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»Gehen Sie ins Totenhaus, Doktor!«

aus DER SPIEGEL 39/1968

1. Fortsetzung

Der Sturz des Diktators Diem

Kurz vor Weihnachten 1961 rückten in Hué die ersten amerikanischen »Militärberater« an. Es fing harmlos und sogar mit ausgesprochen komischen Zügen an. Zunächst waren es nur 16 Offiziere und Unteroffiziere. Angeführt wurden sie von einem schieläugigen, kahlköpfigen Oberstleutnant namens Holman; sein Stellvertreter, Major Snyder, war kurz und dick, und jede Aktivität brachte ihn zum Keuchen und Schwitzen.

Auch die restliche Schar setzte sich nicht gerade aus Elitesoldaten zusammen, das Karikaturistische überwog. Etwa die Hälfte der »Advisors« kam direkt aus den Vereinigten Staaten, die übrigen aus den Kasernen am Flughafen Phu Bai, wo schon seit Jahren eine kleine Truppe amerikanischer Militärs am Werke war.

Die Ankömmlinge wurden im einzigen Hotel der Stadt Hué einquartiert. Nur ihre Anführer, Holman und Snyder, mieteten eine Villa. Einige Monate später gab es einen kleinen Skandal, weil sie das Haus mit Militärmobiliar ausgestattet hatten.

Paul Miller, ein junger Amerikaner mit ausgezeichneten vietnamesischen Sprachkenntnissen, der seinen Lebensunterhalt bei der Huéer Universität als Rektoratsangestellter verdiente, be-

(c) Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1968. Alle Rechte vorbehalten.

* Beim Waffenappell in einem Wehrdorf.

sorgte den beiden Offizieren »Kontrakt-Ehefrauen«, Bauernmädchen, die von ihren Eltern praktisch vermietet wurden.

Dreimal in der Woche wurden in der Kantine Filme gezeigt; an den anderen Abenden tranken die »Advisors« nach Dienstschluß Bier, spielten Karten oder warfen mit Pfeilen nach einer Zielscheibe. Holman und Snyder saßen neben ihren zierlichen Freundinnen und hielten deren Hände.

Viel zu tun gab es für diese »Berater« nicht. Größere Kämpfe fanden in den nördlichen Provinzen noch nicht statt. Die Gegend von Hué und Quang Tri galt als die friedlichste im ganzen Land. Und in weiter entfernt liegende Dörfer traute sich die südvietnamesische Armee allenfalls im Rahmen größerer Operationen. Die Berater hatten nur die Aufgabe, den vietnamesischen Soldaten die Handhabung der frisch gelieferten amerikanischen Waffen beizubringen.

Im übrigen war der Himmel über Hué damals noch still und leer. Hörte man unterwegs auf der Straße nach Da Nang das Geräusch von Flugzeugmotoren, so war es meist die reguläre Linienmaschine der Air Vietnam. Das reichliche Essen, der hohe Sold und die wenig anstrengenden Arbeiten brachten freilich andere Risiken für die Gesundheit der Amerikaner mit sich.

Im Januar 1962 tauchten die ersten amerikanischen Patienten in unseren Wohnungen auf. Sie kamen uns besuchen und taten zunächst so, als wollten sie sich mit uns über die Kaiserstraße in Frankfurt und das Münchner Hofbräuhaus unterhalten, wo sie sich so viel wohler gefühlt hätten als hier in Vietnam. Aber es war meist; noch etwas anderes, was sie zu uns trieb: Tripper.

Diese Krankheit wurde damals noch in ihre Papiere eingetragen, und das konnte sich ungünstig auf die militärische Karriere auswirken. Deshalb gingen sie nicht zu ihrem Militärarzt; deswegen hatten sie manchmal die dringend nötige Behandlung auch hinausgeschoben, bis die Krankheit unerträgliche Schmerzen zu verursachen begann.

Wir deutschen Ärzte spritzten ausgiebig Penicillin. Zum Dank bekamen wir Gin, Whisky und Kartoffelchips. Das gesundheitsgefährdende Reglement wurde in den folgenden Jahren, als die Geschlechtskrankheiten in Vietnam lawinenartig anzuschwellen begannen, geändert, und unsere Privatpraxis schlief allmählich ein.

Die amerikanischen Militärärzte dachten sich dann 1966 eine neue »Vorbeugungsmethode« aus: Mindestens einmal wöchentlich spritzten sie zwangsweise alle Barmädchen, ob krank oder nicht, mit Antibiotika. Durch solche totale Kriegführung bauten sie den Gegner auch auf diesem Gebiet erst vollends auf. Sie züchteten dadurch nämlich Bakterienstämme, die gegen Medikamente widerstandsfähig und viel schwerer zu behandeln waren als der klassische Tripper, für dessen Heilung gewöhnlich ein paar Penicillinspritzen genügt hatten.

Damals, zur Jahreswende 1961/62, war das Hotel der Amerikaner noch ein offenes Haus. Ein verschlafener vietnamesischer Soldat stand Posten vor der Tür, hielt jedoch keinen an. Lottoabende zugunsten des katholischen Waisenhauses fanden statt, zu denen die gute Gesellschaft Hués geladen wurde, und zu Neujahr ein großer Ball mit Abendessen, Chansons und Tanz.

Im April 1962 änderte sich die Lage radikal. Snyder und Holman wurden strafversetzt, ihre »Kontrakt-Frauen« nach Hause geschickt. Der neue Kommandeur, Oberst Larsen, führte ein strengeres Regiment. Hunderte von neuen Beratern trafen ein; sie schienen einem anderen Soldatentyp anzugehören als die ersten: Ihr Haar war noch kürzer geschnitten, ihre Kinnladen noch stärker vorgereckt, und ihr Blick schien jede Situation auf ein operationsfertiges Schema zu reduzieren.

Am Badestrand und an festen Freundinnen waren sie weniger interessiert; »to kill those dirty communists« (diese dreckigen Kommunisten zu töten), war ihr Hauptbedürfnis, und abends starker Alkohol. Sie wirkten, solange sie noch nüchtern waren, verschwiegener als ihre gemütlichen Vorgänger. Viele von ihnen waren durch die Schule der »Special Forces« in Fort Bragg gegangen.

