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»Gefährlichster Mann der Welt«

Schon zum zweitenmal binnen zehn Jahren überzog Saddam Hussein, Iraks blutrünstiger Tyrann, einen Nachbarn mit Krieg. In brutalem Handstreich überrannte seine Millionen-Armee das kleine superreiche Emirat Kuweit und machte damit den waffenstarrenden Kriegstreiber zum zweitgrößten Ölherrn der arabischen Welt.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Allmächtiger Gott, du bist Zeuge, daß wir sie gewarnt haben.

Der Experte war sich seines Urteils so sicher, daß er jegliche in seinem Metier übliche Zurückhaltung außer acht ließ:

»Dieser Mensch unterliegt extremen Stimmungsschwankungen. Er ist willens, extreme Entscheidungen zu treffen und sie auch durchzusetzen. Er hat einen Hang zur Gewalt und stellt eine Gefahr für die Gesellschaft dar. Man sollte ihn umgehend aus dem Verkehr ziehen und einer Behandlung zuführen.«

So schätzte ein namhafter israelischer Graphologe eine ihm unbekannte Person ein, deren Handschrift Agenten des Geheimdienstes Mossad dem Schriftdeuter zur Begutachtung vorgelegt hatten.

Die Schriftprobe stammte von einem Mann, der vergangene Woche schon zum zweitenmal innerhalb eines Jahrzehnts buchstäblich über Nacht einen Krieg vom Zaun brach - wieder einen Krieg ums Öl, der die Machtbalance in der gesamten Region zwischen Mittelmeer und Indischem Ozean umstürzen könnte: Iraks Diktator Saddam Hussein, 53, von US-Abgeordneten zum »gefährlichsten Mann der Welt« erklärt.

In einer Welt zuvor nie gekannter Abrüstung und Entspannung rüstet ein offenkundig größenwahnsinniger Tyrann in Bagdad sein Einmillionenheer mit Superkanonen und weitreichenden Raketen auf, stapelt Gasgranaten, die er auch bedenkenlos einsetzt, und läßt mit allen Mitteln an einer Atombombe bauen.

Dieser Mann, nach innen Stalin, nach außen Hitler, überrennt vor den Augen einer fassungslosen Welt einen kleinen Nachbarn in einem achtstündigen Blitzkrieg und macht sich mit diesem Gewaltstreich nicht gegen fremdvölkische Perser, sondern Araber wie er selbst zum zweitgrößten morgenländischen Herrn des Treibstoffs der Weltwirtschaft. »Die irakische Invasion und Annexion Kuweits ist der flagranteste Anschlag auf die internationale Ordnung seit dem Zweiten Weltkrieg«, entrüstete sich die Financial Times.

Aber all das tut der Tyrann, wie es bisher scheint, praktisch ungestraft. Denn die Weltmacht USA, die einen anderen arabischen Irrwisch, den Libyer Gaddafi, sogleich mit Bombenteppichen belegte, weil der, bis heute nicht eindeutig bewiesen, hinter terroristischen Angriffen auf US-Soldaten in Berlin stecke, mochte dem mächtigen Iraker nach seinem Überfall auf Kuweit noch nicht einmal mit der sonst fälligen militärischen Intervention drohen, ließ lediglich einige Flotteneinheiten zum Golf abdampfen. »Die USA haben Saddam Hussein nicht ernst genug genommen«, kritisierte ein amerikanischer Nahostexperte die Regierung. »Sie dachten, Saddam Hussein blufft nur, aber der Mann blufft nicht.«

Die UdSSR, die Noch-immer-Weltmacht, die den Irak hochrüstete - ebenso wie es Franzosen, Briten und auch deutsche Helfer (siehe Kasten Seite 116) taten -, stellte wenigstens den Nachschub ein. In einem gemeinsamen Statement zogen beide Großmächte sich dann auf die Resolution des Weltsicherheitsrats zurück, der die Invasion verurteilt hatte - mehr mochten sie nicht riskieren.

Hussein zeigte sich scheinbar kompromißbereit: Schon am vergangenen Sonntag wollte er mit dem Abzug seiner Kampftruppen beginnen, ließ er verkünden - er braucht sie dann nicht mehr, weil er bereits eine Satellitenregierung installiert hat.

Bedrohte Anrainer, dem überfallenen Emirat vertraglich beistandspflichtig, eilten keineswegs zu Hilfe, gegen den Aggressor, der sie alle noch zynisch verhöhnte:

Seine Invasionstruppen, so ließ er - wie einst Stalin bei seinem Überfall auf Finnland, Chruschtschow bei seinem Eingreifen in Ungarn, Breschnew nach der Intervention in der Tschechoslowakei sowie der Invasion in Afghanistan - erklären, seien bloß einem Hilferuf gefolgt, dem einer »revolutionären Jugend« in Kuweit, von der dort noch nie jemand etwas vernommen hatte und von der selbst Bagdad noch keinen einzigen Namen nennen konnte.

Weltweit schnellten schon am Morgen nach dem Schock die Preise für Erdöl hoch - weit über die Marke von 21 Dollar pro Barrel, die der Kriegstreiber erst vor Wochenfrist mit seinen Drohungen einer Konferenz seiner Opec-Brüder in Genf abgepreßt hatte.

