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Drogen Gefühle des Fliegens

In einer Ausstellung zeigt die Stadt Frankfurt die Geschichte des Rausches: von der Flugsalbe der Hexen bis zum Heroin.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Die Fürsten zu Darmstadt ließen nicht mit sich spaßen: Karzer oder Zwangsarbeit beim Straßenbau drohten sie »dem Gesind und Tagelöhnern, den Handwerks-Jungen und Gesellen, den Wasch- und Bieglerinnen« an, sollten diese sich über ihr fürstliches Verbot hinwegsetzen.

Das harsche Edikt aus dem Jahre 1775 richtete sich gegen eine Droge, die zu jener Zeit in Europa in Mode kam und Kaffee hieß. Die deutschen Regenten bekämpften den Wachmacher aus handfesten Gründen: Die Importware ließ reichlich Geld ins Ausland abfließen, das dann im Staatshaushalt fehlte.

Sonderlich erfolgreich waren die Sanktionen nicht. Als nach dem ersten hessischen Kaffee-Verdikt »der Verbrauch des Getränks mehr zuals abgenommen« hatte, wie die Obrigkeit kleinlaut eingestand, durften die »vornehmen Personen« gegen eine Sonderabgabe weitertrinken.

»Verbote«, so die Frankfurter Gesundheitsdezernentin Margarethe Nimsch (Bündnis 90/Grüne), »konnten Drogengebrauch nie verhindern.«

Unter Nimschs Regie hat das Frankfurter Drogenreferat - bundesweit einzigartig - 1200 Jahre Drogengeschichte der Stadt zu der Ausstellung »Im Rausch der Zeit« zusammengetragen. Ab Juli werden Kräuter und Gifte gezeigt, Pülverchen des Mittelalters ebenso wie Crack und Heroin, dazu Dokumente und Utensilien aus der Geschichte des Suffs.

Das Drogenproblem ist so alt wie die Stadt. Stets wurde der Rausch reglementiert, bestraft - und besteuert. Fast nie waren es gesundheitliche Gründe, gegen Alkohol, Zigaretten oder sonstige Rauschmittel vorzugehen, sondern überwiegend wirtschaftliche und politisch-moralische.

Schon im einzigen Hexenprozeß, der in der freien Reichsstadt Frankfurt stattfand, ging es um eine geheimnisvolle Droge: die Flugsalbe, die laut Volksglauben den Hexen zum Ritt auf dem Besen verhalf. Tatsächlich haben die Ingredienzen der angeblichen Hexensalbe, gebraut aus Nachtschattengewächsen, berauschende Wirkung; sie können den Leib leichtmachen, Gefühle des Fliegens und allerhand erotische Phantasien auslösen.

Auch das Rauchen, einst »trockene Trunkenheit« genannt, wurde von der deutschen Obrigkeit bekämpft, kurz nachdem der erste Tabak aus der Neuen Welt in Europa gelandet war.

Als Hauptfeind galt aber stets der Alkohol. Um die Trinklust zu bremsen, ordnete der Rat der Stadt Frankfurt beispielsweise 1598 an, die Zecher dürften sich nicht mehr zuprosten ("zutrincken").

Noch Anfang des 20. Jahrhunderts wurde ein notorischer Zecher öffentlich zum »Trunkenbold« erklärt. Wirte durften nichts mehr an den Betroffenen ausschenken. »Da Sie sich trotz wiederholter Verwarnung noch immer dem Trunke ergeben und dadurch Ihre Familie vernachlässigen«, beschied der Bürgermeister etwa den Untertan Ludwig Sitte im März des Jahres 1910, »werden Sie auf die Liste der Trunkenbolde gesetzt.«

Gleichzeitig ist der Alkohol jedoch die Droge, an der Fürsten und Staat am meisten verdienten. Schon im 13. Jahrhundert wurde in der freien Reichsstadt Frankfurt Weinsteuer kassiert, das »Ungeld«.

Im 14. Jahrhundert machten die Alkoholsteuern bereits 75 Prozent der öffentlichen Einnahmen der Handelsstadt Frankfurt aus. Von 1356 an durfte auch kein Bier mehr getrunken werden, an dem die Obrigkeit nicht verdiente. Und der Durst der Untertanen war beträchtlich: Ende des 15. Jahrhunderts schluckten die knapp 10 000 Frankfurter jährlich mehr als 2,8 Millionen Liter Wein.

Bis heute füllt der Rausch staatliche Kassen: Allein in diesem Jahr erwartet die Bundesregierung mehr als 6 Milliarden Mark Einnahmen aus der Brannt- und Schaumweinsteuer. Beim Tabak sind es mehr als 19 Milliarden Mark.

Anders als beim Alkohol, vor dessen übermäßigen Genuß schon der meist in Frankfurt überwinternde Kaiser Karl der Große warnte, begann die Karriere der harten Drogen wie Kokain und Heroin als Arzneimittel. Sie ließen ganze Industrien entstehen.

Für die Produktion des Betäubungsmittels Morphium heimste der hessische Apotheker Heinrich Emanuel Merck zahlreiche internationale Preise ein. Der Stoff wird aus Opium gewonnen, einem altbekannten Heil- und Rauschmittel, das auch Johann Wolfgang von Goethe regelmäßig konsumierte. 1827 hatte Merck im südhessischen Darmstadt mit der Massenherstellung begonnen.

Merck produzierte als erstes Unternehmen auch fabrikmäßig Kokain, das in den Apothekerzeitschriften als »unübertroffenes Lokalanästhetikum« feilgeboten wurde.

Als die starke Suchtwirkung des Morphiums bekannt wurde, brachte die Firma Bayer eine angeblich unproblematische Alternative aus Morphin und Essigsäure auf den Markt.

Auf Werbeplakaten pries Bayer das Pulver damals neben harmlosen Produkten wie Aspirin an und empfahl es besonders als probates Hustenmittel für Kinder. Die zunächst hoch gelobte Mixtur wurde ein Verkaufserfolg. Ihr Handelsname: Heroin.

Erst 1917, nachdem lange über die offenkundige Suchtgefahr gestritten worden war, wurde Heroin schließlich als Betäubungsmittel apothekenpflichtig. Es dauerte aber noch mehrere Jahrzehnte, bis der »Todesstoff« (Die Zeit) erstmals illegal auf der Straße verkauft wurde und sich eine Drogenszene bilden konnte. Die Polizei registrierte die ersten Heroin-Toten.

Der Heroin-Ersatz Methadon, der Abhängigen in Hilfsprogrammen heute verabreicht wird, stammt dagegen vom Bayer-Konkurrenten Hoechst. Der Frankfurter Chemiekonzern entwickelte den Stoff ursprünglich unter der Bezeichnung »L-Polamidon« 1941 als Schmerzmittel.

In der ganzen Geschichte der Drogen seien Süchtige, klagt Gesundheitsdezernentin Nimsch, »nie so sehr an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden wie die Heroin-Abhängigen von heute«.

Die Ausstellung will deshalb an die jahrhundertealte »Tradition« des größtenteils legalen Rausch- und Suchtmittelkonsums erinnern.

Daß auch Bier in der Ausstellung vorkommt, die Anfang kommenden Monats eröffnet wird, gefällt Frankfurter Brauereien offenkundig gar nicht. Als das Drogenreferat um Bildmaterial nachfragte, wurden die Bittsteller abgewiesen. Mit Drogen, erklärten Brauerei-Mitarbeiter treuherzig, habe das Unternehmen nichts zu tun. Y

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