Sie hatten einen klaren Auftrag zu erfüllen: die. vietnamesische Armee in den Dschungel zu treiben, um die Basen der Vietcong ("VC") auszuräuchern; und die Errichtung jener »Wehrdörfer« zu betreiben, die auf Anraten des amerikanischen Professors Staley und des Generals Taylor gerade beschlossen worden war. In dieser Zeit tauchten auch die ersten Hubschrauber am Himmel auf. Wenn sie während unserer Siesta das Haus in 50 Meter Hohe überflogen, fuhren wir schimpfend aus dem Nachmittagsschlaf.

Ich bekam später noch einmal Gelegenheit, die Arbeit amerikanischer Militärberater aus der Nähe kennenzulernen. Ein amerikanischer Freund lud mich zu einem kleinen Rundflug nach Ba Long und nach Khe Sanh ein. Auf dem Militärflugplatz in der Zitadelle von Hué wartete eine kleine Do 28 auf uns.

Ba Long bildete damals einen fruchtbaren Talkessel mit mehreren Dörfern, Reisfeldern und einem stark besetzten Militärposten. Der amerikanische Bataillons-Advisor, ein hünenhaft gebauter pechschwarzer Major, wirkte selbstsicher, intelligent und sarkastisch.

Von Ba Long ging es weiter nach Khe Sanh, das damals gerade zu einem Stützpunkt der amerikanischen Special Forces ausgebaut wurde. Sie sollten aus dem Bergstamm der Bru eine schlagkräftige Dschungel-Kampftruppe machen. Etwa 400 Mann waren bereits angeworben und einer intensiven Ausbildung im »VC-Kill« unterzogen worden.

Das gehörte zu einer neuartigen Kriegstaktik, dem sogenannten »special warfare«. Die Amerikaner hatten nämlich durchgesetzt, daß Saigon das Trainingsprogramm für die Bergstämme (Montagnards) ihnen allein übertrug. Special-Forces-Teams, die dem US-Geheimdienst CIA unterstanden, hatten völlige Freiheit in der Zusammenstellung ihrer Kampfgruppen.

Zunächst hatte man ein paar geld- und abenteuerhungrige Vietnamesen angeworben, die vom Teamführer mit Offiziers- oder Unteroffizierswürden ausgestattet wurden. Dann begann die Suche nach geeigneten Montagnard-Kadern. Sie ließen sich unter den unterernährten und beschäftigungslosen Männern, die in den Flüchtlingslagern zusammengedrängt waren, leicht finden. Nicht nur das Geld lockte, sondern auch die Aussicht auf Rückkehr in die geliebten Berge.

Waren diese Kader aufgefüttert und genügend bei Kräften, und hatten die Amerikaner durch hohe Bezahlung und rücksichtsvolle Behandlung ihr Vertrauen erworben, so wurden sie ihrerseits mit der Anwerbung von Kriegern beauftragt. War eine genügende Anzahl versammelt, konnte in den Bergen nahe der laotischen Grenze ein neuer Stützpunkt eingerichtet werden.

Bei den Special Forces kam man sich vor wie im Wilden Westen. Aus Baumstämmen gezimmerte Forts, Erdbunker, Zelte, Gräben und Stacheldraht. Die Amerikaner waren auf die Idee gekommen, vorzugsweise Neger und Mulatten als Teamführer einzusetzen. Die Amerikaner stellten ihren Schutzkindern die Farbigen als »unsere amerikanischen Montagnards« vor. Daß sie ihre eigenen »Montagnards«, die Indianer, im vorigen Jahrhundert nahezu vollständig ausgerottet hatten, war ihnen offenbar aus dem Gedächtnis entschwunden.

Dennoch beherrschte ein Schuldkomplex das Verhalten der amerikanischen Offiziere und Soldaten in den Bergen. Sie wollten wiedergutmachen, sie wollten diese Naturkinder hier vor der Vernichtung durch die zivilisatorisch überlegenen, grausamen und geldgierigen Vietnamesen bewahren.

In der wilden Umgebung, wo hinter jedem Baum Feinde und Gefahren lauerten, in Gesellschaft ihrer primitiven, aber offenherzigen Vasallen, die ihren eigenen Vorstellungen von einem »straight-forward-man«, einer ehrlichen Haut, viel näher kamen als die zeremoniösen Vietnamesen, durchlebten sie nochmals ihre zum Mythos gewordene heroische Vergangenheit: die Eroberung des fernen Westens.

Seine Wildherden, seine Indianerjagden, seine Erkundungszüge und Hinterhalte waren plötzlich leibhaftig, nicht mehr bloßes Kino, das einen höchstens für ein paar Augenblicke über die bedrückenden Anpassungsnormen der von den großen Kapitalien beherrschten Gesellschaft hinwegtäuschte.

Diese Begeisterung kam den Montagnards zugute. Sie fühlten sich menschenwürdig -- wenngleich ein wenig gönnerhaft -- behandelt, obzwar diese gute Behandlung etwas von Tierliebe an sich hatte. Deshalb waren sie zunächst auch bereit, diesen menschenfreundlichen Fremden zu helfen. Sie hofften, die Amerikaner würden ihnen die lang ersehnte Autonomie verschaffen, die ihr allmählich erwachendes Solidaritätsgefühl als Montagnard-Volk forderte.

Wie vorauszusehen war, ging das mühsam erworbene Vertrauenskapital der Amerikaner auf einen Schlag verloren, als sie 1964 die zweite Phase des Montagnard-Programms der vietnamesischen Regierung überlassen mußten. Aufs neue begannen Ausbeutung, Betrug und Schikanen. Bei Verwundetenversorgung und Evakuierungen beanspruchten die Vietnamesen Priorität, und die Bombardierung inzwischen »unsicher« gewordener Montagnard-Flüchtlingssiedlungen wurde wiederaufgenommen.

