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Briefe

Gegen den Rest der Welt
aus DER SPIEGEL 41/1983

Gegen den Rest der Welt

(Nr. 38, 39/1983, SPIEGEL-Titel und Serie von Horst Zocker über Alkoholkranke und die Selbsthilfe-Organisation »Anonyme Alkoholiker") *

Selbstmitleid ist ein schlechter Arzt, die Schuld an der eigenen Misere beim Betäubungsmittel zu suchen ist Selbstbetrug, und Politiker und Unternehmer, also die Gesellschaft schlechthin, für die Folgen des eigenen ausartenden Genusses, als den Mißbrauch, in die Pflicht nehmen zu wollen ist zwar einfach, aber rücksichtslos und folglich unsozial.

Wolfenbüttel MARIE-LUISE FRIEDRICH

Die Alkoholiker haben gute Argumente, von der Gesellschaft mehr zu fordern als ein wenig herablassendes Verständnis. Wer nicht nur den Staat mit zusätzlichen Verbrauchssteuern füttert, sondern darüber hinaus unzählige Arbeitsplätze sichert, hat in einem kapitalistischen System als Hauptumsatzmacher das Recht, von den Normaltrinkern Opfer zu verlangen.

Esslingen (Bad.-Württ.) WALTER BAYHA

Leider ist die Vorstellung, Alkoholismus fände nur auf der untersten sozialen Ebene statt, weit verbreitet.

Jeden Tag müssen Tausende von Mitmenschen ihren Alkoholpegel erst auf »normal« bringen, um einen Dienst zu verrichten, der in den Augen der Umwelt höchste Verantwortung dem Nächsten gegenüber erfordert:

Der Lehrer im Unterricht, der Chirurg bei der Operation, der Polizeibeamte im Einsatz, der Richter während der Verhandlung; von hochrangigen Soldaten, Pastoren, Top-Managern und Politikern gar nicht zu reden.

Sie zerstören lieber ihr Familienleben, bevölkern die Erste-Klasse-Stationen der Kliniken, irritieren ihre Mitmenschen durch ihr unverständliches Verhalten oder verüben Selbstmord, anstatt sich ihrem Alkoholproblem zu stellen, das heißt vor dem Alkohol zu kapitulieren.

Ich bin seit vielen Jahren ein nüchterner und zufriedener Alkoholiker und werde es mit Hilfe meiner AA-Freunde bis an mein Lebensende bleiben!

Aurich (Nieders.) Ich heiße PETER, ich bin Alkoholiker

Drei Jahre AA-Remscheid, und ich war immer noch am Saufen. Aber Jesus machte mich frei. Die ständigen Ich-Geschichten sind Kult, Ritual und Farce.

Wermelskirchen (Nrdrh.-Westf.) ALOIS HIRSCH Freundeskreis Suchtkrankenhilfe e. V.

Also, ich kann nur sagen: AA hat mir geholfen.

Frankfurt Ich heiße MARIA ich bin Alkoholikerin

Das tragende Fundament von AA ist die Liebe. Die habe ich in AA erfahren. Aus diesen Erfahrungen und Erkenntnissen resultieren meine Zufriedenheit, Dankbarkeit, Toleranz, Demut, Selbständigkeit, mein Selbstgefühl und die Fähigkeit zu leben.

Koblenz Ich heiße HEINRICH, ich bin Alkoholiker

Wir sind eine Minderheit derer, die noch trinken müssen. Wir sind nicht stolz, aber zufrieden, weil wir zu den wenigen gehören, die heute nicht trinken.

Die Laufbahn eines Alkoholikers ist bei uns zu Ende. Ein bloßer Trinker, der hat unser Wohlwollen, wir haben nichts gegen ihn.

Wir erfahren Zufriedenheit und haben wieder Zuversicht. Wir lachen über Schönes, wir freuen uns, daß wir wieder teilhaben am Leben der Gesunden.

Hamburg Ich heiße HORST, ich bin Alkoholiker

Ich bin auf die Hilfe meiner Mitmenschen angewiesen. Immer wieder geschieht es, daß man mir Verständnislosigkeit entgegenbringt, wenn ich bei einer Einladung Alkohol ablehne.

