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GESUNDHEIT Gefährliches Klingeln

Die Betriebskrankenkasse Berlin fahndet mit unangemeldeten Hausbesuchen nach Simulanten unter den Langzeitkranken.
Von Henryk Hielscher
aus DER SPIEGEL 44/2000

Der Mann, der im Pyjama öffnet, hört sich den Spruch von der neuen persönlichen Betreuung durch die Krankenkassen gar nicht richtig an. Gereizt blafft der Angestellte der Stadtreinigung, der wegen eines Bandscheibenvorfalls seit Monaten krankgeschrieben ist, die Frau vor seiner Wohnung an: »Sie können mir gar nichts. Der Doktor hat gesagt, ich brauch ein halbes Jahr nicht zur Arbeit.«

Die Tür fällt ins Schloss. Der abgewiesenen Besucherin kommt die Reaktion verdächtig vor: »Laut werden meist die, die sich ertappt fühlen.« Davon gebe es in Berlin, sagt Helga Freimann*, ziemlich viele. Um neun Uhr der Mann mit dem Bandscheibenproblem, eine Stunde später der depressive Polizist, danach die Bankangestellte mit dem Haltungsschaden.

Die Unternehmensberaterin aus dem Ruhrgebiet hat sich in der Hauptstadt ein neues Betätigungsfeld erschlossen. Sie fahndet für die Betriebskrankenkasse Berlin (BKK) nach Simulanten - ein Novum im deutschen Gesundheitssystem.

Mit unangemeldeten Hausbesuchen prüft Freimann, ob tatsächlich krank ist, wer krankgeschrieben wurde. Jede Kontrolle ist eine Gratwanderung zwischen Blockwart-Spitzelei und Wahrung der Interessen der Versichertengemeinschaft. Die Situation in Berlin sei »aufgewühlt«, sagt Freimann, bei der BKK häufen sich die anonymen Briefe mit Drohungen und Beschimpfungen gegen sie.

Einen »Tabubruch« und »eine Gefahr für das Vertrauensverhältnis zwischen Kasse und Patienten« nennt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten, Ekkehard Bahlo, die Kontrollen. BKK-Chef Jochem Schulz, der sich in Berlin schon mit den Kliniken wegen zu hoher Rechnungen anlegte, sieht dagegen »unheilige Allianzen zwischen Arzt und Patient«. Sie seien das Resultat »einer Gesundheitsmafia, die sich selbst bedient«.

Den Vorwurf glaubt Schulz mit einer internen Statistik und den Kontrollergebnissen belegen zu können. So ist ein Fünftel der BKK-Versicherten für 87 Prozent der Krankenstände verantwortlich. Schein-Kranke kosteten die Kasse jährlich fast zehn Millionen Mark.

Bei fast der Hälfte der rund 50 Versicherten, die Helga Freimann in den letzten Wochen überprüfte, fand sie Unregelmäßigkeiten: Gefälligkeitskrankschreibungen, Patienten, die in der Kneipe hockten, andere, die ihre Auszeit zu einer langen Urlaubsreise genutzt hatten.

Ehe die Kontrolleurin an der Tür klingelt, hat sie sich bestens präpariert. Von persönlichen Daten bis hin zu Diagnosen hat sie Zugang zu sensiblen Patienteninformationen. Zudem wird sie vom zuständigen Sachbearbeiter mit gezielten Fragen zu Krankheitsverlauf und Behandlung des Versicherten versorgt. Zwar unterliegt auch sie der Schweigepflicht, allerdings ist sie weder ausgebildete Ärztin noch fest angestellte BKK-Mitarbeiterin. Ein Verfahren, das Claudia Schmid, Sprecherin des Berliner Datenschutzbeauftragten, für »bedenklich« hält. Die Behörde prüft derzeit, ob die »rechtlichen Grenzen beim Einsatz privater Dritter« überschritten werden.

Wenn Helga Freimann im lockeren Ruhrgebietsdialekt ihr Sprüchlein von der neuen persönlichen Betreuung aufsagt, wirkt sie wie die nette Frau von der Betriebskrankenkasse, die mal eben vorbeischaut, um das Service-Angebot vorzustellen. Doch das Gespräch dient einer subtilen Kontrolle.

Eine junge Frau, die ihren rechten Arm nicht bewegen kann, bittet sie beiläufig, ein Formular auszufüllen - die besteht den Test, als sie die Buchstaben mühsam mit links aufs Papier malt. Antworten der Kranken werden akribisch notiert und auf Widersprüche überprüft.

Die Notizen erhält der Sachbearbeiter, sie dienen ihm als Grundlage für die Fallbeurteilung. Er entscheidet, ob ein Arzt des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) mit einer Prüfung beauftragt wird, welche weiteren Behandlungen die Kasse übernimmt oder ob gar das Krankengeld sofort gekürzt oder gestrichen wird.

Nur im konkreten Verdachtsfall können die Kassen den MDK beauftragen. Das Sozialgesetzbuch setzt »Zweifel an der Arbeitsunfähigkeit« des Versicherten voraus. In Berlin scheinen Zweifel angebracht. Hier ist man über zwei Tage länger krank als im Bundesdurchschnitt. Pro Arbeitstag fallen mehr als hunderttausend Berufstätige aus. Allein in der öffentlichen Verwaltung melden sich täglich 6,7 Prozent der Belegschaft krank.

Von den 60 000 Krankgeschriebenen, die der MDK jedes Jahr zur Untersuchung ihrer Arbeitsfähigkeit vorlädt, erscheint nur die Hälfte. Bei den anderen 30 000 »setzt der Heilungsprozess überraschend schnell ein«, formuliert es spitz der leitende Arzt des Berliner MDK, Klaus Meyer-Callé. Von den erschienenen 30 000 wird wiederum der Hälfte attestiert, arbeitsfähig zu sein.

Berlin - die Hauptstadt der Simulanten? Die Kassen sind verpflichtet, einen Missbrauch zu prüfen. Doch die gezielte Suche geht anderen Kassenvertretern zu weit. »Wir brauchen keine Spitzeldienste«, sagt Pietro Nuvoloni vom Bundesverband der Innungskrankenkassen. Für Hermann Bärenfänger von der Techniker Krankenkasse sind derartige Kontrollen »absolut ausgeschlossen«. Auch Barmer Ersatzkasse und AOK-Bundesverband lehnen die Maßnahme ab. AOK-Sprecher Rainer Eikel: »Ich glaube nicht an den Erfolg solch radikaler Aktionen.«

BKK-Chef Schulz dagegen sieht seinen Kurs bestätigt: Seit der Chef kontrollieren lässt, sank der Krankenstand seiner Mitarbeiter unter den Berliner Schnitt.

HENRYK HIELSCHER

* Name geändert.

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