Die Amerikaner, in die Rolle von bloßen Beratern zurückversetzt, mußten machtlos zusehen, wie sie in wenigen Wochen um die Früchte ihrer zwölfmonatigen Arbeit gebracht wurden. Die Unzufriedenheit der Montagnards kulminierte in Aufständen, deren letzter im Herbst 1965 von der Regierung des Generals Ky blutig niedergeschlagen wurde.

An solchen Enttäuschungen nahm die Boy-Scout-Moral der Amerikaner ernstlichen Schaden, und die daraus erwachsende Aggressivität begann sich gegen alle »Gooks« zu richten -- ein rassistisch definierter Schimpfname für die »Gelben«, der sich immer häufiger ins Vokabular der GIs eingestreut fand. Die Montagnard-Aktion war viel zu sehr Selbstdarstellung kollektiver amerikanischer Illusionen und Schuldgefühle gewesen.

So wurde aus der nachgeholten historischen Reminiszenz eine stereotype Wiederholung der alten Far-West-Mythologie mit ihrem tragischen Ende und ihrer Rechtfertigungsideologie. Denn die Verantwortung für das Mißlingen des Unternehmens konnte mit augenscheinlichem Recht den »verbündeten« Vietnamesen zugeschoben werden.

Das zweite Studienjahr in Hué begann undramatisch, ja etwas langweilig: Mein Freund Rupprecht und seine Frau waren nach Deutschland zurückgekehrt und ebenso der dritte deutsche Kollege. Dafür tauchte Professor Krainick, der Leiter des deutschen Ärzteteams an der medizinischen Fakultät von Hué, in den ersten Septembertagen wieder auf. Nach einigen Reibereien gewöhnten wir uns aneinander, ja wir lernten uns bis zu einem gewissen Grade gegenseitig respektieren und schätzen. Krainick hatte sechs neue Ärzte aus Deutschland mitgebracht. Mit zweien von ihnen, Orje und Hans ("Hänschen"), freundete ich mich rasch an.

Kurz nach Vorlesungsbeginn wurde das Studienjahr feierlich eröffnet, und zu diesem Anlaß war Präsident Ngo Dinh Diem nach Hué gekommen. Wir saßen unten im Saal, angetan mit unseren schweren schwarzroten Talaren und dementsprechend schweißgebadet. Diem sahen wir auf der Empore des Rektoratssaales in einem riesigen geschnitzten Sessel thronen, umgeben vom Rektor und den Dekanen, denen man nur winzige Holzstühlchen hingestellt hatte.

In seinem weißen naturseidenen Anzug sah Diem aus wie ein König, der in der Sommerfrische von unvorhergesehenen Repräsentationspflichten überrascht worden ist. Das Gesicht war zu steinerner Unbeweglichkeit festgefroren, die zu kurz geratenen Beinchen erreichten kaum den Boden, und die Anne lagen steif auf den Sessellehnen.

Als Diem sich dann erhob, uni seine Eröffnungsrede zu halten, sprach er über das Auditorium hinweg direkt zur Ewigkeit. Niemanden sah er an, keine seiner Gesten verriet ein Eingehen auf seine Zuhörer, und seine Worte waren zu den rituellen Formeln erstarrt, mit denen die Herrscher seit je das Volk ihrer Fürsorge versichert und dafür eine Blankovollmacht für ihre Handlungen verlangt hatten.

Eine gewisse Größe ließ sich dieser Gestalt nicht absprechen. Der Glaube an die eigene Mission war so unantastbar, daß schön eine Überprüfung, ob Diems sozialreformerische Verordnungen tatsächlich befolgt wurden, als Sakrileg hätte erscheinen müssen. Irgendwie muß er dennoch die Wahrheit geahnt haben. Denn die Technik der Selbst-Abschirmung, die Diem praktizierte, wurde von Jahr zu Jahr komplizierter und vollkommener.

Ein verkehrter Ödipus, beschäftigte er einen großen Teil seines Macht-Apparates damit, die zur Entschleierung drängende Wahrheit kunstgerecht vor ihm selbst zu verbergen. Als sie aus dem mageren Körper des buddhistischen Abtes Thich Quang Duc im Juni 1963 dann doch aufloderte, war es zu spät für Konsequenzen aus der Einsicht, daß seine Herrschaftsmethoden versagt hatten und versagen mußten In einer Zeit, in der die traditionelle ständisch-autoritäre Ordnung ihre ökonomische Basis verloren hatte.

Diem verbrachte die letzten Lebensstunden zusammen mit seinem Bruder Nhu in einer Kirche. Vielleicht ist ihm dort bewußt geworden, daß sein Mißgeschick auch eine Schuld enthielt. Seine Unbeugsamkeit und Blindheit hatten Millionen von Menschen unnütz in Krieg und Elend gestürzt.

In einem Lieferwagen fand seine Tragödie Ihre Vollendung durch einen Mord, der Diems Herrschaft grausamer, aber auch würdiger abschloß als das dollargespickte Exil der Comic-Strip-Heroen, die Ihm die Amerikaner in Saigon nachfolgen ließen.

Im Januar 1963 gewann der Vietcong seine erste offene Feldschlacht bei Ap Bac Im Mekong-Delin und bewies damit, daß er Abwehrmittel gegen die neuartige, durch Ausrüstung mit Hubschraubern erreichte Mobilität der diemistischen Armee entwickelt hatte. Während des Sommers und Herbstes 1962 hatte die Befreiungsfront einige militärische Rückschläge hinnehmen müssen. Jetzt war es damit vorbei.

Der Vietcong suchte selbst die künftigen Landeplätze der Hubschrauber aus. Als Köder diente ein kleiner Truppenteil, dessen Anwesenheit je nach Lage von Mittelsmännern an die Polizei oder die Informationsoffiziere der Armee gemeldet oder aber durch bewußt schlechte Tarnung der Luftaufklärung angezeigt wurde. Dann wurde ein klassischer Hinterhalt gelegt.

