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ALBANIEN Gegen und Tosken

Sprachwissenschaftler und Literaten mühen sich, endlich eine einheitliche Schriftsprache zu schaffen.
aus DER SPIEGEL 8/1973

In albanischen Klassenzimmern und Redaktionsstuben, in Verlagshäusern und Druckereien können Lehrer und Schüler, Redakteure und Setzer aufatmen: Ein internationaler Orthographiekongreß legte in Tirana letzte Hand an einen Kodex verbindlicher Rechtschreibregeln, nach denen die zwei Millionen Albaner in der Volksrepublik Albanien wie die eine Million Albaner im jugoslawischen Gebiet Kosovo ihre Muttersprache zum erstenmal richtig schreiben können.

Denn als einzige Europäer besitzen die Albaner -- neben den Griechen das älteste Balkanvolk -- bisher keine einheitliche Schriftsprache. Sie halten sich für direkte Nachfahren der vorchristlichen Illyrer, und auch ihre Sprache, die weder mit den slawischen Nachbarsprachen noch mit dem Griechischen verwandt ist, führen sie auf das Illyrische zurück. Doch es gibt keine überlieferten illyrischen Schriftdokumente.

Deutsche Wissenschaftler hatten Mitte vorigen Jahrhunderts die Albanologie begründet, doch Kanzler Bismarck wollte von der Existenz einer albanischen Nation nichts wissen: Er hielt die zu zwei Dritteln zum Islam konvertierten Albaner für Türken.

Erst 1908 legte der Kongreß von Monastir (heute: Bitola) das lateinische Alphabet fest. Zuvor hatten die Albaner auch noch griechisch und arabisch, einige sogar kyrillisch geschrieben: so wie wenn die Bayern ihre Mundart lateinisch und die Niedersachsen ihr Platt in Gotisch zu Papier gebracht hätten, bevor die Deutschen das lateinische Alphabet annahmen.

Zwar beschloß eine Literaturkommission 1917 in Skutari, daß die Orthographie des Albanischen auf der Phonetik beruhen, mithin so geschrieben werden müsse, wie das Volk spricht. Das Volk aber redete in Dialekten: Die Mehrheit sprach Gegisch -- in Nordalbanien und auf dem jugoslawischen Amselfeld. Die Minderheit in Südalbanien sprach Toskisch.

Als 1944 die Kommunisten die Macht übernahmen, schrieben die Gebildeten -- 80 Prozent aller Albaner waren Analphabeten -- jetzt alle lateinisch, doch im Toskischen wie im Gegischen und deren Unterdialekten lebten viele grammatische, lexikalische und orthographische Varianten fort.

Der erste Schritt zur Vereinheitlichung des Albanischen war ein sprachlicher Gewaltakt. Seit 1948 ist der Dialekt der albanischen KP-Führer, die -- wie Europas dienstältester KP-Chef Enver Hodscha -- Söhne wohlhabender toskischer Grundbesitzer sind, die Amtssprache Albaniens: das Toskische. Das Gegische, obwohl die Mundart der Mehrheit und der reicheren literarischen Tradition, galt als politisch kompromittiert, weil bürgerliche gegische Führer mit Mussolini und Hitler zusammengearbeitet hatten.

Die Gegen leisteten zwar Widerstand gegen die neue Amtssprache, da Gegen und Tosken sich aber kulturell weniger unterscheiden als etwa Serben und Kroaten, blieben den Albanern Nationalitätenkämpfe à la Jugoslawien erspart.

Heute hat sich das Toskische durchgesetzt, vor allem dank der Tatsache. daß 70 Prozent der Albaner unter dreißig sind, mithin schreiben und lesen lernten, als das Toskische schon Amtssprache war. Wie es ganz korrekt zu schreiben war, wußte niemand.

Erst 1967 wurde ein Entwurf von »Orthographischen Regeln für die albanische Sprache« veröffentlicht, die -- so schwärmt Professor Kostallari, Direktor des Instituts für Linguistik und Literatur der Staatsuniversität Tirana -- erste »mehr oder weniger vollständige und systematische Kodifizierung der orthographischen Regeln in der albanischen Literatursprache«. Noch immer aber fehlen eine wissenschaftliche Grammatik und ein orthographisches Wörterbuch.

Ihre Sprache ist den albanischen Kommunisten dermaßen wichtig, daß sie erstmals im September vorigen Jahres ihr sonst streng abgeschlossenes Land sogar internationalem Publikum öffneten: einem »Kongreß der illyrischen Studien« mit 70 Wissenschaftlern aus elf Ländern.

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