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GESUNDHEIT Gefährliche Nebenwirkung

Der Versuch, die Abrechnungstricksereien in medizinischen Labors zu beenden, gelang radikaler als erwartet. Folge: Die Versorgung der Patienten hat sich verschlechtert.
Von Sebastian Raedler
aus DER SPIEGEL 45/2000

Bei seinem Hausarzt klagte Heinz D. aus Hamburg über starke Schmerzen in der Brust. Nach einem EKG vermutete der Mediziner einen Herzinfarkt. Um Sicherheit zu haben, veranlasste er eine Blutuntersuchung. Doch statt 40 Mark für den zuverlässigen Troponin-Test auszugeben, entschied sich der Doktor für eine veraltete, aber billige Methode. Bei der beliefen sich die Gebühren auf nur 50 Pfennig. Der Test war negativ, der Patient wurde nach Hause geschickt.

Als die Schmerzen zunahmen, machte sich der Mann ohne Einweisung auf den Weg ins Krankenhaus. Dort bestätigte ein Troponin-Test den Infarktverdacht. Der Patient kam auf die Intensivstation.

Für den Freiburger Mediziner Eiko Petersen ist D. »nicht zuletzt ein Opfer der Laborreform«. Das Leben des Patienten sei gefährdet gewesen, weil ein Arzt mehr auf die Wirtschaftlichkeit seiner Arbeit denn auf das Wohl des Kranken geachtet habe. Und das, so der Infektiologe, sei eine gefährliche Nebenwirkung der Neuordnung, mit der die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) im Juli 1999 die Korruption in medizinischen Labors zu unterbinden versuchte. Seitdem gilt: Wer weniger Laboruntersuchungen in Auftrag gibt, wird belohnt.

Nicht nur in Einzelfällen ist das Leben der Patienten in Gefahr. Vor allem die Eindämmung von Infektionskrankheiten bedarf der Labordiagnostik. Welche Folgen die neue Zurückhaltung haben kann, lässt eine Epidemie im badischen Dorf Kraichtal-Münzesheim erahnen. Innerhalb von vier Wochen erkrankten dort über 40 Kinder an eitrigem Husten und Fieber. Kein Arzt erkannte die Ursache - eine Mycoplasmen-Infektion.

Erst als ein Patient mit Lungenentzündung in die Klinik eingeliefert wurde, wurde das Gesundheitsamt benachrichtigt, das Blutuntersuchungen veranlasste. Der behandelnde Arzt hatte darauf verzichtet. »Durch die Laborreform sind die Ärzte zum Rumbasteln gezwungen«, klagt der Mediziner Dieter Hassler, der den Fall rekonstruierte. Die Folge sei alarmierend: »Wir werden infektiologisch zu einem Land der Unwissenden.« So nahm die über Jahre konstante Zahl der Salmonellenvergiftungen um 30 Prozent ab. Für Wolfgang Kiehl, Epidemiologe am Robert-Koch-Institut, gibt es dafür »keine medizinische Erklärung«. Da bleibt nur diese: Salmonellenvergiftungen wurden nicht mehr festgestellt.

Dass eine Reform im Laborbereich notwendig war, ist unbestritten. Die Zahl der Laboruntersuchungen war in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Viele waren aus Sicht der KBV medizinisch nicht notwendig. Häufig vermerkten Ärzte auf ihren Überweisungsscheinen nicht genau, welche Untersuchungen sie tatsächlich anforderten. Das ermöglichte den Labors, die Leistungsmenge selbst zu vergrößern - in der Branche hieß das »Scheine veredeln«.

Beim Eindämmen der Tricksereien sind die Reformer aber übers Ziel hinausgeschossen. Um 15 Prozent sollte die Zahl der Laboruntersuchungen reduziert werden, doch die Mediziner schickten nach Statistiken des Berufsverbands der deutschen Laborärzte gleich 40 Prozent weniger Proben in die Labore. Viele Ärzte, kritisiert Petersen, seien »wie gelähmt und unterlassen notwendige Untersuchungen«.

Alle Laboruntersuchungen, die ein Arzt in Auftrag gibt, sind seit der Reform budgetiert - ein Internist darf etwa fünf Mark pro Kassenpatient und Quartal aufwenden. Kommt er mit dem Geld aus, erhält er am Quartalsende einen Wirtschaftlichkeitsbonus - bei einem Internisten mit 1000 Patienten sind das etwa 3000 Mark. Jede Mark, die über das Budget hinausgeht, wird ihm vom Bonus abgezogen. Mancher Arzt verzichtet da lieber auf die Medizin als auf sein Geld und

* verschreibt oftmals breit wirkende Antibiotika ohne genaue Untersuchung. Die sind billig im Preis, aber reich an Nebenwirkungen;

* untersucht den Patienten nur bei konkreten Schmerzen. Für Vorsorgeuntersuchungen oder Kontrolle langfristiger Erkrankungen bleibt im Budget kein Platz;

* verschiebt Laboruntersuchungen aufs nächste Quartal, wenn das Budget erschöpft ist;

* schickt Patienten oft ohne Voruntersuchung direkt zum Spezialisten oder in die Ambulanzen der Krankenhäuser.

Trotzdem verteidigt KBV-Experte Andreas Köhler die Reform. Der erste Versuch, die jahrelangen Fehlentwicklungen zu bereinigen, sei ein »genialer Erfolg«. Und die unerwünschten Auswirkungen bei meldepflichtigen Infektionskrankheiten habe man korrigiert, indem man sie wieder von der Budgetierung ausgenommen habe.

Doch die Zahl der entdeckten Infektionsfälle hat sich, das weisen Statistiken von Hans Rodt, dem Vorsitzenden des Laborverbands, aus, nicht normalisiert. Rodt: »Die Ärzte sind verunsichert und verzichten weiterhin auf die Untersuchungen.« SEBASTIAN RAEDLER

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