Die Truppen der Befreiungsfront gruben sich mit ihren Mörsern, Bazookas und Maschinengewehren in günstigen Positionen ein und erwarteten die Ankunft des Gegners. Wenn dieser einmal nicht kam, war es eine nützliche Übung gewesen. Bei Ap Bac wurde diese neue Taktik zum ersten Male erprobt -- mit schlagendem Erfolg.

Ein weit überlegenes Panzer- und Hubschrauberaufgebot der Regierungstruppen mußte schwere Verluste einstecken und sich schließlich unverrichteterdinge zurückziehen. Fünf Hubschrauber wurden abgeschossen. Der Vietcong verlor kaum einen Mann.

Als die Schlacht bereits zu Ende war und der Rückzug angetreten werden sollte, formierte der erbitterte amerikanische Chef-Berater eine kleine Truppe, die ausschließlich aus Amerikanern bestand, kaum über 30 Mann, und ging mit ihr allein nochmals zum Angriff vor. Einige Vietcong, die bereits ihren Sieg feierten, wurden dabei überrascht und getötet, zusammen mit Dorfbewohnern aus Ap Bac.

In kleinem Maßstab wurde hier zum ersten Male die Amerikanisierung des Krieges vorexerziert, deren Motive sich auch schon in diesem Modellfall finden lassen: die militärische Inkompetenz, Unzuverlässigkeit und Kampfesunlust der »Gooks«, dieser schlitzäugigen Gelben, denen man es endlich zeigen will, wie man den Job des »VC-Killens« zu machen hat.

Nach der Schlacht verschlechterte sich die militärische Lage Diems rapide. Ohne viel· Lärm zu machen, nahm der Vietcong nahezu das ganze Mekong-Delta In Besitz. In den Städten vernahm man plötzlich wieder kritische Stimmen. Zweifel wurden geäußert, ob Diem es schaffen werde.

Um der leichtlebigen Saigoneser Gesellschaft den Ernst der Lage begreiflich zu machen, hatte Madame Nhu, Diems Schwägerin, schon Mitte 1962 das Tanzen und die damals gerade modern gewordenen Twist-Songs verbieten lassen. Ab Frühjahr 1963 wurden auch sentimentale Lieder auf den Index gesetzt. Die Kampfmoral der Truppe sollte durch Gefühle wie Liebe, Mitleid und Heimweh nicht angenagt werden.

In den Bars und Schallplattenläden waren nur noch Lobeshymnen auf den Präsidenten, die revolutionäre Jugend und die strategischen Wehrdörfer erlaubt. Auch den übrigen losen hauptstädtischen Sitten sagte die Familie Ngo den Kampf an. Prostitution wurde unter Strafe gestellt.

Wenn ein verheirateter Mann sich zweimal hintereinander mit einer fremden Frau in« der Öffentlichkeit sehen ließ, riskierten beide Gefängnis. Stieg ein Mädchen mit einem Ausländer in ein Auto, so konnten beide die Nacht sehr wohl in einem Polizeiposten beschließen.

Dieser offizielle Puritanismus überzog allerdings nur wie ein dünner Firnis den moralischen Verfall, ja er trug in mancher Hinsicht zu dessen noch rapiderem Umsichgreifen bei. Die neuen Verordnungen boten den Polizisten bisher ungeahnte Möglichkeiten mühelosen Gelderwerbs durch Einschüchterung und Erpressung der nunmehr unzählbaren Gesetzesbrecher.

Eine festgenommene Prostituierte konnte sich für 200 bis 1000 Piaster

* Am 11. Juni 1963 in Saigon.

freikaufen. Die ihr abgeforderte Summe bestimmte sich nach Ihrer Kleidung, ihrem Aussehen und ihrer Arbeitsstelle, also nach ihren mutmaßlichen Einkünften. Fortan forderten die Mädchen ihren Kunden zusätzliche Risiko-Prämien ab: Die Preise gingen um etwa 50 Prozent in die Höhe.

Noch willkommenere Opfer der Polizei waren reiche Geschäftsleute, die mit den neuen Moralitätsgesetzen in Konflikt gerieten. Ihnen wurde manchmal ein Vermögen abgeknöpft, Da sie den Skandal eines Prozesses mehr als andere fürchten mußten, zahlten sie meist ohne Zögern. Auch das Taxi-Geschäft florierte; denn wollte man ein Mädchen aus dem Dancing mit nach Hause nehmen, mußte man in zwei Wagen fahren und ein großzügiges Trinkgeld bezahlen.

Eine unbeabsichtigte Folge der Liebesverbote stellte sich noch rascher ein: Zwischen den Tanzmädchen und ihren Kunden bildete sich schon bald die Solidarität von Verschwörern heraus. Das Risiko, dem man sich zusammen aussetzte, gab der ursprünglich kommerziellen Transaktion nicht nur einen prickelnden, abenteuerlichen Reiz; es brachte auch die Partner einander näher.

Darüber hinaus kamen auch bei der guten Gesellschaft heimliche Tanz- und Musikabende hinter verschlossenen Türen und Gardinen in Mode, die meistens rasch in sexuelle Orgien ausarteten: zu einem großen Teil deshalb, weil die verbotenen Früchte plötzlich besonders süß schmeckten; in weiten Kreisen Saigons nahm der Sexualakt die Bedeutung einer politischen Widerstandshandlung an, So endete Diems Versuch einer moralischen Aufrüstung Saigons in der Lächerlichkeit.

Das Klima um sich greifender Unzufriedenheit und Unruhe erreichte allmählich auch Hut. Als ich mit einigen Freunden am Abend des 7. Mai 1963 zur Tu-Dam-Pagode spazierenging, spürten wird, daß etwas Besonderes In der Luft lag. Es war am Vorabend von Buddhas 2507. Geburtstag. Die siebenfarbig gestreiften Fahnen der internationalen buddhistischen Vereinigung hingen zusammen mit bunten Lampions vor jedem Haus. In den kleinen Gasthöfen und Cafés am Wege sah man »Gruppen von Studenten, Kulis und zeremoniell angezogenen alten Männern eifrig miteinander diskutieren.

