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Artikel 44 / 74

Geheimauftrag für Guillermo

Von Heinz Höhne
aus DER SPIEGEL 36/1976

Der 22. August 1939 war ein Tag, den Wilhelm Canaris nie wieder vergessen sollte. Am Tag zuvor hatte ihn wie alle anderen Amtsgruppenchefs des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) der Befehl erreicht, sich zu einer Besprechung beim Führer auf dem Obersalzberg einzufinden.

Als Admiral Canaris, Chef der OKW-Amtsgruppe Ausland/Abwehr, am 22. August kurz vor 12 Uhr auf Hitlers Berghof eintraf, sah er die anderen Teilnehmer: fast alle maßgeblichen Generale und Admirale der Wehrmacht, unter ihnen die Führer der Heeresgruppen und Luftflotten. Jeder trug Zivil -- auf besonderen Befehl Ritters.

Dann erschien der Diktator. Er begrüßte die Herren Lind lud sie zu einem Frühstück ein, das auf der großen Freiterrasse eingenommen wurde. Als ein Gewitter aufzog, gingen die Männer in Hitlers Arbeitszimmer zurück. Dann sprach der Führer.

»Ich habe Sie zusammengerufen«, begann er, »um Ihnen ein Bild der politischen Lage zu geben. damit Sie Einblick tun in die einzelnen Elemente, auf die sich mein Entschluß, zu handeln, aufbaut:« Je mehr er redete, desto

leidenschaftlicher

wurde seine Stimme, bis sie ganz hart, ungeduldig, aggressiv und fanatisch war.

Bald gab es keinen Menschen mehr im Saal, der nicht verstand: Hier brannte ein Mann die letzten Brücken hinter sich ab. hier artikulierte einer. der nur noch einen Willen, einen Entschluß kannte -- Krieg gegen Polen.

Langsam holte Canaris einen Stift und einen Notizblock hervor, noch ganz betäubt von den Eröffnungen

c 1976 DER SPIEGEL und Verlag C. Bertelsmann, München.

seines Führers. dann begann er mitzustenographieren. Er hörte nur noch Wortfetzen: »Politische Lage für uns günstig ... Niemand weiß. wie lange ich noch lebe. Deshalb Auseinandersetzung besser jetzt ... Das Verhältnis zu Polen ist untragbar geworden -- -- Wir müssen mit rücksichtsloser Entschlossenheit das Wagnis auf uns nehmen.

Und immer wieder die Auseinandersetzung mit Gegnern und Kritikern: »Der Gegner hatte noch die Hoffnung. daß Rußland als Gegner auftreten würde nach Eroberung Polens. Die

* Stalin stößt mit dem Hitler-Photographen Hoffmann (l.) nach der Unterzeichnung des Stalin-Hitler-Pakts am 23. August 1939 in 2. v. r.: Außenminister Molotow

Gegner haben nicht mit meiner großen Entschlußkraft gerechnet ... Ich habe die Umstellung Rußland gegenüber allmählich durchgeführt ... Vorschlag eines Nichtangriffspakts ... Von Ribbentrop wird übermorgen den Vertrag schließen. Nun ist Polen in der Lage, in der ich es haben wollte.«

Hitler brach ab. Er bat die Militärs zu einem kurzen Mittagessen, danach sprach er weiter -- noch unduldsamer als vor der Pause. Canaris machte sich wieder Notizen: »Kampf auf Leben und Tod ... Ich werde propagandistischen Anlaß zur Auslösung des Krieges geben, gleichgültig. ob glaubhaft . Herz verschließen gegen Mitleid. Brutales Vorgehen. 80 Millionen Menschen müssen ihr Recht bekommen.«

Erschöpft hielt der Redner inne. Ein starrer Blick auf die versammelten Militärs, dann sprach Hitler sein letztes Wort: »Ich habe meine Pflicht getan. tuen Sie die Ihre.« Keiner der Militärs rührte sich, sie standen wie gelähmt da. Kein Wort des Protestes ertönte gegen Hitlers Kriegsrede, kein einziger Soldat stellte Hitlers Kombinationen aus Illusion, Größenwahn und Vernichtungstrieb in Frage.

Entsetzt verließ Canaris den Berghof. Die Rede Hitlers hatte ihm auch die letzten Illusionen zerstört, die er über den Diktator noch hegen mochte. jetzt wußte der Admiral. daß der Krieg unaufhaltsam war.

Die Jahre waren längst vorbei, in denen Canaris der opportunistisch-erfolgreichen Führungskunst Hitlers vertraut hatte. Immer deutlicher beherrschte ihn die Überzeugung, daß der scheinbar geniale Schöpfer des Großdeutschen Reiches, der kühn und skrupellos das Land vergrößerte, zugleich sein Zerstörer sein werde. Häufig hörten die Freunde von Canaris, Hitler führe Deutschland in Isolierung und Untergang. Canaris: » Finis Germaniae.«

Schon das Renommieren des SD-Chefs Heydrich im Sommer 1937, er habe durch Lieferung gefälschter Dokumente an Moskau die Liquidierung des Kreises um den sowjetischen Marschall Tuchatschewski ausgelöst, hatte Canaris die ganze Amoralität der NS-Führung offenbart. Canaris zu seinem Vorgänger Patzig: »Das sind ja alles Verbrecher!« Das Kesseltreiben der Gestapo gegen die Wehrmachtsführung und der folgende Sturz des Reichskriegsministers von Blomberg und des Heeres-Oberbefehlshabers von Fritsch im Februar 1938 beschleunigten schließlich den inneren Bruch zwischen Canaris und seinem Führer.

Auf dem Höhepunkt der Sudetenkrise im Herbst 1938 war Canaris zum erstenmal bereit gewesen, die antinazistischen Putschpläne seines engsten Mitarbeiters Hans Oster und des Heeres-Generalstabschefs Franz Haider zu unterstützen, wenn er sich auch bewußt aus den Details der Vorbereitungen heraushielt. Doch das Nachgeben der Westmächte hatte den Putsch nicht zustandekommen lassen.

Canaris war innerlich mit Hitler fertig -- und mochte doch nicht völlig ausschließen, daß dessen Vabanquepolitik am Abgrund des Krieges Erfolg haben werde, zumal der Nationalist Hitler scheinbar ähnliche Ziele ansteuerte wie der Nationalist Canaris. Auf einmal sah sich Canaris einer Schizophrenie ausgeliefert, von der er sich nie wieder befreien konnte: gleichzeitig Wegbereiter und Möchtegern-Verhinderer von Hitlers Eroberungszügen zu sein.

Es war die Schizophrenie, die nach dem Zweiten Weltkrieg den US-Ankläger Robert Kempner ausrufen ließ, wenn es jemals in der Geschichte einen Fall von Doppelpersönlichkeit à la Dr. Jekyll und Mr. Hyde gegeben habe, so sei es Canaris gewesen, »der Mann, der die nationalsozialistischen Fünften Kolonnen organisiert hat, der die mörderischen Waffen der Sabotage, der heimlichen Einsickerung eingeführt hat und andererseits einzelnen Offizieren erlaubte, gegen das Regime zu konspirieren«.

Seit Canaris von dem Chef des OKW, Generaloberst Wilhelm Keitel, den Auftrag erhalten hatte, die Abwehr für den Angriff gegen Polen vorzubereiten, war er entschlossen gewesen, diesen wahnsinnigen Krieg zu verhindern. Das versetzte ihn in eine seltsame Lage: Er ließ die Kampf- und Sabotagekommandos der Abwehr zu einem Krieg ausschwärmen, den er noch in letzter Minute zu hintertreiben hoffte.

Und Canaris zog alle Register seiner Überredungskunst: Er stachelte Italiens Militärs und Diplomaten an, Hitler auf dem Weg in den Krieg die Gefolgschaft zu verweigern. Er mobilisierte kriegsgegnerische OKW-Offiziere, die Keitel und Hitler nachwiesen, daß Deutschland einen längeren Krieg nicht durchstehen könne. Er legte Feindanalysen vor, die keinen Zweifel an der Kampfentschlossenheit der Gegner in Ost und West ließen.

Denn dies war und blieb Canaris« Hauptargument gegen den Krieg: Der Feldzug gegen Polen lasse sich nicht (wie Hitler wähnte) lokalisieren, England und Frankreich würden Polen zu Hilfe kommen, mithin würde ein »Großkrieg« beginnen, der für Deutschland nur katastrophal enden könne.

Doch Hitler hörte nicht auf seinen Abwehrchef, seit der gelungenen machtpolitischen Verständigung mit Stalins Rußland weniger denn je. Die Szene auf dem Berghof ließ Canaris kaum noch eine Friedenshoffnung. So trat er am Morgen des 23. August vor seine führenden Mitarbeiter und informierte sie über die Hitler-Rede.

»Der Führer ist der Ansicht«, notierte sich Oberstleutnant Erwin Lahousen, der Chef der Abwehrabteilung II, »daß die Möglichkeiten für Deutschland zur Lösung der Ostfragen sehr günstig sind. Der Zeitpunkt zum Losschlagen ist jetzt gekommen.« Canaris bedeutete seinen Mitarbeitern, Angriffstag für die gegen Polen antretenden deutschen Armeen sei der 26. oder 27. August. __

Resigniert blickte Canaris den nächsten Stunden entgegen, die die Entscheidung bringen mußten. Er wußte, daß Hitler in kürzester Zeit den Befehl

* Abteilungschefs Lahousen (l.) und Piekenbrock (r.)

zum Angriff geben würde. Der deutsche Aufmarsch an den Grenzen Polens war abgeschlossen, es fehlte nur noch der Auslösebefehl.

Um 16.04 Uhr am 25. August erhielt Canaris die entscheidende Order von Keitel. Lahousen schrieb sich ins Tagebuch: »Bekanntgabe des Führerbefehls an die Gruppenleiter, Ia und die gesamte Gruppe: Y-Tag ist der 26. 8. 39.«

Das hieß im Klartext: Am Morgen des 26. August sollte die Wehrmacht den Krieg gegen Polen eröffnen. Von nun an standen die Telephone der Abwehrzentrale am Tirpitz-Ufer nicht mehr still. Die verabredeten Stichworte wurden durchgegeben, die Sabotage- und Kampfkommandos der Abwehr verließen ihre Stellungen und sickerten in polnisches Gebiet ein.

Da geschah plötzlich das Wunder, auf das Canaris irgendwie und uneingestanden noch immer gewartet haue: Italien stellte sich gegen Hitlers Kriegsentschluß. Die Arbeit von Canaris hatte doch noch Früchte getragen. Kurz nach 18 Uhr war Italiens Botschafter Attolico in der Reichskanzlei erschienen und hatte Hitler eine Botschaft überbracht, in der Mussolini zu verstehen gab, Italien könne bei einem deutsch-polnischen Krieg keinen militärischen Beistand leisten. Canaris: »Der Friede ist für zwanzig Jahre gerettet.«

Der Diktator war einem Nervenzusammenbruch nahe. Er ließ Keitel kommen und rief ihm entgegen: »Sofort alles anhalten, holen Sie Brauchitsch her, ich brauche Zeit für Verhandlungen.« Der OKW-Chef glaubte nicht richtig gehört zu haben. Der Aufmarsch war vollendet, die Verbände rückten bereits zum Angriff aus, der in den Morgenstunden stattfinden sollte -- wie konnte eine so riesige Kriegsmaschine noch zum Stoppen gebracht werden?

Doch Keitel ließ sich von seinem Führer vorwärtstreiben. Er stürzte -- es war inzwischen 18.30 Uhr geworden -- an einen Telephonapparat und informierte den Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst Walther von Brauchitsch.

Als die Nachricht von der Aufhebung des Angriffsbefehls in der Abwehrzentrale eintraf, sah man im Chefzimmer von Canaris nur triumphierende Gesichter; nicht nur der Friede schien gerettet, sondern auch Hitlers Ruf ruiniert. »Ein oberster Kriegsherr, der einen so entscheidenden Befehl wie den über Krieg und Frieden binnen weniger Stunden widerruft«, schien ihnen restlos blamiert. Canaris rief: »Von diesem Schlag erholt er sich nie wieder. Der Friede ist für zwanzig Jahre gerettet.« Selbst Canaris« Intimus und Stabschef Hans Oster ("Der Führer ist erledigt!") war so optimistisch, daß ihm keinen Augenblick lang die Idee kam, den größten politischen Schwächeanfall Hitlers seit Beginn seiner Herrschaft zu einer weiterführenden Aktion gegen den NS-Staat zu nutzen. Fast jeder im Zimmer von Canaris war erleichtert, keiner mochte an Konsequenzen denken. Auch der Admiral sonnte sich in dem Gedanken, Reich und Friede seien endgültig gesichert.

Aus so schönen Stimmungen schreckte ihn Lahousen mit der Meldung auf, nicht alle Einsatzkommandos der Abwehr seien aus dem polnischen Gebiet zurückgekehrt.

Vor allem zu dem Abwehr-Trupp des Leutnants Albrecht Herzner, der den Tunnel des Jablunka-Passes, den wichtigsten Verkehrsknotenpunkt in Südpolen, besetzen sollte, bestand kein Funkkontakt mehr.

Lahousen mußte befürchten, daß Herzner durch polnisches Gebiet irrte, ohne zu wissen, daß der Krieg gegen Polen abgesagt worden war. Canaris kam eine böse Vorahnung: Wie, wenn Trupps der Abwehr auf polnische Soldaten schossen und damit den Krieg provozierten, den Hitler gerade aufgegeben hatte?

