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ZECHEN-STILLEGUNG Gedämpfte Trommeln

aus DER SPIEGEL 6/1961

Der Bonner Staatssekretär Dr. Ludger Westrick sieht sich unvermittelt in eine Auseinandersetzung mit dem Ruhrbergbau verwickelt, obwohl er nichts weiter getan hat, als die Zechenherren an die Erfüllung eines vor fast zwei Jahren abgegebenen Versprechens zu erinnern.

Durch ihren Unternehmensverband in Essen hatten die Herren der Ruhr auf dem Höhepunkt der Kohlenkrise zugesagt, der strukturellen Überproduktion von Kohle dadurch ein Ende zu machen, daß sie zehn Millionen Tonnen Jahreskapazität stillegen würden. Auf einer Pressekonferenz am 4. Januar in Bonn verkündete der für die Grundstoffindustrie zuständige Staatssekretär I vom Bundeswirtschaftsministerium das magere Ergebnis: Bisher wurden nur 3,2 Millionen Tonnen Förderkapazität stillgelegt.

Als unter der Bergarbeiterschaft wegen Kurzarbeit und Verdienstausfalls politische Unruhen entstanden waren

und die Kumpels ihren »Marsch auf Bonn« avisierten, hatten Bundesregierung und Ruhrbergbau gemeinsam Hilfsmaßnahmen eingeleitet. Bonn verschaffte den Zechen durch wirtschaftspolitische Gesetzesmaßnahmen*

- hauptsächlich durch eine Kohle -Importrestriktion und einen Einfuhrzoll auf das Konkurrenzprodukt Heizöl - eine Atempause. Während dieser Zeit sollte der Bergbau freiwillig die zehn Millionen Tonnen struktureller Überkapazität abbauen, um die Förderung mit dem nachlassenden Verbrauch und der stärkeren Verwendung von Heizöl in Einklang zu bringen.

Westricks wiederholte Mahnungen, die Schachtanlagen außer Betrieb zu setzen, fanden nur die Zustimmung einiger weniger Zechenherren. Die Bergassessoren Hermann Reusch vom Konzern Gutehoffnungshütte und Hermann Winkhaus von der Mannesmann AG zum Beispiel bestätigen, daß die Ruhrförderung nach wie vor »um zehn Millionen herunter« müsse. Die Mehrzahl der Ruhrmanager jedoch empfand die Mahnung aus Bonn als ebenso anmaßend wie überflüssig. Ihrer Ansicht nach ist der Kohlenbergbau bereits wieder aus dem Gröbsten heraus.

Bei oberflächlicher Betrachtung sieht es in der Tat so aus, als seien derzeit Angebot und Nachfrage auf dem westdeutschen Steinkohlenmarkt wieder ausbalanciert. Im Jahre 1960 nämlich wurden 142,3 Millionen Tonnen Steinkohle gefördert, aber 155,9 Millionen Tonnen verkauft. Für den zusätzlichen Verbrauch zogen die Kohlenhändler zwar auch Importe heran (7,3 Millionen Tonnen), darüber hinaus aber konnten von den seit Jahren aufgetürmten Halden 6,3 Millionen Tonnen abgebaut werden.

Lagerten im Dezember 1959 noch 17,9 Millionen Tonnen Kohle und Koks auf den Zechenplätzen, so waren es im Dezember 1960 nur noch 11,5 Millionen Tonnen.

Westricks Kritiker im Ruhrgebiet buchen diesen Abbau der Kohlenhalden auf die bisherige Stillegung einer Vielzahl kleinerer Schachtanlagen wie etwa der Gruben »Minden« (Jahreskapazität 34 000 Tonnen), »Otten« (31 500 Tonnen) oder »Lieselotte« (24 100 Tonnen). Schon jetzt, so heißt es, werde weniger Kohle gefördert, als man verkaufen könne, so daß die Halden bald völlig abgetragen sein würden.

Diese optimistische Version könnte indes nur Wirklichkeit werden, wenn

- die Hochkonjunktur der kohleverbrauchenden Industrie unvermindert fortdauert und

- die Bundesregierung ihre Sperrmaßnahmen gegen die Einfuhr ausländischer Kohle aufrechterhält. Durch die Hochkonjunktur hat der Kohleverbrauch der westdeutschen Industrie unvorhergesehen schnell zugenommen. Die Stahlindustrie erreichte 1960 mit rund 34 Millionen Tonnen Rohstahl ihren absoluten Produktionsrekord (1938: 18 Millionen Tonnen). Sie erhöhte dadurch ihren Verbrauch von Kohle und Koks allein in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres um 2,9 auf insgesamt 17,5 Millionen Tonnen. Auch die Elektrizitätswerke der Bundesrepublik nahmen eine Million Tonnen Kohle mehr ab, um die auf

vollen Touren laufenden Fabriken und Werkstätten mit Strom zu versorgen.

Die Einfuhr von Kohle andererseits ist nach wie vor streng reglementiert. Nach den Beschlüssen, die Bonn im Frühjahr 1959 zugunsten der Ruhrzechen erließ, durfte jährlich nur ein Kontingent von 5,1, später sechs Millionen Tonnen ohne fiskalische Belastung in das Bundesgebiet eingeführt werden. Für darüber hinausgehende Mengen muß der Käufer 20 Mark Zoll je Tonne bezahlen. Der hohe Kohleverbrauch der Industrie wie der geringe Import basieren mithin auf einem Ausnahmezustand.

