Zur Ausgabe
Artikel 12 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

BUNDESWEHR Gegen die Erinnerung

Zwei in die Kießling-Affäre verstrickte Soldaten werden jetzt befördert - Belohnung für Treue zu Minister Wörner? *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Manfred Wörner kann zufrieden sein. Die Beförderungen, die ihm Personalchef und Heeresinspekteur Ende letzten Jahres für 1985 vorschlugen, entsprachen seinen Wünschen. Der »vorauseilende Gehorsam« (Bundeswehrjargon) klappt wie eh und je.

Zwar hatten seine Berater gewarnt, zwei dieser Beförderungen erinnerten fatal an die Kießling-Affäre und erweckten den Verdacht, daß nicht Leistung, sondern in schwerer Zeit erwiesene Treue zum Minister belohnt werden solle. Doch Wörner ließ das nicht gelten. Nicht er, sondern die Generalleutnants Manfred Fanslau und Hans-Henning von Sandrart hätten schließlich die Vorschläge gemacht. Wörner: »Da müssen wir durch.«

So wird am 1. April der ehemalige Adjutant des Ministers, der Oberst Jörg Schönbohm, schon nach 18 Monaten bei der Truppe wieder nach Bonn zurückkehren. Schönbohm übernimmt als Brigadegeneral einen der wichtigsten Posten im Verteidigungsministerium: Er wird Stellvertreter des Planungschefs Hans Rühle, der als graue Eminenz der Hardthöhe gilt.

Schönbohm ist ein gut beurteilter Offizier mit hervorragenden Personalkenntnissen. Er leitete das Referat »Truppendienstliche Personalangelegenheiten«, hielt Anfang der achtziger Jahre Kontakte zur damaligen CDU-Opposition und managte mit großem Geschick die konservativen Seilschaften. Wer etwas werden wollte, kam an ihm nicht vorbei.

Gleich nach der Amtsübernahme holte Wörner seinen Schönbohm als Adjutant ins Ministerbüro. Auf diesem Posten war er bald so einflußreich, daß selbst Generale bei ihm antichambrierten. Hier aber begann auch seine Verstrickung in die Kießling-Affäre; seine dubiose Rolle konnte nicht einmal vom Untersuchungsausschuß des Bundestages geklärt werden.

Am 14. September 1983 war der inzwischen pensionierte Chef des Militärischen Abschirmdienstes (MAD), Brigadegeneral Helmut Behrendt, in Bonn, als Schönbohm ihn anrief. Behrendt erinnerte sich vor den Parlamentariern, Schönbohm habe ihn gefragt, ob er etwas von der Kießling-Sache wisse; er solle sofort ins Ministerbüro kommen.

Schönbohm, ebenfalls als Zeuge geladen, bestritt diese Version. Er habe Behrendt nur zu sich gebeten, um mit ihm über eine Beförderung beim MAD in Amberg zu reden. Von den Vorwürfen gegen Kießling habe er damals überhaupt nichts gewußt.

Die Aussagen erschienen den Parlamentariern so wichtig, daß sie eine Gegenüberstellung beantragten. Woher wußte der Oberst von dem Verdacht gegen Kießling? Hatte er es »nur so« gehört wie der stellvertretende Vorsitzende des Hauptpersonalrates, Werner Karrasch, der über den General schwätzte, er sei »händchenhaltend mit einem Oberst« gesehen worden? Oder hatte er mehr von deutschen Offizieren im Nato-Hauptquartier in Casteau oder in Brüssel erfahren, die immer wieder tuschelten, der Nato-Oberbefehlshaber für Europa, US-General Bernard Rogers, wisse von homosexuellen Neigungen Kießlings und verlange deshalb die Ablösung seines deutschen Stellvertreters?

Bei der Gegenüberstellung kippte der entnervte MAD-Chef mit einem merkwürdigen Satz um: Er akzeptiere Schönbohms Darstellung »gegen seine Erinnerung«. Dabei sprach vieles für Behrendts Aussage: Mehrere Zeugen bestätigten, daß der MAD-Chef erst nach dem Telephongespräch mit Schönbohm in seinem Kölner Amt nach dem Belastungsmaterial gefragt habe. Dann habe er Wörner Bericht erstattet. Die Kießling-Affäre begann. Auch die zweite Beförderung schmeckt nach Belohnung. Der Brigadegeneral Hartmut Behrendt (mit dem Ex-MAD-Chef nicht verwandt) soll zum 1. April Generalmajor und Chef des Stabes beim Heeresinspekteur werden.

Behrendt kam ins Ministerbüro, nachdem der damalige Leiter, Ministerialrat Jochen Trebesch, zusammengebrochen war. Trebesch hatte Wörner in den ersten turbulenten Tagen des Januars 1984 kritiklos zur Seite gestanden, war aber dann an seinem Minister, den Zeugen und sich irre geworden. Nach einer heftigen nächtlichen Auseinandersetzung mit Wörner mußte er ins Krankenhaus.

Der Trebesch-Nachfolger Behrendt schirmte den Minister ab, half bei der Suche nach neuen Zeugen und Beweisen gegen Kießling, leitete dann aber auch die Rehabilitierung des Vier-Sterne-Generals ein. Behrendt war es schließlich auch, der - gemeinsam mit Rühle - Wörner die Rücktrittsgedanken ausredete. Daß Heeresinspekteur von Sandrart sich als Stabschef gerade Behrendt aussuchte, obwohl die Personalabteilung auch andere Vorschläge gemacht hatte, kommt nicht von ungefähr. Sandrart ist nicht nur Wörner verpflichtet, er ist selbst belastet.

Behrendt kennt aus seiner Zeit bei Wörner die Akten über den Heeresinspekteur. Er weiß, daß Sandrart, damals stellvertretender Chef des Stabes für Planung bei US-General Rogers, zu jenen deutschen Nato-Offizieren gehörte, die auf eine schnelle Pensionierung Kießlings drängten. Gleich zweimal, im November und im Dezember 1983, hatte Sandrart dem Minister-Adjutanten von den Gerüchten über Kießling erzählt.

Vor dem Untersuchungsausschuß im März vergangenen Jahres erinnerte sich Sandrart plötzlich nicht mehr, wer ihm von den Gerüchten über Kießling erzählt

hatte. Zwei Monate früher, als beim Minister nicht Ent-, sondern Belastendes gefragt war, war das anders.

Am 12. Januar gab Sandrart zu Protokoll: »General Rogers hat hierüber nie etwas zu mir gesagt. Vom (britischen) General Sir Farrar-Hockley soll es dagegen einen Hinweis auf die Homosexualität von Dr. K. geben.«

Und über Kießling, der ihn einst förderte, urteilte Sandrart in seiner Vernehmung: »Ich halte Dr. K. für psychisch nicht stabil und für einen Mann mit Komplexen und Verklemmungen.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 12 / 77
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel