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SCHULEN / BUXTEHUDE Gegen den Strich

aus DER SPIEGEL 45/1969

Vier Jahre lang gab Buxtehude ein Schul-Beispiel für die Bundesrepublik. Nirgends arbeiteten Gymnasiallehrer und Gymnasiasten enger zusammen als in der norddeutschen Kleinstadt. Nirgends war die Primaner-Mitbestimmung so weit fortgeschritten wie an der Buxtehuder Halepaghenschule.

Jetzt fürchten Studienräte und Schüler, daß ihr Modell-Gymnasium zu einer Provinz-Penne wird. Um dies zu verhindern, kämpfen sie gemeinsam gegen ihren neuen Direktor, den Niedersachsens Kultusminister Richard Langeheine ihnen gegen Ihren Willen vorsetzte: Harald Kästner, 36, Oberstudienrat aus Göttingen und CDU-Mitglied wie Langeheine.

Der neue Oberschulmeister fühlt sich stark; »Ich habe die Gunst des niedersächsischen Kabinetts,« Für die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), der die meisten niedersächsischen Lehrer angehören. ist er ein »Minister-Günstling«,

In dieser Woche kommt der Fall vor den niedersächsischen Landtag. Die SPD/CDU-Regierung soll Auskunft geben, ob Minister Langeheine recht gehandelt hat oder ob Kästner abberufen und die Stelle noch einmal ausgeschrieben wird,

Was immer Kästner bislang in Buxtehude tat, wird an seinem Vorgänger Dr. Johannes Güthling, 65, gemessen, Güthling gestattete den »Damen und Herren der Oberstufe«, ihren Unterricht an Hand einer Art Vorlesungsverzeichnis fast so frei zu wählen wie Studenten ihre Kollegs.

Während In herkömmlichen Oberschulen jede Prima noch immer stur nach Stundenplan büffelt, können die Buxtehuder Gymnasiasten in den letzten beiden Schuljahren frei entscheiden, welcher »Arbeitsgruppe« sie angehören wollen. Und wenn sie dem Unterricht fernbleiben müssen oder wollen, schreiben sie selbst und nicht mehr ihre Eltern einen Entschuldigungsbrief.

Der »gemeinsame Ausschuß«, ein von Lehrern und Schülern gleich stark beschicktes Gremium, trifft in Buxtehude alle wichtigen Schul-Entscheidungen. Der Direktor ist fast nur noch ausführendes Organ,

Anfangs war es einzelnen Lehrern noch unbehaglich, von den Schülern gewählt oder abgelehnt werden zu können. Die Oberstudienrätin Grete Thomas etwa fürchtete: »Die Schüler wählen natürlich den billigsten Lehrer und nicht den, der scharf zensiert.« Sie hielt es für »peinlich, wenn man In einer so kleinen Stadt von den Schülern nur drei Stimmen kriegt«. Je länger aber das neue Modell erprobt wurde, um so populärer wurde es auch im Kollegium.

Als Güthlings Pensionierung naherückte, ließ die Stadt Buxtehude als sogenannter Schulträger in der Fachzeitschrift »Die Höhere Schule« den Direktoren-Posten ausschreiben. Es meldeten sich sieben Bewerber, darunter der Göttinger Oberstudienrat und Altphilologe Dr. Hellmut Roemer.

Er gehört der SPD an, gilt als Freund des »Buxtehuder Modells« und hat gelegentlich mit Güthling Erfahrungen ausgetauscht. Ihn schlug denn auch der Buxtehuder Schulausschuß dem Kultusministerium als Güthling-Nachfolger vor.

Unabhängig von der Buxtehuder Such-Anzeige aber hatte das Kultusministerium die Stelle im Schulverwaltungsblatt öffentlich ausgeschrieben und seinerseits elf Bewerbungen erhalten. Es ignorierte den Buxtehuder Wunsch, den Göttinger SPD-Roemer zum Direktor zu wählen, und präsentierte statt dessen den Göttinger CDU-Altphilologen Harald Kästner.

Das Kultusministerium mißachtete damit die Rechte, die es in einem Runderlaß zum Schulverwaltungsgesetz selber den Gemeinden eingeräumt hat. Danach

* können die Gemeinden als Schulträger Vorschläge für die Besetzung von Direktorenstellen machen, über die auch verhandelt werden muß,

* muß bei Nichteinigung das Land »durch Formblatt« anfragen, ob der Schulträger mit dem vorgesehenen Kandidaten einverstanden Ist, und andernfalls innerhalb eines Monats erneut eine Einigung auf dem Verhandlungswege suchen,

Aber nach Buxtehude kam kein Formblatt. Das niedersächsische Landesverwaltungsamt ließ lediglich wissen, »daß sich Herr Kästner über dem Durchschnitt bewährt« habe. Im übrigen brauche »aus allgemeinen beamtenrechtlichen Erwägungen heraus« keine Begründung für die Entscheidung gegeben zu werden.

Die Stadt Buxtehude zog vor Gericht und hatte zunächst Erfolg. Die Kammer 1 des Stader Verwaltungsgerichts entschied nach einer »summarischen Prüfung«, die Besetzung der Planstelle erweise sich als »offensichtlich rechtswidrig«, denn die Kultus-Herren aus Hannover hätten »die Mitwirkungsrechte der Antragstellerin verletzt«,

Allerdings stellte das Gericht dem Ministerium zugleich frei, Kästner bis zur endgültigen Entscheidung »einstweilen mit der kommissarischen Besetzung der Planstelle« zu betrauen.

Nach diesem Gerichts-Spruch zeigte sich das Landesverwaltungsamt verhandlungsbereit« um »etwaige Mängel des Verfahrens zu beheben beziehungsweise zu heilen«. Auch über den »Vorschlag der Stadt« -- Dr. Roemer -- könne geredet werden.

An der Halepaghenschule Ist mittlerweile »alles so ein bißchen außer Rand und Band geraten«, befand der ungeliebte Chef Kästner, Sogar die Oberstudienrätin Grete Thomas, einst eher gegen als für die Schul-Reform, fürchtet um die Zukunft des Gymnasiums, Sie erklärte öffentlich: »Herr Kästner ist nicht der rechte Mann, weil er das Modell nicht kennt.« Der Oberstudienrätin wurde ebenso wie dem Studienrat Edgar Feigel, der in der NDR-Nordschau gegen den Direktor Stellung genommen hatte, ein Disziplinarverfahren angedroht, falls sie weiterhin öffentlich Kritik übten.

Doch die Lehrer geben nicht auf, Den Studienrat Dr. Werner Böhnke ärgerte es, daß »Herr Kästner Zielvorstellungen hat, die aus dem vorigen Jahrhundert stammen«. Bert Brecht, so empfahl der Direktor dem erstaunten Kollegium, sollte im Deutschunterricht bestenfalls »gegen den Strich als warnendes Beispiel« gelesen werden. »Ausklingen« müsse die Schulzeit In der Oberprima »mit dem Erlebnis der Klassik«. Kommentar eines Studienrate zum SPIEGEL: »Diese Lächerlichkelt haben wir gar nicht erst diskutiert.«

Die Frage, wie angesichts solcher Kalamitäten das »Buxtehuder Modell« fortgeführt werden soll, hat sich Kästner noch nicht gestellt: »Einstweilen«, so sagt er, »bin Ich noch mit den Voraussetzungen meines Hierseins beschäftigt.« Die Abgeordneten des Landtags sind es in dieser Woche auch.

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