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KENIA Gefangene mieten

Die Gefängnisse im liberalsten Land Afrikas sind voller Häftlinge. Denn Häftlinge sind wichtig für die Industrie des Wirtschaftswunderlandes.
aus DER SPIEGEL 32/1978

Im Hof des Gefängnisses von Nairobi mußten die Abgeordneten Jesse Gachago und Godfrey Muchiri die Hosen runterlassen. Die Volksvertreter bekamen je einen Streich mit dem Rohrstock aufs blanke Gesäß. Dann wurden sie zur Verbüßung der Reststrafe abgeführt.

Fünf Jahre Gefängnis und ein Schlag aufs Hinterteil sind eine vergleichsweise milde Sühne für den Diebstahl von 485 Sack Rohkaffee. Sonst langt Kenias Justiz in solchen Fällen kräftiger hin. Doch sonst gerät auch selten ein Kaffeeklau aus Präsident Kenyattas Einheitspartei »Kanu« auf die Anklagebank.

Kenia gilt als einer der liberalsten Staaten zwischen Sahara und Sambesi. Aber seine Gefängnisse sind immer voll. Weil die Justiz gehalten ist, die Möglichkeiten des Strafrechts voll auszuschöpfen, sitzen ständig zwischen zwei und drei Prozent der 14 Millionen Kenianer (Bundesrepublik: ein halbes Promille) hinter Schloß und Riegel, darunter auch zehnjährige Kinder.

Selbst Trivialdelikte wie Diebstahl und kleine Betrügereien werden mit harschen Strafen geahndet. Für Ersttäter gibt es fünf Jahre, für Mehrfach-Täter acht bis zehn Jahre. Eine gestohlene Kuh brachte kürzlich in einem Ort am Mount Kenya einem Bauern gleich zwölf Jahre ein.

Das Heer der Gefängnisbeamten ist nach den gleichen Ordnungsprinzipien organisiert wie die nationale Armee. Die Knastwächter haben eigene Fahnen. eigene Sportklubs und eigene Uniformen. Am »Kenyatta-Tag« dürfen sie gleichberechtigt mit den anderen Paradetruppen vor dem Landesvater defilieren.

Die »Prison Industries« sind der zweitgrößte Arbeitgeber im Wirtschaftswunderland Kenia. Die Bürger im Drillich produzieren Obstkonserven, Möbel und Geländefahrzeuge. Sie bauen, zum Teil unter Leitung weißer Ingenieure, Buschpisten und Hotelpaläste. Und alles nur für Kost und Logis.

Die Gefängnisindustrie hat eigene Produktionsbetriebe, aber Gefangene werden auch vermietet: einzelne zum Rasenmähen oder eine Hundertschaft zum Kaffeepflücken. Die Tarife liegen zwar höher als die Lohnkosten für freie Arbeiter, doch dafür ist das Kosten-Ertrag-Verhältnis günstiger. Denn gefangene Arbeiter streiken nicht, sind nie unpäßlich und arbeiten zwölf statt der üblichen acht Stunden.

Nutznießer der »schändlichen Ausbeuterei« (so Gewerkschaftsführer Juma Boy) sind einflußreiche Mitglieder des regierenden Kikuju-Stammes und die ostafrikanischen Filialen westlicher Großkonzerne. Der Kikuju-Klan, an seiner Spitze First Lady Mama Ngina Kenyatta und hochrangige Regierungsvertreter wie Sonderminister Mbiyu Koinange und Justizminister Charles Njonjo, kontrolliert die Anteilsmehrheit bei den »Prison Industries«.

Hauptabnehmer der billigen Arbeitskräfte sind Überseegesellschaften wie der Ananas-Riese Del Monte. der britische Mischkonzern Lonrho (Vorstandschef: Kenyatta-Schwiegersohn Udi Gecaga) und der Gummimulti Firestone.

Weil Europäer für den harten Arbeitseinsatz nur bedingt verwendungsfähig sind und die Justiz diplomatische Verwicklungen gern meidet, erhalten weiße Straftäter in der Regel nur symbolische Strafen: tausend Kenia-Schilling (etwa 250 Mark) Geldstrafe ein Farmer, der im Suff zwei schwarze Arbeiter krankenhausreif geschossen hatte, 3000 Schilling ein französischer Kaufmann, der auf der Straße zwischen Nairobi und Mombasa zwei Menschen totgefahren hatte. Auch Prügel sind für Schwarze reserviert.

Körperlich gezüchtigt wird fast überall in afrikanischen Strafanstalten. Denn Eingesperrtsein allein, so weiß Kenias Justizminister Njonjo, »ist für Afrikaner keine Strafe«. Immerhin bekommen Häftlinge in kenianischen Gefängnissen genug zu essen, ein Bett zum Schlafen und Medikamente, wenn sie krank sind -- für afrikanische Verhältnisse durchaus keine Selbstverständlichkeiten.

Deshalb reagierte Justizherr Njonjo, der sein Jurastudium im Apartheid-Staat Südafrika absolviert hat, auch ausgesprochen unwirsch. als ihm die Gefangenenhilfe-Organisation »Amnesty International« Ende vergangenen Jahres vorwarf, seine Vollzugsbeamten verletzten die Menschenrechte. »Sie sollen doch kommen und selbst sehen«, schimpfte er in einem Interview mit der »Sunday Nation«, »aber dann sollen sie den Weg über unsere Nachbarländer Uganda Lind Tansania nehmen, damit sie sehen, wo es wirklich schlecht um die Menschenrechte steht.«

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