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»Gefällt's dir, nimm's dir!«

Der Bremer Soziologe Gerhard Amendt, 59, über den Wandel der Jugendsexualität
aus DER SPIEGEL 50/1998

SPIEGEL: Ist die Jugendsexualität heute so frei, wie es die 68er forderten?

Amendt: Der Sex hat heute andere Zwangselemente als 1968: Wo früher das eiserne Verbot war, ist heute das eiserne Gebot der Gesellschaft: Du darfst, aber du darfst nur erfolgreich. Das Fernsehen und die Werbung sexualisieren das ganze Leben in zunehmendem Maße - ob Sie Zigarren kaufen oder ein Auto, Waschmittel oder Brötchen, alles ist zumeist mit weiblicher Sexualität konnotiert. Die Jugendlichen werden damit vor eine Sexualitätskulisse gestellt, die sehr viel fordert und die alles als sehr selbstverständlich darstellt.

SPIEGEL: Wie hat sich dadurch das sexuelle Erleben der Teenager verändert?

Amendt: Ich habe einen Fall erlebt von einem 16jährigen, der das erste Mal mit seiner Freundin geschlafen hat und hinterher sagte: Ich wußte ja gar nicht, daß das soviel mit Arbeit zu tun hat. Die Jugendlichen haben durch die öffentliche Darstellung von Sexualität ein Bild des Gelingens und Könnens im Kopf. Daß Sexualität eine zweischneidige Sache ist, erfahren sie erst, wenn sie es ausprobieren.

SPIEGEL: Wird ihnen damit die Chance genommen, selbst zu entdecken?

Amendt: Was das technische Wissen angeht, leben sie in einer entzauberten Welt. Das erste Mal gibt's gar nicht mehr. Ob die Frau unten liegt oder der Mann, die Kinder haben ihre Erfahrungswerte, bevor sie selbst beginnen. Dabei werden Geschlechterbilder vermittelt, auf einer Affektebene, wo die Kinder sagen, ah ja, die Frau stöhnt, der Mann wohl eher selten. Das habe ich ja gemeinsam mit Mama und Papa gesehen. Denen zum Beispiel etwas über Stellungen zu erzählen wäre ein Witz. Dieser Bereich der Entdeckungen ist weg.

SPIEGEL: Welche Unschuld bleibt ihnen?

Amendt: Sie haben viel auf der Beziehungsebene zu entdecken. Sie werden dazu sogar gezwungen, um ihrer Beziehung etwas Wertvolles zu verleihen. Wir waren früher aus Unkenntnis oder aus Angst genötigt, uns mit der Beziehung zu beschäftigen: Wir mußten uns einen Raum beschaffen, wo wir ungestört sein konnten, oder warteten drei Wochen darauf, daß die Periode einsetzte - das ist für Jugendliche heute alles kaum noch ein Problem, denn schlimmstenfalls können sie zu Pro Familia gehen und eine Abtreibung veranlassen. Aber sie stoßen auf die Frage, was das Ganze eigentlich für sie bedeutet.

SPIEGEL: Die große Aufgeregtheit ist weg. Früher dagegen haben die Medien noch Mauern eingerissen, mit Filmen wie »Im Reich der Sinne« oder »Der letzte Tango in Paris«. Ist so etwas heute noch denkbar?

Amendt: Die Medien reißen heute auch Wände ein, aber nicht, indem sie Tabus beseitigen. Für die Quote begeben sie sich auf eine rastlose Suche nach mobilisierbaren Aufmerksamkeitsstimuli. Das hat eine verheerende Folge: Einerseits erregt sich die Öffentlichkeit über die Pädophilie, andererseits arbeiten Fernsehen und Werbung ständig mit solchen pädophilen Reizen. Es gibt auf Plakaten überall kleine Mädchen als verführerische Frauen zu sehen. Die Medien wirken also nicht mehr aufklärend, sondern nehmen Zugriff auf bestimmte affektive Zustände, die normalerweise in Erwachsenen gut integriert sind, und löcken den Stachel zum Beispiel für pädophile Reize.

SPIEGEL: Wo verlaufen heute die moralischen Grenzen?

Amendt: Das einzige, worüber man sich noch aufregt, ist Gewalttätigkeit. Das ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den man gesellschaftliche Ablehnung bauen kann. Aber nur deshalb, weil es eine sexuelle Erregung ist, die alle verbindet. Kinder werden einer einseitigen, schönen, aber aufdringlichen, virtuellen Welt ausgesetzt - alles geht, sei nur nicht gewaltsam. Wie im Werbeslogan: Gefällt's dir, nimm's dir. Dabei wird nicht mehr analysiert, nur noch festgestellt: Wo geprügelt wird, läuft es falsch - über alles andere redet man nicht.

SPIEGEL: Auf allen Kanälen ist Sex aber das Thema Nummer eins. Nichts als Verschweigen durch Sprache?

Amendt: Man muß unterscheiden zwischen Reden über Sexualität und sexualisierter Geschwätzigkeit. Natürlich kann ich über alles sprechen, ohne irgendwelche Gefühle zu erreichen, die mit der Sexualität verbunden sind. Ich würde das als sprachliche Masturbation bezeichnen, wo man ständig über etwas redet, aber nie zum Kern der Sache, zur eigentlichen Beziehung, vordringt.

SPIEGEL: Auch das Pathologische wird nicht mehr totgeschwiegen: In jeder zweiten Talkshow sitzt ein Sodomist oder Masochist.

