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GEDULDIG WIE BEI DIEN BIEN PHU

Anfang dieses Jahres berichtete Harrison E. Salisbury, stellvertretender Chefredakteur der »New York Times«, aus Nordvietnam, daß amerikanische Flugzeuge auch zivile Ziele bombardierten -- ungewollt, und nur in der Nähe militärischer Objekte. Im vergangenen Monat bereiste der französische Journalist Olivier Todd, 39, früher Professor an der »Ecale Normale Superieure«, Nordvietnam für den Pariser Le Nouvel Observateur«. Er sah, wie US-Flugzeuge -- offenbar systematisch -- Dörfer vernichteten, die weitab von militärischen Zielen liegen.
aus DER SPIEGEL 46/1967

Vu Trong Kinh, früher Geschichtsprofessor, jetzt Autor von Lehrbüchern für politische Bildung, hat mich auf dem Flugplatz Hanoi abgeholt. Er erklärt mir, warum unsere Wolga-Limousine am Ufer des Roten Flusses hält:

»Unsere Long-Bien-Brücke, die frühere Doumer-Brücke, wurde am 11. August von den Amerikanern zerstört. Wir haben sie noch nicht wieder repariert.« -- »Noch nicht« ist eine Redewendung, die man in Nordvietnam oft hört.

Wir warten oberhalb der Brücke auf die Fähre. Über einen Lautsprecher hört man Nachrichten und Militärmärsche, deren Melodien französisch klingen. Diese hier erinnert an den Militärmarsch »Sambre et Meuse«.

Die Fähre legt an, Scharen fröhlicher Kinder stürmen an Land: Eine Fähre ist viel amüsanter als eine Brücke! In gelockerter Disziplin, mit ein oder zwei Flüchen und vielen Ratschlägen werden Last- und Personenwagen, Seitenwagengespanne und Motorräder verladen, dann gehen die Passagiere an Bord.

Militärisch sieht das kaum aus, eher wie die Einschiffung nach Naxos im Hafen von Piräus. Der Rote Fluß ist malvenfarbig. Die massive hölzerne Fähre, ein perfektioniertes Floß à la Kon-Tiki, wird von einem kleinen tuckernden sowjetischen Motorboot gezogen. Auf dem rechten Ufer empfängt uns ein Meer von Taschenlampen und knatternden Motoren.

In den Straßenlaternen von Hanoi sind 200-Watt-Birnen durch 50-Watt-Birnen ersetzt worden. Die Beleuchtung ist so gut wie in den sittsamsten Straßen von Lilie. Im Hotel Thong Nhat ("Hotel der Wiedervereinigung"), in dem fast alle ausländischen Besucher absteigen müssen, laufen die Ventilatoren ebenso gut wie die Boys.

Für meine Fahrten außerhalb von Hanoi steht mir ein Befehlswagen zur Verfügung. Der Chauffeur ("ein alter Kämpfer von Dien Bien Phu, das sind die besten") ist ein »Organisator«. Er sorgt für Unterkunft und Fahrgenehmigungen. Als Dolmetscher und Informanten dienen mir der unermüdliche Kinh sowie Ngo Minh, ein Kollege von der nordvietnamesischen Presseagentur.

Außerdem darf ich reden, mit wem ich möchte, wo ich möchte und wann ich möchte. In Hanoi fühlt man sich freier als in Ost-Berlin. Der Amerikaner Tom Hayden, der schon vor zwei Jahren hierher gekommen ist, sagt mir: »Damals hatte man nicht das Recht, sich ohne Begleitung in der Stadt zu bewegen.«

In diesem milden Oktober führt Hanoi ein Doppelleben. Einerseits ist Krieg -- aus der Ferne hört man Kanonendonner und Bombeneinschläge, von Zeit zu Zeit explodiert eine Luftabwehr-Rakete vom Typ Sam am Himmel. Andererseits geht das Leben fast normal weiter.

Hanoi, die größte Stadt der Demokratischen Republik (Nord-)Vietnam. wurde von den US-Bombern weder paralysiert (wie die Hafenstadt Haiphong), noch dem Erdboden gleichgemacht (wie Viet Tri, Nam Dinh und Tanh Hoa). Die Hauptstadt wird auch nicht Tag und Nacht angegriffen, wie etwa Vinh im Süden der Republik, in der Nähe des 17. Breitengrades, den man hier »die Front« nennt.

Dennoch: Jene Experten im Pentagon, die zornig behaupten, Hanoi werde geradezu wie das »Allerheiligste« geschont, müssen eine merkwürdige Vorstellung vom Allerheiligsten haben.

Hanoi wurde bombardiert -- erstmals am 29. Juni 1966, zuletzt Ende Oktober 1967. Die bislang schwersten Opfer forderte ein Angriff im August. In der Rue de Hué (Nr. 232 bis 242) -- über einen Kilometer von der Long-Yen-Brücke oder einer Eisenbahnlinie entfernt -- wurden 60 Zivilisten getötet oder verwundet. In allen vier Stadtteilen, jeweils in der Nähe der Straße Nr. 1 oder den Eisenbahnlinien, findet man Hunderte von zerstörten Häusern und verkohlten Hütten.