Canaris trug dem Abwehr-II-Chef auf, dringend nach Herzners Trupp suchen zu lassen. Er mußte gefunden werden, ehe ein Unglück geschah. Lahousen alarmierte die Abwehrstelle Breslau, diese wiederum ihre Außenstellen in der nördlichen Slowakei und den Meldekopf Striegau. dessen Funker vergeblich nach dem Herzner-Trupp rief.

Am Morgen des 26. August schienen sich Canaris' schlimmste Befürchtungen zu bestätigen. Lahousen zeichnete

* Text: »26. 8. 39. Um 3.55 mit Gefreiten Jung und 12 Männern der K. O. J. (Kampforganisation Jablunka) Bahnhof Mosty genommen. Ausfall; 1 Verwundeter. Angriff der Tunnelbesatzung auf Bahnhof abgewehrt. Auf Befehl der 7. Division Mosty geräumt und um 6 1/2 h über das Gebirge zur slowakischen Grenze durchgeschlagen

auf: »Hauptmann Ernst zu Eickern meldet, daß der Oberbaustab XX aus Csacza um 4.45 Uhr starkes Gewehrfeuer aus Richtung Jablunka-Paß gemeldet hat. Ast VIII vermutet, daß es sich dort um eine K(ampf)-Org(anisation) unter der Führung des Lt. d. Res. Herzner handelt, die nicht mehr erreicht werden konnte.« »Die Generale hätten mehr Karl May lesen sollen.«

Kurz darauf erhielt der Meldekopf Striegau endlich Kontakt mit Herzner. Um 11.45 Uhr berichtete Striegau: »Lt. Herzner noch in Polen. Tunnel in Ordnung. Zwei Verwundete.«

Tatsächlich hatte Herzner schon Stunden vorher ein Papier an das Generalkommando VIII abgeschickt, das sich später als die erste Meldung des Zweiten Weltkrieges erweisen sollte (siehe Bild).

Wenig später erhielt Herzner von der im Grenzgebiet bereitgestellten 7. Division den Befehl, sich »nach Westen hin zur slowakischen Grenze durchzuschlagen«. Als sich Herzner jedoch mit seinen Leuten zurückziehen wollte, stieß er auf polnische Gendarmerie, die inzwischen alarmiert worden war.

Die Polen schwärmten aus, den Deutschen den Weg zur Grenze zu verlegen. Nur mühsam konnte sich der deutsche Trupp unter dem Feuer der polnischen Gendarmen absetzen und um 13.30 Uhr nord-nordwestlich bei Rakowa die slowakische Grenze erreichen.

Nervös verfolgte Canaris anhand der Meldungen den Rückmarsch Herzners und seiner Leute. Der Admiral muß noch unruhiger geworden sein, als er erfuhr, Keitel hohe befohlen, die KO Jablunka solle »vorläufig« in Polen bleiben. War der Krieg doch noch nicht endgültig abgesagt? Voller Ahnungen schrieb Lahousen ins Diensttagebuch der Abwehr II: »Die Mobilmachung geht weiter, weil es immerhin noch im Bereich der Möglichkeit liegt, daß sich die Verhandlungen zerschlagen und daß durch andere Maßnahmen den Forderungen Deutschlands entsprochen werden wird.«

Diese »Verhandlungen« waren nichts anderes als der Versuch Hitlers. die Briten von ihrem polnischen Bundesgenossen zu trennen und damit das Risiko eines Krieges gegen Polen zu verringern. Doch schon ein paar Tage später war das diplomatische Spaltungsmanöver mißlungen, England ließ sich nicht von Polen trennen. Hitler erteilte den verhängnisvollsten Befehl seines Lebens: die Order zum Angriff gegen Polen.

Am 31. August 1939 um 17.30 Uhr traf Hitlers Befehl auch Canaris. Der Abwehrchef stand wie unter einem Schock. Langsam, fast wie in Trance, ging er mit ein paar Offizieren durch die Korridore der Amtsgruppe. Ein Zivilist tauchte vor ihm auf, wie immer geschäftig und in Eile: der Oster-Freund Hans-Bernd Gisevius. Canaris zog ihn in eine Ecke, dann fragte er: »Was sagen Sie nun?« Gisevius wußte keine Antwort.

Da kam ein Satz aus dem Mund des Admirals, ein einziger voll düsterer Ahnung und Prophetie: »Das ist das Ende Deutschlands.« Gisevius schaute im Halbdunkel der Ecke genauer hin. Canaris weinte.

Doch merkwürdig: Der schnelle und glänzende Sieg, den die Wehrmacht über die polnische Armee errang, versetzte auch den Soldaten Canaris in eine Stimmung nationaler Euphorie. Von jetzt an schien er für sich und die Abwehr nur noch die Aufgabe zu kennen, der deutschen Wehrmacht bis zum Endsieg zu dienen -- gemäß der Ansprache, die er am Morgen des 1. September seinen Abteilungsleitern gehalten hatte: strenge Schweigepflicht für jeden, absolute Treue zu Führer und Reich.

Lange hielten solche Stimmungen freilich bei Canaris nicht an. Er wußte nur zu gut, daß der Sieg über Polen nicht das Ende des Krieges bedeutete. Im Gegenteil, jetzt bahnte sich an, was Canaris immer befürchtet hatte: die uferlose Ausweitung des lokalen Krieges zum europäischen, zum Weltkrieg. Schon am Tage der Kapitulation Warschaus, am 27. September, rief Hitler die Oberbefehlshaber der Wehrmachtteile zu sich und eröffnete ihnen, die Wehrmacht müsse die Initiative im Westen an sich reißen, und sei es um den Preis einer Verletzung der Neutralität Hollands und Belgiens; das Reich -- so Hitlers Begründung -- könne es sich nicht leisten, den Angriff der Westmächte abzuwarten, zumal der Gegner von Tag zu Tag militärisch stärker werde.

Als Hitler die erschrockenen Gesichter der Militärs vor sich sah, die von ihrem Führer ein Ende des Krieges, nicht aber dessen Ausweitung erwarteten, gab er sich maßvoll. Er werde den Angriffsbefehl nur geben, wenn die Westmächte nicht auf die Friedensvorschläge eingehen würden, die er ihnen in den nächsten Tagen unterbreiten werde.

In der Tat schlug Hitler in einer Rede vor dem Reichstag am 6. Oktober eine Konferenz der führenden europäischen Staaten zur Regelung des Friedens vor -- auf der Basis der deutschen Eroberungen.

