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2000: Wissenschaft GEDRÄNGEL IM SCHATTENREICH

Sie zerstörten Weltreiche und rafften mehr Menschen dahin als alle Kriege und Massenmorde: Die Mikroben existierten Milliarden Jahre vor dem Homo sapiens und werden bestehen, solange sich die Erde dreht. Im Kampf gegen die Erreger von Krankheiten und Seuchen stößt der medizinische Fortschritt an Grenzen.
Von Hans Halter
aus DER SPIEGEL 52/1999

Sie sind überall. In der tiefen See und hoch oben in der Atmosphäre, in den Tränen, auf den Tausendmarkscheinen, im Blut, unter dem Bett. Im Schattenreich der Kleinstlebewesen herrscht Gedrängel. Fast so alt wie die Erde ist die unsichtbare Welt der Bakterien, Viren, Einzeller und Parasiten - der Mikroben.

Manche der Keime sehen aus wie Kugeln, Stäbchen oder Schrauben; andere haben Greifer, Saugnäpfe oder gleichen äußerlich Ufos. In jedem Gramm Komposterde leben mindestens eine Milliarde von ihnen, in jedem Milliliter Speichel auch.

Die Formenvielfalt der Viren - kleinster Strukturen auf der Grenze zwischen belebter und unbelebter Natur - ist in Zahlen nicht auszudrücken. Von den Bakterien - für das bloße Auge gleichfalls unsichtbar - zählt die Wissenschaft rund eine Million Arten. Manche Mikroben teilen sich alle 20 Minuten, nach acht Stunden ist die Bakterienkultur dann auf 16 Millionen angewachsen. Ganz unvorstellbar ist die Zahl nach weiteren acht Stunden ungestörten Wachstums: 563 Billionen.

Still und völlig bedürfnislos können einige Bakterienarten jahrelang überleben, auch unter extremen Bedingungen. Die Viren sind so winzig, dass ihre Struktur nur durch Elektronenmikroskope aufzuklären ist: im Hochvakuum, wenn sie tot sind.

Kein einziger Mensch hat bisher einen lebenden Aidserreger (HIV) zu Gesicht bekommen. Dabei bringt er Millionen Menschen den Tod (und hunderttausenden von Aidshelfern Arbeit und Brot). Das HI-Virus ist so klein, dass, wäre es groß wie ein Mensch, der Mensch das Volumen der ganzen Erdkugel hätte.

In das Schattenreich hat erst die Erfindung des Mikroskops allmählich Licht gebracht. Lange Zeit blieb verborgen, wie viele Tricks Mutter Natur den Kleinstlebewesen mitgegeben hat. Ihre Überlebensstrategien sind Legion, ihre Anpassungsfähigkeit ist gewaltig: Mikroben überleben in kochenden, schwefligen Quellen ebenso wie im Schrott von Satelliten, im englischen Rinderhirn, im deutschen Hühnerei und im wohlschmeckenden Käse. Zweitausend Jahre ehe die Mikroben erstmals unter einem Mikroskop gesichtet wurden, hatte der römische Schriftsteller Marcus Terentius Varro die richtige Vermutung. Er warnte vor »den kleinen Tierchen, die mit bedrohlichen Stacheln bewaffnet in dichten Schwärmen gegen uns fliegen« - gemeint waren die Anophelesmücken, die Malaria übertragen -, und, visionär, vor den »ganz kleinen Tierchen, die dem Auge unsichtbar, vermittels der Luft durch Nase und Mund in den Körper gelangen und schwere Krankheiten verursachen«.

Die Medici schlugen die Warnung in den Wind. Sie schworen auf das giftige »Miasma« - eine gelbgrüne Wolke, die nachts herbeischwebt und die Menschen krank macht - und auf die Macht der Sterne. Für die Pest machte die berühmte Medizinische Fakultät der Pariser Sorbonne 1348 eine fatale Dreierkonstellation aus Saturn, Jupiter und Mars verantwortlich. Ansteckend sei die Pest nicht. Noch 1846 wurde diese Theorie verfochten: Die Erkenntnis von gestern war nicht nur dieses eine Mal der Irrtum von morgen.

Die egozentrische Vorstellung des Menschen, die Mikroben hätten es vor allem auf ihn abgesehen, ist erfreulicherweise Unsinn. Den allermeisten Kleinstlebewesen ist das Großtier Mensch gleichgültig.

Aus dem Riesenfundus des Mikrobenreiches bleiben trotzdem genug Heimsuchungen übrig: Die Infektionskrankheiten, allesamt durch Kleinstlebewesen verursacht, sind nicht nur peinlich (wie der Tripper), lästig (Schnupfen) oder schmerzvoll (Gürtelrose), sie sind gelegentlich auch auf den Tod gefährlich, ob Aids oder Ebola, Hepatitis C, Cholera und Lassa-Fieber, um nur einige zu nennen.