Hanoi ein Allerheiligstes? Tatsächlich hat es auch in Hanoi eine Eskalation gegeben, eine vorsichtige, scheinheilige Eskalation. Nachdem die Amerikaner die Straße Nr. 1 tagsüber stillgelegt haben, wollen sie nun offenbar die Industrieviertel wie Khu Dong Da zerstören. Dort aber -- so behaupten die Nordvietnamesen -- werden nur Fahrräder, Thermosflaschen, Zigaretten und kleine mechanische Geräte hergestellt.

Trotz einer kurzen Bomben-Pause fürchten die Einwohner dieser Vororte neue Angriffe. Hier, am Stadtrand, wo neben Reisfeldern mitten im Freien Garagen und Schneiderwerkstätten stehen, arbeiten die Bauern morgens von drei bis neun Uhr und spät am Abend: »Die »Gion Son, (die »Johnsons« genannten US-Flugzeuge) kommen selten zu dieser Zeit«, sagen sie.

Nach einem Angriff werden die Toten schnell beerdigt, die Ruinen sofort beseitigt. Der Krieg ist dennoch gegenwärtig. Die Stadt ist übersät mit kreisförmigen Löchern zu ebener Erde -- den legendären Einzelunterständen.

In der Innenstadt sind die Schutzlöcher mit Zement und Kohlenschlacke ausgekleidet und haben Deckel wie Gullys. Für jeden Einwohner gibt es ein Loch. In den Randgebieten sind die Unterstände aus Bambus und Ton, und jedem Bauern stehen gleich drei zu, einer in der Nähe der Hütte, einer auf der Straße und einer auf dem Felde.

Auch für die Flugabwehr ist der Krieg immer gegenwärtig: Sie verfügt über sowjetische und chinesische Geschütze.

Bei schönem Wetter gibt es im allgemeinen täglich vier- oder fünfmal Alarm. Zuerst wird über den Rundfunk Vorwarnung gegeben: »Achtung, Achtung, die Flugzeuge sind soundsoviel Kilometer von Hanoi entfernt. Dann ertönen die Sirenen, und die Bürger von Hanoi begeben sich in die Schutzlöcher. In vielen Augen steht Angst.

In Phu Xa, einem entfernten Vorort inmitten von Maulbeerbäumen, sehe ich während eines Alarms ein fünfjähriges Kind, das schon vor dem Auftauchen der Flugzeuge laut schluchzt.

»Seit dem Bombenangriff von 1966 weint der Kleine immer beim Fliegeralarm«, sagt Frau Le Thui Hong. Damals starb ihr Jüngstes, ein Baby noch, in seiner Hängematte.

Auch die Losungen an den Wänden -- die rote Farbe ist verwaschen -- erinnern an den Krieg.

»Soldaten Dem Volke treu. dem Vaterland ergeben. müßt ihr alle Aufgaben erfüllen, alle Schwierigkeiten überwinden und jeden Feind besiegen.«

> »Freiwillige! Ihr müßt entschlossen sein, die räuberischen amerikanischen Aggressoren zu besiegen. »Bürger! Nichts ist wertvoller als die Unabhängigkeit und die Freiheit. Die Hauptlosung: Keinen Frieden, der nur ein falscher Friede wäre.«

> »Bauern! Laßt uns für einen Hektar-Ertrag von fünf Tonnen Reis arbeiten, um zum Kampf gegen die amerikanischen Imperialisten und zum nationalen Wohl beizutragen. Die Vorübergehenden betrachten die Losungen kaum: Sie sind ihnen schon in Fleisch und Blut übergegangen, man zitiert sie für meinen Geschmack etwas zu mechanisch. Was Onkel Ho betrifft, den »verehrten Führer«, so spricht man oft genug von seinen Geboten, so daß man nicht immer überall sein Bild aufzustellen brauchte.

Für Propagandazwecke gibt es auch zahlreiche bunte Plakate, die entweder gedruckt oder von Hand in Wasserfarben gemalt sind und im Original angeklebt werden. Mit rosa und blauer Kreide wird auf Wandtafeln in jedem Viertel die Zahl der abgeschossenen Flugzeuge, der »May Bay«, notiert.

Diese Plakate und Tafeln geben der Stadt einen heiteren Anstrich. Sie ist in den Bomben-Pausen immer belebt. Um die wärmenden Kohlenbecken auf den Straßen und in den Cafés am See pulsiert ein bewegtes Nachtleben.

Hanoi ist voller Leben. Vor zwei Jahren hatte die Stadt zwar über eine Million Einwohner. Heute sind es nur zwischen 300 000 und 400 000, davon 30 000 Kinder unter 16 Jahren. Die Größeren sind gut gekleidet, die ganz Kleinen laufen halbnackt herum.