Hitlers »Friedens«-Rede war jedoch nur propagandistischer Nebel, der den von ihm längst beschlossenen Krieg im Westen erleichtern sollte. Der Diktator wartete denn auch die Antwort der britischen Regierung gar nicht erst ab und rief am 10. Oktober die Oberbefehlshaber erneut zu sich, um ihnen seine definitiven Befehle zu erteilen: Angriff im Westen noch im Spätherbst.

Hitler trieb die Militärs zur Eile an. Fast jeden Tag empfing er in der Reichskanzlei seine militärischen Berater, immer wieder wartete der Diktator mit neuen Einfällen und Idee auf, die er sofort in die Operationsplanung aufgenommen wissen wollte. Seine an den Indianer-Romanen Karl Mays geschulte Phantasie produzierte schier unentwegt neue Tricks, mit denen er den Gegner im Westen zu überrumpeln hoffte. Über seine Militärs aber mokierte er sich: »Ihnen fallen keine Listen ein. Sie hätten mehr Karl May lesen sollen.«

Wer aber war unter den deutschen Institutionen geeigneter als die Abwehr, der Karl-May-Romantik des Führers gerecht zu werden? Auf die Abwehr ergoß sieh ein Strom Hitlerseher Anregungen und Befehle.

Häufig mußten Canaris und Lahousen in die Reichskanzlei, sich die phantastischen Kombinationen des Diktators anzuhören: Kommandos der Abwehr sollten wenige Stunden vor dem Angriff in fremder Uniform Brücken des Gegners besetzen und Festungswerke lahmlegen, ja es gab auch den Plan, Fallschirmspringer über Den Haag abzusetzen und Hollands gesamte Führung zu kidnappen.

Holländische Uniformen für die deutsche Abwehr.

In Belgien galt es den als Festungsgraben ausgebauten Albert-Kanal und das Sperrfort Eben Emael durch einen Überraschungsangriff auszuschalten, während im südlichen Holland die Brücken über die Maas, den Maas-Waal- und den Juliana-Kanal sowie die Issel im Handstreich zu besetzen waren.

Für jedes Unternehmen hatte sich Hitler einen Plan zurechtgelegt: Als Polizisten und Eisenbahner verkleidete Abwehrmänner sollten die Brückenwachen überrumpeln, Fallschirmspringer mit Lastenseglern »vor dem ersten Büchsenlicht« im Festungsgebiet von Eben Emael landen, Kähne mit versteckten Infanteristen das gegnerische Ufer ansteuern,

Die Abwehrführung beeilte sich, Hitlers Wünsche zu verwirklichen. Oberstleutnant Hans Piekenbrock, der Chef der Abwehrabteilung 1, ließ holländische Uniformen beschaffen und den Aufenthaltsort von Hollands führenden Politikern und Militärs feststellen, während Lahousens Abwehr II die Stoßtrupps aufstellte, die den deutschen Verbänden den Weg bahnen sollten.

Hauptmann Fleck von der Abwehrstelle Oppeln formierte aus 550 Abwehrmännern ein Infanterie-Bataillon z. b. V. 100, das Befehl hatte, der 6. Armee des Generalobersten von Reichenau die Brücken im nördlichen Belgien und im südlichen Holland zu sichern. Die kleine Haustruppe der Abwehr, die »Brandenburg«, mußte 50 Mann abgeben, die der 4. Armee für deren Vorstoß ins südliche Belgien unterstellt wurden.

Wieder einmal sah sich Canaris in einen Gewaltstreich Hitlers tief verstrickt. Doch kein Muskel in seinem ausdruckslosen Gesicht verriet, wie verzweifelt er war. Jede neue Maßnahme Hitlers, jede weitergehende Entscheidung des Generalstabs bestärkte ihn nur in seinem fatalistischen Glauben, an Bord eines dem Untergang geweihten Schiffes zu weilen. Nichts und niemand, kein taktischer Erfolg und kein strategischer Sieg, konnten ihn davon abbringen.

Gleichwohl hoffte Canaris noch einmal, Hitlers Kriegskurs stoppen zu können. Die Ankündigung des Diktators, im Westen werde der Krieg weitergehen, hatte die Militärs aufgewühlt wie keine andere zuvor. Noch nie war eine Entscheidung des Führers so heftig umstritten gewesen: Es gab kaum einen prominenten Soldaten des Reiches, der den von Hitler geplanten Feldzug gegen den Westen nicht für Selbstmord hielt.

Allzu offenkundig waren die Schwächen und Engpässe der Wehrmacht: die neuaufgestellten Divisionen 3. und 4. Welle noch nicht einmal für Verteidigungsaufgaben voll einsatzbereit, die Panzerverbände nach den Strapazen des Polen-Feldzugs erneuerungsbedürftig, der im Oktober 1939 vorhandene Munitionsvorrat lediglich noch für einen Monat ausreichend, und dies auch nur für ein Drittel der deutschen Divisionen.

Dazu kamen andere Schwierigkeiten: die durch die herbstliche oder winterliche Witterung eingeschränkte Einsatzfähigkeit der Panzer und Flugzeuge, die scheinbare Unüberwindbarkeit der französischen Festungsanlagen samt starker Armee und Artillerie.

Canaris übernimmt die Rolle des Aufpeitschers.

Entsprechend deutlich fielen die Kommentare aus, mit denen sich führende Militärs gegen Hitlers Pläne stellten. Generaloberst Ritter von Lech, Oberbefehlshaber der im Westen stehenden Heeresgruppe C, empörte sich, »daß man diesen Wahnsinnsangriff unter Verletzung der Neutralität Hollands, Belgiens und Luxemburgs wirklich machen will«, und sein Kamerad von der Heeresgruppe B, Generaloberst von Bock, assistierte, der Angriff im Westen habe keinerlei Aussicht auf einen kriegsentscheidenden Erfolg.

Wie sehr Hitlers Offensivbeschluß die Militärs aufgebracht hatte, verriet der Generaloberst von Reichenau, der bei seinen Gegnern als »Nazigeneral« verschrien war. Er erzählte einem NS-Gegner, dem ehemaligen Bürgermeister Fritz Elsas, von dem Feldzugsplan und riet ihm, über seine Auslandsverbindungen die Holländer und Briten zu warnen.

Die Holländer. so lautete Reichenaus Vorschlag, müßten ihre Kanäle und Wasserwege sofort in Verteidigungszustand versetzen, und zwar derartig laut und demonstrativ, daß der deutschen Offensive jeder Überraschungseffekt genommen sei -- allein das könne vielleicht Hitler noch von seinem Plan abbringen.

