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ERZIEHUNG Gefällt dir diese Familie?

Für Kinder von neun Jahren an ist ein »Photo-Lesebuch« mit Berichten über Normalfamilien, über Wochenend- und Schüler-Ehen, über mutter- und elternlose Haushalte bestimmt.
aus DER SPIEGEL 37/1977

Ulrike ist 20 und macht in drei Monaten das Abitur. Ihre Tochter Lena ist acht Wochen alt.

Vater Lutz, 24, über die Familie mit der Abiturientin als Ehefrau und dem Säugling: »Es nervt mich schon manchmal, ich verberge es auch nicht. Es passiert was zwischen uns dreien, Aggressionen gibt es, schon ganz schöne. Aber ich hab das Gefühl, daß es in Ordnung ist.«

Dieser Schüler-Ehe ist einer von 16 »Berichten aus dem Familienalltag« gewidmet, die Antoinette Becker schrieb und Elisabeth Niggemeyer photographierte. Sie sind als »Photo-Lesebuch« erschienen -- für Kinder von neun Jahren an*: Weitere Beispiele:

Familie 7: Sülcran, 13, Saime, 16, Oshan, 14, Burhan, 2, und Nussan (vier Monate) wohnen, essen und schlafen mit ihren Eltern in einem Raum. »In der Ecke läuft der Fernseher, aber ohne Ton, zu leiser türkischer Musik von einem Plattenspieler.«

* Antoinette Becker/Elisabeth Niggemeyer: »Meine Familie -- Deine Familie. Berichte aus dem Familienalltag.« Otto Maier Verlag, Ravensburg; 172 Seiten; 25 Mark.

Das Schlafzimmer der Eltern wird nur einmal in der Woche geheizt, täglich wäre es zu teuer. Neue Möbel sind da, werden aber nicht benutzt, Plastikhüllen schützen sie gegen Staub. »Alles muß neu sein, wenn Familie Küpeli einmal in die Türkei zurückkehrt.«

Die Mädchen dürfen nicht zu deutschen Freundinnen nach Haus, nicht ins Kino, nicht mal allein vor die Tür. Die Mutter: »Mädchen gehören nicht auf die Straße.«

Familie 6: Der Fernfahrer kommt am Freitagabend nach Haus. Dann muß Klaus, 11, aus dem Schlafzimmer ausziehen. Erst am Montagabend ist für ihn »alles wieder in Ordnung. Da ist Papa längst auf den Fernstraßen, und Klaus nimmt seinen Steiff-Hund, seine Taschenlampe, sein Briefmarkenalbum und seinen Wecker in Mamas Zimmer und legt seine Schätze auf Papas Nachttisch«.

Familie 12: Ralf, 9, zu Andreas, 6: »Ich bin aus Mutters Bauch gekommen. Du nicht, du bist ein Pflegekind.« Ralf irrt. Auch er ist, wie die fünf anderen, ein Pflegekind des Taxifahrers Wilinga und seiner Frau. Sie spricht von »Großpflegestelle«, halbamtlich heißt es »Ersatzfamilie«. Gelegentlich kommen die Väter und/oder Mütter zu Besuch.

Familie 13: Seßhaft in einem Bungalow und einem halben Bauernhaus sind Roland, 10, Petra, 13, Jessica, 9, und Claudia, 15, mit ihren Eltern.

In jeder Hinsicht, so scheint es, lebt diese Familie »in guten Verhältnissen«. Eines ihrer Alltags-Probleme: »Wer bewegt das Pferd heute?« Tochter Petra über die Freizeit: »Wir machen sehr viel. Wir leben richtig im Streß mit unseren Hobbys.«

Familie 15: Nur in Berlin zieht der kleine Zirkus Safari umher, trotzdem kennen die Kinder des Direktors schon viele Schulen. Dort »begegnet ihnen eine sehr fremde Welt«. Daß der Preis für Heu pro Zentner von 43 auf 46 Mark gestiegen ist, weiß Manuel, 9. Aber es dauert seine Zeit, bis bei den Schulaufgaben 17 und 5 addiert sind, »und 5 und 9 ist zuerst 13 und dann doch 14«.

Die Bilder von Elisabeth Niggemeyer, die vor acht Jahren zusammen mit der Textautorin Nancy Hoenisch und dem Psychologen Jürgen Zimmer einen Bestseller über »Vorschulkinder« herausbrachte, sind mehr als nur Illustration. Der Bielefelder Pädagoge Hartmut von Hentig im Vorwort: »Die Bilder sagen vor allem: daß es wahre Geschichten sind, keine Erfindungen eines Sozialwissenschaftlers mit pädagogischem Ehrgeiz.«

In der einen Familie fehlt die Mutter, in der anderen der Vater, in wieder einer anderen ersetzt die Großmutter die Eltern. Mal hat ein Kind keine, mal zu viele Geschwister.

»Wir bleiben lieber für uns«, ist das Motto einer dreiköpfigen Familie. Der Kontrast: Zu einer Wohngemeinschaft hat sich ein Ärzte-Ehepaar mit einem anderen Paar (Architekt mit Studentin) und einem Junggesellen vereint, der nicht selten die Kinder beider Eltern wartet. Und wenn die beiden Frauen weg sind, teilen sich die drei Männer die Hausarbeit.

Berichtet wird nicht nur, daß hier das Essen aus der gemeinsamen Kasse bezahlt wird und daß abends jeder die Sorgen des anderen teilt: »Probleme gehen immer alle an.«

Es wird auch geschildert, daß die Gemeinschaft enger ist, als viele Bürger-Kinder sich vorstellen:

Jeder darf in alle Zimmer, wenn die Türen offen sind. Wenn sie zu sind, dann wissen Jenny und die Erwachsenen: Hier darf man jetzt nicht hinein; hier ist einer drin, der alleine sein will. Oder wenn jemand bei ihm ist, heißt das: Die wollen nicht gestört werden! Alle halten sich an diese Spielregel.

