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Nahost Gegen das Monster

Pulverfaß Golf: Der Provokateur Saddam Hussein pokert mit der Supermacht USA um die Aufhebung des Irak-Embargos.
aus DER SPIEGEL 42/1994

In den staatlich gelenkten Medien des Irak war die direkte Erwähnung des südlichen Nachbarlandes verpönt. Das Emirat Kuweit wurde mal als »Kornkammer« umschrieben, die es zu erobern gelte. Oder es wurde gleich als 19. Provinz vereinnahmt.

Seit Ende vergangener Woche dürfen die zwei Millionen Einwohner Kuweits indes hoffen, auch von ihrem mächtigen Nachbarn als souveräner Staat anerkannt zu werden. Erstmals seit Ausbruch der Golfkrise im August 1990 signalisierte der irakische Staatspräsident Saddam Hussein, 57, künftig die Grenzen des Emirats zu respektieren.

Nach einem langen Gespräch mit dem aus Moskau angereisten russischen Außenminister Andrej Kosyrew - von Bagdad gleich als Solidaritätsbesuch dargestellt - weckte Saddam sogar noch weiter gesteckte Hoffnungen: Er sei, so der Despot, bereit zu einem Friedensvertrag mit dem Emirat.

Die versöhnlichen Töne aus Bagdad waren die jüngste Volte des irakischen Staatschef, mit denen der alte Spieler Saddam eine neue Runde im Nervenkrieg am Golf eröffnete. Und wieder zeigte sich Saddam in seiner bekanntesten Rolle: als Hasardeur.

Sollte sich der Unberechenbare am Tigris tatsächlich vom Saulus zum Paulus gewandelt haben? War sein Säbelrasseln nur eine wohlkalkulierte Provokation gewesen?

Noch am vorvergangenen Wochenende hatte Bagdad mit einem massiven Truppenaufgebot weltweit Ängste vor einem neuen Golfkrieg geschürt. Weitgehend unbemerkt ließ Saddam 60 000 Soldaten, darunter auch Elite-Einheiten der Republikanischen Garde, an der Grenze zu Kuweit aufmarschieren.

Bagdads Propagandamaschinerie schürte die heraufziehende Angst vor einem Waffengang. »Throne werden wackeln«, drohte das Staatsblatt El-Dschumhuria, »Armeen marschieren.«

Prompt mobilisierte US-Präsident Bill Clinton Eingreiftruppen, als gelte es bereits, Kuweit ein zweites Mal zu befreien. 65 000 Soldaten erhielten Marschbefehl für die Golfregion, 200 Kampfflugzeuge sowie über ein Dutzend Kriegsschiffe wurden in das Krisengebiet beordert. Nach seinen umstrittenen Konzessionen an den Haiti-Diktator Cedras präsentierte sich Clinton dem Muskelspieler am Golf als souveräner Herr über Bomben und Brigaden.

Doch bevor die ersten US-Soldaten richtig Stellung bezogen hatten, dementierte Bagdad jegliche Kriegsabsichten: Das seien »ganz normale Truppenverschiebungen«, beteuerte der Saddam-Vertraute Jussif Hammadi (siehe Seite 173). Hatte Saddams Wüstenmanöver den forschen Clinton womöglich zu einer Überreaktion verleitet?

Soviel steht fest: Mit dem Aufmarsch seiner Garden, verstärkt durch 700 Panzer und Kolonnen von Geschützen, hatte sich Saddam auf die internationale Bühne zurückgemeldet. Doch wohl eher Not als Stärke trieb ihn zu diesem Poker. Denn erstmals seit der Mann aus Tikrit vor 15 Jahren die Herrschaft an sich riß, ist im Irak der Unmut über den Regimechef nicht mehr zu vertuschen.

Mit einer Serie von Bombenattentaten, noch unlängst in der Spitzelrepublik zwischen Euphrat und Tigris kaum denkbar, setzten Oppositionsgruppen Saddam unter Druck. Im vergangenen Monat explodierten in der Hauptstadt 17 Sprengsätze. Zu den Zielen gehörten die Hauptquartiere von Polizei und Sicherheitsdiensten, Büros der Staatspartei Baath und die Redaktion des Regierungsblatts El-Dschumhuria. Aus den Städten Nassirija und Mosul wurden sogar Unruhen gemeldet.

Immer öfter und heftiger murrt die Bevölkerung über die Folgen des Uno-Embargos, das nach dem Golfkrieg über den Irak verhängt wurde. Während sich Saddam und seine Chargen angeblich weiterhin über Mittelsmänner in Jordanien binnen 36 Stunden aus dem Londoner Kaufhaus Harrods jeglichen Luxus beschaffen, haben Massenarbeitslosigkeit und horrende Inflation die Bürger des einstmals vorbildlichen arabischen Wohlfahrtsstaats ausgezehrt.