Canaris war sensibel und informiert genug, die Anti-Hitler-Stimmung unter den führenden Militärs zu spüren. War dies eine allerletzte Chance, ein Wink des Schicksals, noch einmal den Versuch zu unternehmen, die Fahrt in den Abgrund zu stoppen? Der von allerlei Mystik und Schicksalsgläubigkeit gefangene Mann sah sich einen kurzen Augenblick berufen, mitzuhelfen, dem Regime des Unheils ein Ende zu bereiten. Seine Phantasie und seine mannigfachen Einflüsterer suggerierten ihm. die unzufriedenen Militärs könnten sich vielleicht jetzt zu einem Staatsstreich bereitfinden, möglicherweise sogar unter Beihilfe der Westmächte.

Und schon standen die Männer wieder an seiner Seite. die in ihm schon einmal -- in der Sudetenkrise von 1938 -- einen Wegbereiter des Umsturzes gesehen hatten: Oberst Oster und seine Freunde.

Der Chef der Zentralabteilung und Stabschef der Abwehr hatte seit Wochen darauf gewartet, seine vielfältigen Verbindungen für die große Sache einzusetzen; die scheinbar nutz- und tatenlose Zeit seit Kriegsbeginn war von ihm gut dazu genutzt worden, seine Fäden zu gleichgesinnten Offizieren und Zivilisten weiter zu spinnen. Zu seinen Freunden in der Abwehr, Männern wie Liedig, Heinz, Pfuhlstein und Groscurth, waren neue gestoßen.

Seit dem 25. August saß im Zimmer nebenan der Reichsgerichtsrat Hans von Dohnanyi, dem Oster ein eigenes Referat (ZB) gegeben hatte, das dem Kampfgefährten zur Pflicht machte. Canaris (und auch Oster) regelmäßig über außen- und militärpolitische Fragen Vortrag zu halten.

Der Antimilitarist Dohnanyi, in den allzu ungewohnten Uniformrock eines Sonderführers K im Hauptmannsrang eingezwängt, wirkte in der befehlsorientierten Welt der Abwehr ein wenig bizarr und gab dem ganzen Kreis um Oster etwas Unwirkliches, einen kräftigen Hauch militärfremden Zivilistentums, das in dieser auf Effizienz und Disziplin ausgerichteten Umgebung auffallen mußte.

Der Oster-Kreis galt denn auch im Amt als ein Fremdkörper, zumal Dohnanyi nach und nach Männer an sich zog, denen man schon äußerlich anmerkte, daß sie niemals (wie man damals sagte) »gedient« hatten. Meist waren es engste Freunde Dohnanyis, immer aber entschiedene Gegner des Regimes:

Den Jugendfreund Justus Delbrück, einen Verwaltungsjuristen und Sohn des Historikers Hans von Delbrück, in dessen Haus Dohnanyi aufgewachsen war, nahm er in seinem Referat ebenso auf wie Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenherg, den Herausgeber der später verbotenen christlich-monarchistischen »Weißen Blätter«. Auch einen eigenen Verbindungsmann zu christlichen Widerstandskreisen hielt sich das Referat: den evangelischen Pastor und Theologen Dietrich Bonhoeffer, einen Schwager Dohnanyis.

Auch zu einigen Abwehrstellen unterhielten Oster und Dohnanyi besondere Beziehungen, dort saßen Freunde und Bekannte, die die politischen Bestrebungen des Widerstandsobersten unterstützten. Vor allem die Abwehrstelle München war ein sicherer Hort solcher Konfidenten, zu denen auch der bayrische Bierbrauer Wilhelm Schmidhuber gehörte, Sproß einer alten Offiziersfamilie, der in Geschäften aller Art seinen höheren Lehenszweck sah und nur durch eine Reserveübung gleichsam nebenberuflich als Hauptmann in den Dienst der Abwehrstelle München gelangt war.

Zu diesem Kreis gehörte auch der Oberstleutnant Helmuth Groscurth, seit 1938 ein bewährter Kampfgefährte Osters und seit Kriegsausbruch Vertreter der Abwehr im Generalstab des Heeres, der in das Militärlager »Zeppelin« bei Zossen übergesiedelt war.

Aus dem Ein-Mann-Verbindungsstab der Abwehr war inzwischen eine »Abteilung zur besonderen Verwendung« geworden, in der unter Groscurths Leitung meist regimekritische Abwehroffiziere geheimdienstliche und politische Fragen des Heeres bearbeiteten.

So bot der Kreis Osterl Dohnanyi manche einflußreiche Querverbindung, als Canaris seinen Stabschef rief, ihm bei der Vorbereitung des großen Schlags gegen das Regime zu helfen. Der Admiral war wie verwandelt. Endlich sah er eine Chance zum Losschlagen. nun konnte es ihm nicht rasch genug gehen.

»Es sei keine Stunde mehr zu verlieren, Hitler müsse weg« -- dieses von Generalstabschef Franz Halder überlieferte Canaris-Wort wurde zu einer

ständigen Parole im Chefbüro der Abwehr. Das Verhältnis zwischen Canaris und Oster drehte sich um; bis dahin war der Oberst der Drängende gewesen, jetzt übernahm der Admiral die Führung.

In schier fieberhaftem Tatendrang trieb er Oster und dessen Leute an. ihre konspirativen Verbindungen spielen zu lassen. Er selber suchte jeden erreichbaren General auf, um ihn für einen Putsch gegen Hitler zu gewinnen.

»Gegenüber dem engeren Kreis der Widerständler spielte Canaris einseitig und eindeutig die Rolle des Aufpeitschers«, berichtete später Haider. Der Admiral ließ sich Material über die deutschen Verbrechen in Polen und Analysen über die militärische Lage des Reiches zusammenstellen, die er hastig in seine Aktentasche stopfte. ehe er begann, einen Armee-Oberbefehlshaber nach dem anderen aufzusuchen.

Noch Ende September reiste Canaris zusammen mit Lahousen zu den Hauptquartieren der Heeresgruppen und Armeen im Westen. Der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe C, Ritter von Leeb, machte keinen Hehl daraus, daß er eine Aktion gegen das Regime unterstützen werde, sofern die Führung des Heeres den Befehl dazu gebe; auch Generaloberst von Witzleben, der Oberbefehlshaber der 1. Armee, bekundete seine Sympathie. Die meisten der anderen von Canaris angesprochenen Militärs aber wichen einer klaren Stellungnahme aus.

Selbst Reichenau, noch immer Gegner der Westoffensive. scheute zurück, wenn auch Lahousen in seinem späteren Reisebericht die vorsichtige Formulierung bevorzugte, der Generaloberst habe die »Warnungen von Canaris« in »weitaus vorsichtiger, aber im ganzen sehr nachdenklicher und kluger Reaktion zur Kenntnis« genommen.

Da fiel schon die Antwort von Reichenaus Generalstabschef, dem in Stalingrad später zu zweifelhaftem Ruhm gelangten Generalmajor Friedrich Paulus, eindeutiger aus: Er bezeichnete die deutschen Massenverbrechen in Polen als »kriegsnotwendig« und zog »sich im übrigen auf seinen rein militärischen Aufgabenbereich zurück«.