Warum sie nicht ausgesiedelt wurden, frage ich Nguyen Ba, einen sehr jovialen Mann aus dem Verwaltungsausschuß der Stadt. Nguyen Ba, der als besonderen Luxus ein Peugeot-Fahrrad mit Hilfsmotor fährt, erklärt es so: »Die Kleinen stammen vor allem aus kinderreichen Familien.«

Der Staat subventioniert die Aussiedler zwar mit fünf bis sieben »dong« im Monat (etwa 6,50 Mark bis 9,50 Mark). Aber die Ausrüstung eines »Aussiedlers« -- eine Strohmatte, ein Moskitonetz und eine Decke -- kostet mindestens 15 »dong«. Für eine kinderreiche Familie, die in Hanoi bei vier Kindern beginnt, ist das sehr teuer. »In manchen Familien müssen die Kinder auch die kranken Großeltern pflegen«, fügt Nguyen Ba hinzu.

Dann sind da natürlich noch die AI ten, die ganz einfach die Stadt nicht verlassen wollen, und Eltern, die sich nicht von ihren Kindern trennen möchten. Kurzum, die »Aussiedlung« ist zwar obligatorisch, wird aber nicht mit Gewalt betrieben.

Neben PnomPenh, der Hauptstadt von Kambodscha, ist Hanoi -- in allen Stadtteilen -- eine der saubersten Städte Südostasiens, Singapur eingeschlossen, von Hongkong gar nicht zu reden.

In Hanoi gibt es zwar kein Verkehrsgewimmel, aber doch lebhaften Betrieb auf den Straßen. Da rollen Militärfahrzeuge aus dem gesamten sozialistischen Lager, ein paar Pkw -- Regierungs-Wolgas, Tschaikas, Moskwitschs und Mercedes von der Chinesischen Botschaft. Darunter mischen sich Rikscha-Kulis (die in Genossenschaften zusammengeschlossen sind), altertümliche grüne und blaue Straßenbahnen und Büffel-Karren (die nicht so aussehen, als dürften sie in das Botschaftsviertel fahren).

Aber Hanoi ist vor allem das Amsterdam Asiens, das Reich des Fahrrades. Zwei oder drei Menschen sitzen auf einem Rad, junge Mädchen als Amazonen, Mütter mit einem Kind im Arm. Körbe jeder Größe werden befördert, mit Ziegelsteinen, Bananen, Kohlenstaub, Holz.

Anders als in China tragen Fußgänger und Radfahrer keine unifarbene Kleidung. Natürlich sieht man viel Khaki und Beige -- bei der Miliz und den Soldaten. Aber

man sieht auch blaue und weiße Hemden und Blusen sowie die traditionellen schwarzen Hosen der Frauen, den »calquan«. Kleider in leuchtenden Farben bekommt man allerdings nur selten zu sehen -- bei Hochzeiten und an großen Festtagen.

Was ißt man in Hanoi? Das Grundnahrungsmittel ist -- wie überall in Vietnam -- Reis. In der Stadt ist er rationiert, aber gegen eine Lebensmittelkarte bekommt man ihn (was früher nicht immer der Fall war).

Nach gründlicher Prüfung kann man sagen, daß die Lebensmittelversorgung in Hanoi -- mit asiatischen Maßstäben gemessen -- im Augenblick ausreichend ist.

Die Schweinefleisch-Ration beträgt durchschnittlich 300 Gramm im Monat. (In Frankreich während der deutschen Besetzung: 90 Gramm Fleisch mit Knochen oder 72 Gramm ohne Knochen pro Woche.) Es gibt nur sehr wenig Rindfleisch und noch weniger Büffelfleisch frei zu kaufen. Denn der Büffel gilt als »Produktionsmittel 1«. Doch andererseits ist Reis und nicht Fleisch das Grundnahrungsmittel der Vietnamesen.

Die zufriedenstellende Reisversorgung hat zwei Gründe: Die letzte Ernte war gut, die nächste wird nach dem, was ich in der Provinz gesehen habe, ausgezeichnet sein; außerdem haben die Chinesen sehr kräftig mit Reislieferungen geholfen.

Gegenüber den Landbewohnern ist der Durchschnittsbürger von Hanoi in seiner täglichen Ernährung zwar im Nachteil, aber man muß zweierlei bedenken: Zahlreiche Einwohner nehmen ihre Mahlzeiten in Gemeinschaftskantinen ein, die regelmäßig mit Lebensmitteln versorgt werden. Andere fahren am Wochenende aufs Land -- meist, um ihre Kinder zu besuchen -- und bringen dann am Sonntagabend auf ihrem Farrad mit, was in der Stadt frei, aber sehr teuer verkauft wird: Geflügel, Wasserwinden Kürbisse, Auberginen, Bananen und Salat. Das alles gibt es auch an Wochentagen in Hanoi auf dem Markt zu kaufen, wenn die Bauern auf den Straßen ihre Waren feilbieten. Die Ware ist im Verhältnis zu den Löhnen zwar teuer, aber man kann sie bekommen, und es gibt auch Käufer.

Die nordvietnamesischen Führer sagen: »Wir fürchten nicht, daß wir zuwenig produzieren, aber wir müssen aufpassen, daß es gerecht verteilt wird.« Alles in allem wird dieses Prinzip offenbar respektiert.