Oder gar:

Es gibt nur ein Badezimmer. Die Gemeinschaft hat beschlossen, daß eben alle gleichzeitig ins Badezimmer dürfen. Um sieben rasiert sich Paul, Jenny hockt auf dem Topf, ihre Mutter sitzt auf dem Klo, Jochen duscht sich, und Erika steht in der Badewanne.

Überwiegend stehen in dem Buch Geschichten ohne dramatische Ereignisse. Nur aus einer Familie versucht der Sohn zu flüchten. In einer anderen stirbt die Oma, die als Eltern-Ersatz unentbehrlich schien.

Und das Heimkind Manuela, 7, scheitert bei zwei Versuchen, in eine Familie überzuwechseln. Beim ersten wollten die Eltern es adoptieren, aber Tochter Katharina, 8, hintertrieb es: »Sie weiß, daß dieses Heimkind vielleicht immer zur Familie gehören wird. Damit ist sie aber ganz und gar nicht einverstanden. Doch das hat sie niemandem gesagt.« Sie zeigt es:

Katharina führt Manuela ihre Spielsachen vor. Manuela ist entzückt, besonders von einer großen Puppe.

»Das ist meine Puppe«, sagt Katharina und ergreift sie. »Du kannst die andere haben.«

Beide Mädchen sitzen wortlos, jedes in einer Ecke vom Sofa.

»Schau mal«, sagt plötzlich Katharina, »schau mal dieses Kettchen an, gefällt es dir?«

Manuela nickt stumm, sie würde das Kettchen sehr gerne haben. »Du bekommst es«, hier zögert Katharina, »in einem Jahr, wenn du brav bist.

Manuela schaut auf den Boden. »Komm, ich zeig dir den Kaufladen.« Manuela rührt nichts an, sie schaut vor sich hin, untätig und fremd.

Zumeist ist es der Alltag, der zu Problemen und Konflikten führt, im Bungalow wie im Zirkuswagen -- in der einen Familie, weil die Mutter nachts ins Krankenhaus zu Patienten muß (Sohn Oliver: »Warum schlafen sie denn nicht?"), in einer anderen, weil die siebenjährige Tochter nach der Ehescheidung mit dem Vater lebt und an der Mutter hängt.

Die Frage an die Eltern, die dieses Buch aufwirft, stellt Hartmut von Hentig in seinem Vorwort: »Wann soll ein Kind, ein aufwachsender Mensch ... erfahren, welche Alternativen es zu seiner Familie gibt? Wann ist es zu spät? Wann zu früh?«

Den meisten Berichten schließen sich Fragen an, mit denen sich die Kinder und Jugendlichen unter den Lesern beschäftigen sollen -- auch in der Schule, wie der Verlag erwartet.

Schon weil es Lehrern freisteht, das Buch zur Klassenlektüre zu machen, bringt es für allzu ängstliche bundesdeutsche Eltern ein neues Thema: ob nicht wie die Sexualerziehung in der Schule auch diese offene Familien-Aufklärung zu weit geht. Typische Fragen:

* Zum Bericht über Abiturientin als Mutter: »Warum war Ulrike nicht sicher, daß sie als schwangere, verheiratete Frau in der Schule bleiben dürfe? Kannst du es verstehen? Findest du, daß sie nicht mehr in die Schule gehen sollte?«

* Über das Mädchen Astrid, das mit seinem Vater zusammenlebt: »Kannst du verstehen, warum sie manchmal zum Vater böse ist, wenn sie von der Mutter zurückkommt?«

* Zu einem Bericht über, eine Familie, in der »jeder seine eigenen Wege geht, um woanders etwas Glück zu finden": »Kannst du dir auch vorstellen, daß ein Jugendlicher sich von der Familie abzulösen versucht, um sich selbst und seinen Weg zu finden?«

* Zum Bericht über eine unverheiratete Mutter und ihre Tochter: »Was denkst du über das Heiraten -- auf dem Standesamt, in der Kirche?«

Am Bericht über die Wohngemeinschaft sollen die minderjährigen Leser lernen, »was ein Vorurteil ist":

Wenn du jemanden oder etwas beurteilst und dir eine Meinung bildest, bevor du geprüft hast, ob dieses Urteil mit der Wirklichkeit übereinstimmt.

Ober die Wohngemeinschaften gibt es viele Vorurteile, weil hier Menschen eine Lebensform gewählt haben, die anders ist, als wir es gewöhnt sind. Sicher gibt es unordentliche und unerfreuliche Wohngemeinschaften. Aber es gibt auch solche Familien.

Diese Wohngemeinschaft hier findet, daß sie das Leben gemeinsam besser bewältigt und daß ihre Kinder mehr mit den Problemen unserer Welt vertraut werden: zum Beispiel sich mit anderen Menschen solidarisch zu fühlen, Verantwortung für sie zu tragen, ihre Bedürfnisse zu kennen und mit ihnen zu teilen.

Was gefällt dir an dieser Wohngemeinschaft nicht?

Am stärksten werden viele Kinder die Fragen zur »Familie in guten Verhältnissen« auf sich selbst beziehen. Denn streicht man zweiten Wohnsitz, Reitpferd und Tennis, so wird sich gar manche Familie in diesem Bericht wiedererkennen. Fragen, die ihm folgen:

»Gefällt dir diese Familie? Ist das eine Lebensform, die du allen Menschen wünschen würdest? Findest du, daß diese Kinder wirklich in einem Streß leben? Fehlt dir etwas in diesem Tageslauf?«

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