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SCHULEN Gegen Gesinnungsweste

Politiker-Streit um Friedenserziehung: Soll Reagans »Krieg der Sterne« ein Unterrichtsthema sein? *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Hamburgs Schulsenator Joist Grolle (SPD) marschiert gern vornweg - bei Friedensdemonstrationen, aber auch im Wettstreit mit anderen Kultusministern, wenn es darum geht, im Unterricht Weltpolitisches zu erörtern.

Während überall sonst an bundesdeutschen Schulen die Friedenserziehung, wenn überhaupt, nicht als brandaktuelles Thema behandelt wird (Unterrichtsbeispiel etwa in Hessen: »Friedenssicherung im Nuklearzeitalter - am Beispiel der Neutronenbombe"), ermunterte Grolle die Erzieher, auch neueste militärtechnische Phantasien im Unterricht durchzunehmen.

Anlaß für sein schulpolitisch ungewöhnliches Begehren gab dem Professor für Geschichte der Jahrestag des Überfalls der Deutschen auf Polen am 1. September 1939, Beginn des Zweiten Weltkrieges, in dem über 55 Millionen Menschen starben. In einem Brief zum »Antikriegstag« bat Grolle 15 000 Hamburger Lehrerinnen und Lehrer eindringlich, sich der »Pädagogik des Verschweigens« zu versagen. Grolle: »Es ist zu spät zum Reden, wenn der Turmbau zu Babel uns und unsere Kinder unter sich begraben hat.«

Das Wort vom babylonischen Turm-Monstrum, alttestamentliches Symbol für gotteslästerlichen Hochmut des Menschen, paßt nach Grolles Meinung exakt auf das amerikanische SDI-Programm, den drohenden »Krieg der Sterne«. Denn das amerikanische Weltraum-Rüstungsprogramm, behauptet der Schulsenator, habe »das mühevoll ausbalancierte Verhältnis« zwischen den Weltmächten »in menschheitsbedrohender Weise verändert«. Und, direkt aufs Pädagogen-Herz gezielt, erkannte er: »Wer in der Schule Kinder für das Leben vorbereitet, empfindet doppelt die Überschattung der Zukunft durch die Systeme des Todes.«

Hamburgs CDU hingegen sah mehr die politische Ausgewogenheit in der Schule verletzt. Hartmut Perschau, Fraktionschef in der Bürgerschaft, empfand Grolles Erklärung als »kaum verhüllte Aufforderung zu politischer Indoktrination«. Und der CDU-Bildungsexperte Karl-Heinz Ehlers nannte letzten Mittwoch in einer Bürgerschaftsdebatte die Friedens-Adresse an die Lehrer »politisch infam« und »moralisch pervers«. Schlimmer noch: »Es sind solche Briefe des Schulsenators, die in der Nato Verunsicherung schaffen.«

Im fernen Stuttgart polterte der baden-württembergische CDU-Kultusminister Gerhard Mayer-Vorfelder: »Das ist der Gipfel, reine GEW-Politik.« Der saarländische Wissenschaftsminister Diether Breitenbach (SPD) verteidigte seinen Parteifreund. Wer, wie die CDU, Grolles Rücktritt verlange, wolle »in Wahrheit die Erziehung zum mündigen Bürger verhindern«. Wenn der Friede in der Welt durch atomares Wettrüsten bedroht sei, könne die Schule »nicht keimfrei« gehalten werden.

Grolles Brief belebt von neuem den Dauerstreit der Politiker über Friedenserziehung an westdeutschen Schulen. Je nach politischer Ausrichtung der Landesregierungen gibt es seit Jahren unterschiedliche Auffassungen und Unterrichtsregelungen zum Thema Krieg und Frieden.

In den CDU-regierten Ländern gilt die statuarisch-klassische Sichtweise des baden-württembergischen Kultusministers, der im Unterricht »Notwendigkeit und Auftrag der Bundeswehr als Teil unserer Friedenspolitik einsichtig gemacht« haben will: »Wehrdienst in der Bundeswehr ist Friedensdienst.«

In den SPD-regierten Ländern wird im Unterricht ein differenzierteres Weltbild dargeboten, orientiert an der sozialdemokratischen Erklärung zur Friedenserziehung. Die Schüler sollen lernen, »dem Feinddenken, dem Drohen mit Gewalt, entgegentreten« zu können. Wehrdienst und Kriegsdienstverweigerung sind gleichrangige Themen.

Die unterschiedlichen Auffassungen reichen bis in die Methodik des Unterrichts. So wird in Bayern, wie in anderen Unionsländern, den Pädagogen empfohlen, bei Geschichtsdaten wie dem 1. September 1939 über abgeschlossene Vorgänge zu referieren, etwa über Appeasementpolitik oder den Hitler-Stalin-Pakt. »Eine tagespolitische Fortsetzung«, so ein Beamter im Münchner Kultusministerium, »gibt es bei uns nicht.« Ein Hinweis auf SDI, die Möglichkeit von Weltkrieg III, ist nach dem bayrischen Unterrichtsmodell nicht vorgesehen.

Die sozialdemokratischen Kultusminister fördern das Bemühen um politische Aktualität. »Seit der Demokratisierung«, sagt der Hamburger Erziehungswissenschaftler Wolfgang Schulz, Genosse und gelegentlich als Grolle-Nachfolger im Gespräch, »hat Schule eine neue Aufgabe: Sie muß über die res gerendae unterrichten« - über politische Streitfragen, die gerade diskutiert und erst noch entschieden werden. Die Schüler sollen gewappnet sein, um »an der öffentlichen Diskussion teilnehmen zu können«. Motto: »Wie kommt man an Fakten heran, wie kommt man zu einer vernünftigen Meinung« (Schulz).

»Keinem Lehrer«, verteidigt sich Sozialdemokrat Grolle, sei mit dem Brief »die Gesinnungsweste angelegt« worden.

Der Senator, nebenbei auch Synodaler der Nordelbischen Kirche, setzte sich denn auch gegen die Christdemokraten vehement zur Wehr. »In dem Recht auf ein eigenes Urteil«, wies er die christlichen Nörgler lutherisch fest zurecht, stecke »zugleich eine pädagogische Pflicht«, sich »zu bekennen, wenn es um Tod und Leben unserer Kinder geht«.

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