Amendt: Das Perverse wird heute öffentlich vorgeführt und nicht mehr einfach im Klo weggespült, weil es den Zuschauer in einen Voyeur verwandelt, der nicht abschaltet. Das Zynische der Medien besteht aber darin, daß sie mit perversen Menschen reden, ohne die gestörte Beziehung in der Perversion und die oft traumatische Genese zu thematisieren. Sie geben nur ihre Oberfläche nach außen, um die Zuschauer zu erregen. Die Scheinheiligkeit hat zugenommen. Es beweist die Unfähigkeit der Gesellschaft, in Beziehungen zu denken.

SPIEGEL: Die »feste Beziehung« ist Jugendlichen dafür sehr wichtig. Schon mit 14 haben sie mit dem Freund oder der Freundin fast alles ausprobiert.

Amendt: Früher hat man immer gesagt, je früher sie anfangen, desto mehr ist es ein Zeichen der Befreiung. Heute würde ich die Gegenthese aufstellen, daß es bei einer Reihe von Jugendlichen eher ein Zeichen der Unfreiheit ist, wenn sie früh mit Sex beginnen - weil sie keine Beziehungen in der Familie haben oder in der Gesellschaft keine anderen finden können.

SPIEGEL: Hängt das mit der hohen Scheidungsrate zusammen?

Amendt: Die ganze Beziehungsdimension ist durch die Auflösung der alten Familienstruktur in den Hintergrund getreten. Bei Scheidungen, wenn die familiären Bande zerreißen, setzen Jugendliche, fast noch Kinder, die Sexualität ein, um sich über Defizite, etwa den Mangel an Geborgenheit, hinwegzutrösten. Sie weichen in eine fragile Pseudogemeinschaft aus.

SPIEGEL: Spielt Schuld heute noch eine Rolle beim Sex?

Amendt: Natürlich gibt es noch Familien, die ihren Kindern Onanie verbieten und ihnen schreckliche Angst machen, aber generell spielen die Schuldgefühle, die wir noch hatten, keine Rolle mehr. Aber das Versagen in einer leistungsorientierten Gesellschaft kann ebenso große Schuldgefühle auslösen. Man glaubt ja, dem anderen nicht gegeben zu haben, wozu man in der Lage sein müßte und worauf der andere ein Anrecht hat.

SPIEGEL: Ist der Erfolgsdruck größer geworden?

Amendt: Die jugendliche Sexualität ist von der Leistungsethik, die unsere ganze Gesellschaft immer mehr beherrscht und alles Private öffentlich macht, nicht abgekoppelt. Ich weiß das aus dem Beratungsbereich: Sehr viele Mütter rufen an und fragen, meine Tochter ist 15 und hat noch immer keinen Freund, hat sie eine psychische Störung? Wenn Sexualität zu einer öffentlich anerkannten und auch zwanghaft erlebten Pflicht wird, dann können Jugendliche die ersten Erfahrungen nicht mehr phantasierend vorwegnehmen. Sie können sich nicht mehr spielerisch darauf einstellen, sondern sie richten das, was auf sie zukommt, nach den ausnahmslos erfolgreichen Vorlagen aus, die sie in den Medien sehen. Man kann prognostizieren, daß heute der erste Sexualverkehr an den hohen Standards scheitern wird und nicht wie früher wegen der Angst, etwas zu tun, was man eigentlich gar nicht tun dürfte.

SPIEGEL: Ist das Scheitern das letzte Tabu?

Amendt: Das Scheitern der Wünsche ist der individuelle Katastrophenfall par excellence, die subjektive Seite des Leistungsprinzips - es sind die Männer, die mit der Arbeitslosigkeit impotent werden, und die Frauen, die arbeitslose Männer nicht mehr lieben können.

SPIEGEL: Auch '68 gab es doch das Dogma, Sexualität haben zu müssen, nach dem Motto »Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment«. War die Befreiung damals nur eine Mogelpackung?

Amendt: Nein, es war schon ein Moment von Befreiung, aber Befreiung ist nie das Paradies. Jeder konnte zwar Sex haben, wie er es wollte, aber gleichzeitig waren noch die alten Arrangements der Geschlechter im Spiel. Daß wir Männer immer meinten, wir müssen's besser machen als die Väter, dadurch allein unterscheiden wir uns als die bessere Männergeneration, die etwas Neues schafft.

Unsere Väter waren psychisch und physisch gebrochen aus dem Krieg zurückgekommen, die Ehen waren kaputt. Vor dem Hintergrund, daß unsere Eltern trotzdem zusammengeblieben sind, in Entfremdung und Sprachlosigkeit und Routine, sind unsere Thesen entstanden.

SPIEGEL: Wie sollte moderne Sexualerziehung aussehen?

Amendt: Das Fortschrittliche in der Sexualpolitik sehe ich darin, daß man konservativ am Gedanken der Beziehungsfähigkeit festhält. So können Kinder leichter der Überschwemmung mit äußeren Reizen trotzen. Man sollte versuchen, die Kinder ein Stück weit zu immunisieren gegen den Sex der Medien, gegen die glatte Freude, die keine Tiefe hat.

SPIEGEL: Sex hat für Jugendliche aber mehr denn je mit Liebe zu tun. Schnellen, gefühllosen Sex wollen die wenigsten.

Amendt: Eben, die Neoromantik der Jugendlichen ist eine stille Gegenreaktion auf die Medien. Gegen die Warenförmigkeit des Sexuellen entwickeln sie einen privaten Raum der eigenen Romantik. Sie schaffen sich eine Sphäre des Geheimnisvollen, die sie mögen, in der sie sich bewegen wollen. Romantik läßt Tiefe zu, Phantasie. Sie wehren sich, denn sie wollen es kompliziert haben, weil sie ahnen, es ist komplizierter. Letztlich kann man also auf die Jugend vertrauen - die weiß, was sie will.

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