Arbeiter und Aktivisten haben allerdings Vorteile: Die einen erhalten mehr Fleisch und Zucker, die anderen mehr Tee und Zigaretten. In den Sondergeschäften, in denen die ausländischen Diplomaten Krabben und Zahnpasta kaufen -- und wo man leichtbelustigt erleben kann, wie die Sowjets mit Vorliebe chinesische Stoffe erwerben -, sieht man mitunter auch vietnamesische Parteifunktionäre.

Den Durchschnittsbewohnern von Hanoi fehlen vor allen Dingen Eier, Fisch und »nioc mam«, die Soße für alles. Fisch und »nioc mam« sind in Hanoi deswegen 50 knapp, weil Amerikas 7. Flotte viele Fischer an ihrer Arbeit hindert.

Die Bewohner von Hanoi möchten auch gern mehr Trocken- oder Kondensmilch oder mehr Tee zu angemessenen Preisen kaufen können. Statt Tee gibt es häufig einen ziemlich bitteren Ersatz, den »voi«. Sobald die Waren eintreffen, bilden sich vor den Lebensmittelgeschäften Schlangen von 15 bis 40 Personen.

Bei den wichtigsten Artikeln für den täglichen Bedarf scheint die Situation ganz erträglich zu sein.

im Kaufhaus Bach Hoa Tong Hop, dem früheren »Magasins Réunis«, sowie in kleinen staatlichen und halbstaatlichen Geschäften in den Wohngebieten und Vorstädten habe ich mir genau die Abteilungen angesehen, die bescheiden, aber sehr regelmäßig beliefert werden. Das Angebot umfaßt Thermosflaschen (für einen Bauern, der ständig unterwegs ist, überaus wichtig), Stoffe, Taschentücher, Hemden, Hosen und kleine Handtücher.

Natürlich begrenzt der Preis die Nachfrage. Aber seltsamerweise stehen auch viele Leute an den Schaltern der Sparkassen -- mehr als vor den Ständen der Los-Verkäufer für eine Tombola.

Gewiß, es fehlt der Bevölkerung von Hanoi an Proteinen und Kohlehydraten; Darmkrankheiten sind weit verbreitet. Doch die Tuberkulose ist selbst während des Krieges zurückgegangen. »Normalerweise«, so erklärt mir Gesundheitsminister Pham Ngoc Thach, »steigt während eines Krieges die Zahl der Tuberkulosefälle.

Trotz des Krieges amüsiert man sich auch in der Hauptstadt. In den Eisdielen, den »Kem«, gibt es verschiedene Bananen-, Orangen- und Ananas-Getränke sowie Bier und Limonade -- Raritäten in der Provinz.

Sehr oft gehen die Einwohner von Hanoi ins Kino. Es gibt zwölf überdachte Lichtspielhäuser, fünf Freilichtkinos und ein Kino nur für Kinder. Die Vorstellungen beginnen um 17.30 Uhr und enden um 21.30 Uhr. Seit einigen Tagen dürfen auch Jugendliche unter 16 Jahren wieder die Kinos für Erwachsene besuchen.

Um bei Alarm die Räumung zu erleichtern, wird im allgemeinen nicht mehr als die Hälfte der Karten verkauft. Folglich steht man schon frühzeitig Schlange, und folglich gibt es auch einen kleinen schwarzen oder grauen Markt für Kinokarten.

Jeden Abend sind sechs Theater geöffnet: Im »Cloche d'Or« sah ich mir eine Volksoper an. Die Bühnenausstattung war mehr als veraltet, die Kostüme jedoch waren neu. Es gibt viele Theaterfreunde.

Die Herrenfriseure haben zu jeder Tageszeit viele Kunden: Die Einwohner Hanois sind ebenso eitel wie die Italiener und lassen sich gern punkt zwölf Uhr mittags oder fünf Uhr abends rasieren.

Ich glaube, gerade in Kriegszeiten ist die Moral im klassischen Sinne ein Wertmaßstab für den herrschenden Geist. 1945 waren in Hanoi 30 000 Dirnen registriert. 1967 gehört Hanoi zu den wenigen Städten Südostasiens, in denen man nicht angesprochen wird: »Hübsches Mädchen, yes. Meine Schwester? Nein? Ein kleiner Junge? Nein? Dann vielleicht ein kleiner Bonze?«

Ob kommunistisches Regime oder nicht: Wenn die Moral schlecht ist, wenn es den Menschen schlecht geht, dann gibt es Prostitution. Befragt man die Behörden, so lautet die offizielle Antwort: »Das Problem ist grundlegend geregelt.

Im Sprachgebrauch Nordvietnams bedeutet »grundlegend« zu 90 bis 99 Prozent.

Ob kommunistisches Regime oder nicht: Stünden die Dinge wirklich so schlecht, wie manche amerikanische Experten glauben, so gäbe es Bettler. Alteingesessene Bewohner Hanois -- Ausländer, keineswegs Sozialisten -- bestätigen mir, daß sie noch nie Bettler gesehen haben.