Die Heilkunst hat, das beweist die Entwicklung der letzten Jahre, keineswegs alle Auswirkungen der Keime auf die menschliche Gesundheit erkannt - trotz Licht- und Elektronenmikroskopie spezialisierter Labors und der Fachärzte für Hygiene.

So dauerte es 45 Jahre, von 1938 bis 1983, bis die Entdeckung des Magenkeims Helicobacter pylori von der Fachwelt bestätigt wurde; die Akzeptanz in den Arztpraxen brauchte nochmals ein Jahrzehnt. Die winzigen, spiralförmigen Mikroben siedeln in den kleinen Falten der Magenschleimhaut, direkt unter dem Schleimfilm und in einem sauren Milieu, das die allermeisten anderen Keime keine fünf Minuten überleben. Deshalb galt es als ausgemacht, dass im Magen kein Helicobacter haust - es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Inzwischen wissen die Mediziner, dass die kleinen Mikroben Magenschleimhautentzündung (Gastritis), Geschwüre (Ulcus) und sogar Magenkrebs bewirken können. Nun geht es dem Helicobacter mit drei Giften ans Leben. Nur die Psychotherapeuten machen lange Gesichter, denn etliche haben gut davon gelebt, die schmerzhafte Gastritis als Substrat von Ehrgeiz und Aufstiegswillen zu deuten.

Auch den Fachärzten für Gemütskrankheiten geht ein Teil der Klientel verloren: Neuere Forschungen beweisen, dass manch manisch-depressive Erkrankung durch eine Infektion mit dem Borna-Virus zu Stande kommt. Eine antivirale Therapie hellt das Gemüt auf und vertreibt die Schwermut.

Ob auch die chronische Müdigkeit und der große Hunger, der zu Fettleibigkeit führt, Folgen von Virusinfektionen sind, ist noch umstritten - möglich wäre auch das.

Als richtige Bombe, die große Teile des medizinischen Wissenschaftsgebäudes demolieren könnte, erwies sich eine andere Theorie. Sie sagt, dass die gefürchtete Adernverkalkung (Arteriosklerose) nicht durch gute Kost, zu viel Stress und Bluthochdruck, auch nicht durch die Menschheitsfeinde Nikotin und Cholesterin verursacht werde, sondern durch eine Mikrobe namens Chlamydia pneumoniae. Chlamydien sind bakterienähnliche Mikroben, die als Zellparasiten leben, am liebsten in den Wänden der Schlagadern.

Dort bewirken sie eine chronische Lokalinfektion, die zur Bildung dichter Gewebe, Fett- und Kalkablagerungen führt. Die Plaques engen den Durchmesser der Gefäße ein, Mangeldurchblutung ist die Folge. Die damit einhergehende Sauerstoffnot führt zum Absterben des Gewebes. Je nach dem Sitz der Gefäßverkalkung drohen Herzinfarkt und Schlaganfall sowie mangeldurchblutete Beine, Nieren oder Netzhäute.

In den letzten 30 Jahren ist die Häufigkeit der Arteriosklerose in den wohlhabenden Ländern zurückgegangen. Diesen Erfolg haben sich ärztliche Fraktionen an ihre Fahne geheftet: die Ernährungsberater, die Sportärzte, die Apotheker, auch die Naturheilkundler und selbstverständlich die Internisten.

Es kann aber auch sein, dass nicht die Verringerung von Risikofaktoren den Erfolg brachte, sondern ein Nebenbei-Effekt der Antibiotikatherapie: Die weit verbreitete Behandlung mit keimtötenden Arzneimitteln hat auch vielen Chlamydien im Herzkranzgefäß oder den Arterien des Kopfes den Garaus gemacht.

Wie auch immer: Seit der Mensch den Planeten Erde besiedelt, seit hunderttausend Jahren also, haben die Mikroben - es gibt sie seit rund drei Milliarden Jahren - unter den relativ neuen Erdenbewohnern mehr Opfer gefordert als alle Kriege, Erdbeben, Massenmorde, religiöse Opfergänge, Vergiftungen, Wetterstürze.

Die unsichtbaren Mitbewohner entzünden die Gewebe des Menschen (Pocken, Pest und Cholera), sie ruinieren sein Abwehrsystem (Aids), lassen seine Blutkörperchen platzen (Malaria), zerstören die Nervenzellen des Gehirns (Schlafkrankheit) und die Bindehaut des Auges (Trachom), das Rückenmark (Syphilis) und die Lunge (Tuberkulose). An Infektionskrankheiten starben die Maler Raffael und Hans Holbein, die Komponisten Franz Schubert und Wolfgang Amadeus Mozart, der Übermensch-Denker Friedrich Nietzsche und der Philosoph Karl Marx, der seine Tuberkulose vergeblich im Wüstenklima Nordafrikas zu kurieren suchte.