Regensburg Ich heiße LOTHAR, ich bin Alkoholiker

Was mich bewogen hat, Mitglied eines Freundeskreises zu sein, ist die Tatsache, daß im Gegensatz zu AA die Familienangehörigen an unseren Gruppenabenden teilnehmen. Wir verstehen uns nicht

als Konkurrenz zur AA, sondern als Partner bei unserem gemeinsamen Ziel, ohne Alkohol, Medikamente und andere Drogen glücklich und zufrieden zu leben und anderen eine Hilfe bieten zu können.

Limburg (Hessen) PETER ALM Freundeskreis Limburg e. V. Verein für Suchtkrankenhilfe

Es gibt da einen Satz, der nicht unwidersprochen bleiben darf. Der Guttemplerorden, der Kreuzbund und das Blaue Kreuz haben zu keiner Zeit sogenannte Heilversprechungen abgegeben, und es handelt sich auch nicht um Tarnbezeichnungen.

Die AAs haben so viel Gutes zu bieten, warum also dieser polemische Seitenhieb.

Ich persönlich versuche immer wieder, Kontakt zu den Anonymen Alkoholikern zu haben, um uns auszutauschen. Leider gelingt dies nur sehr selten. Warum sollten wir uns gegenseitig diskriminieren. Gerade heute sind gemeinsame Bemühungen von Erfolg gekrönt, wenn sie in gegenseitiger Wertschätzung geschehen.

Unsere Devise bleibt nach wie vor: Enthaltsamkeit, Brüderlichkeit und Frieden.

Hagen (Nrdrh.-Westf.) HANS BECKMANN Deutscher Guttempler-Orden

Es ist doch ein trauriges Verhalten unserer Gesellschaft, wenn Menschen erst alkoholsüchtig werden müssen, um AA frequentieren zu können und dort Anteilnahme, Verständnis, Interesse füreinander und Dialogmöglichkeit zu erhalten. Wie wäre es, wenn wir Menschen vielleicht auch außerhalb von AA etwas menschlicher miteinander umgingen. Könnte dies nicht in vielen Fällen eine Prophylaxe darstellen gegen die Ursache des Saufens, die Einsamkeit?

Doch wir leben weiterhin isoliert nebeneinander - saufen und treten »allein gegen den Rest der Welt an«, denn sich Hilfe holen bei anderen Menschen bedeutet Schwäche und ziemt sich nicht für einen nüchternen Menschen unserer Zeit und Gesellschaft (dazu muß man erst besoffen sein).

Köln ELKE BRUNE Sozialpädagogin

Ich kann nur hoffen, daß auch meine Richter zu Ihren Lesern gehören und daß es diesen möglich ist, zu begreifen.

Ich habe meine Partnerin, auch Alkoholikerin, getötet und warte auf mein Urteil.

Diez (Rhld.-Pf.) Ich heiße ROLAND, ich bin Alkoholiker

BRIEFE

Einer Krämerseele gleich

(Nr. 39/1983, Parteispenden-Affäre) *

Da kochen über ein Jahrzehnt Spitzenvertreter unseres Staates ihr Parteispenden-Süppchen, übersehen dem Anschein nach auch nicht ihr Privatkonto, helfen ihren Kumpanen in der Industrie, dem Staat fortgesetzt Steuern in (wieviel?) Millionen zu hinterziehen, und im gleichen

Zeitraum werden Tausende Bürger unseres Staates als Betrüger, Diebe und Einbrecher kleinen und mittleren Kalibers ihrer »gerechten« Strafe zugeführt; werden Existenzen vernichtet, manchmal schon vor der rechtskräftigen Verurteilung, scheitern Ehen, zerbrechen Familien, und auch der Selbstmord löst manchmal die sich auftürmenden Probleme.

Während andere Angehörige des öffentlichen Dienstes bei vergleichbar schweren Amtspflichtverletzungen längst suspendiert wären, oder bei vergleichbarer Beweislage in Untersuchungshaft säßen, hält Herr Kohl, einer Krämerseele gleich, an seinem Grafen (tatsächlich ein Graf?) fest, als wäre nichts geschehen.