Die waren ihm eilfertig zu Willen gewesen, weil sie hofften, den Gewalttäter damit von militärischen Abenteuern abhalten zu können - sie hätten ihn längst besser kennen müssen.

Denn schon einmal, vor zehn Jahren, hatte er einen Krieg angezettelt, damals gegen die revolutionären Mullahs im Iran, denen er die, wie er meinte, »arabische« Erdölprovinz Chusistan entreißen wollte - auch damals dienten ihm erfundene Hilferufe angeblich bedrängter arabischer Brüder als Vorwand.

Den Golfkrieg, der mit acht Jahren Dauer und über eineinhalb Millionen Opfern in einen der schlimmsten Konflikte seit dem Zweiten Weltkrieg ausartete, ließ er sich von den Arabern bezahlen, für die er angeblich am Golf blutete - darunter vom jetzigen Opfer Kuweit mit 14 Milliarden Dollar. Ohne die Araber-Hilfe wäre das Abenteuer für ihn tödlich ausgegangen.

Als der Krieg 1988 unentschieden mit einem Waffenstillstand endete, saß er auf 80 Milliarden Dollar Schulden, mit einer zerrütteten Wirtschaft und mit einer hochgerüsteten Armee da, die keinerlei Früchte des angeblichen Sieges ernten konnte.

Sein Zorn richtete sich gegen die arabischen Brüder, die nun, wenn auch zaghaft, die Rückzahlung der Kriegskredite anmahnten und ihn, wie er meinte, auch noch um den ihm zustehenden Ölprofit betrogen:

Allein Kuweit, nach Ansicht Bagdads ohnedies irakisches Territorium, das unter osmanischem Regime zur irakischen Hafenstadt Basra am Schatt el-Arab gehörte, habe den Irak durch Überproduktion an Öl, die den Preis drückte, um 14 Milliarden Dollar geschädigt. Dazu habe das Emirat noch durch Förderung im Wüstenfeld von Rumeila Öl für 2,4 Milliarden Dollar »gestohlen«.

Eine Wiedergutmachung dieses Schadens, den totalen Erlaß der Kriegsschulden, die Abtretung des riesigen Rumeila-Feldes sowie zweier Inseln westlich des Schatt el-Arab verlangte Saddam am 17. Juli ultimativ von Kuweit, einem der reichsten Länder der Welt, sonst werde es Krieg geben.

Die Kuweiter alarmierten ihre 20 300-Mann-Streitmacht und wandten sich an die arabischen Brüder um Hilfe. Jordaniens König Hussein flog nach Bagdad, um seinen Bundesgenossen Saddam Hussein zu besänftigen, Ägyptens Präsident Husni Mubarak eilte nach Kuweit und Bagdad, das Ölkartell Opec war dem Tyrannen gefügig und stimmte einer Erhöhung der Preise zu. Schließlich wurde ein Treffen der Kontrahenten im saudiarabischen Dschidda vereinbart, für das Kuweit Konzessionsbereitschaft andeutete.

Der Kriegstreiber schien erst mal gebändigt, die Vermittler, denen er bei seiner »arabischen Ehre« geschworen hatte, nicht zu den Waffen zu greifen, klopften einander auf die Schulter, Mubarak sprach erleichtert von einer »vorüberziehenden Sommerwolke«. Kuweit beorderte seine Truppen von der Grenze zurück, nachdem auch irakische Divisionen beim Abzug gesichtet worden waren; übers vorletzte Wochenende wurde allenthalben Entwarnung gegeben.

Dann, zu Wochenbeginn, erspähten US-Satelliten plötzlich noch viel stärkere irakische Truppenkonzentrationen an der Wüstengrenze - 100 000 Mann statt der 30 000 der Vorwoche. Zudem verließ Saddam Husseins Vertreter Issat Ibrahim abrupt die Versöhnungskonferenz, die das saudische Herrscherhaus den Kontrahenten in Dschidda ausgerichtet hatte, schon nach zwei Stunden, weil die Kuweiter »nicht ernsthaft verhandeln« - heißt, sich dem irakischen Ultimatum nicht bedingungslos beugen wollten.

Am Mittwoch abend zog dann schon in London der Preis für Nordseeöl um fast einen Dollar an, unter Öl-Spothändlern kursierten Kriegsgerüchte. Die Kuweiter legten sich in der Hoffnung, demnächst werde weiterverhandelt, beruhigt schlafen, obwohl sie wissen mußten, wie gefährlich es sich mit einem solchen Nachbarn lebt.

Es war 2.20 Uhr morgens, als die ersten irakischen Amphibienboote - angeblich aus deutscher Produktion - an der Nordküste der umstrittenen Insel Bubijan, landeten. Um drei Uhr (ein Uhr mitteleuropäischer Zeit) rollten starke Panzerverbände in sieben Kolonnen auf kuweitisches Territorium vor, gefolgt von gepanzerten Mannschaftswagen.

Die Invasoren, an ihrer Spitze die Republikanische Garde, ein kampferprobter Eliteverband, umgingen die Grenzstation El-Abdali, deren Funkverbindung schon seit Mitternacht durch starke Störsender unterbrochen worden war.

Der Muezzin rief vom Minarett der Wellblechmoschee neben dem Wüstencheckpoint gerade zum Fadschr-Gebet, der Andacht der Morgendämmerung, als eine Granatensalve in die Grenzstation einschlug.

