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BALKAN / MAZEDONIEN Gefährliche Pfade

aus DER SPIEGEL 8/1968

Tito soll schrumpfen. Seinen Teilstaat Mazedonien, etwa ein Siebtel Jugoslawiens, begehren die Bulgaren -- und Moskau stützt sie dabei.

Kaum hatte der jugoslawische Staatschef gegen Moskaus Willen wieder mit den Westdeutschen angehandelt, bauten ihm die Russen eine Ostfront auf. Anfang Februar lokalisierte Jugoslawiens politische Massenorganisation »Sozialistische Allianz« einen neuen und doch alten Gefahrenherd, gefährlicher als Vietnam: die »mazedonische Frage«.

Vor 90 Jahren hatte Rußlands Zar ganz Mazedonien den Bulgaren zugeteilt. Auf dem Berliner Kongreß nahm Deutschlands Bismarck 1878 es ihnen wieder zugunsten der Serben und Türken ab. Die Mazedonier, heute 1,2 Millionen Menschen, sind das einzige Balkanvolk, das nach dem Ende der Türkenherrschaft nicht selbständig wurde. Die Bulgaren führten sogar fünfmal Krieg wegen Mazedonien -- heute ist es dreigeteilt: 40 000 Mazedonier gehören zu Griechenland, 180 000 zu Bulgarien, eine Million zu Jugoslawien, das ihnen eine eigene »Mazedonische Sozialistische Republik« innerhalb des Tito-Reichs zugestand. Die Jugoslawen mühten sich, diesen Teilstaat zu industrialisieren, und entwickelten eine eigene mazedonische Kultursprache.

Doch die Bulgaren kennen kein »Mazedonisch« -- für ihre Ohren sprechen die Bewohner des Wardar-Tais einen bulgarischen Dialekt und sind Bulgaren unter fremder Besatzung.

Der Kreml ermuntert die bulgarische Irredenta immer dann, wenn Jugoslawien sich Moskau gegenüber nicht folgsam zeigt: 1948, als Tito aus Moskaus Kolonialverein »Kominform« ausschied, und 1958, als Moskau Titos »Revisionismus« verurteilte, warfen die Bulgaren ihre »mazedonische Frage« auf. Vorsichtig ließen die Jugoslawen ihre Panzersperren und Grenzbefestigungen gegen Bulgarien stehen.

Nach dem Sturz des Belgrader Sowjetfreundes Rankovic 1966 sehnten sich bulgarische Zeitungen erneut nach den abgetrennten Brüdern im jugoslawischen Mazedonien.

Im Mai 1967 reiste Sowjetparteichef Breschnew in die bulgarische Hauptstadt und beschwichtigte: Der Zeitpunkt sei ungünstig für bulgarische Wiedervereinigungs-Forderungen. Breschnew lud Tito nach Moskau ein, Belgrad und Sofia beschlossen, eine direkte Telephonleitung zu bauen.

Einen Monat später fuhr Bulgariens Premier Schiwkoff zum erstenmal nach Belgrad. Die Nahostkrise beendete seinen Staatsbesuch vorzeitig. Tito nutzte den Zeitpunkt; von der Weltöffentlichkeit kaum beachtet, machte er den Mazedoniern ein Werbegeschenk: Die orthodoxe Landeskirche in Mazedonien durfte sich für autokephal erklären. Die Mazedonier waren nun ein Volk ohne Reich, aber mit eigener Kirche. Tito verlieh dem neuen, unabhängigen Kirchenführer Dositej einen Orden.

Titos neuer Botschafter in Sofia wurde ein Mazedonier. Das mazedonische Landesparlament beschloß, die Schüler fortan außer dem neuen Mazedonisch auch alle anderen in Jugoslawien gesprochenen Sprachen -- einschließlich Türkisch -- lernen zu lassen, nicht aber Bulgarisch.

Zu Stalins Geburtstag am 21. Dezember 1967 eröffnete die bulgarische Parteizeitung »Rabotnitschesko Delo« die bisher gefährlichste rote Mazedonien-Kampagne. Die vom Kreml mißbilligte Versöhnung zwischen Bonn und Belgrad stand bevor.

Das Bulgarenblatt erinnerte an den 90. Jahrestag des einträglichen Friedensvertrags von San Stefano (1878), der als Russen-Geschenk »alle Gebiete als bulgarisch anerkannte, in denen die Mehrheit der Einwohner aus Bulgaren bestand«. Für Bismarcks Berliner Kongreß, der die Zaren-Gabe korrigierte ("ein Komplott gegen das bulgarische Volk"), sollen die Jugoslawen büßen: In der Militärzeitung »Narodna Armija« beanspruchte der bulgarische Oberst Jono Miteff die strittigen Gebiete als »urbulgarisch«.

Die Jugoslawenpresse schoß zurück: Der Oberst begebe sich auf die »gefährlichen Pfade des kriegerischen Abenteuers«. Die Belgrader »Politika« sah Zustände wie auf Zypern oder in Nahost voraus.

Titos Parteiblatt »Borba« enthüllte am 25. Januar, der bulgarische Landhunger sei inzwischen gewachsen: »Großbulgarischer Chauvinismus« fordere außer Mazedonien noch alle südserbischen und albanischen Gebiete, in denen verstreute Mazedonier siedeln.

Das Belgrader Außenministerium hielt die »genau abgestimmte« Bulgaren-Kampagne für geeignet, »die politischen Verhältnisse auf dem Balkan zu verschärfen

Bismarck hatte einst gesagt, der Herr des Wardar-Tals sei der Herr des Balkan. Bulgare Schiwkoff bestätigte jetzt, daß der Kommunisten-Kampf ums Wardar-Tal mehr ist als eine Presseschlacht. »Wir Bulgaren sind Nachfolger der thrazischen Kultur«, versicherte der Kommunist und nannte einen mazedonischen Aufstand gegen die Türken im Jahre 1903 eine der »größten Heldentaten Bulgarien«.

Ein neuer bulgarischer Rundfunksender »Rodina« ("Heimat") für die künftigen Heimkehrer ins Bulgaren-Reich strahlte über den Balkan die Parole aus: »Ob in Thrazien oder Mazedonien -- die Bulgaren kennen nur ein Vaterland.

Die Bulgaren fühlen sich gut gedeckt. In diesen Tagen bieten Moskaus Buchhandlungen den dritten Band einer historischen Dokumenten-Sammlung über die »Befreiung Jugoslawiens von der türkischen Herrschaft« an -- als Beweis für Rußlands Hilfe bei der Erfüllung bulgarischer Balkan-Wünsche.

Tite muß bestraft werden: Er verständigte sich nicht nur mit den Westdeutschen, sondern

beantragte diplomatische Beziehungen zum Gemeinsamen Markt und lieferte damit ein verlockendes Vorbild für andere Ostblockstaaten;

> verlangte eine Konferenz aller Anliegerstaaten des Mittelmeers, um außer den USA auch die Russen aus dieser Region zu verbannen.

Zur roten Gipfelkonferenz in Budapest am 26. Februar wurde Jugoslawien gar nicht erst eingeladen.

Die »mazedonische Frage« gebe es in der Tat, drohte nun die »Borba«, »aber als Problem der Freiheit zur nationalen Entscheidung für die Mazedonier in Bulgarien selbst«.

Die mazedonische Minderheit in Bulgarien, deutete das Blatt damit an, könnte sich ja auch nach Vereinigung mit der jugoslawischen Republik Mazedonien sehnen. Dort herrschen mehr Freiheit und höherer Lebensstandard: In Bulgarien stiegen die Preise 1967 um 50 Prozent.

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