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BUNDESWEHR »Gegen das Böse kämpfen«

Das deutsche Heer hat eine Spezialeinheit aufgebaut, die zu den fünf effizientesten im Westen gehört und mit Amerikanern und Briten gemeinsam trainiert. Die Elitesoldaten jagten bereits mit Erfolg Kriegsverbrecher auf dem Balkan.
aus DER SPIEGEL 39/2001

Es war in einer Nacht im vergangenen Oktober: In Foca, einer serbischen Enklave im Osten Bosniens, saß Janko Janjic, 43, mit Mutter, Schwägerin und seinem Bruder in dessen Haus beisammen. Janjic, der als Anführer serbischer Paramilitärs bosnische Dörfer überfallen und als Aufseher des berüchtigten Lagers Buk Bijela junge muslimische Frauen vergewaltigt und gefoltert haben soll, galt in Foca als »Kriegsheld«.

Für eine Hand voll deutscher Spezialisten hingegen war er die »Zielperson«.

Um 23.15 Uhr wurde die Tür plötzlich aus den Angeln gesprengt. Soldaten mit Helmen, Schilden und Gewehren stürmten hinein, drückten die Verwandten zur Seite. Andere griffen nach Janjic. Er war leicht zu erkennen: Auf die Augenlider hatte er sich Totenköpfe tätowieren lassen, auf die Stirn den Satz: »Ich war tot, ehe ich geboren wurde.«

Doch Janjic hatte angekündigt, sich eher in die Luft zu sprengen, als lebendig fassen zu lassen. Er riss eine Handgranate vom Gürtel. Sein Körper wurde zerfetzt, Granatsplitter schossen unter den Schilden zur Seite - drei Soldaten wurden schwer verletzt. Einer hat heute ein steifes Knie, einem anderen zerriss es die linke Hand.

Die blutige Aktion gegen Janjic am 12. Oktober 2000 war gegen Kriegsverbrecher der bislang letzte Einsatz einer neuen Elitetruppe der Bundeswehr: des »Kommandos Spezialkräfte« (KSK). Lange waren für solche gefährlichen Operationen international vor allem die Amerikaner (Special Forces), die Israelis (Sajeret Matkal), die Briten (Special Air Service) und die Franzosen (Commandement des Opérations Spéciales) prädestiniert. Doch auch die Bundeswehr hat sich für Spezialoperationen gerüstet. Das KSK mit rund 250 Kommandosoldaten steht fünf Jahre nach seiner Gründung in einer Reihe mit den Eliteeinheiten der westlichen Welt. Deswegen gehört es zu den Truppen, die Verteidigungsminister Rudolf Scharping den USA für den Kampf gegen den Terrorismus zur Verfügung stellen will.

Bei Übungen der internationalen Spezialkräfte sind die Deutschen schon selbstverständlich dabei - ob beim Überlebenstraining am Polarkreis oder in der Wüste von New Mexico. Die Aufgaben: Befreiung von Geiseln, Kriegsverbrecherjagd und Terrorismusbekämpfung im Ausland.

Eine gemeinsame Philosophie und die gleiche Vorgehensweise machen eine Zusammenarbeit aller Spezialkräfte-Verbände möglich. Nach dem ersten erfolgreichen KSK-Einsatz auf dem Balkan erhielt der damalige Heereschef Helmut Willmann einen Anruf von einem Militär der Verbündeten, der ihm schmeichelte: »Welcome to the club.«

»Wir akzeptieren das hohe Risiko«, sagt Brigadegeneral Reinhard Günzel, 57, der die Eliteeinheit kommandiert, »aber wir sind keine Rambos oder Selbstmörder.« Der Offizier glaubt deshalb - entgegen anders lautender Gerüchte, die vergangene Woche im Umlauf waren - nicht, dass sein KSK schon bald nach Afghanistan geflogen wird, um zu helfen, den Top-Terroristen Osama Bin Laden mitten aus feindlichem Gebiet herauszuholen. Ebenso wenig nimmt er an, dass dort zum jetzigen Zeitpunkt Eliteeinheiten der Amerikaner oder Engländer eingesetzt werden: »Das gäbe ein Blutbad.«

