

* 1997.

verabredete vorzeitige Freilassung verurteilter Nordirlandterroristen angesichts der Bluttaten einstweilen auszusetzen.

Blair fürchtet dagegen, daß ein Freilassungsstopp zum Zusammenbruch des Waffenstillstands führen könnte: In Nordirland gebe es, klagte der Premier, »eine unvollständige Entwicklung und einen unvollständigen Frieden«. Das sei aber immer noch besser als »gar keine Entwicklung und gar kein Frieden«.

Ob Blair die Welle der Gewalt auch weiterhin durch konsequentes Wegsehen bändigen kann, ist zweifelhaft. Sollten die Ermittlungen im Mordfall Collins ergeben, daß sich Hardliner der IRA an dem in Newry verachteten »Verräter« gerächt haben, bliebe der Regierung kaum etwas anderes übrig, als der katholischen Untergrundorganisation einen offenen Verstoß gegen den Gewaltverzicht vorzuwerfen. Sie müßte rigoros dagegen vorgehen und dadurch ein Ende des Friedensprozesses riskieren.

Auch die IRA-Splittergruppe, die sich großspurig »Wahre IRA« nennt, hätte ein Motiv für den Mord an Collins. Nach deren Bombenanschlag von Omagh, dem im vorigen August 29 Menschen zum Opfer fielen, hatte der reuige Terrorist sie in Zeitungsartikeln als Täter identifiziert und sich mit beißendem Spott über ihre Mitglieder ausgelassen.

Eine solche Abrechnung unter IRA-Abtrünnigen würde ebenfalls den Friedensprozeß belasten. Schon heute empören sich die London-treuen Unionisten, daß die polizeibekannten mutmaßlichen Bombenattentäter von Omagh noch immer auf freiem Fuß sind. Sollten die Verdächtigen ihre Freiheit zu Morden nutzen, wäre das für protestantische Untergrundgruppen eine unerträgliche Provokation.

Daß er in Lebensgefahr schwebte, wußte Collins. Bereits am Vorabend der Veröffentlichung seines Enthüllungsbuches war er angefahren worden und nur knapp mit dem Leben davongekommen. Vorigen September brannte dann das Haus ab, in das er sich mit seiner Familie in Sicherheit bringen wollte.

Bekannten hatte Collins in jüngster Zeit anvertraut, er warte nur noch auf das Versicherungsgeld aus diesem Brand, bevor er sich wohl ins Ausland absetzen werde. »Was ist die nächste Stufe?« habe er gefragt und mit einer weiteren Frage auch gleich die Antwort gegeben: »Werden sie mich auf offener Straße umbringen?« HANS HOYNG

* 1997.

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