Die Einwohner Hanois geben sich -- ebenso wie die Menschen, denen ich auf dem Lande begegnete -- erstaunlich gelassen.

Ich glaube, bei der Mehrheit der Bevölkerung ist das keineswegs jener berühmte »asiatische Fatalismus«, auf den sich immer noch viele bedeutende Asien-Experten berufen. Die Partei, die seit 1945 kräftig agitiert und seit 1954 an der Macht ist, hat es sich zur vordringlichen Aufgabe gemacht, diesen Fatalismus psychologisch zu liquidieren.

Es liegt keine Resignation in der Luft, sondern eine »Entschlossenheit«, die zuweilen schwindelerregend ist. Alles ist vorbereitet, um unterirdisch in Deckung zu gehen, um Hanoi im Notfall sozusagen völlig »auszusiedeln«. Hanoi ist ein zweites Madrid -- im Gegensatz zu Madrid aber bereit, sein Guernica zu überlebens.

Ich sah in Hanoi im Historischen Museum eine kleine, drei Zentimeter hohe neolithische Quarzstatue. Angeblich handelt es sich um ein sehr seltenes Exemplar, das 1966, bald nach Beginn der Eskalation, gefunden wurde: Man setzte und setzt auch heute noch die archäologischen Ausgrabungen fort -- und das sogar mit ein paar mehr Forschern als im Jahre 1964.

Über eines haben die Amerikaner, glaube ich, nicht genügend nachgedacht. um die Einmütigkeit im Willen

* Am 26. April 1937 zerstörten Flugzeuge der deutschen Legion Condor den nordspanischen Ort Guernica. der auf republikanisch kontrolliertem Gebiet lag. Es war der erste Grollangriff einer Luftwaffe auf ein ziviles Ziel. Die Legion Condor hatte großen Anteil am Sieg der Franco-Truppen über das republikanische Regime in Madrid, zum Widerstand und in der Kampfbereitschaft zu begreifen, die man sich kaum vorstellen kann, wenn man nicht selbst im Lande war.

Die Amerikaner unterliegen einem politischen Trugschluß: Fast alle kommunistischen Regime, so denken sie, könnten bei freien Wahlen nur mit der Unterstützung einer Minderheit der Bevölkerung rechnen.

Und da die Demokratische Republik (Nord->Vietnam von einem kommunistischen Regime geführt wird, genüge es, die Zivilbevölkerung zu demoralisieren. Die werde dann ihre Machthaber unter Druck setzen, mit den Amerikanern zu deren Bedingungen zu verhandeln.

Bei dieser Rechnung, die -- so verwerflich sie auch ist -- anderswo aufgehen mag, haben die Amerikaner einen wesentlichen Punkt übersehen: In Nordvietnam und vielleicht nur dort

hat ein sozialistisches Regime einem Bauernvolk zugleich die Unabhängigkeit und den Sozialismus gebracht.

Sozialismus und Patriotismus gehen Hand in Hand in der Entschlossenheit, vor den Amerikanern nicht zu weichen. Hanoi wird nicht nachgeben und fühlt sich auch nicht am Boden zerstört. Im Gegenteil, die Bevölkerung Vietnams und Hanois behauptet -- ob zu Recht oder zu Unrecht -, daß sie Widerstand leisten kann; sie sagt auch, daß sie die Amerikaner schlagen kann

und sie glaubt es: »Wir behaupten nicht, daß die Amerikaner Elefanten auf tönernen Füßen sind, doch wir werden sie besiegen.

Den Massen der Hauptstadt wird erklärt: »Hanoi wird vielleicht zerstört werden, und ihr werdet euch vielleicht am Rande des Reisfeldes mit nur einer Hose wiederfinden.« Das ist die Doktrin und die Praxis des Volkskrieges.

Im Verlaufe eines ersten freundschaftlichen Privatgespräches sagt mir Premierminister Pham Van Dong: »Wir lassen uns von den Bomben nicht unterkriegen, wir trotzen ihnen.«

Der Premier spricht mit sanfter, nachdenklicher Stimme. Von Zeit zu Zeit hebt er ein Wort hervor, unterstreicht es mit einer Geste seiner rechten Hand. Diesmal ist es das Wort »trotzen«.

Ich habe das vietnamesische Volk, das »den Bomben trotzt«, auch in der Provinz Ninh Binh besucht, die 530 000 Einwohner hat und etwa 100 Kilometer südlich von Hanoi liegt.

In Hanoi und in der Provinzhauptstadt von Ninh Binh, die völlig dem Erdboden gleichgemacht ist, sagt man, daß »diese Provinz durch die Bombenangriffe nur mittelmäßig betroffen wurde«. Tran Tinh, ständiges Mitglied des Partei- und Verwaltungskomitees der Provinz, erzählt, daß Ninh Binh zum erstenmal am 22. Mai 1965 angegriffen wurde. Von Mai bis Dezember 1965 folgen monatlich fünf bis sechs, 1966 monatlich 20 Luftangriffe. Die Statistiken für die ersten zehn Monate dieses Jahres sind noch nicht erstellt worden. Im Augenblick kommen die Bomber jeden Tag. Während meines Aufenthalts in der Provinz erlebte ich mindestens sechs Bombenangriffe pro Tag.