Doch in Zukunft sei die Truppe zur Terrorismusbekämpfung durchaus zu gebrauchen. Wer beim KSK landet, sei durch Prüfungen gegangen, die »das Härteste sind, was man Menschen in einer Demokratie abverlangen darf« (Günzel). In einem dreimonatigen Auswahlverfahren sollen die Kandidaten neben extremer Fitness vor allem psychische Stabilität beweisen.

Tests sollen zeigen, so ein Ausbilder, ob die Probanden über den geforderten Durchhaltewillen verfügen, über Stressresistenz und »die Fähigkeit, Emotionen unter Kontrolle zu halten«. Ein Bewerber beschreibt die ersten Testwochen so: »Die reißen einem richtig den Arsch auf, legen einen bloß, um den Charakter herauszufordern. Verstellen ist zwecklos.« Von vier Kandidaten schafft es einer.

Wer den Test besteht, wird zum Geheimnisträger. Die Kommandosoldaten müssen sich zum Stillschweigen verpflichten, dürfen selbst mit ihren Ehefrauen nicht über Einsätze reden, ihre vollständigen Namen darf niemand wissen. Der Verband gilt als »Black Box«, die Kaserne in Calw im Schwarzwald ist mit Doppelzaun und Stacheldraht gesichert.

Die rund 250 Männer, die zwischen 25 und 40 Jahre alt sind und aus allen Teilstreitkräften stammen, eint der Glaube, dass sie die besten Soldaten Deutschlands sind: »Solche Leute wie hier triffst du sonst nirgendwo«, sagt Hauptfeldwebel Fritz, 33, Fallschirmjäger aus Bayreuth.

Dazu verfügt das KSK über modernstes Fernmelde- und Navigationsgerät, auch über teuerste Waffensysteme, etwa das Scharfschützengewehr G 22, das pro Stück rund 13 000 Dollar kostet.

In zahlreichen Manövern haben die Soldaten gelernt, flexibel auf unvorhergesehene Situationen zu reagieren. Sie trainieren vor allem, so ein Offizier, die größtmögliche »Automatisierung von Feindhandlungen« stets mit scharfer Munition.

Die Kommandosoldaten verstehen sich als »Instrument der Gesellschaft«, das den politischen Willen exekutiere. Ein Hauptfeldwebel: »Im Moment der Gefahr kann ich nicht diskutieren: töten oder nicht töten, da zählen allein Millisekunden.«

Der weltweite Kampf gegen Terroristen, den Kommandeur Günzel für die mögliche »Aufgabe der Zukunft« hält, würde sich von den bisherigen Übungen und Einsätzen nur wenig unterscheiden. Aufklärungsmissionen im Kosovo und in Mazedonien gehören derzeit zum Alltagsgeschäft. Aber das KSK war auch schon viermal in geheimem Auftrag auf dem Balkan, um Kriegsverbrecher festzusetzen - dreimal in Bosnien, einmal im Kosovo.

In Calw wird darüber eisern geschwiegen, doch die Einsätze lassen sich mit anderen Quellen rekonstruieren: Die Jagd begann bereits Ende 1997 unter der Regierung Kohl, in dem Jahr, in dem sich der erste Zug des Sonderkommandos einsatzbereit gemeldet hatte. Weil sich Serben wie Kroaten zunächst weigerten, Kriegsverbrecher auszuliefern, erklärten die USA, Großbritannien, Frankreich, die Niederlande und Deutschland die Suche nach ihnen zur gemeinsamen Aufgabe.

Sie gründeten die so genannte Planungszelle Stuttgart. In der Koordinierungszentrale legten militärische Geheimdienstler und Angehörige der Spezialkräfte fest, wer künftig wann und wo zuschlagen sollte. Die fünf Nationen teilten Bosnien in Zuständigkeitsbereiche auf. Die Deutschen sollten sich zusammen mit den Franzosen um die Stadt Foca 50 Kilometer südöstlich von Sarajevo kümmern.