Wenn der sich seiner Rechtspflicht zum Handeln entziehende Bundeskanzler nochmal ins Grübeln kommen sollte, was wohl von innen her unseren Rechtsstaat bedroht, kann ich ihm helfen:

Nicht die Friedensbewegung, nicht die Grünen, nicht die Kommunisten, nicht einmal die Terroristen mit ihren abscheulichen Gewalttaten, sondern der ständige Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz, der immer wiederkehrende Mißbrauch zugeordneter Machtbefugnisse durch höchste Amtsträger und die Nichtbestrafung dieser Schwerkriminellen bilden in der Summe die Gefahr für unseren Staat, irritiert unsere Jugend, macht sie staatsverdrossen und damit unfähig, unsere so mühsam errungene Demokratie in die Zukunft zu tragen. Mir ist speiübel!

Detmold THEO SCHWEINSMANN Kriminaldirektor a. D.

BRIEFE

Roter Teppich ausgerollt

(Nr. 32/1983, Sport: SPIEGEL-Redakteur Hans Joachim Schöps über die Olympischen Spiele in Los Angeles) *

Als Kalifornierin bin ich über die Berichterstattung über die Vorbereitung der Olympischen Spiele in Los Angeles sehr enttäuscht. Welche Großstadt hat heute keine Probleme mit der Kriminalität, dem Smog oder dem Verkehr? Wenn Los Angeles wirklich so schlecht ist, wie Sie schreiben, warum ziehen so viele Menschen hierher? Falls Sie die Gründe interessieren: das milde Klima, die Freundlichkeit der Ortsansässigen und die persönliche Freiheit. Wir Angelenos laden die Deutschen herzlich ein, unsere Stadt kennenzulernen: Der rote Teppich ist ausgerollt. 83 Vorstädte warten darauf, Ihnen unsere Stadt zu zeigen.

Los Angeles BARBARA THORNBURG Mitglied des Bürger-Komitees zur Vorbereitung der Olympischen Spiele

BRIEFE

Richter unter Druck gesetzt

(Nr. 39/1983, Justiz: Der Chemiekonzern Hoechst versucht, einen unliebsamen Arbeitsrichter auszuschalten) *

Es ist offensichtlich, daß die Hoechst AG durch die Vorlage des strafrechtlich fragwürdigen Rechtsgutachtens, in dem Richter Feser Rechtsbeugung vorgeworfen

wird, einen für sie zuständigen, aber ihr nicht genehmen Richter ein für allemal aus Verfahren gegen die Hoechst AG herauskatapultieren will.

Bedenklich stimmt dabei besonders, daß die Hoechst AG bisher selbst keine Strafanzeige erstattet hat, sondern das Gutachten als Druckmittel dem Dienstvorgesetzten des Richters zugeleitet hat, um ihr Ziel durch Disziplinarmaßnahmen oder Änderung des Geschäftsverteilungsplans zu erreichen. Es ist zu begrüßen, daß der Direktor des Arbeitsgerichts und der Vizepräsident des Landesarbeitsgerichts diesen Versuch der Einflußnahme auf die Zuständigkeit entschieden zurückgewiesen haben. Die Tatsache, daß das Gutachten auch der Berufungskammer zugeleitet wurde, entlarvt die Absicht der Firma Hoechst vollends. Die Richter der Berufungskammer sollen bei ihrer Entscheidung in eine bestimmte Richtung gelenkt werden.

Es verwundert dann nicht, wenn ein Teil der Medien, etwa die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, diesen Fall dazu benutzt, um einen Rundumschlag gegen die gesamte hessische Arbeitsgerichtsbarkeit zu veranstalten. Die doch wohl nur vermutete Mitgliedschaft von Richtern in der SPD nebst der Gewerkschaft ÖTV soll Einseitigkeit - wenn nicht Befangenheit - zugunsten der Arbeitnehmer vermuten lassen.