Bis 1966, also innerhalb von 20 Monaten, wurden 13 Kirchen, neun Schulen, zwölf Krankenhäuser und Lazarette getroffen.

In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden mindestens sieben Schulen und vier Kirchen. 20 Dämme und Wasserkraftwerke angegriffen -- so sieht die Eskalation in einer »mittelmäßig betroffenen« Provinz ans. Überall sah ich zerbombte Kirchen, Pagoden, winzige Brücken und Dörfer. Die Provinz hat andererseits 55 abgeschossene US-Flugzeuge zu melden.

»Wenn etwas passiert, ein Bomben- oder Artillerieangriff, dann folgen Sie mir«, sagt Minh und rückt seinen Plastikhelm und seinen Regenmantel zurecht, der ihm das Aussehen eines englischen Offiziers verleiht.

Wir haben Hanoi um 18 Uhr bei Dunkelwerden verlassen und sind über holprige Wege und durch weichen Lehm auf die Straße Nr. 1 gelangt, die bis hinunter zum 17. Breitengrad und weiter nach Saigon führt. Der Schein der Mondsichel, Leuchtkäfer und die verdunkelten Scheinwerfer von mehreren tausend Fahrzeugen erhellen das Dunkel der Nacht.

Hier sind alle Volksdemokratien vertreten. Die meisten Last-, Tank-, Kran- und Befehlswagen kommen aus Rußland. Es sind »Sis«, »Sil«, »Molotowa«, »Gaz« und gigantische 15-Tonner ("Auerochsen"). Aber man sieht auch viele chinesische »Giaphong«-Wagen mit langer, abgerundeter Schnauze, tschechische »Praga« und »Tatra« rumänische und ungarische Lastwagen, polnische »Star«, »Ifa«-Lkw aus der DDR und koreanische »Schwalben«.

Fast alle Lastwagen sind mit Planen bedeckt, wenn sie nach Süden rollen. Palmen-, Bananen- und Filao-Blätter tarnen sie. Auf der Motorhaube deckt ein Schutzdach aus Rohrgeflecht den Lichtschein aus dem Führerhaus ab, wenn der Fahrer für eine Viertelstunde haltmacht und eine Schüssel Reis mit Büchsenfleisch oder Ölsardinen verzehrt.

Kein Zweifel: Die sozialistischen Länder liefern Material in Fülle.

Zwischen den Militär-Konvois bewegen sich alte französische Autobusse, Radfahrer und Fußgänger vorwärts. Dann kommen Büffel, die Wägelchen ziehen, Bauern, die Karren vor sich herschieben, Gruppen von Soldaten mit runden Regimentsabzeichen, Milizionäre mit rechteckigen. Die Soldaten, Tornister und Reisbeutel umgehängt, haben den gleichen kurzen Schritt, die gleiche geduldige Haltung wie zur Zelt von Dien Bien Phu.

Überall, am Rand der Reisfelder und vor den Ruinen der Häuser, sieht man Kolonnen junger Mädchen, die mit Körben Erde in Löcher schütten, Schutt räumen, graben, teeren, Bombentrichter oder, noch häufiger, vom Regen ausgewaschene Mulden planieren.

Wenn es regnet, wickeln sie sich in ein großes Stück durchsichtig-blauen Plastikstoff ein. In der Ferne, nach Süden zu, hört man Bombendetonationen und starken Kanonendonner. Ein Nordvietnamese scheint auf diese Geräusche nicht zu achten, solange die Einschläge nicht bis auf einen Kilometer herankommen.

Hier und da liegen Vorratskisten aller Größen mit Aufschriften in allen Sprachen der sozialistischen Länder. Hier und da auch sieht man die langen, mit Planen verhängten Sattelschlepper der »Sam«-Raketen: Die Nordvietnamesen legen möglichst viele dezentralisierte Materialdepots an.

Wir passieren mehrere Notbrücken, die aus verschiedenartigen Teilen bestehen, sogar aus Sampans und Dschunken. Auf den ersten Blick würde man es nicht einmal mit einem »Citroën 2 CV« wagen, sie zu überqueren, doch selbst die 15-Tonner-»Auerochsen« kommen heil hinüber.

Es ist Mitternacht. Wir erreichen die Brücke über den Hoang Long, den Gelben-Drachen-Fluß. Sie ruht auf unsinkbaren Bambus-Schwimmkörpern. Und Bambus verhält sich bei Bombenangriffen wie ein Pingpongball: Es kommt immer wieder an die Oberfläche.

An jeder Seite der Chaussee verlaufen Planken als Leitschienen für die Fahrzeuge. Und Millionen Unterstände säumen die ganze Landstraße Nr. 1 wie Seezeichen.