Die Enklave ist, seit Serben sie im April 1992 überfielen, zu einem Synonym für ethnische Säuberung und Massenvergewaltigung geworden. Die Eroberer tauften Foca in »Srbinje« (Serbische Stadt) um. Sie gewähren bis heute zahlreichen Kriegsverbrechern Unterschlupf. Auch der ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic soll sich hier zeitweise verstecken.

Am 15. Juni 1998 hatten KSK-Soldaten dort ihren ersten Einsatz. Sie verhafteten den Ex-Kommandanten eines Internierungslagers, Milorad Krnojelac, 61. Dem Mann, der in diesen Tagen in Den Haag auf sein Urteil wartet, wird vorgeworfen, für den Tod von 29 Häftlingen und die Folterung von 59 weiteren Männern verantwortlich zu sein.

Die Vorbereitungen für den Einsatz gegen Krnojelac hatten über ein halbes Jahr gedauert. Schon im Dezember 1997 erhielt eine bei Mostar stationierte deutsche Fernmeldetruppe den Auftrag für die Überwachungsmission »Bright Eye 1": Sie sollte bestimmte Frequenzen nahe Foca anzapfen, über die sowohl zivile Telefongespräche als auch der Polizeifunk laufen.

Bald kannten KSK-Aufklärer die Stimme des Mathematiklehrers Krnojelac. Sie schossen Fotos, fanden heraus, wann er aufstand und wann er ins Bett ging, verfolgten seine Wege und registrierten, mit wem er sich wo traf.

Für den Zugriff wählten die Deutschen schließlich einen Platz im Ortskern von Foca: Krnojelac, inzwischen Schuldirektor, ging täglich zu Fuß zu seinem Arbeitsplatz, wo er stets zur gleichen Zeit eintraf, zwischen 6.40 und 7.30 Uhr.

Der Zugriff, die »Operation Precious Bounty« (Wertvolle Beute), sollte an einem frühen Morgen zwischen dem 15. und dem 18. Juni stattfinden. Der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe genehmigte den Einsatz, Außenminister Klaus Kinkel und Bundeskanzler Helmut Kohl wurden unterrichtet. Am 13. Juni trug der damalige Chef des Kommandos Spezialkräfte, Brigadegeneral Fred Schulz, dem Kommandeur der Sfor-Mission in Bosnien, dem amerikanischen Vier-Sterne-General Eric Shinseki, spät abends in dessen Gefechtsstand in Tuzla den Einsatzplan vor.

Am 15. Juni um 6.55 Uhr gab Shinseki den Befehl zur Festnahme. KSK-Männer sicherten die möglichen Fluchtwege über die zwei Brücken mitten in Foca. Als die Kommandosoldaten dann zugriffen, erkannte Krnojelac schnell die ausweglose Lage. Er ergab sich ohne Gegenwehr, es war 7.17 Uhr.

Um 14 Uhr saß Krnojelac bereits im Flugzeug Richtung Niederlande, um 18 Uhr schlossen sich die Tore des Untersuchungsgefängnisses von Scheveningen bei Den Haag hinter ihm.

Bis zum Juli dieses Jahres brachte die Kriegsverbrecherjagd der Spezialkräfte 28 Festnahmen. Davon gehen 3 auf das Konto der Deutschen, die in der Nacht vom 1. auf den 2. August 1999 auch noch den wegen Vergewaltigung und Folter angeklagten ehemaligen Paramilitär Radomir Kovac, 40, aus Foca herausholten. Auf 2 Zugriffe kamen die Niederländer, auf 3 die Franzosen, die Amerikaner auf 7, die Briten auf 13. Zwei der Gesuchten wurden während des Einsatzes getötet, die Übrigen sitzen heute im Gefängnis.