Die Absurdität dieser Meinung zeigt sich schon darin, daß dann konsequenterweise jeder der CDU angehörende Arbeitsrichter für die andere Seite, die Arbeitgeber, voreingenommen sein müßte. Übrigens auch in dieser Partei gibt es genügend Arbeitsrichter bis hin zum Bundesarbeitsgericht.

Bremen MARTIN BERTZBACH Vorsitzender Richter am Landesarbeitsgericht BERND ASBROCK Richter am Landgericht und weitere 18 bremische Richter aller Gerichtsbarkeiten

BRIEFE

Bitterböse Eintragung

(Nr. 38/1983, Personalien: Der Journalist und Schriftsteller Erich Kuby traf sich mehrmals zu Recherchen für ein neues Buch mit Himmlers Stabschef Wolff) *

Sehr geehrte Herren Journalisten, in einer mich etwas überraschenden Gesinnungssolidarität mit Springers »Abendblatt« schließen Sie aus der Tatsache, daß ich als damaliger »Stern«-Reporter beruflichen Interview-Umgang mit dem SS-Ex-General Wolff gehabt habe - übrigens nicht nur auf Heidemanns Göring-Boot, sondern auch in Italien am Ort der Wolffschen Kriegstaten, ich empfände freundschaftliche Gefühle für ihn. Darüber könnten Sie viel in meinem Buch »Verrat auf deutsch« nachlesen.

Ich frage mich nun, in welch heftiger Freundschaft Sie zu Franz Josef Strauß entbrannt sind, mit dem Ihre Redakteure plus Herausgeber oft und lange zusammengesessen sind.

Daß Sie meine bitterböse Eintragung in Heidemanns »Bordbuch« als Bekundung faschistischen Geistes zu interpretieren versuchen, erinnert mich an einen Ausspruch, der, glaube ich, von Einstein stammt: es gebe zwei grenzenlose Phänomene, das Weltall und die menschliche Dummheit. Angesichts Ihrer Fähigkeit, Texte auszulegen, setze ich erklärend hinzu, daß es sich mutmaßlich hier nicht um das Weltall handelt.

Venedig ERICH KUBY

BRIEFE

Polizisten, achtet auf Kiep!

(Nr. 39/1983, Motorräder) *

Hallo, SPIEGEL schaffende, am Vormittag scheißt mich ein Bulle zusammen, weil ich ohne Helm herumgondele, und am Nachmittag sehe ich CDU-Freund Kiep ohne Knautschzone abgebildet. Gleiches Recht für alle! Deshalb: Polizisten, achtet auf Kiep!

München GEORG WAITINGER

Wer nichts im Kopf hat, kann ruhig auf den Helm verzichten.

Freiburg KLAUS S. BANZHAF

Ein Bonner Politiker sollte doch wohl mit gutem Beispiel vorangehen.

Kiel MATTHIAS STYCK

Da nützt auch der beste Drei-Stufen-Führerschein nichts, meine Herren in Bonn!

Öschelbronn (Bad.-Württ.) JAN BODINUS, JOACHIM SCHÜTZE zwei Motorradfahrer mit Helm!

Ihr Artikel über die neue BMW läßt mich wirklich vermuten, daß Sie die Entwicklung der letzten Jahre süß und selig verschlafen haben.

Ist Ihnen entgangen, wie viele Frauen inzwischen vom Sozius auf den Fahrersitz umgestiegen sind? Müssen Sie weiterhin durch Wortwahl wie »Mausi«, »Sozius-Braut« und Macho-Symbole wie »Stier« gleich Motorrad chauvinistische Haltungen untermauern?

Wacht auf, SPIEGEL-Männer!

Westerkappeln (Nrdrh.-Westf.) ANDREA KRUG

BRIEFE

Analoge Symptome

(Nr. 38/1983, DDR: DDR-Studentinnen auf einem Lehrgang für Zivilverteidigung) *

Diese hysterische Heulsuse mit ihren Märchenerzählungen:

Nach einem simplen Filterwechsel im Gasraum »spucken, rotzen, heulen, torkeln und übergeben«, das ist so offensichtlich gelogen, daß der Wahrheitsgehalt des ganzen Ergusses bei nahe Null liegen dürfte. Früher mußte sich jeder Soldat im Gasraum bei abgenommener Maske die Klarscheiben wechseln lassen.