Plötzlich geht eine leichte Erschütterung durch die Reihe der Fahrzeuge auf der Brücke. Wir steigen aus. Auf der Spitze eines Hügels gibt der »Brückenchef« Anweisungen. Es ist ein Bauer mit einem Helm aus Palmenblättern auf dem Kopf.

Zu viele Lastwagen waren zur gleichen Zeit auf die Brücke gefahren; sie hängt einige Zentimeter durch. Ein »Praga« an der Spitze der Kolonne schafft die Steigung zum rechten Ufer nicht. Auf beiden Seiten der Brücke warten getarnte Konvois in weitem Abstand voneinander.

Wie überall in Nordvietnam, gibt es sicher auch hier vier oder fünf Ausweichbrücken mit getrennten Zufahrtwegen. Aber eine dieser Umlei-

* Bei der Reparatur einer Telephonleitung.

tungen zu benutzen, würde noch mehr Zeit kosten.

Ich dachte, man werde den »Praga« vielleicht in den Gelben Drachen stürzen. Die Entscheidung liegt beim Brückenchef, der alle Manöver dirigiert.

»Neu bay gio gion son den thi«, murmelt ein Fahrer, der neben uns steht, und steckt sich eine Zigarette an. Das heißt: »Wenn jetzt ein »Johnson« (ein amerikanisches Flugzeug) auftaucht, wird es eine schöne Schweinerei gegeben.« Schließlich findet man einen »Ifa«, der den »Praga« mit einer Kette die Uferböschung hinaufzieht.

Es ist 0.15 Uhr. Um 0.29 Uhr sind wir im »Gästehaus« untergebracht. Amerikanische Flugzeuge kommen näher. In zwei, drei, vier Kilometer Entfernung detonieren Bomben. »Sie suchen die Brücke«, sagt Minh.

In dieser Nacht hören wir das Dröhnen der Konvois, die unaufhörlich vorüberrollen, das Pfeifen der Flugzeuge und das Grollen der detonierenden Bomben, die den Boden beim »Gästehaus« erheben lassen.

Am nächsten Morgen um 4.30 Uhr essen wir im Schein einer Petroleumlampe Kaiser-Pasteten, Bananen und Reis. Ich frage unseren Führer Tran Dung Dien -- er ist Spezialist für Agrarfragen bei der Provinzzeitung »Ninbinh« -, wo gestern abend die »nahen« Bomben gefallen sind. Er sagt: »Auf Tuy Ho, ein kleines Dorf. Es hat Tote und Verwundete gegeben.«

Ich möchte nach Tuy Ho fahren. Man ist etwas erstaunt: Solche Fälle wie Tuy Ho gibt es doch alle Tage. Aber gut, einverstanden. Man wird mich nach Tuy Ho bringen.

Zunächst fahren wir mit einem Befehlswagen. Dann überqueren wir den Goldenen-Drachen-Fluß in einem Sampan-Taxi aus Bambus, das mit Harz und Maniokpaste kalfatert ist. Zwanzig Pfennig kostet die Überfahrt für jeden Passagier, Fahrräder werden umsonst befördert. Dann folgt ein langer Fußmarsch auf einem Damm.

Hinter einer kleinen Brücke, die heute für Autos nicht mehr befahrbar ist, steigen wir wieder in einen Befehlswagen. Aber er kann nicht wenden; der Damm ist zu schmal. Die Lösung ist vietnamesisch: Wir rufen eine Gruppe Frauen, die mit aufgekrempelten Hosen in einem Reisfeld arbeiten. Laut lachend kommen sie und bauen in aller Eile eine kleine Plattform. auf der der Befehlswagen wenden kann.

Nach Tuy Ho, einem von 400 Familien bewohnten Weiler, gelangen wir auf einem gewundenen Weg. Er wird gesäumt von einer Vegetation, die Rousseau gemalt haben könnte, mit den leuchtenden Flecken der roten Hibiskus- und gelben Kürbisblüten.

Das sehr alte Gemeindehaus ist von Bomben beschädigt. Schimären, Drachen und Tiger auf der Täfelung sind zersplittert. Vor dem Haus grast ein Büffel mit einem großen getrockneten Blutfleck auf der rechten Flanke.

Wir kommen an eine Stelle, die jetzt wie ein Platz aussieht: Hier sind die meisten Bomben eingeschlagen. Die Erde ist übersät mit versengtem Schilfrohr, mit Ziegel- und Tonscherben.

An einem Brunnen liegen eine Gummisandale und ein winziges Schulheft, das dem Pham Van Thiem, Klasse 6 C, gehörte. Neben einem mit Wasser gefüllten Bombentrichter, zwischen den Resten einer Strohhütte, wühlen zwei schwarze Ferkel im Schlamm. Im Hintergrund dieses schaurigen Platzes räumen Milizionäre auf und sortieren die Ziegel. Welpen mit rotem Fell laufen umher.