Bereits hier wurde Canaris deutlich, daß sich die Problematik eines vom

* Mit Generaloberst Milch (r.).

Militär getragenen Aufstandes gegen das Regime seit 1938 nicht entspannt, sondern eher noch verhärtet hatte. Die vom Nationalsozialismus begeisterten oder zumindest geprägten jungen Offiziere ließen die ältere Führungsgeneration des Heeres keinen Entschluß zur Tat finden; aber auch ohne diesen Druck von unten schreckte die Generale der Gedanke eines Staatsstreiches gegen den Obersten Befehlshaber, zumindest so lange, als Hitler einen Sieg nach dem anderen für Deutschland erzwang.

Noch unvorstellbarer war ihnen freilich. mitten im Krieg zu putschen -- bedeutete das nicht eine Einladung an den Kriegsgegner, sich in diesem Schwächemoment des Landes zu bemächtigen?

Maßlos enttäuscht reiste Canaris ab, wütend über die politische Instinktlosigkeit der Militärs. Als er am 3. Oktober wieder nach Berlin zurückkehrte. war Canaris so verbittert, daß er keinen General des Heeres zu sehen wünschte. Groscurth: »Er will nichts mehr von den schlappen Generalen wissen.« Die Militärs sabotieren Hitlers Feldzugsplan.

Lange wird Canaris« Mißstimmung jedoch nicht angehalten haben, denn schon wenige Tage später drang zu ihm das Gerücht, gerade im Zossener Hauptquartier des Generalstabs formiere sich eine ernsthafte Opposition gegen Hitlers Offensivpläne.

Generalstabschef Haider hatte seine antinazistischen Überzeugungen wiederentdeckt und drängte Generaloberst von Brauchitsch zu einer Aktion, die verhindern sollte, was der Generalstabschef um jeden Preis blockieren wollte: den Krieg gegen den Westen. Bis dahin hatte er noch gehofft, Englands Regierung werde auf Hitlers Friedensvorschläge eingehen; am 13. Oktober aber hatte ihm der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Ernst Freiherr von Weizsäcker, mitgeteilt, Chamberlain habe abgelehnt.

Am nächsten Tag setzte sich Haider mit Brauchitsch zusammen und erörterte, was der Generalstab tun könne. Haider sah »drei Möglichkeiten: Angriff, Abwarten, grundlegende Veränderungen. Für keine dieser (Alternativen) durchschlagende Aussichtsmöglichkeiten, letzteres am wenigsten, da im Grunde negativ und Schwächemomente schaffend. Unabhängig davon Pflicht, militärische Aussichten nüchtern klarzulegen und jede Friedensmöglichkeit zu propagieren«.

Damit war zum erstenmal in einem Diensttagebuch der deutschen Wehrmacht die Möglichkeit eines Staatsstreiches gegen den Obersten Kriegsherrn registriert, denn nichts anderes bedeutete die Formulierung von den »grundlegenden Veränderungen«.

Der unsichere Brauchitsch schreckte jedoch vor einer so radikalen Lösung zurück und schwor Haider auf die Idee ein, mit militärischer Argumentation den Führer von seinem Vorhaben abzubringen.

Osters Drei-Blatt-Studie: Putsch im Morgengrauen.

Als Hitler gleichwohl am 16. Oktober auf der Durchführung der Offensive bestand, übten Haider und Brauchitsch stille Sabotage: Sie ließen einen oberflächlichen, lückenhaften Feldzugsplan ausarbeiten und ihn durch OKW-Chef Keitel dem Diktator vorlegen, um dadurch ihre ganze »Interesselosigkeit« gegenüber Hitlers Absichten zu demonstrieren.

Langfristigen Erfolg konnte diese Taktik nicht haben. Hitler schickte denn auch Keitel am 22. Oktober mit seinen Änderungswünschen und ließ ausrichten, der Angriff im Westen müsse am 12. November beginnen. Die beiden Generale gerieten in Panik, schon ein paar Tage zuvor hatte Groscurth bemerkt.« Völliger Nervenzusammenbruch (Halders). Auch Brauchitsch ratlos.«

Halders Freund und Stellvertreter. der Oberquartiermeister 1 General Carl-Heinrich von Stülpnagel, beschwor den Generalstabschef, er solle nicht länger das sinnlose Taktieren des Oberbefehlshabers mitmachen, er müsse gleichsam zur eigenen Tat finden. Stülpnagel: »Du machst dich unnötig abhängig von diesem Brauchitsch.«

Nach langen Erörterungen waren sich die beiden Freunde einig, (laß nur die »grundlegenden Veränderungen«. wie riskant und gefährlich sie auch immer sein mochten, die Lage entscheidend bessern könnten. Ohne sich selbst gegenüber seiner engsten Umgebung zu decouvrieren, suchte Halder nach Möglichkeiten und Bundesgenossen für einen Coup gegen Hitler.

Erst jetzt, am 31. Oktober, hielt es Halder für opportun, die Verschwörer von der Abwehr in seine Pläne einzuweihen. Er rief Groscurth und erging sich gegenüber dem erstaunten Oberstleutnant in so wilden Drohungen gegen Hitler, daß der Zuhörer besorgt äußerte, er »rate zu geordnetem Unternehmen«.

Groscurth erzählt: »Mit Tränen sagt H(alder), er sei seit Wochen mit der Pistole in der Tasche zu Emil (= Hitler) gegangen, um ihn evtl. über den Haufen zu schießen.« Noch ganz verblüfft über Halders Enthüllungen. fuhr Groscurth mit seinem Wagen nach Berlin.

Canaris, Oster und Dohnanyi reagierten augenblicklich, in wenigen Stunden aktivierten sie die alten Verbindungen zu oppositionellen Politikern wie dem Ex-Oberbürgermeister Friedrich Goerdeler, dem ehemaligen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht und zu dem Polizeipräsidenten Graf Helldorf.

Inzwischen wurden die Andeutungen und Befehle der putschbereiten Generale immer konkreter. Am 2. November rief Stülpnagel den Oberstleutnant Groscurth zu sich und erteilte ihm den Auftrag, nunmehr die »Vorbereitungen anlaufen zu lassen«. Groscurth fuhr wieder nach Berlin und besprach mit Oster und Dohnanyi Putschdetails.

Immer wieder rief ihn Stülpnagel an, stets neue Anregungen und Informationen zur Hand. Mal gab er ihm Einblick in die Verteilung der Truppenverbände, die für den Umsturz in Frage kamen, mal wußte er Namen von Offizieren, die ins Vertrauen gezogen werden sollten. Am 4. November empfing Stülpnagel den Oberst Oster und bat ihn, seinen Umsturzplan aus dem Sommer 1938 zu aktualisieren und zu ergänzen.