Erzbischof Thuc, Diems ältester Bruder, hatte am Vortage ein Verbot der buddhistischen Flagge erreicht. Am Morgen des 7. Mai hatte ein katholischer Polizist daraufhin eine Flagge von einem der Altäre heruntergerissen, ein Heer von Polizisten war in die Privathäuser eingefallen und hatte die religiösen Symbole konfisziert.

Das ließ sich der buddhistische Klerus nicht mehr gefallen. Er forderte seine Gläubigen auf, bei der Provinzverwaltung gegen die Entweihung ihrer Fahne zu protestieren. So hatten sich am frühen Nachmittag Tausende wütender Demonstranten vor dem Gebäude der Provinzverwaltung zusammengefunden. Angesichts dieses unerwartet heftigen Protestes befahl der Provinzchef schließlich, die verbotene Flagge zum morgigen Fest zu tolerieren. Die abendliche Freudenstimmung entsprang also dem Erfolg, den die Massendemonstration hatte erzielen können.

Vietnamesische Freunde hatten mir im Laufe des letzten Jahres immer häufiger von Spannungen zwischen dem Regime des Katholiken Diem und den Buddhisten berichtet. In einem Lande, dessen Bevölkerung sich zu 80 Prozent als buddhistisch bezeichnet. während die Katholiken eine nur 10 Prozent starke Minderheit bilden, mußten materielle und berufliche Privilegierung der »rechtgläubigen« Christen sowie Diskriminierung der buddhistischen Kirche zwangsläufig Unzufriedenheit und Unruhe erzeugen.

In Hué, dem Zentrum des vietnamesischen Buddhismus, wurde buddhistisches Bekennertum zu einem Symbol des Widerstandes gegen das Regime. Studenten, kleine Beamte und Kaufleute, die zuvor allenfalls einmal jährlich auf Drängen ihrer Mütter oder Frauen die Pagode besucht hatten, schlossen sich nun den Berufs-, Standes-, Familien- und Jugendorganisationen für buddhistische Laien an. Auf diese Weise sorgte das Regime selber für eine wohlorganisierte Opposition.

Von diesen Hintergründen der Krise hatte ich an jenem Abend nur eine vage Ahnung. Am nächsten Morgen verschlief ich den Beginn der Prozession zur Tu-Dam-Pagode und mußte mich darauf beschränken, sie vom Balkon aus vorüberziehen zu sehen. Nichts Auffälliges war zu erkennen, nur die üblichen Spruchbänder, die Buddhas Geburt ankündigten. Mittags berichteten meine Kollegen Orje und Hänschen, der Mönch Thich Tri Quang habe die Diskrimination der Buddhisten angeprangert, gegen die Schändung der religiösen Symbole protestiert und angekündigt, die Buddhisten würden sich Provokationen nicht länger widerstandslos gefallen lassen.

Der Abend war wieder brütend heiß. An der nächsten Straßenecke, gegenüber dem Palast des Provinzchefs, sah ich einen nicht abreißenden Menschenstrom von Tu Dam hinunter auf die Hauptstraße fluten. Das Fest ist zu Ende, dachte ich, aber warum heute so früh? Irgend etwas war wieder im Gange. Plötzlich hörte ich jemanden meinen Namen rufen. Es war Ty, einer meiner Studenten, er fragte mich, ob ich mir Thich Tri Quangs Radioansprache nicht anhören wollte, sie würde vor dem Haus des Rundfunks durch Lautsprecher übertragen.

Im Hof des Huéer Senders hatte sich bereits eine beträchtliche Menschenmenge eingefunden. Jede Minute strömten neue Zuhörer herbei, gegen 21.30 Uhr war die Menge auf etwa 6000 Köpfe angeschwollen. Inzwischen hatte es sich herumgesprochen, daß diese traditionelle Radioansprache zu Buddhas Geburtstag im letzten Augenblick verboten worden war.

Ober Lautsprecher kam die Ankündigung, es seien bereits Verhandlungen mit dem Provinzchef im Gange und man könne in etwa einer halben Stunde mit dem Beginn der Ansprache rechnen. Die Gläubigen sollten durch ihr Warten ihre Entschlossenheit bezeugen, sich aber im übrigen ruhig und diszipliniert verhalten.

Plötzlich kam eine Wagenkolonne angefahren. »Wir danken dem Provinzchef dafür, daß er zu uns gekommen ist«, ertönte Tri Quangs Stimme aus dem Lautsprecher: »Macht Ihm Platz!« Unter lautem Beifall drängte sich der Provinzchef durch die Menschenmenge und verschwand mit dem Mönch im Gebäude. Die Spannung der Wartenden stieg.

Wenige Minuten später ertönte das Geratter von Panzerfahrzeugen. Fünf Mannschaft-Panzerwagen fuhren auf. Einer von ihnen bahnte sich den Weg in den Hof des Rundfunkgebäudes. Wir versuchten aus der Umzäunung des Sendegebäudes herauszukommen. Das war nicht einfach. Hunderten von Menschen war die Situation plötzlich allzu bedenklich geworden, und das Eingangstor war vier zu eng, alle auf einmal auf die Straße hinauszulassen. Ty und ich sprangen schließlich über den 1,20 Meter hohen Zaun.

Ein Feuerwehrwagen richtete seinen Wasserstrahl gegen die sich schon zerstreuende Menge. Der Druck war aber viel zu schwach, um abschreckend zu wirken. Ein amüsiertes Lachen breitete sich aus. Da wurden die ersten Schüsse aus den Panzerkanonen abgegeben; wir vernahmen etwa zehn scharfe, trockene Detonationen. Mit den Umstehenden warfen auch Ty und Ich uns zu Boden. Auf die Schüsse folgte ein Augenblick Schweigen. In ein paar Sprüngen setzten Ty und ich über den Boulevard, um uns in einer der Seitenstraßen in Sicherheit zu bringen.

Die Menge war In kleinen Gruppen zerstoben, die gestikulierten und ihrer Empörung hörbaren Ausdruck verliehen. In diesem Augenblick knatterten die Maschinengewehre los. Einer der

* Bruder des vietnamesischen Präsidenten Diem und Erzbischof von Hué. Thuc lebt heute als Titular-Erzbischof von Bulla regia in Rom.

