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Balkan Geheime Vereinbarung

Im Bosnien-Konflikt suchen Serben und Kroaten ein Arrangement auf Kosten der Moslems.
aus DER SPIEGEL 43/1992

Das Städtchen Gradacac in Nordbosnien liegt unter serbischem Dauerfeuer. Seine moslemischen Verteidiger drohen damit, Kesselwagen mit hochgiftigem Chlorgas zu sprengen und die gesamte Region zu verseuchen - als letzten Akt vor der Niederlage. Und die kroatischen Verbündeten denken nicht daran, den Belagerten beizustehen.

Kein Zweifel: Die kroatisch-moslemische Militärallianz in Bosnien-Herzegowina wider die Serben steht vor dem Zusammenbruch. Immer häufiger richten die Verbündeten ihre Waffen auch gegeneinander: In Mostar töteten Moslems im September 18 kroatische Soldaten.

Offenkundig ist auch: Bosniens Serben und Kroaten sind sich nähergekommen. Sie stehen »kurz vor einer Einigung«, meldete der amerikanische Uno-Vermittler Cyrus Vance, Vorsitzender der Genfer Jugoslawien-Konferenz.

Die militärische Führung der selbsternannten Serbischen Republik Bosnien-Herzegowina und der Verteidigungsrat der Kroaten-Republik Herzeg-Bosna einigten sich bereits auf einen Waffenstillstand. Serbenführer Radovan Karadzic will kroatische Kriegsgefangene freilassen. Sein kroatischer Gegenpart Mate Boban versprach, bis Ende dieser Woche alle Gefangenenlager aufzulösen. Respektiert werden sollen auch die jeweiligen Eroberungen in Bosnien. Danach würden kroatische Verbände nicht mehr an Kämpfen teilnehmen, in denen Moslems serbisch besetzte Gebiete zurückzuerobern suchen.

Die Moslems fühlen sich von den Kroaten verraten. Der Wechsel der Koalitionen offenbarte sich nach der Einnahme von Bosanski Brod, einer von Kroaten kontrollierten Stadt am Fluß Save. Seit Ausbruch des Krieges vor beinahe sieben Monaten hatte Bosanski Brod ohne Mühe jedem Angriff der Serben getrotzt - nun fiel die Stadt quasi über Nacht.

»Die Kroaten zogen sich fast ohne Widerstand hinter die Save zurück«, behauptet Serben-Leutnant Lisica, der von Belgrader Medien als »Eroberer von Bosanski Brod« gefeiert wird. »Es gab fast keinen Kampf.«

Schon am Vortag sollen die kroatischen Verbände ihre schwere Artillerie abgezogen haben, empören sich moslemische Flüchtlinge, die vor den Serben nach Kroatien flohen.

»Hinter dem Fall von Bosanski Brod steckt wahrscheinlich eine geheime Vereinbarung zwischen Kroatien und Serbien auf Kosten der bosnischen Moslems«, kommentierte die Belgrader Tageszeitung Borba. »Es geht dabei offenbar um einen Austausch von Territorien.« Bosanski Brod, so das serbische Regierungsblatt Politika, sei wahrscheinlich eine Gegenleistung für Prevlaka, die strategisch wichtige Halbinsel südlich von Dubrovnik, die von der jugoslawischen Armee geräumt wurde.

Mit Prevlaka verlieren die Serben die Kontrolle über einen Teil der Adriaküste. Mit Bosanski Brod können sie aber den Landkorridor ausbauen, der von Serbien entlang der Save in die bosnische und kroatische Krajina führt. Durch den 140 Kilometer langen Schlauch rollt der Nachschub an Nahrungsmitteln und Benzin für etwa 1,5 Millionen bosnischer Serben.

Damit haben die Serben ihre wichtigsten Kriegsziele in Bosnien so gut wie erreicht. Doch auch die Kroaten gehören zu den Kriegsgewinnlern: Sie kontrollieren die Westherzegowina. Der kroatische Dinar ist dort die einzig gültige Währung, die kroatische Fahne weht auf allen öffentlichen Gebäuden. In den Schulen von Prozor und Vitez wird nur noch in Kroatisch unterrichtet, es gibt allein kroatische Schulbücher. Moslem-Kinder boykottieren deswegen den Unterricht.

Karadzic und Boban, die schon immer den einheitlichen bosnischen Staat ablehnten, versuchen nun, den Status quo in Bosnien-Herzegowina am Verhandlungstisch sanktionieren zu lassen. Dabei bauen sie auf Rückendeckung aus Zagreb und Belgrad.

Kroatiens Präsident Franjo Tudjman hatte schon im Juni 1991 über die Teilung Bosniens mit seinem serbischen Kollegen Slobodan Milosevic verhandelt. Das sei der einfachste Weg, den Konflikt in Jugoslawien beizulegen, meinte Tudjman. Doch Serbien entschied sich zunächst für einen Krieg gegen Kroatien.

Unterdessen scheinen beide Seiten eingesehen zu haben, daß ihr Konflikt militärisch kaum zu lösen ist. Sie suchen nach Kompromissen. Zwischen Zagreb und den pragmatischen Politikern in Belgrad hat Tauwetter eingesetzt. Dobrica Cosic, der Präsident von Rest-Jugoslawien, hat sich deutlich vom Serben-Chauvi Milosevic distanziert.

Ende September trafen sich Tudjman und Cosic zu Gesprächen hinter verschlossenen Türen. »Sie haben eine Vereinbarung erzielt«, sagt Ratko Krsmanovic, Präsident des Bundes der Kommunisten von Montenegro. »Die Übereinkunft ist nahezu identisch mit dem Abkommen zwischen Dragisa Cvetkovic und dem kroatischen Oppositionsführer Vladimir Macek von 1939.« Damals, eine Woche vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, einigten sich Kroaten und Serben darauf, Bosnien untereinander aufzuteilen. Große Teile der Herzegowina mit den Städten Mostar und Travnik sollten Kroatien zufallen, die Serben den Rest erhalten.

Diesmal scheint die Zeit wieder gegen die Moslems zu stehen. Serbenführer Karadzic spricht schon offen aus, wie er das Ende der Balkangreuel sieht: »Sollten die Moslems weiterkämpfen, werden Serben und Kroaten Bosnien aufteilen, und für die Moslems bleibt nichts übrig.«

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