Oster bedurfte nicht solcher Ermunterung, er hatte sich längst die Papiere herausgeholt, in denen von ihm einst aufgezeichnet worden war, wie der Schlag gegen das Berliner Machtzentrum des Regimes zu führen sei. Da hatte er auf drei Blatt Papier unter dem harmlosen Titel »Studie« skizziert, »im Morgengrauen« müßten die putschbereiten Truppen das Regierungsviertel umstellen, die Reichszentralbehörden besetzen und das führende Personal des Regimes verhaften.

Weitere Maßnahmen: Übernahme der vollziehenden Gewalt durch die Wehrmacht, Proklamierung des Ausnahmezustandes, Bildung eines Reichsdirektoriums durch Militärs und vertrauenswürdige Zivilisten.

Eine Frage bewegte den Planer Oster besonders, nämlich: »Wie legt man die Strecke und wen?« Damit war gemeint, welche Führer des Regimes sofort unschädlich gemacht werden sollten. Osters Antwort: »Hi, Gö, Rib, Hi, Hey«, was soviel hieß wie: Hitler. Göring. Ribbentrop, Himmler. Heydrich. Oster ließ keinen Zweifel daran, daß sie sofort zu erschießen seien.

Oster schrieb seinen ursprünglichen Putschplan entsprechend der Kräftelage des November 1939 um. Groscurth lieferte ihm die nötigen Details, auch Canaris steuerte manche Einzelheit und Erkenntnis aus seinen Westreisen bei. Je mehr freilich Oster seinen Plan umarbeitete, desto deutlicher wurde ihm, daß diesmal die technische Ausführung des Putsches schwerer sein würde als 1938. Im Raum Berlin standen nicht genügend zuverlässige Verbände bereit, der Gegner -- Gestapo, SD und SS-Verfügungstruppe -- war stärker geworden.

Wesentlichste Erschwernis: Deutschland befand sich im Krieg, jeder Führer eines Putsches mußte befürchten, daß die Westmächte die Stunde innerdeutscher Verwirrung, vielleicht sogar eines Bürgerkrieges zu einem Angriff gegen das Reich ausnutzen würden.

Durch alle Gespräche mit führenden Militärs zog sich diese Überlegung, den einen echte Sorge, den anderen willkommener Vorwand zum Nichtstun. Man mußte also, überlegte Oster, an die Westmächte herantreten und von ihnen eine Art Stillhalteerklärung, möglichst sogar eine Garantie für die Unversehrtheit eines künftigen Deutschland erwirken.

Doch wie sollten die Verschwörer den Gegner kontaktieren, ohne in den Geruch des Landesverrats zu geraten? Oster hatte eine Idee: Ein möglichst geachtetes Oberhaupt eines neutralen Staates, am besten Papst Pius XII., mußte die Gedanken und Überlegungen der innerdeutschen Opposition den Westmächten übermitteln. Canaris gefiel die Idee, er kannte den Papst. der vorher als Nuntius in Berlin gewirkt hatte; Canaris war ihm bei seinen Ausritten im Tiergarten oft begegnet.

Canaris und Oster wußten zunächst nicht, wen sie als Sendboten nach Rom schicken sollten. Da half der geschäftstüchtige Hauptmann Schmidhuber. der gerne nach Berlin kam und Christine von Dohnanyi, die Frau des Sonderführers, mit Aufmerksamkeiten bedachte.

Er kannte einen sagenhaft geschickten Rechtsanwalt und Vatikan-Konfidenten in München, der auf den seltsamen Spitznamen »Ochsensepp« hörte und es seit Jahren verstand. bedrohte Kirchengüter und Katholiken mit einer Mischung aus Verschlagenheit und derber Offenheit vor dem Zugriff der Gestapo zu schützen.

Ochsensepp hieß mit bürgerlichem Namen Josef Müller und ließ sieh bereitwillig nach Berlin zu einem vertraulichen Gespräch einladen. Oster und Müller fanden rasch, daß sie »eine gemeinsame Sprache sprechen«. wie der Oberst meinte,

Der 41jährige Bauernsohn aus Oberfranken, nach harter Jugend zwischen Erntewagen und Viehherden (daher sein Spitzname) in die Anwaltslaufbahn gelangt, im Ersten Weltkrieg Leutnant eines Minenwerferbataillons, Vertrauter des 1933 von den Nazis gestürzten bayrischen Ministerpräsidenten Held, nach 1945 CSU-Gründer und bayrischer Justizminister, war ein kompromißloser Gegner des NS-Regimes. Es bedurfte gar nicht der geheimniskrämerischen Attitüde Osters, um Müller für ihn einzunehmen. Oster: »Wir wissen viel mehr über Sie, als Sie über uns wissen!«

Ruhig hörte sich Müller an, was Oster nicht ohne Phantasie vortrug: »Die Zentrale Leitung der deutschen Abwehr, in der Sie sich befinden, ist gleichzeitig die Zentrale Leitung der deutschen Militäropposition.« Die Widerstandsgruppe stehe unter dem Befehl von Generaloberst a. D. Beck, der ihn, Müller, hiermit »bitte, im Namen des anständigen Deutschland ... Verbindung zu dem derzeitigen Papst wiederaufzunehmen«.

Über den Papst -- so Oster weitermüßten die Westmächte darüber informiert werden, daß die Militäropposition den Sturz Hitlers betreibe, um den Angriff im Westen zu verhindern; zugleich seien von ihnen Garantien für ein Stillhalten im Falle eines Putsches und für einen »fairen und ehrenhaften Frieden« einzuholen.

Canaris genehmigte, daß Müller als Oberleutnant der Reserve zur Abwehr einberufen und der Abwehrstelle München zugeteilt wurde -- mit dem Vorbehalt, der Berliner Zentrale jederzeit für Sonderaufträge in Italien zur Verfügung stehen zu müssen. Derart vorbeugend abgesichert, konnte Müller nach Rom reisen. Einflußreiche Helfer bahnten ihm den Weg dorthin.

Müllers Nachrichten aus Rom klangen optimistisch genug, die Aktivität der Verschwörer in Berlin noch zu steigern. Erste Informationen flossen bereits in das Memorandum ein, mit dem Dohnanyi und seine Freunde die Generale zur befreienden Tat drängen wollten. Am Berliner Tirpitz-Ufer und im Lager Zossen wurden die letzten Vorbereitungen für einen Putsch geplant; Halder hatte bereits die Parole ausgegeben, ab 5. November sollten sich die führenden Frondeure für eine Aktion des Heeres zu Verfügung halten.

Das Datum war entscheidend. An diesem Tag wollte Brauchitsch einen letzten Versuch unternehmen, Hitler die Westoffensive auszureden. Das war zwar ein illusionäres Unterfangen, aber Halder ermunterte Brauchitsch dazu, ohne den seine eigenen Pläne zum Scheitern verurteilt waren.