In der frisch gegründeten Sowjetunion rief Lenin im Namen des Sozialismus zur »Vernichtung der Laus« auf, weil sonst die Laus, Wirtstier des Fleckfieber-Erregers, »den Sozialismus besiegt«. Er wusste: In den Jahrhunderten zuvor hatten Mikroben ganze Weltreiche zerstört.

»La mortalega grande«, das große Sterben, nannten die Italiener ehrfürchtig die Pestzüge im Mittelalter. Die Erreger wirkten so schnell, dass mancher abends gesund ins Bett ging und starb, bevor der Morgen graute. Die »Geißel Gottes« holte sich jeden dritten Europäer. In Lübeck starben neun von zehn Einwohnern, in Grön-

land alle. »Seuchen machen Geschichte« ist seither eine fundierte Wahrheit.

Selbst der ungarische Geburtshelfer Ignaz Semmelweis, der »Retter der Mütter« vor den Bakterien, erlag 1865 einer eitrigen Infektion. Seit dieser Zeit hat die moderne Medizin zum Schutz des Menschen vor den Mikroben ein dichtmaschiges Netz gespannt: Seine Knoten sind Hygieneregeln, Schutzimpfungen, Meldepflichten, Schädlingsbekämpfung, Trinkwasser- und Lebensmittelüberwachung und, wenn es ernst wird, keimtötende Arzneimittel (Antibiotika). Deren erstes, das inzwischen ruhmreiche Penizillin, steht der Allgemeinheit seit Ende des Zweiten Weltkriegs zur Verfügung.

Doch der immer wieder versprochene Sieg über das Schattenreich der Mikroben wurde niemals wahr. Im Gegenteil: Ängste und Gefahren kehren zurück. Die tödliche Seuche Aids hat die Welt umrundet, ohne dass Ärzte, Politiker oder die Weltgesundheitsorganisation Barrieren dagegen hätten aufrichten können.

Aids ist eine »lautlose Explosion in Zeitlupe«, so der schwedische Epidemiologe Michael Koch bereits 1988. Schon sind mindestens 50 Millionen Menschen mit dem tödlichen HI-Virus angesteckt, jeden Tag kommen 16 000 weitere hinzu.

Gegen diese - in Afrika und Indien nach wie vor apokalyptische Virusseuche - gibt es keine Schutzimpfung. Arzneimittel (die sich arme Länder ohnehin nicht leisten können) vermögen das Ende nicht abzuwenden, sondern es bestenfalls hinauszuzögern. Trotz der deprimierenden Fakten offerieren Laien dem Publikum immer wieder Illusionen. »Eine HIV-Infektion ist kein Todesurteil mehr«, behauptet der »taz«-Kommentator Jan Feddersen Kess zum diesjährigen Welt-Aids-Tag. Schön wär''s.

Weil die Lage ernst ist, hat auch die deutsche Bundesregierung im Herbst ein neues »Infektionsschutzgesetz« beschlossen. Es soll das alte »Bundesseuchengesetz« ablösen. Der neue Name suggeriert Zuversicht und vermeidet das unbeliebte Wort »Seuche«. Auch die Paragrafen schmiegen sich eng dem Zeitgeist an.

Der gute alte Tripper kommt im neuen Gesetz überhaupt nicht mehr vor, für die Syphilis ist die Meldepflicht aufgehoben, HIV und Aids werden so abgehandelt, als seien sie vor allem psychosoziale Probleme. »Über das neue Infektionsschutzgesetz können die Keime nur lachen«, kommentiert das Fachblatt »Medical Tribune«.

Das »Ärzteblatt« kritisiert unterdessen, dass die »wesentlichen Infektionsquellen« von Salmonellen und anderen Keimen, die Magen-Darm-Entzündungen hervorrufen, »seit Jahren bekannt, aber mitnichten trockengelegt« werden: »Bauern, Schlachthöfe, das System Biotonne-Komposthof und Gaststätten« seien immer noch »weitgehend tabu«.

Energische Interventionen der Gesundheitsbehörden - etwa die Kontrolle der gesetzlich vorgeschriebenen Frischluftzufuhr in Innenräumen, um die Atemwegsinfektionen zu vermindern - treffen auf wenig Sympathie. Weder die überwachten Bürger noch die öffentliche Meinung wollen repressive Maßnahmen hinnehmen.

Das war zu den wilhelminischen Zeiten der gesetzlichen Pockenschutzimpfung und des Chlor-Streuens, auch später im DDT-Zeitalter anders. Damals waren aber auch der Schrecken und die Hoffnung größer als in der Gegenwart.