Die Bilanz, mehr aber noch die Legitimation durch die Gerichtsurteile bestärkten die Soldaten in ihrer Haltung, »bei den Guten zu sein, um gegen das Böse zu kämpfen«, sagt der KSK-Psychologe Günter Kreim, 50, der die Eliteeinheit von Anfang an betreut. Die Soldaten wollen wissen, wofür sie Leib und Leben riskieren.

Deshalb ist ein an sich erfolgreicher Kosovo-Einsatz im August 1999 in der Truppe immer noch umstritten. Damals hatten die Niederländer nach dem Einmarsch der Alliierten in Orahovac etliche mutmaßliche Kriegsverbrecher identifiziert. Weil dort ein Teil des russischen Kfor-Kontingents stationiert werden sollte, war eine spätere Festnahme wegen der traditionellen Allianz zwischen Serben und Russen schwer denkbar.

Obwohl mit der Kovac-Festnahme beschäftigt, stimmte das KSK dem Eil-Einsatz zu. Nach nur einem Tag Training mit den Niederländern verhafteten am Vormittag des 20. August drei so genannte Hit-Teams - jeweils sechs deutsche Kommandosoldaten und ein Niederländer - die drei Hauptverdächtigen.

Der Einsatz war in doppelter Hinsicht eher untypisch. Die Zeit reichte kaum aus, die übliche Risikoanalyse zu erstellen. Vor allem aber wurden die Serben, gegen die es noch keinen internationalen Haftbefehl gab, lediglich der Uno-Mission in Pristina übergeben. Niemand im KSK hat erfahren, was aus ihnen wurde, ob sie womöglich nicht längst wieder auf freiem Fuß sind.

Den Wechsel zum KSK empfinden die meisten Soldaten in Calw fast so wie den Eintritt in einen Orden. Seine Leute seien »überdurchschnittlich intelligent, leistungsorientiert, körperbetont, physiologisch andersartig«, sagt KSK-Psychologe Kreim.

Werden im Rest der Truppe Psychologen eher als Seelenklempner verspottet, fällt Kreim im KSK eine Schlüsselrolle zu. Er ist entscheidend an der Auswahl der Soldaten beteiligt und versucht, die Balance zwischen Aggressivität und kontrolliertem Handeln zu halten. So werde zwischen der so genannten Zielperson und den Soldaten jeweils bewusst Aggression aufgebaut, die es ermögliche, »das Feindmuster jederzeit wie eine Schublade zu öffnen«.

Vor allem im Nahkampf, sagt Kreim, sei die »Tötungshemmung« nur so zu überwinden. Doch müsse die hohe Aggressivität dann durch fest inszenierte Abläufe »in Zaum gehalten werden«.

Privat lebt nur jeder dritte Kommandosoldat in einer festen Beziehung. Junge Verbindungen halten den Belastungen meist nicht stand: Die Männer sind mehr weg als da und dürfen nie erzählen, was sie beschäftigt. Viele verlieren wie Hauptfeldwebel Thomas, 34, aus Göttingen auch den Bezug zu alten Freunden: »Ich bin da am Wochenende ein Außenstehender. Kann da zu vielem nix mehr sagen.«

Zudem bietet der Beruf weder Geld noch Perspektiven: Ein KSK-Hauptfeldwebel erhält ein Grundgehalt von rund 3800 Mark, so viel wie ein Polizeiobermeister. Die Altersgrenze liegt in der Regel bei 40 Jahren. Eine Bevorzugung bei späteren Bewerbungen um interessante Jobs wie etwa bei Delta-Force-Soldaten in Amerika üblich gibt es nicht.

Weg will trotzdem keiner. Selbst die drei Männer, die am 12. Oktober vergangenen Jahres in Foca schwer verletzt wurden, möchten wenigstens als Ausbilder bleiben. »Wenn im Einsatz etwas passiert, dann ist es im Kampf für die Sache geschehen«, sagt Günzel, »damit rechnen wir, damit können wir leben.« SUSANNE KOELBL

* Vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag im Oktober2000.

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