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Ruanda Gefrorener Todesschrei

aus DER SPIEGEL 24/1994

Über dem Portal der Missionskirche von Nyarubuye breitet ein Gipschristus segnend seine Arme über dem Land aus. Darunter liegt eine junge Frau, das Gesicht im Staub. Im Arm hält sie schützend den Torso eines kleinen Kindes umschlungen. Der abgehackte Kopf des Kindes liegt ein paar Meter weiter zwischen gelben Blumen. In dem Gesicht ist ein gräßlicher Todesschrei festgefroren.

Die Geschichte der Unmenschlichkeit ist um eine neue, unvergleichliche Variante reicher: über 200 000 Tote, 500 000 Waisen, Millionen auf der Flucht. Gilles Peress, Fotograf der Pariser Fotoagentur Magnum, hat das Grauen in der Missionsstation in Nyarubuye im Osten von Ruanda im Bild festgehalten.

Die Mörder zerhackten ihre Opfer mit Macheten zum Teil so gründlich, daß man die Zahl der Leichen nur grob schätzen kann: tausend, zweitausend? Keiner weiß es so genau. Überall türmen sich Gliedmaßen zu stinkenden Abfallhaufen. Selbst zwischen Schulbänken liegen verstümmelte, halbverweste Körper. Die Mörder kamen während des Französisch-Unterrichts. »Die Hutus brauchten zwei volle Tage, um alle diese Menschen umzubringen«, sagt Consolata Mukatwagirimana, die das Massaker überlebte.

Die Toten waren alle Mitglieder des Tutsi-Stammes. Sie hatten sich in die Missionsstation geflüchtet in der aberwitzigen Annahme, die Mörder vom Hutu-Stamm würden das Kirchenasyl respektieren.

Einige Leichen sind von Hunden bis aufs Skelett abgenagt. Auch in den Wiesen rings um die Missionsstation sind Leichen verstreut.

Die blutige Ernte auf den Killing Fields von Ruanda ist noch immer nicht ganz eingebracht. Das Morden geht weiter. In den ersten Junitagen erschossen Tutsi-Rebellen bei Gitarama den Erzbischof von Kigali, zwei Bischöfe und zehn Priester.

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