Bald darauf rollten die irakischen Panzerspitzen in die 65 Kilometer von der Grenze entfernte Hauptstadt Kuweit ein, ohne auf Widerstand zu treffen.

Denn die kleine Kuweit-Armee war in den nördlichen Wüsten verstreut, da das Emirat, ebenso wie Israels Regierung, allenfalls mit einer Besetzung der umstrittenen Gebiete, aber keineswegs mit einem Generalangriff auf das gesamte Staatsgebiet gerechnet hatte. Die kuweitischen Abwehrstellungen hatten die Iraker umgangen, den ersten bewaffneten Widerstand leisteten Stadtpolizisten, die mit MG-Garben niedergemacht wurden.

Erst als die Angreifer sich dem Palast des Emirs Dschabir el-Ahmed el-Sabbah näherten, stießen sie auf die Leibgarde, die sich erbittert verteidigte. Doch nach zweistündigem Artilleriebeschuß und Bombenangriffen eroberten die Iraker den Palast.

Etwa 200 Gardisten und ein Bruder des Emirs fielen, der Herrscher selbst konnte sich im Hubschrauber nach Saudi-Arabien retten, von wo er dann zum Widerstand »bis zum letzten Blutstropfen« aufrief. Der Mufti von Kuweit erklärte Saddam Hussein zum »Feind des Islam« - wer ihn tötet, bekommt einen Platz im Siebenten Himmel.

Kuweiter, die noch rechtzeitig aus dem Schlaf schreckten, versuchten es ihrem Herrn gleichzutun und in ihren klimatisierten Sechs- und Achtzylindern zu entkommen.

Ein Chefredakteur schaffte die Flucht in Begleitung irakischer Offiziere, die mit ihm zum Nachbarn desertierten.

Zu schweren Kämpfen kam es auch um die Rundfunk- und Fernsehzentrale im Informationsministerium und um den Flughafen, wo die Schießereien bei drückender Hitze - die Mittagstemperatur erreichte 51 Grad - noch den ganzen Donnerstag über andauerten. Um Kasernen im Norden tobten noch am Freitag erbitterte Kämpfe.

In der 500 000-Einwohner-Stadt walteten aber schon seit dem Morgen die Besatzer. Sie verhängten ein Ausgangsverbot und sperrten den Land-, Luft- und Seeverkehr von und nach Kuweit. Lautsprecherwagen dröhnten durch die Straßen und verkündeten in unverkennbar breitem Bagdader Arabisch Aufrufe einer angeblichen provisorischen kuweitischen Revolutionsregierung, etwa »Die Phase der widernatürlichen Abtrennung unseres Landes von seiner irakischen Mutter ist vorbei« oder »Räumt auf mit den Blutsaugern und Lakaien der Juden und Amerikaner«.

Vereinzelt kamen noch Telefongespräche durch, in denen Ausländer von den Kämpfen berichteten, bei denen auch die britische Botschaft beschädigt worden war.

Beim Sturm auf die Gefängnisse erschossen die Iraker 61 Häftlinge, die einer proiranischen Partei angehörten. Die Besatzer, die ihr Hauptquartier im deutsch geführten Sheraton-Hotel aufschlugen, verhafteten nach genauen Listen Hunderte Exil-Iraker, die in Kuweit vor ihrem Tyrannen Zuflucht gesucht hatten.

Über ausländische Opfer - in Kuweit arbeiten Tausende amerikanische, britische, aber auch etwa 700 deutsche Experten und Geschäftsleute - wurde zunächst nichts bekannt, - mit Ausnahme zweier indischer Sicherheitsbeamter auf dem Flughafen. Die wurden erschossen, als sie sich weigerten, den Schlüssel zur Kasse der Kuwait Airways herauszurücken.

Dem Geld trauerte auch ein kuweitischer Unterstaatssekretär nach, den ein SPIEGEL-Mitarbeiter am Telefon erreichte und der Saddam Hussein als »den Dieb von Bagdad« verfluchte: »Seine Truppen sind schon vor der Zentralbank, deren Kassen prall gefüllt sind. Nichts hindert ihn daran, alles zu stehlen und dann zu verkünden, die Herrscherfamilie habe vorher die Kassen geleert.« Alle Konten der Herrscherfamilie wurden von den Invasoren sogleich beschlagnahmt.

Das wirklich große Geld haben die schwerreichen Kuweiter freilich längst im Ausland angelegt. Mindestens 100 Milliarden Dollar investierten die 700 000 Bürger des Emirats, das Staatsvolk mit einem der höchsten Lebensstandards in aller Welt. Sie legten es an bei Daimler-Benz, Hoechst und Metallgesellschaft, in Amerika, Großbritannien, Italien und Spanien, überall, wo es schöne Erträge bringt - im letzten Jahr mit über acht Milliarden Dollar bereits mehr als die laufenden Ölerlöse.

