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Pfadfinder Gefährlicher Weg

Christliche Pfadfinder lästern Gott und sollen durch Geld-Entzug wieder auf den rechten Weg gebracht werden.
aus DER SPIEGEL 39/1972

Schleswig-Holsteins höchste Christen übersetzten »chief, junior, smoky« ins Deutsche und entsetzten sich. Denn gemeint waren Gottvater, Sohn und Heiliger Geist -- satirisch auf die Spitzen der norddeutschen Kirchenhierarchie gemünzt. Und das ist nach amtlicher Ansicht der Kieler Landeskirchen-Leitung »Gotteslästerung im Sinne des Paragraphen 166 Strafgesetzbuch«.

Dieses Delikts für schuldig gehalten werden die »Christliche Pfadfinderschaft, Landesmark Schleswig-Holstein« und vor allem der Student Christoph Lessow, 23, Pfadfinder-Jugendwart und Redakteur des »rumpelstilz heute«. Dieses Verbandsblatt und die Verbandsarbeit unter Lessows Leitung halten die Kieler Kirchen-Spitzen für so gefährlich, daß sie zu den schärfsten Zwangsmitteln griffen, um die Christlichen Pfadfinder wieder auf den rechten Weg zu bringen:

Dem »rumpelstilz«-Redakteur Lessow wurde das passive Wahlrecht entzogen, als er für den Vorstand der Kieler Erlöser-Gemeinde kandidieren wollte. Der dortige Pastor Hans Schultze und die anderen Mitglieder des Kirchenvorstandes gingen sogar noch darüber hinaus und entzogen Lessow und drei Mitredakteuren auch das aktive Wahlrecht. Überdies wurden sie von Schultze aufgefordert, »ihre Mitarbeit in der Jugendarbeit einzustellen und die Jugendräume von diesem Zeitpunkt an nicht mehr zu betreten«.

Und den Pfadfindern allesamt wurde die Geldzufuhr gedrosselt. Von den für 1973 zugesagten 32 000 Mark der Landeskirche bleiben 20 000 Mark so lange gesperrt, bis Lessow und der gleichgesinnte Diakon Rudolf Tofte abgelöst worden sind. Die beiden Jung-Christen leiten halbtags die Pfadfinder des nördlichsten Bundeslandes. Die Kirchenleitung will die beiden Amateure nun durch einen hauptamtlichen »Landesmarkwart« ersetzen.

Solange Landeskirchenrat Gerd Heinrich zurückdenken kann, ist die Kirchenleitung nicht so streng verfahren wie in diesem »einmaligen Fall«, den er für »sehr gravierend« hält.

Vorgeworfen, aber nicht nachgewiesen wurde Lessow und anderen Pfadfindern auch, daß sie randaliert und christliche Sachen beschädigt hätten. Doch ob der Schaden »in die Tausende« ging oder nur »elf Mark für eine Fensterscheibe« betrug, ist strittig.

Fündig wurden die Ober-Christen aber, als sie das Pfadfinder-Blatt »rumpelstilz« durchsuchten. Dort werden Kanzel-Kauderwelsch und Pastoren-Pathos ungehemmt verspottet.

Die Redakteure scherzten mit Fragen wie dieser: »Wußten Sie schon, daß es zynisch ist, Jesus am Gründonnerstag ein frohes Wochenende zu wünschen?« Sie wandelten den Katechismus ab (Gebot 10: »Du sollst nicht begehren der Herrschenden Harem, Diener, Bungalows, Autos oder alles, was ihr ist") und formulierten das Glaubensbekenntnis neu. Textprobe:

»ich glaube an das System der Herrschenden, der Mächtigen, Besitzer meiner Arbeitskraft. Und an ihre Direktoren, des Systems Geschäftsführer. unsere Chefs, die empfangen sind von der Gier nach Profit, geboren von der Manipulation, gelitten unter der Macht, geknetet, gestorben und ausgerichtet ...«

Eine solche Amts-Aktion gegen die Autoren solcher Sprüche wie jetzt in Kiel gab es zuletzt vor knapp fünf Jahren in Hamburg, als zum Protest gegen altväterliche Abkanzelungen des Star-Predigers Helmut Thielicke in Hamburgs St. Michaeliskirche ("Michel") Flugblätter ähnlichen Inhalts verteilt wurden und einige Studenten ein abgewandeltes Vaterunser ("Kapital unser, das Du bist im Westen ...") aufsagten. Doch inzwischen ist solche Wort-Wahl längst zu einem der wenigen Mittel geworden, heutzutage überhaupt noch Minderheiten der Jugend in christliche Häuser zu locken.

Zumeist haben sich die Kirchenoberen daran gewöhnt. Doch nicht selten gibt es Konflikte, wenn Kirchenvorstände und Kirchenleitungen die Zeiten wieder herbeizuführen suchen, als Pfadfinder noch mit Kluft und Klampfe durch Wald und Wiesen streiften, statt wie heute in Gemeindesälen über die nächsten Aktionen zu beraten.

In Kiel wollen die angeblich unchristlichen Christlichen Pfadfinder weder mit der Kirche brechen noch sich unterwerfen. Sie hoffen trotz allem auf Verständigung mit der Kirchenleitung. Lessow verzichtete deshalb bislang darauf, gegen die Aberkennung des aktiven und passiven Wahlrechts das Kirchengericht anzurufen, gedenkt aber, nächstens wieder für den Kirchenvorstand zu kandidieren.

Nur: »Ein Magengeschwür will ich mir deshalb nicht holen.«

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