Panzer hatte damit begonnen, auch noch die kleinen Gruppen auseinanderzutreiben. Wir flüchteten weiter und brachten uns schließlich In Orjes und Hänschens Haus In Sicherheit.

Inzwischen war das Geschieße verstummt. Ob es Tote oder Verletzte gegeben habe, fragte Hänschen. Wir wußten es nicht. Die Frage beunruhigte uns, vielleicht wurde ärztliche Hilfe gebraucht. So machten wir uns zu dritt auf zum Sender. Die Kreuzung am Rundfunkhaus sah aus wie ein verlassenes Schlachtfeld. Zahllose grotesk verbogene Fahrräder und bunte Sandalen lagen auf der von Menschen leergefegten Straße. Wir fragten ein paar Polizisten, was es gegeben habe. Sie wußten von nichts. Wir sollten im Krankenhaus nachsehen.

Im Aufnahme-Pavillon lagen etwa 20 Verletzte. Niemandem war etwas Ernsthaftes passiert. Mit der Versorgung der Patienten war Dr. To Dinh Cu beschäftigt, der leitende Chirurg des Hospitals. Er schien bestürzt, als er uns kommen sah. »Gehen Sie nach Hause, das geht Sie nichts an«, sagte er, »mit diesen paar Schrammen werden wir selber fertig.« Als wir uns auf den Heimweg machen wollten, winkte ein Pfleger mich zu sich heran. »Gehen Sie ins Totenhaus!« flüsterte er mir ins Ohr.

Das Totenhaus lag hinter dem Geisteskranken-Pavillon. Es hatte kein elektrisches Licht. Im schwachen Kerzenschimmer sahen wir sieben blutige Körper auf den drei steinernen Obduktionstischen aufgebahrt. Fünf der Toten -- alles Kinder -- hatten keine Köpfe. Die Panzer hatten den Kindern die Köpfe abgeschossen, wahrscheinlich in dem Moment, als sie über den Zaun des Rundfunkhauses kletterten und dabei für einen Augenblick die Menge überragten. Die Eltern der Toten weinten still vor sich hin.

In unserem Universitäts-Campus angekommen, hastete ich die Treppen zur Wohnung von Krainicks hinauf. Der Zufall wollte es, daß Frau Krainick gerade einen Tonbandbrief an ihre Kinder diktierte. In ihrer Aufregung vergaß sie, den Apparat auszuschalten, als ich meine Erlebnisse vor ihr und ihrem Mann auszubreiten begann. So ist diese erste Schilderung im Original erhalten geblieben; der Tonbandstreifen konnte im September 1963 der Vietnam-Kommission der Uno als Beweisstück vorgelegt werden.

Mittlerweile war es halb zwölf geworden. Ich weckte meinen Freund Tuân, der ein erbitterter Gegner des Diem-Regimes und Anhänger der nationalistischen Dai-Viet-Partei war, und erzählte auch ihm, was geschehen war. Tuân begriff sogleich die politische Tragweite des Ereignisses. Über ganz Vietnam sich ausbreitende Protestdemonstrationen der Buddhisten konnten das Prestige Diems In der Welt so untergraben, daß die Amerikaner ihn schließlich fallenlassen mußten. Dann würde die Armee ihn aus Angst vor dem Entzug der Hilfsgelder stürzen. Ich sollte nach Saigon fahren, Tuâns politische Freunde Mien und Quat instruieren und die amerikanischen Nachrichtenkorrespondenten veranlassen, die Meldung groß herauszubringen.

Als ich dann tags darauf in Saigon den Journalisten von den Huéer Ereignissen erzählte, zögerten sie, meine Worte für bare Münze zu nehmen. Die Geschichte schien ihnen zu explosiv. Als ich Bilder der Erschossenen vor Ihnen ausbreitete, gerieten sie allerdings in Erregung und züchten ihre. Notizbücher. Noch vor Mitternacht tippte der Fernschreiber ihre Depeschen hinaus in die Welt.

Nach 48 Stunden mußte ich feststellen, daß außer Radio Hanoi keine Rundfunkstation die Meldung in ihre Nachrichtensendungen aufgenommen hatte, und »Le Monde«, die »New York Times« und die anderen grollen Zeitungen schwiegen.

In Hué hatte die Polizei inzwischen die Eltern der ermordeten Kinder gezwungen, ihre Toten ohne jede Untersuchung in aller Hast zu begraben. Zu den buddhistischen Trauerzeremonien waren trotzdem Zehntausende von Menschen gekommen.

Bei dieser Gelegenheit hatte Tri Quang zum ersten Male seine »fünf Forderungen« an Diem gestellt: Gleichstellung der buddhistischen Kirche mit der katholischen; Ende der Privilegierung der Katholiken in Staatsstellung, im Berufsleben und bei der Verteilung ausländischer Hilfsgelder; Ende der Diskriminierung und Verfolgung militanter Buddhisten; Widerruf des Flaggenverbotes; Anerkennung der Schuld am Massaker von Hué und angemessene Wiedergutmachungszahlungen an die Angehörigen der Opfer.

Auch dieser Appell war ohne Echo verhallt. Denn inzwischen hatte die Regierung die Kommunisten angeschuldigt, am Abend des 8. Mai Plastikbomben geworfen zu haben; die Toten waren damit offiziell zu »Opfern des Vietcong-Terrorismus« deklariert.

Bei der Rückkehr aus Saigon nach Hué fand ich eine trügerische Ruhe vor. Die Buddhisten hatten der Regierung 14 Tage Zeit gegeben, Quangs Forderungen zu erfüllen. Nach dem Ablauf dieser Frist traten die Huéer buddhistischen Mönche in den Hungerstreik.

Sie hatten den Hospitalsdirektor um ärztliche Überwachung des Fastens ersucht, der jedoch, ebenso wie alle übrigen vietnamesischen Ärzte der Stadt, abgelehnt hatte, die Pagode auch nur zu betreten. Als drei Tage später ein paar ältere Mönche kollabierten, wandte sich der Klerus um Hilfe an uns. So machte ich mich in Begleitung von Hänschen auf den Weg nach Tu Dam zur Pagode.