Um diesen Reichtum beneidete Saddam Hussein die Nachbarn schon immer glühend: »Die können nicht einmal einen neuen Flughafen bauen, weil, egal, wo sie bohren, überall gleich Öl aus dem Boden sprudelt. Mit dem Geld huren sie herum und mästen ihre Bäuche. Sie sind die Juden des Golfs. Die würden auch noch die goldenen Zähne ihrer Mutter verkaufen, um ein Geschäft zu machen« - ähnlich urteilen auch viele andere Araber über die Kuweiter, die sich durch Protz und Arroganz unbeliebt gemacht haben und ihre Gastarbeiter - fast eine Million - rüde unterdrückten.

An die auswärtigen Milliarden der Überfallenen wird der Landräuber jedoch nicht herankommen, mag er auch ganz Kuweit einstecken: Als erste Sanktion haben die USA, wenig später auch Japan und die meisten westlichen Industriestaaten, darunter die Bundesrepublik, die Konten Kuweits eingefroren, um sie vor dem Zugriff des Angreifers zu schützen.

Ansonsten blieb der Widerstand gegen den Aggressor überaus lahm. Zwar trat noch in der Nacht der Weltsicherheitsrat zusammen und verlangte einstimmig, bei Enthaltung des arabischen Mitglieds Jemen, den sofortigen bedingungslosen Abzug der Invasoren - doch über Mittel zur Durchsetzung verfügte er nicht.

In Kairo irrten angesichts der verwirrenden Tatsache, daß erstmals in der neueren Geschichte ein Araberstaat einen anderen regelrecht okkupierte, Vertreter der Arabischen Liga ratlos zwischen Konferenzen und Telefonen hin und her, ebenso die Vertreter der Islamischen Konferenz, ohne auch nur zu verbalen Ergebnissen zu kommen.

Präsident Mubarak, der gescheiterte Friedensstifter, fühlte sich »schändlich hintergangen wie seinerzeit Chamberlain von Hitler«, so ein ägyptischer Diplomat. Libyens Gaddafi und Jordaniens Hussein, aber auch Bagdads letzter Kriegsgegner Iran sorgten sich lediglich darum, daß nichtarabische Mächte doch noch eingreifen könnten. Die Israelis, von der Brutalität des irakischen Vorgehens überrascht, höhnten, daß Saddam Hussein seinen arabischen Brüdern wie dem Ägypter Mubarak und dem Saudi-König Fahd einen »Tritt ins Gesicht« versetzt habe (so Knesset-Abgeordneter Eser Weizman). Ex-Verteidigungsminister Rabin nannte es eine »Ironie des Schicksals«, daß der irakische Diktator nur mit Hilfe Kuweits, Saudi-Arabiens und der anderen Ölscheichs so stark geworden sei und nun wie ein Bumerang zurückschlage.

Was ist das für ein Mann, den auch die Washington Post mit Hitler vergleicht, der in der Tat handelt wie Hitler und den bislang noch niemand aufzuhalten vermochte?

Stets beruft sich der Tyrann von Bagdad auf die große Vergangenheit seines Landes, des einstigen Mesopotamien, das als »die Wiege der Zivilisation« gilt.

Plump bringt er sich selbst dabei in Zusammenhang mit dem legendären Sultan Saladin dem Großen, der im Jahre 1187 Jerusalem von den europäischen Kreuzrittern zurückerobert hatte und seither zu den Heldengestalten der Araber zählt.

Als so einen arabischen Heros sieht sich der Diktator schon heute, dabei hat er mit seinem Vorbild nur eines gemeinsam: Saladin wie Saddam stammen aus der nordirakischen Kleinstadt Takrit.

Noch einen anderen legendären Araber bemüht Saddam Hussein gern, um seine eigene Größe zu untermauern: den Kalifen Harun el-Raschid, unter dem das 500jährige Kalifat von Bagdad seinen Höhepunkt erreichte. In der märchenhaften Stadt aus Tausendundeiner Nacht mischte sich der weise Herrscher in unterschiedlichster Verkleidung unters Volk, um Sorgen und Nöte seiner Untertanen kennenzulernen.

Auch Saddam hatte, vor allem zu Beginn des Golfkrieges, einfache Bürger in ihren Häusern besucht. Da kam er allerdings, ganz anders als der Kalif, nicht allein, sondern begleitet von einer Hundertschaft Leibwächter, die schon Stunden vor seinem Eintreffen ganze Stadtviertel zernierten und den Verkehr lahmlegten. Solche »spontanen Begegnungen« wurden während des wenig glorreichen Kriegsverlaufs immer seltener und hörten schließlich ganz auf.

In den letzten Jahren verläßt Saddam seinen pompösen Präsidentenpalast nahe dem internationalen Flughafen kaum noch. Das Gelände ist so perfekt geschützt, daß selbst hohe Staatsgäste peinlichen Sicherheitskontrollen ausgesetzt sind. Der weitgereiste Bonner Außenminister Hans-Dietrich Genscher staunte nach seinem letzten Besuch in Bagdad, solch strikte Security-checks habe selbst er »noch nie erlebt«.

Wenn der Präsident doch hin und wieder durch die Lande reist, rollen in seiner Kolonne bis zu zehn völlig identische schwarze Panzer-Mercedes. In welcher der Karossen er Platz nimmt, entscheidet der Tyrann erst unmittelbar vor der Abfahrt. In kurzem Abstand hinter den Limousinen folgen Sanitätswagen mit mobilen OP-Einrichtungen und ausreichend Blutkonserven.