Das war eine durchaus notwendige Übung, bei der es keine nennenswerten Beschwerden gab. Herr Augstein wird es bestätigen können.

Stuttgart GÜNTER LINDENBERG

Seit einem guten Jahr lese ich fast regelmäßig Ihr Nachrichtenmagazin und bin von dieser Informationsquelle sehr angetan. Am Schaudern bin ich oft, wenn ich Berichte aus der DDR lese.

Im Mai 1982 bin ich aus der DDR »gegangen worden«. So sind meine Erinnerungen noch frisch: Schwangere Mütter mit Kindern in einem Zivilverteidigungslager, runde Bäuche oder Kinderwagen nebst Inhalt im Gleichschritt vor sich hertragend - oder schiebend? Was sind das für Frauen, die so was mitmachen (wenn überhaupt)? Warum macht keine den Mund auf? Das haben sie doch vorher gewußt! Vor jeder Immatrikulation wird nämlich ein Wisch unterschrieben, daß man sich verpflichtet, einen vierwöchigen Zivilverteidigungslehrgang mitzumachen. Also!? Wer solche feigen Kompromisse schließt, soll nicht studieren.

Wer den Mut hat, solche zweifelhaften Aufzeichnungen in den Westen zu schmuggeln, wäre doch wohl bei Springer besser gelandet, oder?

Die DDR ist noch nicht Israel.

Berlin UTE BAUMGART

Ich möchte auf die Situation sensibler Bundesdeutscher aufmerksam machen, die Ähnliches (und Schlimmeres) mit dem Zeitfaktor 15 erleben müssen.

Bei diesen zeigen sich durchaus analoge Symptome: Beträchtlicher Alkoholkonsum, Sprachverflachung, wenigstens partieller Kretinismus ("die Zielvorrichtung beim G 3 ist zum Zielen da") und teils innere, teils äußere Weinkrämpfe.

Nun könnte man einwenden, daß man hierzulande ja schließlich verweigern dürfe. Erstens gelingt das nicht sehr vielen, zweitens gibt es nicht wenige Arbeitgeber, die den Wehrpaß als Entree-Billet verlangen. Besonders, wenn man sich als Führungskraft bewerben möchte.

So sind also die Sanktionen in Ost und West wenigstens in diesem Punkt nicht gar so verschieden.

Hannover JENS RICHTER-HOLTMANN

BRIEFE

Atommüll im Erdbebengebiet

(Nr. 39/183, Atommüll: In Gorleben beginnt der Schachtbau, obwohl Lage und Gestalt des Salzstocks keineswegs seit Jahrmillionen stabil geblieben sind) *

Etwa 15 km südöstlich von Gorleben liegt der 554 ha große Arendsee, der bereits in den fränkischen Reichsannalen zu 822 als Ort eines Erdbebens, der zu der Entstehung des Sees geführt hat, genannt wird. Ein weiteres Beben fand am 25. November 1685 statt, das die Vergrößerung des Sees bewirkte. Es wird vermutet, daß große Steinsalzlager durch Wasser zu unterirdischen Hohlräumen von mächtigen Ausmaßen ausgelaugt wurden und diese schließlich zusammenbrachen.

Wie man weiß, setzt sich der Gorlebener Salzstock unter der Elbe bis zum Ort Rambow im heutigen Perleberg (DDR) fort. Genau aber über diesem Teil liegt eine Senke mit zwei Seen, dem Rudower und Rambower See. Die Seensenke aber ist darauf zurückzuführen, daß der Salzstock Grundwasserkontakt bekommen hat und so stark abgelaugt worden ist, daß Gipshut und Deckschichten eingebrochen sind. Diese Kenntnisse sind mir schon in meiner Schulzeit in Perleberg vermittelt worden.

