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HOCHSCHULEN Geheimnis im Badezimmer

Die erste westdeutsche Universität für Fernstudien soll in Nordrhein-Westfalen eingerichtet werden. Bildungsplaner versprechen sich davon Entlastung für die überfüllten Hörsäle und erhebliche Kostensenkung.
aus DER SPIEGEL 13/1974

Am frühen Morgen kommt dem Fernstudenten der neueste Studienbrief ins Haus: »Ober die allgemeine Idealtheorie der kommutativen Ringe.« Bei Kaffee und Toast überfliegt der Mathematiker die Professorenpost und löst dann -- bis zum Mittagessen -- noch eine diffizile Rechenaufgabe. Am Nachmittag widmet er sich dem Nebenfach-der Biologie: Er zerlegt im Badezimmer eine Drosophila, um unter dem Mikroskop den Geheimnissen der Genetik nachzuspüren. Und zum Tagesausklang verzichtet er auf den Fernsehkrimi, studiert statt dessen vor dem Videorecorder, wie sich Amöben in der Agar-Agar-Flüssigkeit vermehren.

Solcher Alltag eines fleißigen Heimstudenten soll schon in wenigen Jahren Wirklichkeit sein -- zumindest in Nordrhein-Westfalen. Denn um den Studentenansturm an den überfüllten Hochschulen vorbeizulenken, will Düsseldorfs Wissenschaftsminister Johannes Rau noch in diesem Jahr ein 15köpfiges Planungsteam für eine Hochschule neuen Typs berufen: eine Fernuniversität, die zum Wintersemester 1975/76 mit Sitz in Hagen eröffnet werden soll.

Rund 2500 Studenten könnten dann im volkreichsten Bundesland Mathematik und Wirtschaftswissenschaften studieren, ohne die herkömmlichen Hochschulen zu belasten. 1980 soll die Fernuniversität bereits 9000 Studenten zählen, die unter einem breiten Fächer-Angebot wählen können.

Das für die Bundesrepublik beispielhafte Unternehmen wurde nach ausländischen Modellen entworfen. Anderen Industrienationen, die sich mit der Bildung nicht so schwer taten wie die westdeutschen Provinzpolitiker. ist ein Studium per Post und vor dem Bildschirm längst geläufig.

in Großbritannien etwa sind an der 1971 eröffneten Open University. die ihre Kursprogramme über BBC-Kanäle ausstrahlt, mittlerweile 38 000 Studenten eingeschrieben. In der DDR lernt jeder vierte Hochschüler (insgesamt 39 000) zu Hause. Und auch in den USA oder in der Sowjet-Union ist ein Studium ohne festen Studienplatz nicht mehr ungewöhnlich.

In der Bundesrepublik wurden Pläne, akademische Weisheit über Funk und Fernsehen auszustrahlen, bislang durch Kompetenzquerelen blockiert. Die mal sozial-, mal christdemokratisch regierten Länder kamen auf keinen gemeinsamen Nenner; Hochschulen wie Funkhäuser leisteten Widerstand, weil sie jeweils allein das Sagen haben wollten.

Die Düsseldorfer fanden nun einen besonderen Dreh: eine akademische Briefkastenfirma mit Hochschulstatus und eigenem Professorenstab. Unterrichtet wird zunächst nur per Post und ohne Funk. In der Hagener Hochschulzentrale werden Lehrbriefe verfaßt und versandt. Und dort zensieren die Hochschullehrer, was die Studenten in der Ferne schriftlich erarbeitet haben. Kommt der Heimstudent mit« dem Lehrstoff nicht klar, kann er sich in einem Studienzentrum beraten lassen; achtzehn solcher Nachhilfe-Stationen sind vorerst geplant. In diesen Dependancen der Fernuni finden auch Kurz-Seminare statt.

Ob ein Studium, in dem das Wohnzimmer den Hörsaal ersetzt, gerade für Abiturienten reizvoll ist, erscheint fraglich. Als Hobby-Universität für Hausfrauen aber möchte Bildungsplaner Rau sein Experiment auch nicht enden sehen. Er spekuliert darauf, daß der »Numerus clausus viele Anfänger ins Fernstudium zwingen wird« (siehe Interview Seite 60).

Und je mehr gezwungen werden, desto billiger wird die Serienproduktion -- von Studienbriefen wie von Stubengelehrten. »Eine normale Universität«. so rechnet Rau, »ist dreimal so teuer wie unsere Fernhochschule.«

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