Bei seinen spärlichen Frontbesuchen sorgte seine Prätorianergarde dafür, daß schon vor Ankunft des Oberbefehlshabers keiner der Soldaten und Offiziere scharfe Munition bei sich führte.

Vergleicht man Saddam Hussein mit anderen Diktatoren der Gegenwart, drängt sich am ehesten der im Dezember 1989 hingerichtete rumänische Diktator Nicolae Ceausescu auf: Auch Saddam Hussein stützt seine Herrschaft auf einen allmächtigen, ihm völlig ergebenen Geheimdienst, der das Volk bis in die intimsten Einzelheiten ausspioniert und mit blankem Terror ruhigstellt.

Ceausescu wie Saddam übertrugen die wichtigsten und einflußreichsten Posten in der Regierung und Verwaltung ihren Verwandten und führten ihre Länder wie einen Familienbetrieb.

Der Rumäne wie der Iraker hatten Söhne, die sie als ihre Nachfolger aufbauten - und Ceausescu wie Saddam teilten das Schicksal vieler Väter, deren Zöglinge ihnen völlig mißrieten. Nicu Ceausescu machte in Rumänien durch Saufgelage und Vergewaltigungen auf sich aufmerksam, mindestens zweimal überfuhr er alkoholisiert Fußgänger.

Saddams Sohn Udai, auch er ein Freund der Frauen und der scharfen Drinks, erschlug 1988 auf einer Party in Bagdad im Suff einen anderen Gast - es war ausgerechnet Kamil Hanna, enger Freund und Leibwächter des Vaters. Wie Nicu Ceausescu zu Lebzeiten des Clanchefs blieb auch Udai Hussein von Justizverfolgung und Strafe verschont.

Gemeinsam war den Despoten Rumäniens und Mesopotamiens schließlich vor allem auch ein wahnwitziger Personenkult, weltweit einzigartig, ausgenommen vielleicht Nordkoreas Kim Il Sung. Ceausescu ließ sich von seinem geknechteten Volk als »Titan der Titanen« und »Licht der arischen Sonne« preisen, kein Superlativ war dem gelernten Schusterjungen aus der Walachei zu gering. Saddam Hussein, ausgebildeter Jurist, steht den lächerlichen Lobhudeleien in nichts nach. Auszug aus der langen Liste seiner Ehrentitel: »Retter der Habenichtse«, »Weiser Führer der revolutionären Massen«, »Sonne des Volkes«.

Sein 16-Millionen-Volk traktierte er bislang in 312 veröffentlichten Werken mit seinen Weisheiten - Pflichtlektüre aller irakischen Schüler. Eine Studentenzeitung schaffte es, in einer Festschrift zu Saddams 49. Geburtstag auf 64 Seiten 65 Fotos mit dem Konterfei des Jubilars zu drucken.

Wenn Saddam sich auch kaum noch sehen läßt, ist er doch allgegenwärtig, von der Hauptstadt bis in die kleinsten Dörfer. Auf oft überlebensgroßen Plakaten und Wandmalereien lächelt der »Vater des Volkes« den Irakern zu, mal schwer bewaffnet und in Feldmarschall-Uniform, mal im Beduinen-Tuch.

Sein Farbporträt hängt nicht nur in jeder Amtsstube und Schulklasse, es darf in keinem Kino oder Restaurant fehlen. Keine Wohnstube ohne zumindest ein Bild des Diktators. Der Geheimdienst erfährt schnell, wer solchen Schmuck nicht schätzt. Im Land sind Millionen Armbanduhren im Umlauf, auf deren Zifferblatt Saddams Kopf zeigt, was die Stunde geschlagen hat.

Das staatliche Fernsehprogramm ist eine One-man-Show: Saddam satt, von morgens bis nachts. Neben patriotischen Reden, untermalt von martialischer Marschmusik, versorgt er das Volk, hierin Mao ähnlich, gelegentlich auch mit praktischen Ratschlägen: vom »richtigen Putzen der Zähne« am Abend bis zu genauen Anweisungen für eine Diät, die sich der übergewichtige Staatschef einmal selbst verordnete - mit dem Resultat, daß Hunderttausende irakischer Männer mit dem Chef abspeckten.

Doch der absurde Personenkult kann nicht darüber hinwegtäuschen, daß Saddam von seinem Volk nicht geliebt, sondern gefürchtet wird. Wie kaum ein anderer nahöstlicher Potentat hat der Bauernsohn aus Takrit seine Karriere bar aller Skrupel vorangetrieben, zahllose Opfer säumen seinen Weg.

Schon als Jugendlicher saß er wegen Mordes an seinem Lehrer im Gefängnis, dort begann auch seine politische Karriere: Mitgefangene machten ihn mit den Ideen des Baathismus vertraut.

Die Baath-Partei, genau: Sozialistische Partei der arabischen Wiedergeburt, damals noch im Untergrund, war 1942 von Michel Aflak, einem griechisch-orthodoxen Christen aus Damaskus, gegründet worden. Ideologisches Ziel der von Nationalismus, Sozialismus und Pan-Arabismus geprägten Bewegung: Arabien vom »Joch des Kolonialismus« zu befreien und eine »einheitliche arabische Nation« auszurufen. Über den rechten Weg dorthin sind die in Bagdad wie auch in Damaskus an die Macht gelangten Baath-Flügel bis heute tief zerstritten.