Selbst ein gutdotierter Arzt kann sich für sein Monatsgehalt gerade ein Hähnchen kaufen. Erst jüngst wurden die subventionierten Lebensmittelrationen um die Hälfte gekappt - angeblich, weil die Uno keine Reis- und Weizeneinfuhren gebilligt habe. »Weniger Brot, mehr Standhaftigkeit«, mahnte das Parteiorgan El-Thaura zum Durchhalten. Staatschef Saddam gelobte im Fernsehen, er werde seinem Volk »alle Versorgungslager der Welt« öffnen.

Auf die 400 000 Mann seiner Armee, als Hauptstütze der Macht stets gehätschelt, kann sich der Diktator nur noch bedingt verlassen. Seit die Fleischtöpfe selbst in den Kasernen leer bleiben, laufen die Soldaten in Scharen davon.

In der Hoffnung, das Embargo abzuschütteln, hatte sich Saddam zunehmend kooperationsbereit gegenüber den Forderungen der Weltgemeinschaft gezeigt. Spezialisten der Vereinten Nationen durften ungehindert Anlagen für Massenvernichtungswaffen zerstören. In 30 Industriebetrieben installierten Uno-Teams Fernsehkameras zur ständigen Überwachung der Produktion.

Im Uno-Sicherheitsrat signalisierten daraufhin Frankreich, Rußland und China ihre Zustimmung zur Aufhebung des Handelsboykotts, »um den Fortschritten im Irak Rechnung zu tragen«, so der Pariser Außenminister Alain Juppe. Auch Nachbarn wie die Türkei oder der Amerika-Freund König Hussein von Jordanien fordern unterdessen mit Blick auf eigene Handelsinteressen ein Ende der Irak-Blockade.

Nur: Daß der Tyrann vom Tigris nach Aufhebung der Sanktionen durch den Verkauf seiner immensen Erdölvorräte wieder zu Geld und alter Macht kommen könnte, ist für London, Washington und vor allem die arabischen Anrainer ein Alptraum.

Großbritannien und die USA blieben deshalb stur. Und Saddam, der schon so manche Fehlkalkulation überstanden hatte, befahl trotzig den Truppenaufmarsch - ganz nach der Devise des einstigen US-Krisenmanagers Henry Kissinger: Spannungen können Gegner einander näherbringen.

Saddam treibt ein gefährliches Spiel. Seine Rechnung, die Anerkennung aller Grenzen Kuweits gegen die sofortige Aufhebung der Sanktionen einzutauschen, dürfte schwerlich aufgehen. Denn das verlangen die Uno-Resolutionen ohnehin. Und sollte der Irak durch provozierende Truppenaufmärsche Clinton erneut herausfordern, könnte Washington doch noch eine Vergeltungsaktion befehlen.

Die Versuchung für Clinton, zur Halbzeit seiner Präsidentschaft auf der Popularitätsskala weit unten, ist groß: Eine derbe Lektion für den amerikanischen Lieblingsfeind könnte seine Demokratische Partei kurz vor den wichtigen Kongreßwahlen im November aus dem Stimmentief reißen.

Schon im Sommer vergangenen Jahres hat der Präsident den Feuerbefehl nicht gescheut. Weil irakische Agenten einen Anschlag auf Amtsvorgänger George Bush bei dessen Besuch in Kuweit geplant hatten, zerstörten 23 Marschflugkörper die Zentrale des Geheimdienstes und etliche Privathäuser. Mindestens sechs Menschen starben.

Doch selbst ein neuer Angriff brächte Saddam womöglich noch Vorteile. Gegen das »amerikanische Monster«, so das Armeeorgan Quadissija, würden sich die meisten Iraker wieder hinter ihren Führer scharen.

Kuweit erwartet mehr als nur den Schutzschirm von US-Raketen. Das Emirat drängt auf eine entmilitarisierte, 240 Kilometer tiefe Zone im Südirak. Ein völlig von Saddams Truppen befreiter Süden käme jedoch dem Zerfall des 1932 gegründeten Kunststaates gleich. Ähnlich wie die Kurden im Norden streben im Süden die Schiiten nach Unabhängigkeit. Sie wollen die Bevormundung durch ihre vorwiegend im Mittelirak lebenden sunnitischen Glaubensbrüder abschütteln. Zu mehr als einem Flugverbot für die irakische Luftwaffe unterhalb des 32. Breitengrades hatte sich der Golf-Kriegsherr Bush denn auch nicht durchringen können.

Im Uno-Sicherheitsrat will Washington erreichen, daß der Irak vorerst nur drei Divisionen im Süden stationieren darf - wie vor Ausbruch der Krise. Für die Republikanischen Garden soll die Region allerdings tabu bleiben.

Saddam reagierte zwar bockbeinig wie immer. Doch selbst wenn er wieder nachgeben muß: Als Punktsieger wähnte sich der irakische Präsident seit dem Kosyrew-Besuch allemal.

Sogar die Hoffnung auf eine Aufhebung der Sanktionen muß Saddam trotz seines Wüstenabenteuers nicht ganz begraben. Denn zum Ärger Clintons will das rubelschwache Rußland für Saddams Rehabilitation kämpfen - aus höchst eigennützigen Motiven. »Es gibt das Problem der irakischen Milliarden-Schulden an Moskau«, gestand Kosyrew, »und das muß gelöst werden.«

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