Unsere ärztliche Arbeit dort war rasch getan. Die Mönche hatten während der heißen Sommertage nicht nur eine Menge Flüssigkeit, sondern auch Salze durch überreichliches Schwitzen verloren. Da sie ausschließlich Wasser zu sich nahmen, war es zu einem Salz-Mangelzustand gekommen, der eine Kreislaufschwäche verursacht hatte.

Bei diesem ersten Besuch in Tu Dam lernte ich endlich Thich Tri Quang kennen. Sein schlanker, feingliedriger Körper schien nur als Sockel für den wie aus Marmor gemeißelten römischen Schädel zu dienen. Er war sich über seine charismatische Wirkung auf Menschen ziemlich genau im klaren und konnte sie zielbewußt einsetzen. Durch Mobilisierung der buddhistischen Massen in den Städten und durch den Druck der Weltmeinung hoffte er die Auseinandersetzung mit Diem zu bestehen.

Während des Hungerstreiks der Mönche sah ich zum erstenmal eine große öffentliche Protestdemonstration der Buddhisten. Zwei endlose Kolonnen marschierten auf die Provinzverwaltung zu. Jeder Zug wurde von Mönchen im gelben Zeremoniengewand angeführt. Ihnen folgten Pfadfinder, Gewerkschaftler, Studenten, Schüler und schließlich Frauen aller Altersgruppen. Im ganzen waren 7000 bis 8000 Menschen auf die Straße gegangen. Die erwarteten Zwischenfälle blieben aus.

Wir erfuhren später, daß der Provinzchef selber, der mit den Buddhisten sympathisierte, der Polizei Zurückhaltung auferlegt hatte. Dafür wurde er am nächsten Morgen abgesetzt. Ein mit allen Vollmachten ausgestatteter Vertrauter des Präsidenten Diem erschien in Hué und ließ sich im Regierungspalast nieder. Er hieß Nguyen Van Khuong.

Schon am Tage nach seiner Ankunft lud er alle deutschen Ärzte zum Morgendrink ein. Während Khuong mit. uns sprach, drang die monotone Melodik buddhistischer Gebetslieder in den Raum hinein, durchtönt von immer stärker werdendem Geschrei. Khuong begleitete uns zum Ausgang. Etwa 150 buddhistische Pfadfinder saßen vor einer Stacheldrahtbarriere, die die Straße nach Tu Dam absperren sollte. Sie hatten Lotoshaltung eingenommen und summten ihre Melodie leise vor sich hin.

Um sie herum, auf den Zäunen und in den Gärten, hatten sich rund 500 Schüler und Studenten angesammelt, die den Präsidenten und sein Regime lauthals verwünschten. Ihre Sprechchöre wurden angestimmt von einem unserer Medizinstudenten, Phan. Auf der anderen Seite der Barriere hatte sich ein Zug Soldaten in Gasmasken und Stahlhelmen aufgestellt. Sie hatten die Bajonette aufgesetzt und sahen aus wie Roboter aus Science-fiction-Romanen.

»Um Himmels willen, beruhigen Sie doch diese Studenten, auf Sie hören sie vielleicht«, beschwor Khuong uns. Er hatte offensichtlich Angst, denn zwischen seinem Palais und den Demonstranten befanden sich weder Soldaten noch Barrieren. »Passen Sie besser auf, daß Ihre Soldaten niemanden aufspießen«, fuhr Hänschen ihn an.

Die Soldaten spießten niemanden auf. Aber sie warfen kleine braune Glasphiolen auf die Studenten, die eine rasch verdunstende Flüssigkeit enthielten. Stand man weit genug entfernt wie wir, wirkte sie wie Tränengas. Auch Khuong, dem Provinzchef, und den übrigen Beamten, die sich die Szene ansahen, liefen die Tränen über die Wangen. Khuong kam nochmals zu uns gelaufen. »Was soll ich denn machen?« fragte er. »Waschen Sie sich die Augen aus«, erwiderte ich ihm. Zu allem anderen war es zu spät. Eine ähnliche Szene wie am Delegiertenpalais hatte sich an den anderen Zugangswegen nach Tu Dam abgespielt.

Wenige Stunden nach dem Empfang bei Khuong fuhr ich über eine Nebenstraße zum Krankenhaus. Der große Boulevard war noch immer gesperrt. in rasend fahrender Polizeijeep hielt mit knirschenden Reifen unmittelbar vor mir. Ein Polizist in Zivil stürmte, die Pistole in der Hand, auf mich zu und riß mich von meinem Sitz hoch. Dazu krähte er: »Im Namen des Gesetzes, Sie sind verhaftet!«

Im Nu war ich in den Jeep geworfen, und dessen rasende Fahrt ging weiter. Ich bekam Angst. Der Jeep schien die Stadt über die Landstraße nach Quang Tri verlassen zu wollen. Hatte man etwa vor, mich an einem verschwiegenen Ort abzuknallen und nachher die Vietcong als Schuldige hinzustellen? Ich zwang mich zur Ruhe und sagte zu dem Geheimpolizisten, meine Freunde seien bereits unterwegs zum amerikanischen Konsulat; alle Welt werde binnen kurzer Zeit von meiner Entführung durch die Polizei wissen.

Vielleicht waren meine Befürchtungen von vornherein übertrieben, vielleicht brachten meine Worte den Pollzisten zum Nachdenken. Wir wechselten jedenfalls die Richtung und fuhren nun auf das Divisionshauptquartier zu, das inmitten der Zitadelle lag. Dort sperrte man mich in ein kleines Zimmer ein.

Nach etwa einer halben Stunde betrat ein bläulicher junger Mann die Zelle. Trotz des Kreuzes, das unter seinem Hemd durchschimmerte, gab er sich als Buddhisten und treuen Anhänger Tri Quangs zu erkennen. Er wollte sich von mir darüber belehren lassen, was am heutigen Morgen wirklich vorgefallen sei, sagte er; dazu sollte ich ihm die Namen der Studenten nennen, die jene Demonstration organisiert hätten. Er wolle sie dem Zugriff der Polizei entziehen.