1959 - Saddam war damals 22 und frisch aus der Haft entlassen - planten die Baathisten ein Attentat auf den Diktator Abd el-Karim Kassim. Dem Ex-Häftling Saddam war ursprünglich nur eine Hilfsrolle zugeteilt, doch, so brüstete er sich später: »Ich konnte nicht einfach abseits stehen und zusehen. Ich mußte schießen.«

Das tat er auch. Aber er traf nicht nur den im offenen Wagen vorbeifahrenden Ministerpräsidenten und zwei weitere Insassen, sondern auch zwei Baath-Parteigänger, die den verhaßten Herrscher von der anderen Straßenseite aus unter Feuer nehmen wollten. Kassim überlebte den Überfall schwer verletzt. Saddam erlitt einen Beinschuß, schnitt sich die Kugel aus dem Fleisch und flüchtete über Syrien nach Kairo. Dort studierte er und legte - mit Auszeichnung - sein juristisches Examen ab.

Erst 1963 kehrte der in Abwesenheit zum Tode verurteilte Flüchtling wieder in die Heimat zurück - der Diktator Kassim war schließlich einem erneuten Putsch der Baathisten zum Opfer gefallen. Saddam übernahm die Leitung eines »Untersuchungskomitees«, das im berüchtigten Gefängnis »Kasr nihaja« (Palast des Endes) innerhalb von wenigen Wochen Hunderte politische Gegner folterte und tötete.

Später wurde Saddam Vizepräsident unter dem neuen Diktator Hassan el-Bakr. Sofort nach Amtsantritt ließ er 100 Widersacher als »Agenten Israels und der USA« auf dem Bagdader Platz der Republik vor 10 000 Zuschauern hängen.

1972 verstaatlichte Saddam Hussein die westlich beherrschte Erdölindustrie und schuf damit die Grundlage für den wirtschaftlichen Aufstieg des Irak. Im gleichen Jahr schloß er einen »Freundschafts- und Kooperationsvertrag« mit der UdSSR, die von nun an half, den Irak zur militärischen Großmacht hochzurüsten - als Gegengewicht zu den US-Verbündeten Iran und Saudi-Arabien.

Bakr hatte sich dem Freundschaftsvertrag mit den Sowjets widersetzt. Er ließ sich vom Vize erst überzeugen, als der - im Amtszimmer des Präsidenten - seine Pistole zog und den Staatschef in den linken Arm schoß.

Trotz des Vertrages mit der östlichen Supermacht ließ Saddam Hussein neben Widersachern jeder Richtung auch kommunistische Parteigänger umbringen. Als ihn - einige Jahre später - Moskaus Außenminister Andrej Gromyko, auf Staatsvisite in Bagdad, auf die Kommunistenverfolgung ansprach und dabei auf die sowjetischen Waffenlieferungen hinwies, gab Saddam kühl zur Antwort: »Mich interessiert nicht so sehr, wo die Waffen herkommen, sondern was ich mit ihnen anfangen kann.«

Während Präsident Bakr immer mehr zur Repräsentationsfigur abstieg, traf sein Stellvertreter alle bedeutenden Entscheidungen: So schloß Saddam 1975 einen Vertrag mit dem Schah, der die umstrittenen Schiffahrtsrechte auf dem Schatt el-Arab regelte. Bagdad verzichtete auf die linke Uferseite, dafür versprach der Teheraner Herrscher, künftig kurdische Separatisten, die eine Loslösung von Bagdad betrieben, nicht mehr zu unterstützen.

Durch diesen Deal erhielt Saddam freie Hand, gegen die rebellischen Kurden vorzugehen, die 20 Prozent der Bevölkerung stellten. In Massenumsiedlungen mußten große Teile der kurdischen Bevölkerung ihre Dörfer verlassen und in öde Ländereien ziehen, Tausende kamen dabei ums Leben.

Eine weitere Vereinbarung mit dem Schah: Saddam versprach, künftig oppositionelle Iraner, denen er Exil gewährt hatte, nicht mehr zu beherbergen. Er hielt sich an die Absprache: Der prominenteste Schah-Gegner, der seit 13 Jahren in der den Schiiten heiligen Stadt Nadschaf auf den Sturz des iranischen Monarchen hinarbeitete, mußte den Irak Hals über Kopf verlassen: Ajatollah Ruhollah Chomeini. Der glühende Haß, mit dem der Schiiten-Papst fortan den Iraker verfolgte, gipfelte dann im jahrelangen Golf-Gemetzel.

Mitte der siebziger Jahre zeigten sich bei Saddam Hussein die ersten Symptome von Größenwahn. Etwa zur gleichen Zeit, als sich Schah Resa Pahlewi in den Ruinen von Persepolis als Nachfolger der berühmten Perserkönige Kyros und Darius feiern ließ, erschien in der International Herald Tribune eine ganzseitige Anzeige, in der sich der Iraker als Hüter des Erbes vom Garten Eden und des babylonischen Königs Nebukadnezar vorstellte.

Nächstes Opfer in seinem unbarmherzigen Kampf gegen alle, die seine Größe anzweifelten, wurde die Schiiten-Organisation Daawa (Schiiten stellen bis heute 60 Prozent der islamischen Bevölkerung; Sunniten, deren Glaubensrichtung auch Saddam angehört, sind in der Minderheit).

