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BANKEN / KOOPERATION Gegen Amerika

aus DER SPIEGEL 44/1970

Jahrelang gab es nur eine Gruppe von Banken, die ganz Europa bedienten -- die Amerikaner. Die First National City Bank etwa steuert ihre Europa-Aktivität von ihrer New Yorker Zentrale aus, der 27 Filialen in neun europäischen Ländern unterstehen. Die Chase Manhattan Bank unterhält 25 Europa-Filialen. Nun haben die Amerikaner in Europa europäische Konkurrenz bekommen.

In der vorletzten Woche unterzeichneten Vorstände und Aufsichtsräte der zweitgrößten französischen Bank Crédit Lyonnais, Paris (Bilanzsumme: 7,8 Milliarden Dollar), und des viertgrößten westdeutschen Kreditinstituts, der Düsseldorfer Commerzbank (5,1 Milliarden Dollar Bilanzsumme), einen Kooperationsvertrag. »Es ist zwar keine Heirat«, kommentierte Michel de Saint-Remy vom Crédit Lyonnais den Pakt, »aber eine Verlobung mit allen guten Absichten.«

In der Tat kommt die Zusammenarbeit zwischen den deutschen und französischen Bankiers fast einer Fusion gleich. Denn Commerzbank-Generaldirektor Paul Lichtenberg und Crédit-Lyonnais-Chef Maurice Schlogel haben vereinbart, auf finanziellem und technischem Gebiet sowie Im Bereich des Managements zusammenzuarbeiten.

So werden beispielsweise schon bald Vertreter der Commerzbank in wichtigen Filialen des Crédit Lyonnais sitzen, ebenso wie Crédit Lyonnais Spitzenkräfte in Commerzbank-Zweigstellen nach Deutschland entsenden wird. Filialen in Drittländern sollen künftig gemeinsam geleitet oder sogar verschmolzen werden.

»Der Zusammenschluß«, so die »New ·York Times«, »ist die engste Bankenverbindung, die es jemals innerhalb der EWG gegeben hat.« Und der Commerzbank-Vorstand jubilierte: »Die wichtigste Entscheidung seit Kriegsende.«

Mit Insgesamt zwölf Milliarden Dollar Einlagen, nahezu 3000 Zweigstellen und 50 000 Beschäftigten steht die neue Banken-Gruppe an fünfter Stelle in der westlichen Welt -- nach den drei größten amerikanischen Kreditinstituten (Bank of America, First National City Bank, Chase Manhattan Bank) und Englands Mammut-Institut Barclays Bank (siehe Graphik Seite 162).

Wie die ganz Großen im internationalen Kreditgewerbe will auch die neue europäische Bank-Gemeinschaft ein multinational tätiges Institut werden. So wollen schon in Kürze Deutsche und Franzosen gemeinsam die sich stark entwickelnden Kredit- und Kapitalmärkte Südamerikas, Südafrikas und Japans erschließen.

In Europa müssen sie freilich noch formal getrennt auftreten. Denn eine Fusion nach dem Muster der Zusammenschlüsse in der europäischen Automobilbranche (Italiens Fiat erwarb Kapitalanteile des französischen Unternehmens Citroen) oder der Reifen-Industrie (Englands Dunlop gründete mit Italiens Pirelli eine Holdinggesellschaft) war nicht möglich.

Grund: Crédit Lyonnais gehört dem französischen Staat, die Commerzbank hingegen ist eine private Aktiengesellschaft. Überdies kann die Geschäftspolitik beider Banken ohnehin nicht voll von einer Kommandozentrale aus gesteuert werden, solange es in Europa unterschiedliche Währungen gibt und die Geldpolitik der Pariser und Frankfurter Notenbanken nicht konzertiert ist. Lichtenberg und Schlogel setzten daher schon heute auf die Europäische Währungsunion, die spätestens 1880 verwirklicht sein soll.

Bis dahin freilich, so hoffen die Partner, soll aus dem Zweier-Pakt mindestens eine Sechser-Gemeinschaft geworden sein: Neben holländischen, belgischen und italienischen Bankiers wollen Lichtenberg und Schlogel auch de erfahrensten Fachkollegen der Welt -- die Nobel-Banker aus der Londoner City -- in ihren Bund aufnehmen.

»Wir sind«, so ein Sprecher der Commerzbank, »nur der ·Kern einer multinationalen Bankengruppe, die unbedingt einen englischen Partner braucht.«

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