In einem Klassenraum der Dorfschule zieht Vu Van Du, der Vorsitzende der Genossenschaft, mit nüchterner Stimme Bilanz: »Die Flugzeuge sind eine halbe Stunde nach Mitternacht gekommen. Alles schlief im Dorf. Es hat nur einige Minuten gedauert.« »Flogen sie hoch?« fragte ich. -- »Nein, ungefähr 300 Meter.« -- »Wie konnten Sie die Höhe schätzen?« »Am Schatten der Flugzeuge. Sie haben 16 Zwanzig-Kilo-Bomben abgeworfen.« »Wie haben Sie die Zahl der Bomben festgestellt?« »Wir haben sie gezählt.«

Vu Van Du sagt: »Es hat sieben Tote gegeben, vier alte Frauen und drei Kinder zwischen drei und zwölf Jahren. In einem der Häuser wurde eine dreiköpfige Familie getötet die ganze Familie.«

Jedesmal, wenn so etwas geschieht, betonen die Nordvietnamesen die Tatsache, daß »eine ganze Familie getötet wurde«. Dann hat man den Eindruck, daß sie die Amerikaner noch mehr hassen, daß sie in der getöteten Familie das Symbol für das Schicksal sehen, das manche Amerikaner dem ganzen Land bereiten möchten.

Das Klassenzimmer ist voller Neugieriger; es sind alles Männer. Man bietet uns Tee und Limonade an. »Acht Verletzte', fährt Vu Van Du fort, »vier schwer, vier leicht. Zehn Häuser zerstört, vier wie weggeblassen, das Gemeindehaus und ein Klassenraum beschädigt. Außerdem haben die Dächer und Mauern von fünfzehn weiteren Häusern etwas abbekommen.«

Nach jedem Bombardement oder Feuergefecht ist es Aufgabe der Dorflehrer, eine genaue Inventur vorzunehmen. In Tuy Ho lautet sie: 21 Tonnen ungeschälter Reis vernichtet, ein Büffel getötet, ein weiterer verletzt, zwei Schweine und mehr als 100 Stück Geflügel getötet.

Wir gehen noch einmal durch das kleine Dort und kommen zum Haus von Nguyen Manh Ung. Es ist stehengeblieben und fast unbeschädigt. abgesehen von einigen Löchern, die Splitter in die gekalten Lehmwände gerissen haben.

Ung, ein 31jähriger Bauer mit einem langen Gesicht, hat verweinte rote Augen. Außer militärischen Geheimnissen verbergen die Nordvietnamesen nur ihren Schmerz. Ung gibt sich die größte Mühe, sein Leid nicht zu Zeigen, aber er schafft es nicht: In diesem fast völlig unbeschädigten Haus sind seine Mutter und seine dreijährige Tochter umgekommen.

Sie schliefen auf einer Strohmatte und hatten nicht mehr die Zeit, in ihren »Keller« unterzutauchen, ein tiefes, zementiertes Loch unter dem Tisch, das nur 40 Zentimeter von ihrem Bett entfernt war. Die Bombensplitter durchschlugen die Mauer in dem Augenblick, als Großmutter und Enkelin in den Unterstand kriechen wollten.

Draußen sind Milizionäre und Einwohner noch immer dabei, den Platz aufzuräumen. In zwei Wochen wollen sie die Strohhütten wiederaufgebaut haben.

»In dieser Gegend gibt es nicht einmal ein Treibstofflager«. klagt Vu Van Du. »Auch keine Flakstellung?« -- Nein.«

Ich habe Dutzende kleiner zerstörter Dörfer wie Tuy Ho gesehen -- die meisten 30 bis 40 Kilometer von jedem militärischen Ziel entfernt.

Man begleitet uns bis zum Gemeindehaus zurück. Wie üblich, dankt man uns, daß wir gekommen sind. Vu Van Du hält eine kleine Rede über »die Entschlossenheit der Einwohner des Dorfes Tuy Ho, die amerikanischen Piraten und Aggressoren zu schlagen Die Männer hinter ihm nicken zustimmend mit dem Kopf.

Wir machen uns wieder auf den kurvenreichen Weg zurück zu den Reisfeldern und Dämmen. In der Ferne detunieren von neuem die Bomben und donnern die Kanonen.

Welche Befehle, welchen Auftrag hat man den Piloten gegeben, die vor wenigen Stunden über Tuy Ho waren? Die Brücke über den Gelben-Drachen-Fluß zu zerstören, eine Brücke, die doch -- wie alle Brücken hier -- nach kurzer Zeit schon wiederaufgebaut ist?

Oder sollten sie Tuy Ho direkt angreifen, ein Dorf, aus dem Leute kommen. die Straßen und Brücken reparieren? Oder hat man in den Instruktions-Räumen der amerikanischen Flugzeugträger den Bomberpiloten nur ein Planquadrat ohne präzise Ziele angegeben?

Was ich an anderen Orten gesehen habe, und was ich nur wenige Stunden nach dem Bombardement von Tuy Ho im Süden der Provinz Ninh Binh wieder sehen sollte, hat mich überzeugt, daß zivile Ziele systematisch angegriffen werden, gleich, ob ein militärisches »Alibi« in der Nähe liegt oder nicht.

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