Ein Gesetz bedrohte jedes Daawa-Mitglied, sogar deren Sympathisanten, mit dem Tode. Der geistige und politische Führer der Schiiten, Bakr el-Sadr, kam im Gefängnis um. Schiiten behaupten bis heute, Saddam habe ihn eigenhändig erwürgt. Gleichzeitig heuchelte der durchaus weltliche Diktator Religiosität: Er pilgerte nach Mekka und betete im eigenen Land sogar vor einem Schiiten-Schrein.

Seinen absolutistischen Ansprüchen stand schließlich nur noch Staatschef Bakr im Weg. Als der die Verfolgung Andersdenkender kritisierte, stellte ihn Saddam unter Hausarrest und enthob ihn 1979 seines Postens, wegen »Krankheit und Regierungsunfähigkeit«.

Nun war Saddam auf dem Höhepunkt seiner Macht - und machte von ihr noch gnadenloser Gebrauch. Er ließ hochrangige Beamte des Erdölministerium exekutieren und den Bürgermeister von Bagdad - wegen angeblicher Korruption. Viele Fachleute scheuten hohe Posten in Regierung und Verwaltung, da Würdenträgern allzuleicht der Strick drohte; sie setzten sich lieber ins Ausland ab.

Die Kerker füllten sich mit Verdächtigen, Saddams Folterer vom berüchtigten Geheimdienst Muchabarat mußten Überstunden machen. Nach Ermittlungen von Amnesty International ließ der angebliche Harun el-Raschid seine Opfer auf 30 verschiedene Methoden foltern und quälen: Neben »konventionellen« Arten wie Elektroschocks oder Schlägen stachen die Muchabarat den Wehrlosen die Augen aus. Selbst vor Folterungen an Kindern schreckten sie nicht zurück, um von Eltern Geständnisse zu erpressen. Frauen und Töchter wurden vor ihren Angehörigen zu Tode vergewaltigt.

Fazit der US-Menschenrechtsorganisation Middle East Watch: »Der Irak ist ein gut durchorganisierter Polizeistaat, dessen Regierung zu den brutalsten und repressivsten Regimen gehört, die sich derzeit an der Macht befinden.«

Mit der totalen Unterdrückung seines Volkes, dem Kritik am Herrscher bei Todesstrafe verboten wurde, war Saddams Machthunger noch nicht gestillt. Er wollte alles - nach dem Sturz des Schah erst die Vormachtstellung in der ölreichen Golfregion, dann die Ausweitung seines Herrschaftsgebietes und schließlich die Rolle des allmächtigen Führers des arabischen Lagers, als Nachfolger des Ägypters Gamal Abd el-Nasser.

Am 22. September 1980 griff seine Armee den Nachbarn Iran an - in der irrigen Annahme, daß in den Wirrnissen der noch jungen Chomeini-Revolution der militärische Widerstand gegen seinen Expansionismus nur schwach sein würde. Doch der angesagte »geniale Blitzkrieg« (so der vorlaute Feldherr) dauerte dann acht blutige Jahre und damit länger als der Zweite Weltkrieg.

In der Armee, die gegen die Revolutionstruppen Chomeinis, darunter Scharen von Kindersoldaten, Hunderttausende Gefallene verlor, aber auch innerhalb der Regierung wuchs Kritik am Feldherrn, dessen Autorität abnahm, je länger das Schlachten dauerte. Besonders Gesundheitsminister Rijad Ibrahim begann am Staatsführer herumzumäkeln. Doch der bekam das - sein Geheimdienst funktioniert nach wie vor perfekt - rasch zu Ohren.

Auf der nächsten Ministerratssitzung stellte er dem aufmüpfigen Kabinettsmitglied eine Falle: Er habe von Chomeini Signale empfangen, daß der Krieg sofort zu Ende sein könnte, wenn er selbst zurücktrete. »Ich finde das eine akzeptable Lösung und frage euch, wer dafür und wer dagegen ist.«

Es meldete sich der Gesundheitsminister: »Genosse Präsident, Sie können formell zurücktreten, damit könnten wir den Irak vor der totalen Zerstörung retten. Danach können Sie ja wieder an die Macht kommen.«

»Bravo, das nenne ich Mut«, wandte sich der Staatschef an den Minister. Dann, mehrere Sitzungsteilnehmer beschwören es, packte er den Mann an den Haaren, zog seine Pistole aus dem Halfter und schoß ihm aus kürzester Entfernung in den Mund. Damit war die Ministerratssitzung zu Ende - und jede Diskussion, den Diktator zu opfern.

Doch der Krieg und die Verelendung führten zu mehreren Anschlägen auf den Tyrannen, etwa von seiten der Schiitenorganisation Daawa, aber auch von prominenten Regime-Mitgliedern wie dem Polizeichef Fasel Barat. Bei dessen Putschversuch sollen 28 Menschen ums Leben gekommen sein, darunter auch der Stiefbruder Saddam Husseins.

