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HANDEL Gefahr im Container

Funde radioaktiven Edelstahls aus Indien alarmieren die Umweltbehörden. 150 Tonnen Material sind schon aus dem Verkehr gezogen. Wie riskant ist der Strahlenschrott?
Von Christian Schwägerl
aus DER SPIEGEL 8/2009

Es war eine unauffällige Lieferung, die am 19. August vergangenen Jahres in der Transitzone des Hamburger Hafens zum Verladen bereitstand. Ein Container mit Edelstahlstangen aus Indien sollte weiter nach Russland verfrachtet werden. Ein Transportauftrag wie viele. Nichts Besonderes, so schien es.

Doch dann erlebten die Zollbeamten, die den Behälter routinemäßig überprüften, eine echte Überraschung. Ihre Strahlenmessgeräte begannen anzuschlagen, sie zeigten eine ungewöhnlich hohe, radioaktive Strahlung an: Mit 71 Mikrosievert pro Stunde wiesen die Geräte eine Dosisleistung aus, die nach knapp 24 Stunden den zulässigen Grenzwert eines Normalbürgers für ein ganzes Jahr überschreiten würde.

Die Beamten reagierten prompt. Sie ließen den Container sofort wieder einschiffen und nach Indien zurückbringen.

Doch der Zufallsfund von Hamburg blieb kein Einzelfall. Überall in der Bundesrepublik tauchen seit Monaten Metallteile auf, die mit radioaktivem Kobalt belastet sind. Und sie stammen durchweg aus denselben Quellen: drei Stahlwerken in Indien, vor allem von einer Firma namens Vipras Casting bei Mumbai. Die Umweltbehörden sind alarmiert.

Am 2. Februar wurden Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) gleich vier Funde gemeldet: In Niedersachsen hatten Beamte an zwei verschiedenen Orten kontaminierte Gussteile und Stangen aufgespürt. Im Saarland entdeckten die Fahnder radioaktive Edelstahlspäne auf einem Schrottplatz, in Rheinland-Pfalz belastete Ventile.

Ein interner Vermerk aus dem Bundesumweltministerium, der am 6. Februar den Länderbehörden zugeschickt wurde, listet insgesamt 15 »Vorkommnisse mit kontaminiertem Edelstahl« in zwölf Bundesländern auf. Verzeichnet werden strahlende Stangen, Stahlseile, Edelstahlspäne und Ventilgehäuse. Seither stieg die Zahl der Funde auf 19.

Insgesamt wurden mehr als 150 Tonnen belastetes Metall seit August vergangenen Jahres sichergestellt. Einen Teil davon schickten die betroffenen Firmen wieder zurück nach Indien, der Rest lagert bei den Firmen, bis die Behörden entschieden haben, wie das Material sicher entsorgt werden kann.

Mit so viel strahlender Ware, die unkontrolliert unterwegs war, hatten es die deutschen Behörden noch nie zu tun.

Nüchtern teilte Minister Gabriel vergangene Woche mit, dass »radioaktiv kontaminierte Edelstahlprodukte in mehreren Bundesländern aufgefunden wurden«. Intern aber beschreiben seine Fachbeamten die Lage als dramatisch. Das Problem, heißt es, habe eine »riesige Dimension«.

Einige Tonnen Metall überschritten den Grenzwert von zehn Becquerel pro Gramm so deutlich, dass sie sofort konfisziert werden mussten.

Von 60 Tonnen Metallteilen, die Strahlenschützer im Dezember bei Firmen in Rheinland-Pfalz, Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen aufspürten, waren 5 Tonnen mit bis zu 33 Becquerel pro Gramm belastet. Sie wurden umgehend der Gesellschaft für Nuklear-Service übergeben, die Zwischenlager für die Abfälle aus Kernkraftwerken betreibt und die Castor-Transporte organisiert.