Der Schrecken: Vor hundert Jahren starb in Europa jeder achte Mensch weit vor der Zeit an Tuberkulose; waren die Säuglingsmortalität 40-mal, die Müttersterblichkeit sogar 70-mal größer als gegenwärtig; gab es keine Antibiotika; konnte selbst ein kleines Furunkel in der Nase den Tod bringen. Die Hoffnung: Wissenschaftler und Patienten glaubten einhellig an den Fortschritt der Heilkunst. Dass die Pocken 1977 weltweit als erste - und bisher einzige - Infektionskrankheit ausgerottet wurden, galt als Signal großer Taten. Ausmerzung (Eradikation) war damals die Parole. 1969 erklärte der ranghöchste Gesundheitsbeamte der Vereinigten Staaten, Surgeon General William Stewart, nun sei es »an der Zeit, das Buch der Infektionskrankheiten zu schließen«.

Daraus wurde nichts, im Gegenteil: Die weltweite Seuchenlage hat sich zu Ungunsten des Menschen verändert. Seine Verletzlichkeit nimmt zu, aus vielen Gründen. Die Bundesregierung sieht es so:

Das globale Bevölkerungswachstum, die hohe Mobilität der Menschen und die Migration großer Bevölkerungsgruppen führen ... dazu, dass sich alte Krankheitserreger auch in den Industriestaaten wieder ausbreiten können. Neu auftretende, gefährliche Krankheitserreger können große Teile der Bevölkerung bedrohen. Das Auftreten und die Ausbreitung von Aids ist hierfür ein erschreckendes Beispiel ... Zudem zeigt sich, dass Krankheitserreger zunehmend gegen Antibiotika resistent werden.

Derzeit handelt es sich in Deutschland bei 25 bis 30 Prozent aller Diagnosen und Behandlungen, sowohl in den Praxen als auch in den Krankenhäusern, »um Infektionskrankheiten oder infektiöse Komplikationen bei anderen Krankheiten«, teilte das Bundesgesundheitsministerium im Oktober mit. Von der Eradikation ist nur noch leise die Rede. Bei Malaria und Frambösie (einer Syphilis-Schwester) ist sie bereits gescheitert. Kinderlähmung, Lepra und Masern stehen jetzt auf dem Programm, doch die Hoffnungen sind gedämpft. Trotzdem liest sich das neue Gesetz so, als seien nun ausgerechnet die Masern der größte Feind der Menschheit.

Mikroben, alle Mikroben, sind Lebenskünstler. Viel, viel schneller als der Mensch passen sie sich wechselnden Lebensbedingungen an. Die evolutionäre Entwicklung vom allerersten Primaten zum Homo sapiens dauerte rund 80 Millionen Jahre, Bakterien durchlaufen eine vergleichbare Entwicklung in nur 60 Jahren.

Das unsichtbare Reich der Mikroben existierte lange vor dem Menschen. Es wird bestehen, solange sich die Erde dreht. So gut sieht es für den großen Fleischklumpen Mensch, den Homo sapiens, nicht aus. Irgendwann könnten die Kleinstlebewesen ihm doch noch den Garaus machen. HANS HALTER

[Grafiktext]

UMFRAGE Alte und neue Ängste »Was fürchten Sie in der Zukunft am meisten?« Atomkrieg 49 Klima- katastrophe 43 Umweltgifte 36 Reaktorunglück 35 Geklonte Menschen 28 Killerbakterien aus dem Genlabor 26 Waldsterben 23 Ausrottung von Arten 17 Ölknappheit 7 Informationsüberflutung 5 Meteoriten-Einschlag 3 Invasion von Außerirdischen 1 Emnid-Umfrage für den SPIEGEL vom 10. und 11. Dezember; rund 1000 Befragte; Angaben in Prozent Hoffnungsträger Medizin »Worauf hoffen Sie am meisten?« Sieg über den Krebs 83 schadstofffreie Motoren 55 Solarwirtschaft 39 Medizinische Lebensverlängerung 19 Fusionsenergie als Löser des Energieproblems 18 Gedächtnispille 8 Entdeckung von Leben im All 7 genetisch verbesserte Menschen 4 Haushaltsroboter 3 Urlaub auf dem Mond 3 virtuellen Sex 2 fliegende Autos 1 Mehrfachnennungen möglich Emnid-Umfrage für den SPIEGEL vom 10. und 11. Dezember; rund 1000 Befragte; Angaben in Prozent

[GrafiktextEnde]

* Darstellung von 1802, sechs Jahre nachdem Edward Jennererstmals eine Impfung erfolgreich getestet hatte.

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