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DÄNEMARK / SCHMUGGEL Gebt uns Tips

aus DER SPIEGEL 47/1970

Was dänische Tabakfabriken vor einigen Wochen legal nach Polen exportierten, schwimmt in diesen Wochen Illegal nach Dänemark zurück: Millionen von Zigaretten.

Polen verkauft sie mit Gewinn für seine Staats- und Devisenkasse an dänische Schmuggler weiter, die sie mit schnellen Motorbooten zurück in die Heimat bringen. Denn in Dänemark kosten 20 Zigaretten aufgrund hoher Tabaksteuern vier Mark.

Das Geschäft blüht vor allem im Herbst, wenn die Nacht bereits lang, die Ostsee aber noch eis- und relativ sturmfrei ist. Und an den Helmatstränden, an denen Lieferwagen-Komplicen das Schmuggelgut übernehmen, vergnügen sich keine Badegäste und Sommerhausbewohner mehr.

Welche Mengen geschmuggelt werden, können die dänischen Zöllner an den polnischen Zigarettenimporten ablesen. Für die Hochsaison hat sich die staatlich-polnische Proviant-Firma »Baltuna« mit einigen Zehnmillionen Stück eingedeckt.

Davon werden dem dänischen Zoll nach eigenen Schätzungen höchstens 15 Prozent in die Hände fallen. Seit Ende September hält die Regierung einige tausend Beamte in höchster Alarmbereitschaft. Die Bevölkerung wurde zur Beihilfe aufgerufen. Zollinspektor Karl Sørensen an das süddänische Kleinhafen- und Küstenvolk: »Haltet die Augen offen und gebt uns Tips!«

Der diesjährigen Herbstoffensive, die jetzt in vollem Gange ist, glaubt sich der Zoll weniger gewachsen als je zuvor. Mehrere bekannte Schmuggler sind aus dem Gefängnis zurück und wieder aktiv. Überdies haben sich ihre Gangs zu einer Großbande vereinigt, die von einem Großen im Geschäft geführt wird: Bent ("Ricardo") Madsen.

Bent Madsen, 35, kehrte aus freiwilligem Exil an der spanischen Costa del Sol an die polnische Ostseeküste zurück. Falls er auf dänischem Boden gefaßt wird, droht ihm die Höchststrafe für Schmuggel: zwei Jahre Gefängnis.

Doch Don Ricardo konnte noch nie gefaßt und bestraft werden. Er gehört zu den Pionieren des Großschmuggels, die 1967 erkannten, wozu überschnelle Sport-Motorboote außerdem noch gut sind. Mit solchen Flitzern, die bis zu 500 000 Zigaretten fassen, unternahmen die Schmuggler erste Einkaufstouren zur kommunistischen Gegenküste, damals in die DDR, die den Besuch nicht nur als Devisenbringer schätzte: Einige der Gäste waren von dänischen Gerichten bereits als Ost-Agenten zu Gefängnisstrafen verurteilt worden.

Dänemarks fünf lahme Zollkreuzer konnten die dreimal so flinken Ziga-

* Oben: Mit Familie vor seiner Bar in Torremolinos. Unten rechts: Ein Kriegsmarine-Hubschrauber verfolgt das Schmugglerboot im Kopenhagener Hafen.

rettenboote allenfalls sichten, aber nie einholen, Verluste erlitten die Schmuggler lediglich durch Havarien oder durch an Land lauernde Zöllner.

Dennoch vermochte der Zoll 1968 über 20 Schnellboote, 80 DDR-Fahrer und zwölf Millionen Zigaretten zu Schnappen. Bis Ende vorigen Jahres kassierte er weitere 20 Boote. Die DDR fühlte sich mit ertappt und verzichtete vorerst auf die Beteiligung am dänischen Schmuggelgeschäft.

Ricardo zog mit Ehefrau Maiken und Sohn Johnny nach Spanien und eröffnete in Torremolinos die »Ricardo-Bar«. Firmenzeichen: ein Segelschiff mit der Unterschrift »Smugler«.

Seine Kollegen verlegten Ihr Hauptquartier von der DDR nach Polen, von Warne- nach Swinemünde, vom Strand-Hotel ins Baltyk-Hotel. Hier werden Aktionen geplant und Partys -- mit polnischen Girls -- gefeiert.

Zuvor hatten die Schmuggler Polen gemieden, weil dort nur polnische Zigaretten zu holen waren, die den Dänen nicht schmecken. Dann aber begann der Swinemünder Staatsladen »Baltuna« aus Dänemark zu Importieren, vorzugsweise die dort beliebten Marken »Cecil« und »Prince«. »Baltuna«-Export-Preis für 20 Stück: 50 Pfennig.

Für den Wareneinkauf waren die Schmuggler liquid, nicht jedoch für den Ankauf neuer Boote, die etwa 35 000 Mark kosten. Fortan wurden Schnellboote gemietet oder einfach gestohlen. Aber nachdem sich die Creme der Branche aus dem Gefängnis und Ricardo Madsen aus Spanien zurückgemeldet hat, soll wieder großes Geld gemacht werden.

Im Spätsommer beschlossen die Zigaretten-Gangs auf einer Arbeitstagung in Swinemünde, das Heimatland in drei Absatzgebiete mit je einem Boß aufzuteilen, im übrigen aber dem Oberboß Ricardo zu gehorchen.

Inzwischen hat der dänische Zoll, der heute über schnellere Kreuzer verfügt und von der Kriegsmarine unterstützt wird, in den letzten Wochen vier Millionen Zigaretten beschlagnahmt und den Boß der Region Jütland, Thorkild Londahl ("die Scholle") Therkildsen, 34, verhaftet.

Gemäß Erfahrungs-Faustregel des Zolls aber hat damit die Großbande nur 15 Prozent ihrer Polen-Einkäufe eingebüßt, mithin über 20 Millionen Zigaretten eingeschleust. Statt der DDR ist jetzt Polen in Dänemark als Schmuggler-Komplice im Gerede.

Die dänische Zeitung »JyllandsPosten« meldete, Polens Botschafter in Kopenhagen habe geäußert: Im Austausch gegen den in Dänemark gelandeten polnischen Flugzeugentführer Zbigniew Iwanicki sei Polen bereit, dänische Schmuggler auszuliefern,

Botschafter Henryk Wendrowski dementierte. Er sei gar nicht in der Lage, die Tauschobjekte anzubieten: »Weil solche Personen auf polnischer Seite keinerlei Kontrolle unterliegen.

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