Mehr als 500 Aufzugknöpfe, die aus Frankreich nach Berlin gelangt waren, wiesen eine Aktivität von 270 Becquerel pro Gramm auf. Die Knöpfe sind inzwischen ausgetauscht. Ein Bauteil in einer Metallbaufirma in Mecklenburg-Vorpommern, das am 19. Januar aufgespürt wurde, strahlte gar mit 600 Becquerel pro Gramm.

Zwar hielten Nuklearexperten von Bund und Ländern in einer ersten Analyse fest, dass die Strahlenfunde »keine Gefährdung für die Bevölkerung und die Umwelt« darstellten. Doch andere Fachleute widersprechen: »Es handelt sich bei manchen der Fälle durchaus um relevante Strahlenwerte, bei denen ein längerer Aufenthalt in der Nähe des Materials ein Risiko darstellen kann«, sagt Mathias Steinhoff, Strahlenschutzfachmann am Darmstädter Öko-Institut. Ein Experte des Bundesamts für Strahlenschutz, der namentlich nicht genannt werden will, stimmt zu: »Manche der Werte sind sehr hoch, mit diesem Zeug sollte man nicht lange in Kontakt sein.«

Das radioaktive Isotop Kobalt 60, das in Kernkraftwerken oder in der Medizintechnik zu finden ist, landet in Indien offenbar allzu leicht in der Stahlindustrie des Landes. Eventuell werden Strahlenquellen, etwa aus Krankenhäusern, einfach mit in den Schmelzofen geworfen. Anschließend verkaufen die Hersteller das Metall an ausländische Unternehmen.

Der gefährliche Import aus Asien steht für eine Kehrseite der Globalisierung: Billig ist nicht immer gut. Maschinenteilehersteller und Metallverarbeiter wissen: In den Preislisten ihrer Zulieferer werden die Produkte umso billiger, je höher der Anteil von Metallen aus Indien ist.

Obwohl Bund, Länder und die Metallbranche beschwichtigen, herrscht intern helle Aufregung. In dieser Woche findet in Berlin bereits das zweite Krisengespräch statt. Umwelt-Ressortchef Gabriel verlangt von seinen Fachleuten und der Metallindustrie eilig Vorschläge, wie der Import von verseuchtem Metall möglichst ausgeschlossen werden kann.

Die Beamten verweisen darauf, dass es bereits eine EU-Richtlinie namens »Hass« gibt, die vor einem unerwünschten Strahlenimport bewahren soll. Offenbar hapert es aber an der Umsetzung.

Umfassenden Schutz könnten nur strenge Kontrollen in asiatischen Stahlwerken und an den Ausfuhrhäfen bieten. Gabriel hat dazu die indische Strahlenschutzbehörde um Hilfe gebeten.

Kurzfristig helfen würde aber nur eine massive Zunahme der Kontrollen an den EU-Grenzen. Und die ist teuer.

Deutsche Unternehmen fürchten nun, dass die Kontamination Folgen haben könnte, die für sie kostspielig werden. Sie glauben, Kunden werden abspringen, wenn sie feststellen, dass sie strahlenden Edelstahl erhalten haben. Ein massiver Vertrauensverlust droht. Hinzu kommen die Kosten einer sicheren Entsorgung, die sich auf viele tausend Euro pro Tonne Metall belaufen können.

Das wahre Ausmaß des Kobalt-Spuks in Deutschland ist freilich noch gar nicht klar. »Ich wäre überrascht, wenn jetzt nicht eine größere Zahl von Fällen folgen würde«, sagt ein Strahlenschutzexperte aus Baden-Württemberg. Durch Gabriels Warnung sensibilisiert, würden viele Unternehmen nun erstmals zum Strahlenmessgerät greifen - und womöglich unangenehme Überraschungen erleben.

Genauso ist es einem baden-württembergischen Maschinenbauunternehmer ergangen. Nachdem er von anderen Funden gehört hatte, ließ er seine Maschinenteile messen. Kurz darauf verständigte die Firma die Gewerbeaufsicht. Die Beamten bestätigten: Kobalt 60. CHRISTIAN SCHWÄGERL

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