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»Gedroschenes Stroh eingebracht«

aus DER SPIEGEL 42/1994

Iwan Rybkin, 47, Präsident der Duma, des Unterhauses des russischen Föderationsparlaments:

Ich habe Präsident Jelzin schon bei unserem Berlin-Besuch aus Anlaß des Abzuges unserer Truppen gesagt, daß es wünschenswert wäre, wenn Kanzler Kohl den schwierigen Prozeß der deutschen Einigung noch zu Ende führen könnte. Für das russisch-deutsche Verhältnis haben weitere Jahre der besonderen Beziehung Jelzin-Kohl eine herausragende Bedeutung. Konkret: die nächsten zwei Jahre. Dann ist Jelzins Amtszeit, anders als die von Helmut Kohl, zu Ende.

Gerald Livingston, 66, Gründungsdirektor des American Institute for Contemporary German Studies in Washington:

Washington wird glücklich sein, daß Bill Clintons Freund Helmut Kohl Kanzler bleibt. Aber Washington wird nicht so glücklich darüber sein, daß die Regierungskoalition so geschwächt und das Regieren so viel schwieriger geworden ist. Die Washingtoner Regierung muß sich bemühen, die SPD-Führung schnell besser kennenzulernen. Denn eines macht diese Wahl deutlich: Wahrscheinlich wird bald die SPD Deutschland führen - spätestens 1998.

Elfriede Jelinek, 47, österreichische Schriftstellerin:

Es sieht ganz so aus, als ob der Kanzler das Stroh, das er so lange gedroschen hat, auch diesmal noch einbringen könnte. Aber sein Sack ist schon sehr dünn geworden, sogar löchrig, denn nur durch diese Löcher hat die FDP noch ein paar Halme abgekriegt. Und es haben sich dem Kanzler die gemäßigte, die mäßige und die unmäßige Linke bereits an die Fersen geheftet. Das bedeutet: mehr Demokratie, mehr Rechte für Minderheiten, fein! Die Grünen und die PDS werden den Regierenden entweder den Sack mit der sicher geglaubten Ernte vielleicht bald schon aus der Hand reißen oder denjenigen, der ihn trägt, zumindest kräftig in die Fersen beißen, damit er ihn fallen läßt. Ich freue mich, daß die Grünen drinnen sind, und auch, daß die PDS hineinkommt. Ich freue mich auf Stefan Heym, des alten Antifaschisten Rede: Ein Dichter spricht zu den Deutschen! Und das Beste daran ist, daß Deutschland, dem ich hiermit das Prädikat glücklich zuerkenne, das ich den Österreichern weggenommen habe, keinen charismatischen rechten Führer besitzt.

Lord Dennis Healey, 77, ehemaliger britischer Labour-Schatzkanzler:

Auf Deutschland kommen sehr instabile Zeiten zu, wenn es zu einer Fortführung der christlich-liberalen Koalition kommt. Ich glaube, daß es über kurz oder lang deshalb auf eine Große Koalition hinauslaufen wird. Dies bedeutet für Deutschland vier weitere Jahre der Stabilität - vor allem, wenn dann Gerhard Schröder die Genossen anführen und nächster Kanzler wird. Erfreulich für alle Demokraten: daß bei der Bundestagswahl, anders als in Österreich, Italien und Belgien, die Rechtsradikalen massakriert worden sind.

Vaclav Klaus, 53, tschechischer Ministerpräsident:

Aus deutscher Sicht, aus europäischer Sicht und schließlich aus der Sicht der einstigen kommunistischen Länder Mittel- und Osteuropas ist der Erfolg Helmut Kohls positiv. Er symbolisiert Kontinuität und Stabilität. Nach einer Serie von Wahlerfolgen sozialdemokratischer Parteien in einigen europäischen Ländern ist der Sieg der CDU/CSU außerordentlich wichtig - und das gilt doppelt für Länder wie die Tschechische Republik. Wir sind nach der Ära des Kommunismus fast überempfindlich und brauchen Signale, daß wir den richtigen Weg gehen. Die deutschen Wahlen haben dieses Signal gegeben.

Ingvar Carlsson, 59, schwedischer Ministerpräsident:

Wie viele Sozialdemokraten in ganz Europa hatten auch wir darauf gehofft, daß in Deutschland wieder die Sozialdemokraten die Regierung bilden würden. Aber schon in meiner letzten Amtszeit haben wir zu Kanzler Kohl gute Beziehungen gehabt. Von Anfang an hat er den Beitritt Schwedens zur Europäischen Union konstruktiv unterstützt. In dieser Hinsicht hat Kohls Weiterregieren keinerlei negative Auswirkungen auf die von mir gewünschte Mitgliedschaft. Wir werden mit Kohl weiterhin in positiver Weise zusammenarbeiten.

Andrzej Szczypiorski, 70, polnischer Schriftsteller:

Der Wahlsieg der Koalition ist eine gute Nachricht für Polen. Denn Bundeskanzler Helmut Kohl spielt die Rolle der Lokomotive für die europäische Integration. Für die Mehrheit der Polen ist die europäische Integration die wichtigste Sache, sie ist unsere Sehnsucht. Eine stabile Außenpolitik Deutschlands ist wichtige Voraussetzung für unsere Aufnahme.

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