»Die Feinde«, beklagte sich daraufhin der oberste Kriegsherr, »versuchen Sabotage von innen her. Aber all diese Verschwörungen wurden auf dem Felsen der nationalen Einheit zerschmettert.«

Mit einem geschickten Schachzug gelang es dem fast schon geschlagenen Diktator, den Golfkrieg zu internationalisieren. Da er den Konflikt aus eigener Kraft nicht mehr gewinnen konnte, suchte er nach einer »großen weltweiten Lösung des Problems«. Er fand sie, auf seine Art.

Seine Kampfflugzeuge bombardierten Supertanker, die in Häfen am Persischen Golf ihre stählernen Bäuche mit Öl füllten. Die Iraner schlugen zurück und verminten den Golf, eine Lebensader der westlichen Industriegesellschaft.

Die US-Flotte gab daraufhin Tankern der großen Erdölkonzerne Geleitschutz. Saddams Kalkül war aufgegangen. Nun war die Supermacht in die Wirren des Golfkrieges mit hineingezogen, die Amerikaner mußten dringend interessiert sein, den Waffengang zwischen Iran und Irak endlich zu beenden.

Der Waffenstillstand kam vor zwei Jahren tatsächlich zustande - nicht zuletzt wegen der globalen Auswirkungen des von Saddam Hussein vorsätzlich angezettelten Tankerkriegs. Der todkranke Chomeini empfand die Feuerpause als persönliche Schmach, sie hinzunehmen war nach seinen eigenen Worten »schlimmer als Gift«.

Dem Krieger Saddam hingegen brachte der vorläufige Frieden die Rettung. Gegen Ende des Krieges hatte der Tyrann seine Truppen zunehmend mit chemischen Kampfstoffen in die Schlacht geschickt. In den tödlichen Senfgas-Schwaden erlosch der Kampfeswille der iranischen Freiwilligen. Aber auch gegen die aufsässigen Kurden, seine eigenen Staatsbürger, setzte er rücksichtslos Giftgas ein - im Städtchen Halabdscha kamen 5000 Menschen, die meisten Frauen und Kinder, qualvoll ums Leben. Die weltweite Empörung über den Einsatz der geächteten Kampfstoffe schien Saddam keineswegs zu verunsichern.

Seit dem durch Uno-Blauhelme überwachten Waffenstillstand versucht er erneut, seinem Lebenstraum näherzukommen, Führer des arabischen Lagers und Herr des Öls zu werden. Mit gewaltigem Pomp, als sei sein Land nicht ruiniert, hielt der Staatschef anläßlich eines Araber-Gipfels im vergangenen Mai hof. Bei der Gelegenheit versicherte er den »arabischen Brüdern«, im Falle eines neuerlichen israelischen Überfalls auf sein Land - wie der Zerstörung des irakischen Atommeilers Osirak 1981 durch israelische Kampfflieger - mit einem Giftgasangriff zu antworten: »Ich schwöre bei Gott, unser Feuer wird halb Israel verschlingen.«

Solche Drohungen werden selbst im militärisch übermächtigen Israel ernst genommen. Schon jetzt ist der Irak unbestritten Arabiens Militärmacht Nummer eins, mit einer Million Soldaten unter Waffen, etwa 6000 Panzern, dazu einer Luftwaffe mit 600 modernen Kampfflugzeugen. Kein Araberstaat, nicht mal das große Ägypten, verfügt über eine Armee mit solcher Kriegserfahrung.

Dem Gewaltherrscher aber reicht diese Übermacht noch lange nicht. Er will den Irak zur Supermacht des Orients hochrüsten. Dazu läßt er Monstergeschütze bauen, die Satelliten ins All schießen können, aber auch chemische und atomare Sprengköpfe in die hintersten Winkel des Nahen Ostens, auch nach Israel.

Behält der Irak seine Beute Kuweit, hat er erstmals breiten Zugang zum Persischen Golf und kann mit dem kuweitischen Öl unbegrenzt weiterrüsten - mit unabsehbaren Folgen für die Region: Israel wird unter stärksten Druck der USA geraten, in seinem Dauerkonflikt mit dem Irak-Gegner Syrien nachzugeben, damit Damaskus gegen den Irak Front machen kann.

Schon läßt Israel seine Zivilbevölkerung mit Gasmasken üben, erprobt es fieberhaft Anti-Raketen-Systeme. Nach dem Überfall auf Kuweit erinnerte Falke Ariel Scharon daran, daß Kuweit-Stadt 65 Kilometer von der Grenze entfernt sei - aber Jerusalem nur 40 Kilometer vom Jordan. Ex-Premier Schimon Peres warnte den Tyrannen vor allzu riskanten Abenteuern: »Israel ist weder Iran noch Kuweit, und wenn er versuchen sollte, sich an uns zu wagen, könnte er noch seine Wunder erleben.«

Doch noch scheint es, als habe der Kriegsherr vom Tigris leichtere - und lohnendere - Ziele im Auge: Nebst Kuweit drohte er auch schon den Vereinigten Arabischen Emiraten am Golf mit Gewalt, auch sie hätten den Irak betrogen und seien ihm in den Rücken gefallen. »Wir werden den Krieg in die Schlafzimmer der Prinzen tragen«, höhnte Saddam Hussein schon 1978.

»Und wenn Kuweit der Appetithappen war«, so Peter Beutel, Vizepräsident der New Yorker Merrill Lynch Futures, »dann muß man fürchten, daß Saudi-Arabien der Hauptgang wird.«

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