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SOWJET-UNION / EHEVERMITTLUNG Gegen bar

aus DER SPIEGEL 12/1971

Ljuba und Natascha, Margarita und Tatjana, die Mädchen vom Lande, zogs in die Metropole. Doch sie konnten nach Moskau nur kommen, wenn sie dort einen Mann, einen heiratswilligen, fanden.

Denn erst die Hochzeit mit einem Moskowiter öffnete ihnen das Tor zur lockenden Sieben-Millionen-Kapitale: Erst der Bund fürs Leben sicherte die sonst schwer erhältliche Zuzugsgenehmigung, dazu den Anspruch auf eine Wohnung oder zumindest auf den gesetzlich garantierten Mindestwohnraum von neun Quadratmetern.

Ljuba und Natascha, Margarita und Tatjana und mit ihnen noch ein halbes Dutzend Mädchen aus der Provinz hatten Glück: In Moskau gab es einen Mann, der ihnen allen Heirat und Heim in der Hauptstadt versprach -- Leonid Kasakewitsch.

Von den landflüchtigen Maiden, so enthüllte die Moskauer »Iswestija«. kassierte er dafür im Lauf von acht Jahren 7300 Rubel -- und das reichte der Regierungszeitung, um ihn als Ehehändler anzuprangern.

Dabei hatte Leonid seine Damen keineswegs beschwindelt, er hatte sie sogar, wie versprochen, geheiratet -- eine nach der anderen und jeweils gegen bar. Denn Leonid Kasakewitsch hatte Verständnis für ihre Sehnsucht nach Moskau: Er war selbst erst 1962 aus Baku in die Hauptstadt gekommen -- als Brieffreund der Moskauerin Marina. Die beiden heirateten, und Leonid durfte sich seßhaft machen.

Bald aber »gingen die Beziehungen aus dem Leim« (Kasakewitsch), das Paar ließ sich scheiden. Leonid bekam eine eigene Wohnung, Marina als Abfindung eine »Wolga«-Limousine.

Doch Pkw und Wohnung kosteten Geld. Zur Abzahlung mußte Leonid Kasakewitsch viele Rubel verdienen. Er nahm »jede Arbeit an ... ich baute sogar eine öffentliche Toilette«.

Da kam ihm plötzlich die kreative Idee: Wie einst Marina ihn nach Moskau geholt hatte, holte er nun Mädchen vom Lande in die Hauptstadt nicht aus Liebe, sondern für Geld.

Für jeweils bis zu 1000 Rubel Provision durften sich Ljuba, Natascha und Margarita als Ehefrauen auf Zeit in Leonids Wohnung registrieren lassen. Mit Margarita wäre er beinahe sogar fürs ganze Leben zusammengeblieben, denn »sie war ein guter Mensch«.

Eine Ehe schloß Kasakewitsch angeblich sogar unter falschem Namen -- als sein Freund Saizew die Musikerin Tatjana Bonderewa nach Moskau heiraten wollte.

Am Hochzeitstag hatte Saizew keine Zeit, und obendrein war ihm die Zeremonie lästig. So zog Leonid Kasakewitsch mit Saizew-Braut und Saizew-Paß als Ersatzmann zum Standesamt, obwohl er dem eigentlichen Bräutigam so ähnlich sah »wie Goliath dem David« -- so die »Iswestija«, die allerdings ermittelt haben will, daß es umgekehrt war: Saizew zog mit einer Kasakewitsch-Braut zum Standesamt.

»Ehen, meine Liebe, werden ohnehin im Himmel geschlossen«, tröstete jedenfalls der Stellvertreter die Braut. »Das Standesamt ist nur eine Formsache.« Die Ehe wurde ein halbes Jahr später geschieden, die Provision geteilt: Der Hochzeiter erhielt 400, der Ehestifter 600 Rubel.

Sehr bald gewöhnte sich Kasakewitsch an solche Geschäfte. Er wählte Kandidaten aus, überwachte Rechte und Pflichten der Kurz-Eheleute und nahm es notfalls auf sich, die Schein-Ehen vor der Verwandtschaft seiner Kunden zu rechtfertigen: mit angeblichen Schwangerschaften.

Kasakewitsch garantierte auch dafür, daß bei echter Schwangerschaft die Schein-Gattin selbst dann nicht auf Alimenten beharrte, wenn das Kind während der Zweck-Ehe zur Welt gekommen war.

Doch das Geschäft florierte nur, solange sich der Heiratsvermittler auf seine Klienten verlassen konnte. »Wissen Sie, mit einem unehrlichen Partner fällt man herein, dann lassen sich Scherereien nicht vermeiden«, erklärte Kasakewitsch vor Gericht -- wo er sich zu verantworten hatte, weil ihm ein unehrlicher Partner offenbar das Geschäft verdorben hatte.

Glücklicherweise, so die »Iswestija«, »sind Kasakewitschs Geschäfte auf unserem Boden einmalig«. Allerdings: »Die Machenschaften mit dem Ziel, unrechtmäßig Wohnraum zu beschaffen, nach dem Studium dem Arbeitsnachweis zu entgehen, ungesetzmäßig Vermögenswerte zu horten -- das alles ist schon nicht mehr so selten.«

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