Vom künftigen Verlauf der Konjunktur abgesehen, wird der Bedarf der Industrie noch durch die Versuche beeinträchtigt werden, den spezifischen Brennstoffverbrauch zu drosseln. Während beispielsweise früher zur Erzeugung einer Tonne Roheisen eine Tonne Koks nötig war, sind dank verbesserter Feuerungsmethoden heute nur noch durchweg 800 Kilogramm Koks erforderlich. Einzelne Stahlerzeuger wie die Hüttenwerk Oberhausen AG haben sich das Ziel gesetzt, den Verbrauch auf 650 Kilogramm Koks je Tonne herabzudrücken.

Auch die Import-Schonzeit ist nicht unbefristet. Staatssekretär Westrick vertrat die Ansicht, man könne schlecht im Rahmen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft ständig von Zollabbau reden und zur gleichen Zeit den Kohlezoll bestehen lassen. Bonn ist denn auch entschlossen, die Ende 1962 auslaufenden Importrestriktionen keinesfalls zu verlängern.

Angesichts dieser Lage reicht die Stillegung von 3,2 Millionen Tonnen Kapazität nicht aus, und Bonn besteht auf der Erfüllung des ursprünglichen Versprechens, zehn Millionen Tonnen Kapazität auszuschalten. Bergassessor Helmuth Burckhardt, Vorsitzender im Unternehmensverband Ruhrbergbau, redet deshalb seinen Verbandsmitgliedern zu, auf eigene Initiative weitere Schächte zu schließen. Burckhardt:

»Nicht nur die Öffentlichkeit, sondern besonders die Bundesregierung erwartet weitere sichtbare Rationalisierungsanstrengungen.«

Ein Versuch, der Überproduktion nach alter Väter Sitte Herr zu werden, ist fehlgeschlagen. Burckhardt wollte die Marktanpassung durch eine freiwillige Selbsthilfe-Aktion der Zechen erreichen:

Eine Aktionsgemeinschaft sollte konstituiert und von den Mitgliedszechen mit einem größeren Kapitalbetrag ausgestattet werden. Den Inhabern von leistungsschwachen Zechen sollten dann mit diesem Geld Aktien abgekauft und die so erworbenen Pütts rigoros geschlossen werden. Da jedoch der Ruhrbergbau diesen Plan mit dem Antrag auf Genehmigung eines Ruhrkohle -Verkaufssyndikats koppelte, lehnte die Montanunion ab.

Seitdem stagniert die Aktion bei gedämpfter Trommeln Klang. Die meisten Zechenchefs stellen sich taub und verschanzen sich hinter den günstig scheinenden Absatzziffern.

Da auch die Leiter leistungsschwacher Zechen weitere Drosselungsmaßnahmen für überflüssig halten, wird gegenwärtig an der Ruhr ein Beispiel volkswirtschaftlicher Unvernunft vorexerziert: Während optimistische Zechenchefs sich weigern, ihre leistungsschwachen Gruben zu schließen, setzen andere Unternehmen Gruben außer Betrieb, deren Abbauergebnisse weit über den Leistungen einiger weiterarbeitender Zechen liegen.

So will zum Beispiel Generaldirektor Hans Dütting von der Gelsenkirchener Bergwerks-AG seine im Bochumer Raum liegenden Zechen »Friedlicher Nachbar« (Schichtleistung je Mann und Tag 2040 Kilogramm}, »Bruchstraße« (Schichtleistung 2062 Kilogramm) und »Engelsburg« (Schichtleistung 2150 Kilogramm) schließen, weil sie in seinem Konzern am Ende der Leistungsskala stehen. Die Vereinigte Elektrizitätswerke Westfalen AG (VEW) hingegen beabsichtigt, ihre Pütts »Alte Haase« und »Gottessegen« weiterfördern zu lassen, obwohl dort die Schichtleistung nur 1240 und 1290 Kilogramm beträgt.

Im Bundeswirtschaftsministerium zweifelt man deshalb mit gutem Grund daran, daß die Ruhrindustrie freiwillig ihr selbstgesetztes Stillegungs-Soll von zehn Millionen Tonnen Kapazität erfüllen wird. Um das Tempo zu beschleunigen, bereiten Staatssekretär Westricks Referenten jetzt ein Gesetz vor, das alle Ruhrzechen in einen Zweckverband für die Stillegung leistungsschwacher Zechen zwingen soll.

* Am 30. Januar 1959 billigte der Bundestag das Sanierungsprogramm der Bundesregierung für den Kohlenbergbau: ein auf fünf Millionen Tonnen jährlich beschränktes Kohle-Einfuhrkontingent, 20 Mark Zoll pro Tonne für weitere Importe, finanzielle Hilfen bei der Ablösung von Importverträgen sowie 500 Millionen Mark für Stahlaufträge der Bundesbahn, durch die der Kohle- und Koksverbrauch gesteigert werden sollte.

Westrick

Zechenherr Burckhardt

Förderung wohin?

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