Zur Ausgabe
Artikel 50 / 97
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Flüchtlinge Gefährlicher Sommer

Eine Welle albanischer Flüchtlinge erschreckt die Italiener in ihrem Ferienmonat - Menetekel auch für andere Staaten Europas?
aus DER SPIEGEL 33/1991

Ein fetter schwarzer Pfeil zeigt, wo die »Vlora«, nach ihrer Irrfahrt von Hafen zu Hafen, an der apulischen Küste ihre 10 000 elenden Passagiere in Bari an Land warf. In Brindisi, nächster Pfeil in der Zeitungsgrafik, lief der Kutter »Kallmi« mit 300 Flüchtlingen an Bord ein. Vier Pfeile schließen die Stadt Otranto ein, um die Ankunft von vier Schiffen mit über 2000 Albanern an Bord zu markieren.

Italien in Bedrängnis. Zum zweiten Mal seit dem Frühjahr ist das Land von einer Flüchtlingswelle aus Albanien überrascht worden. Und das geschah just in den Tagen vor Ferragosto, dem geheiligten Ferientag Italiens.

In dieser Zeit wünscht sich die Nation nichts anderes, als in wohliger Trägheit an Stränden und auf Bergwiesen zu ruhen. Doch Italien gleicht derzeit einem belagerten Land.

Apokalyptische Szenen erschrecken abends via TV die speisenden Familien an ihren wohlgedeckten Tischen: albanische Frauen, die ihre apathischen Babys vor die Kameras halten und um Wasser flehen; 10 000 Elende im ausgedienten Stadion della Vittoria zu Bari, die von kaum mehr als hundert Carabinieri mühsam in Schach gehalten werden wie wilde Tiere; oder die Treibjagd auf flüchtige Albaner in den Straßen der apulischen Hauptstadt.

In den chaotischen Märztagen der ersten albanischen Flüchtlingswelle wurde die Inkompetenz der staatlichen Stellen Italiens angeklagt, die in der Tat konfus und hilflos reagiert hatten. Die Bevölkerung Apuliens übernahm es damals, die Ankömmlinge zu nähren und zu kleiden und vielen eine vorläufige Unterkunft zu geben.

Doch inzwischen hat sich die Stimmung auch unter hilfsbereiten Italienern geändert. An die 20 000 Albaner sind aufgenommen, die Mehrzahl ist auf verschiedene Flüchtlingslager im ganzen Land verteilt worden. Jetzt erhöhen die meisten von ihnen die Zahl der Arbeitslosen. Es hat häßliche Zusammenstöße zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Albanern gegeben.

Selbst die Unita, Parteizeitung der früheren Kommunisten, die sich heute Linksdemokraten nennen, zeigt daher Verständnis für die »verschlossenen Türen« italienischer Mitbürger, die heute Hilfe verweigern, die sie noch im Frühjahr »großzügig gewährten«.

Offenkundig ist auch das Dilemma der Regierungspolitik geworden. Italien hat seit dem Frühjahr mehrere Abkommen mit den Herrschern von Tirana geschlossen, die dem ausgepowerten Land materielle Hilfe zusichern - im Austausch für einen Stopp des Flüchtlingsstroms.

Aber ein sich auflösendes Regime, das seine Bevölkerung kaum ernähren kann, ist schwerlich in der Lage, den Ausbruch der Hungrigen aufzuhalten. Und wie Italien mag es ähnlich bald auch anderen westeuropäischen Ländern ergehen. Keines von ihnen hat bisher eine Formel für das »Übel des Jahrhunderts« (l'Unita) gefunden und vorgemacht, wie dem Exodus aus armen Ländern sinnvoll begegnet werden könnte.

Nirgendwo anders kam es bislang zum »drohenden Einzelkampf Mann gegen Mann« (Innenminister Scotti) - zwischen rebellierenden Flüchtlingen und den Kräften der Polizei -, so wie es Ende vergangener Woche im »Stadion-Lager von Bari« (la Repubblica) geschah.

Mit Eisenstangen, die sie aus den Geländern gebrochen hatten, und Wurfgeschossen, die ihnen der bröckelnde Beton des Stadions lieferte, setzten sich die Verzweifelten in Bari gegen Polizisten zur Wehr, die sie am Ausbruch hindern wollten. In ihrer hilflosen Wut warfen die Internierten sogar den Ambulanzen Steine hinterher, die mit ununterbrochenem Sirenengeheul Hunderte von Verletzten abtransportieren. Sie wehrten sich gegen die drohende Abschiebung.

Beißender Gestank nach Urin und Schweiß. Eine brüllende Hitze. Handgemenge um die wenigen Zentimeter Schatten, Prügeleien um die Happen Brot, die gegen Abend aus Transportern unter die Menge geworfen wurden - ein Danteskes Inferno aus dem dunkelsten Mittelalter war über das schmucke Bari, den Stolz Apuliens, hereingebrochen.

Ein Mechaniker aus Tirana, den Tränen nahe, wollte nicht glauben, daß er wirklich zurückgeschickt werden sollte. Er hatte die höllische Italien-Reise schon einmal gemacht, im Frühjahr. Freiwillig ließ er sich damals zurücktransportieren, um seine Familie nachzuholen. Wie die anderen seiner Kumpane fiel er einem grausamen Irrtum zum Opfer: »Unsere Landsleute haben uns angerufen und gesagt, Italien schickt niemanden zurück.«

Auch die wenig ermunternden Fernsehbilder aus den trostlosen Zeltstädten, in denen viele der im Frühjahr gekommenen Flüchtlinge jetzt hausen, transportierten in Tirana und Durres eine ganz andere Botschaft: Die haben zu essen. Die werden versorgt.

Dabei hatte die italienische Regierung einen klaren Termin gesetzt, den 31. Juli. Danach dürfe nur noch bleiben, wer eine Arbeit nachweisen könne. Die Albaner sollten genauso behandelt werden wie alle anderen Einwanderer, die zu Hunderttausenden die offenen Grenzen Italiens überrollen.

Das Datum hatte sich offenbar in den Köpfen derjenigen, die in Albanien geblieben waren, festgebrannt. Ihr Darben hatte das Ultimatum in eine Einladung verwandelt.

Seit Tagen wußten Albaner der ersten Woge, die inzwischen in Apulien leben, was sich in ihrer Heimat zusammenbraute. »Mein Vater hat mich angerufen«, berichtet ein albanischer Pizzabäcker aus Bari, »er hat erzählt, daß mindestens 50 000 Menschen den Hafen von Durres belagern.«

Warum sie gekommen sind, bringen in einem Krankenhaus der apulischen Hauptstadt zwei ausgemergelte Kinder auf den Punkt: »Bei uns nur Brot und Wasser«, sagt ein Zehnjähriger. »Kein Obst«, sagt sein Freund und hält stolz eine pralle Birne ins Blickfeld der Kamera, als hätte er sie im Paradies erobert.

Doch das Paradies will sie diesmal alle wieder ausspeien. Eine Armada von Fähren, Truppentransportern, Flugzeugen sammelte sich am Freitag in apulischen Häfen. Sie schaffen die Flüchtlinge in ihre Heimat zurück.

Manche von jenen, die im Frühjahr angelandet waren, hatten immerhin 300 000 Lire (410 Mark) Rückkehrprämie in der Tasche - westliches Geld, das ihnen in der Wirtschaftsmisere Albaniens kaum weiterhelfen wird.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 50 / 97
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.