Denn auch dies hatte sich an der Problematik eines deutschen Militärputsches nicht geändert: Ohne den Oberbefehlshaber des Heeres war ein Umsturz nicht möglich, ohne seinen Befehl wurde kein Truppenteil gegen den Obersten Kriegsherrn ausrücken -- Haider hatte als Generalstabschef keine Befehlsgewalt über die Armeeverbände.

Haider benötigte Brauchitsch. Nur ein vom Führer abgewiesener Brauchitsch -- so mag Haider spekuliert haben -- würde schließlich die Putschbefehle für das Heer unterschreiben.

Tagelang hatte sich der Heeres-OB auf das Gespräch mit dem Diktator vorbereitet. Er schien entschlossen, alles auf eine Karte zu setzen. Gemeinsam mit Haider fuhr er am 5. November zur Reichskanzlei, pünktlich um 12 Uhr stand er im großen Kongreßsaal vor seinem Führer. Panik im Hauptquartier: Was weiß Hitler vom Putsch?

Brauchitsch trug seine Bedenken gegen die Westoffensive vor, doch er kam damit nicht weit. Die Nähe des Diktators machte ihn nervös, er verhaspelte sich, verwickelte sich in Widersprüche -- willkommene Gelegenheiten für Hitler, rhetorisch zurückzuschlagen.

Der Führer überhäufte den Generalobersten mit einem Schwall von Vorwürfen, er widerlegte Punkt für Punkt Brauchitschs Argumente. wobei seine Stimme immer lauter und wütender wurde. Ärgerlich rief Hitler Generaloberst Keitel herein, der stumm den neuen Wortattacken zuhörte.

Schneidend verlangte Hitler von Brauchitsch, die vom OB zur Sprache gebrachten Fälle militärischer Gehorsamsverweigerung der Truppe im Polenfeldzug zu beweisen. Als Brauchitsch in der Eile keine Belege nennen konnte, drehte sich Hitler brüsk um und verließ den Raum. Schweigend starrten sich Brauchitsch und Keitel an.

Wenige Sekunden später rannte Brauchitsch »kreidebleich, man kann sogar sagen: mit einem verzerrten Gesicht« (so der Hitler-Adjutant Engel) zu dem wartenden Haider und zog ihn hastig mit sich fort. Brauchitsch war am Ende seiner Kräfte, zitternd erzählte er dem Generalstabschef von der Auseinandersetzung im Kongreßsaal.

Da übertrug sich die Panik Brauchitschs auf Halder; ihn erschreckten vor allem die Drohungen. die Hitler am Schluß der Unterredung ausgestoßen haben sollte: Er kenne den Geist von Zossen, seine Geduld sei zu Ende, er werde ihn erbarmungslos ausrotten.

Halder befiel die Furcht, Hitler wisse etwas über seine Staatsstreichpläne, ja jeden Augenblick könne ein Gegenschlag des Diktators kommen. Mit dem völlig zusammengebrochenen Brauchitsch aber ließ sich kein Staatsstreich führen, selbst in Westdeutschland -- das hatte eine Reise Halders erbracht -- standen keine Heerführer für den Putsch zur Verfügung.

Daraus zog Halder nur eine Konsequenz, ebenso verblüffend wie zuvor seine jähe Bereitschaft zum Staatsstreich: das Boot der Verschwörung zu verlassen, solange noch Zeit war. Er eilte an seinen Schreibtisch zurück, rief Stülpnagel zu sich und befahl. alle Putschunterlagen zu vernichten. Keine Spur sollte die hochverräterischen Gedanken des Generalstabschefs preisgeben, kein Papier plötzlich eintretenden Gestapobeamten den geplanten Umsturz enthüllen. Stülpnagel informierte Groscurth, bald wußte auch der: »Wir haben Befehl, alles zu verbrennen

Dann ließ der Generalstabschef Groscurth kommen, um seine Haltung zu begründen. Alle Möglichkeiten militärischer Argumentation. so meinte er. seien erschöpft, die Offensive im Westen werde durchgeführt; es gebe auf der anderen Seite keine Persönlichkeit, »die Sache« zu übernehmen. Halder: »Damit sind die Kräfte, die auf uns rechneten, nicht mehr gebunden. Sie verstehen, was ich meine.«

Doch Groscurth mochte nicht aufgeben. In einem weiteren Gespräch mit Halder insistierte er, die Aktion dulde keinen Aufschub mehr, auch nach der Meinung von Admiral Canaris müsse Hitler sofort beseitigt werden. Da rief Halder aufgebracht, dann solle doch Canaris gefälligst »ihn selbst abservieren«.

Groscurth jagte nach Berlin, den Eingeweihten am Tirpitz-Ufer die Nachricht von Halders Umfall zu bringen. Und auf dieser Fahrt am Abend des 5. November 1939 muß entstanden sein, was die Historiker später ein »folgenreiches Mißverständnis« nannten. was in Wahrheit aber wohl ein Verzweiflungsakt Groscurths war: die Umdeutung eines Ausrufs des Unmuts in eine klare Anweisung zum Handeln. Denn Groscurth erschien vor Canaris und Oster mit dem »dringenden Ersuchen« Halders, der Admiral möge »Hitler durch ein Attentat beseitigen. Unter dieser Bedingung sei er. Halder, zum »Handeln« entschlossen«. Der Bericht über diese Szene stammt von dem ressentimentgeladenen Halder-Gegner Gisevius, aber auch in Groscurths Tagebuch steht: »Ich soll Canaris orientieren und ihm sagen, er solle handeln.«

In äußerster Erregung verwahrte sich Canaris gegen das angebliche Ansinnen Halders und schnauzte, er lasse sich doch von Herrn Halder nicht zum Meuchelmörder machen; wenn der Chef des Generalstabes derart hochpolitische Fragen mit ihm besprechen wolle, dann möge er sich persönlich an ihn wenden.

Der Abwehrchef konnte sich kaum beruhigen, immer wieder empörte er sich gegen die vermeintlichen Zumutungen Halders. Er verlange, so tönte Canaris vor seinen Vertrauten, daß Haider »klipp und klar« die Verantwortung übernehme und sie nicht anderen zuschiebe.

Canaris war so verstört, daß er keinen Abwehroffizier mehr für die dubiosen Pläne des Generalstabschefs zur Verfügung stellen mochte. Zwar mag er bald gespürt haben, daß Groscurth etwas Falsches berichtet hatte, zumal der Admiral wußte, daß Halder ebenso wie er grundsätzlicher Gegner eines Attentats war, doch immer schneller schwand seine Hoffnung, daß vom Heer noch etwas zu erwarten sei.

Im nächsten Heft

Osters Verrat -- Canaris trennt sich vorn Widerstand

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