Marburg PROF. DR. HANS-JOACHIM KUNST

BRIEFE

Vorwort zurückgezogen

(Nr. 39/1983, Briefe) *

Wir stimmen der Feststellung von Herrn Vahrenholt zu. Eben wegen der Passage des Autors F. W. Derz »die Konzernleitung Hoffmann-La Roche zeigt Menschenverachtung Himmlerschen Ausmaßes« zog Herr Vahrenholt sein angekündigtes Vorwort zurück. In allen ausgelieferten Exemplaren der von uns herausgegebenen Broschüre wurde deshalb der Name Vahrenholt geschwärzt, die Seiten 3 und 4 der Schrift (reserviert für das Vorwort) blieben frei.

Berlin ROLAND BERSDORF Gesundheitsladen Berlin e. V.

Der SPIEGEL-Dokumentation liegt ein Exemplar der Broschüre vor, in dem Fritz Vahrenholt als Vorwort-Autor genannt wird. Red.

BRIEFE

Hohes Maß

(Nr. 40/1983, Pharma-Industrie: Dr. Ulrich Moebius über mangelnde Arzneimittelsicherheit) *

Herr Dr. Moebius behauptet, daß das Bundesgesundheitsamt im Gefahrenfall die Befugnis nicht nutzt, Arzneimittel zu verbieten. Er weiß, daß allein im Jahre 1982 mehr als 2000 Arzneimittel durch unsere Einwirkung vom Markt verschwunden sind, die Zulassungen von 407 Arzneimitteln widerrufen worden sind und daß wir eine Vielzahl von Verwaltungsprozessen deswegen führen. Er nennt mehr oder weniger zufällig fünf Arzneimittel aus den Hunderten der letzten Jahre und behauptet, keines von

diesen sei durch Behördenakte aus dem Handel gekommen. Dies ist schlicht falsch. Das Präparat Gemogit etwa ist durch unseren Druck vom Hersteller weltweit zurückgezogen worden.

Dr. Moebius behauptet, wir lebten im Arzneimittelbereich auf dem Sicherheitsniveau eines Entwicklungslandes, und verschweigt, daß auch in den von ihm genannten Beispielen die Sicherheit der Verbraucher in Schweden und England deutlich geringer war als bei uns. In unserem Land ist durch das Arzneimittelgesetz und seine Handhabung im Bundesgesundheitsamt ein hohes Maß an Arzneimittelsicherheit verwirklicht.

Berlin PROF. DR. K. ÜBERLA Präsident des Bundesgesundheitsamtes

Das Arzneimittel Normud (Zimelidin) wurde vor Freigabe an den Handel ausführlich weltweit dem internationalen Standard entsprechend getestet, und zwar in ausgedehnten Tierversuchen, dann in klinischen Prüfungen an Patienten. Diese jahrelangen Tests waren dabei auch abgestellt auf Erkenntnisse möglicher Einflüsse auf alle wichtigen Körperfunktionen unter selbstverständlichem Einschluß auf Leber-, Knochenmark- und Immuntoxizität. Nach Durchführung aller erforderlichen Prüfungen erfolgte die Zulassung des Präparates für den allgemeinen Gebrauch durch die zuständigen staatlichen Behörden in verschiedenen Ländern. Nach Einführung von Zimelidin haben wir nahen Kontakt mit Kliniken und der Ärzteschaft gehalten, um auch weiterhin das Arzneimittel - insbesondere auf mögliche Nebenwirkungen - ständig zu überwachen. Im Hinblick auf eine geringe Anzahl ungeklärter Nebenwirkungen hat sich die AB Astra als Herstellerfirma entschlossen, den Vertrieb des Arzneimittels einzustellen und das Präparat in den einzelnen Ländern vom Markt zurückzuziehen. In der Bundesrepublik Deutschland hat Astra Chemicals GmbH entsprechend den für diese Fälle vorgesehenen Verfahren die zuständigen Behörden, die Ärzte und Apotheker über den Rückruf unverzüglich schriftlich informiert.

Södertälje (Schweden) PETER SJÖSTRAND Vice-President AB Astra

Wedel (Schlesw.-Holst.) PROF. DR. K.-W. WESTERMANN Astra Chemicals GmbH

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