Zur Ausgabe
Artikel 21 / 54

GESELLSCHAFT / LSD Gefährliche Reise

aus DER SPIEGEL 33/1967

Eine junge Frau mit roten Bändern im Blondhaar wand sich im Kerzenstummel-Schummer auf dem Boden des Leerzimmers und schrie, »als werde sie bei lebendigem Leibe gevierteilt«.

Ein männlicher Partygast verzehrte genüßlich eine Stearinkerze, während eine zweite Blondine »die Knöpfe ihres Hemdblusenkleides« öffnete.

»Es gibt eine Ruhe. Ein Ziel. Den Gleichmut und das Angenehm-bewegt-sein«, hatte ein Mann mit Bart gerade aus Buddhas Predigten zum besten gegeben, als ihn »ein Mädchen mit schulterlangen Haaren« von hinten anging und »in den Hals« biß.

Ein Mann, der sich nach Art des Ku-Klux-Klans eine Kapuze über den Kopf gestülpt hatte; ein Ekstatiker, der nur mit Mühe von einem Fenstersturz abzuhalten war -- Dieter Gräbner, 28, Reporter der »Frankfurter Rundschau« (Auflage: 132 000) war letzten März in einer Frankfurter Wohnung elf Personen begegnet, die sich nach dem Genuß der Gaukel-Droge LSD auf eine »sehr gefährliche Reise« begeben hatten.

Drei Monate danach veröffentlichte die »Frankfurter Rundschau« (FR) eine ganzseitige Reportage über die vom Gräbner-Kollegen Richard Wachter auf Tonband mitgeschnittene und vom Rundschau-Photographen Kurt Weiner photographierte Schummer-, Orgie -- als »ein Dokument des Wahnsinns« wie ein von der Rundschau befragter, aber ungenannter Arzt über den Bericht urteilte.

* Linkes Bild: Hedi Sommer, Ehefrau des »Pardon«-Werbechefs, Redaktionsassistentin Ulla Küspert, Cheflektor Rogosky, Verlagsjurist Kuhn, Sekretärin Birgit Wischnewskl; rechtes Bild: Mitverleger Nikel (mit Kapuze).

Es war ein Dokument des Unsinns. Vorletztes Wochenende enthüllte die Frankfurter satirische Monatsschrift »Pardon« (Auflage: 171 000):

> Nicht, wie später in der FR stand, »ein paar junge Leute« hatten »unsere Reporter als Zuschauer zu einer LSD-Party gebeten«, sondern -- was die Rundschau-Leute bis dahin ebensowenig wie ihre Leser wußten -- »die Pardon-Redaktion«.

> Nicht »LSD-getränkter Zucker« war in der Schale gewesen, aus der sich die Party-Teilnehmer »für eine Reise in die Traumwelt« (Gräbner-Reportage) gelabt hatten, sondern -- was Partygast Gräbner ebenfalls erst jetzt erfuhr -- »harmloser Löschkarton« ("Pardon"). Der Schabernack geht auf einen Besuch des Frankfurter Provos Gerhard Götze, 19, in der »Pardon«-Redaktion zurück: Er erzählte von einem merkwürdigen Ansinnen des FR-Reporters Gräbner. Laut Götze hatte der ihm und einem anderen minderjährigen Provo 300 Mark mit der Auflage gegeben, dafür LSD zu kaufen und eine LSD-Party zu organisieren. Darüber wollte Gräbner dann in Wort und Bild berichten.

Die Satiriker mochten zunächst nicht glauben, daß »eine so gute Zeitung wie die »Frankfurter Rundschau' solch krumme Dinger dreht«. Doch als »Pardon«-Redakteur Klaus Imbeck und »Pardon«-Cheflektor Wolf D. Rogosky -- von Echt-Provo Götze bei Gräbner als Provo Klaus und Provo Wolf eingeführt -- vom FR-Reporter selbst eine Offerte zur Teilnahme an der LSD-Party erhielten, beschloß man, Gräbner »zum Schaden noch den Spott zu besorgen: eine LSD-Party, aber ohne LSD«.

»Unrasiert und in Gammlerkluft« suchte nun Imbeck Reporter Gräbner in der Rundschau-Redaktion auf. Imbeck zu Gräbner: Mit Gerhard Götze und seinen Leuten käme die erwünschte Schau-Orgie sicher nicht zustande. Das seien unerfahrene Leute. Er selbst aber gehöre einem Kreis an, der seit langem die Wunderdroge schlucke. Von diesen Leuten könne er seine Orgie haben.

Er bekam sie in einer Redakteurswohnung, die -- so »Pardon« jetzt -- zuvor »in eine stilechte Rauschgifthöhle verwandelt« worden war. Als Darsteller traten auf: mehrere Redakteure, Redaktionsassistenten und Sekretärinnen, Verlagsjurist Kuhn, Cheflektor Rogosky, zwei Ehefrauen von »Pardon »-Verlagsangehörigen sowie »Pardon«-Mitverleger Hans A. Nikel, der Kapuzenmann, der, so der Gräbner-Bericht, »nicht erkannt« werden wollte -- aus gutem Grund: Nikel hatte früher einmal bei der FR gearbeitet.

Und so lebensnah stöhnten und lustjuchzten die »Pardon«-Leute ins Mikrophon der LSD-Berichterstatter, daß Reporter Gräbner bis heute nicht recht glauben kann, daß er genasführt worden sei: »Ich hatte den Eindruck, daß untereinander eine Art Petting stattfand und zum Schluß die Potenz zum Geschlechtsverkehr fehlte.«

Zur Ausgabe
Artikel 21 / 54
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.