Er erwartete sicherlich nicht von mir, daß ich ihm glaubte. Aber er wollte erreichen, daß ich sprechen konnte, ohne vor ihm mein Gesicht zu verlieren. Ich riet ihm freundlich, Khuong telephonisch um meine sofortige Freilassung zu ersuchen, andernfalls werde man am nächsten Morgen die BBC und andere ausländische Sender von illegalen Einsperrungen der Ausländer in Vietnam berichten hören.

Nach einer Stunde hektischer Telephoniererei im Nebenraum kam er wieder, entschuldigte sich für den »Irrtum« meiner Festnahme und ließ mich in einem Jeep heimbringen.

Erst am Abend im Krankenhaus sah ich dann die Folgen des Zwischenfalls bei den Demonstrationen: Etwa 70 Buddhisten, zum größten Teil Jugendliche, hatten durch die braune Flüssigkeit schwere Verbrennungen erlitten. Ihre Körper waren von Blasen übersät, darüber hinaus schienen einige Hautareale versengt und verätzt. Einige junge Leute waren vorübergehend erblindet, andere hatten einen Kreislaufkollaps erlitten, von dem sie sich erst nach stundenlangen intravenösen Infusionen erholten. Ohne die sofort einsetzende ärztliche Behandlung hätte es sicherlich Tote gegeben.

Am nächsten Morgen hatte man die Gas-Verletzten aus allen Krankenabteilungen herausgeholt und in einem zentral gelegenen Pavillon »konzentriert«, den nur ein von Khuong bestimmter vietnamesischer Arzt betreten durfte. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, die behandelnden Ärzte von dieser »Verwaltungsmaßnahme« zu unterrichten.

Als wir abends heimkamen, fanden wir ein Telegramm des Erziehungsministers vor, das uns nach Saigon zitierte. Wir sagten unseren buddhistischen Studenten Adieu. Zur Pagode konnten wir nicht mehr: Der Posten ließ uns die Absperrung nicht passieren. Hänschen war in meine Wohnung gezogen. Wir fühlten uns sicherer zu zweit. Die Eingangstür hatten wir verrammelt. Wenn Khuong uns ans Leder wollte, sollten seine Büttel möglichst viel Krach machen müssen, damit unsere Nachbarn davon erwachten. Stärker als unsere Angst aber war unsere Wehmut. Wir wußten, daß wir so bald nicht mehr nach Hué zurückkehren konnten.

In Saigon empfing uns Botschafter von Wendland ernst, aber nicht besonders unfreundlich. Er hatte einen Denunziationsbrief von einem Herrn Le Dinh Hué auf seinem Tisch liegen, der im Duplikat an den Erziehungsminister gegangen war.

Schweren Herzens, schrieb dieser Hut, sehe er sich gezwungen, dem Botschafter und dem Herrn Minister von den dunklen Machenschaften zweier Deutscher zu berichten. Diese unwürdigen Repräsentanten ihrer Nation hätten nicht nur öffentlich erklärt, sie seien Kommunisten. Sie hätten ihre Laboratorien auch dazu mißbraucht, ätzende, giftige Flüssigkeiten für den Straßenkampf herzustellen, und diese an die rebellischen Studenten verteilt. Ein Polizist und ein Soldat seien durch diese Substanz schwer verletzt worden, und ein paar Studenten hätten sich aus Ungeschicklichkeit damit selbst übergossen.

Der Erziehungsminister empfing uns mit gestrengem, sorgenzerfurchtem Gesicht. Wir berichteten ihm den Hergang der Huéer Ereignisse und sagten ihm, wenn unsere persönliche Sicherheit dort nicht garantiert sei und man

* Links: der ebenfalls nach dem Putsch der Armee erschossene Diem-Bruder Nhu, Chef der südvietnamesischen Geheimpolizei. uns an der Ausübung unserer ärztlichen Aufgaben behindere, hätte eine weitere Arbeit in Vietnam für uns keinen Sinn. Wir würden also hiermit unseren Rücktritt erklären und bäten um sofortige Ausstellung eines Ausreisevisums.

Am nächsten Tage aber ging ein Gefeilsche um den Wortlaut unseres Kündigungsschreibens los; die Regierung drohte, wenn wir aus »Gewissensgründen« zurückträten, kämen wir ins Gefängnis. Wir entschlossen uns zu einem Kompromiß. In unserem Dokument protestierten wir gegen die Behinderung unserer ärztlichen Arbeit, vermieden aber das Wort »Gewissensgründe« im Schlußsatz. Zu weiteren Konzessionen waren wir nicht bereit.

Das Resultat dieser »Halsstarrigkeit« war, daß wir nahezu vier Wochen auf unser Ausreisevisum warten mußten. Meine vietnamesischen Freunde konnte ich in dieser Zeit nur heimlich treffen. Zwei Tage vor unserer Abfahrt gab Mien mir ein Abschiedsessen, zu dem auch Tuân gekommen war. Jeder hatte die Auflage, einen anderen Hauseingang zu benutzen. Wir wußten nicht, ob wir je Wieder einander begegnen würden. Es wurde endgültig festgelegt, daß ich über Japan, die USA und Frankreich nach Deutschland heimfahren und überall die Propagandatrommel gegen Diem rühren sollte.

Am nächsten Tag besorgte ich meine Visa. Das Flugzeug war pünktlich. Ich sah noch einmal die kleinen Vierecke der Reisfelder und Gemüsegärten, durchzogen von unzähligen winzigen Kanälen, die weite Ebene der Schilfhalme, einen der traditionellen Schlupfwinkel des Vietcong.

Am 1. November, ich war wieder in Freiburg und kam gerade vom Bahnhof zurück, wo ich vergebens neue Zeitungen gesucht hatte, hielt plötzlich Orjes Citroen dicht neben mir. »Putsch gegen Diem!« schrie Orje. Wir stürzten zum nächsten Radioempfänger. Abends begossen wir Freiburger Huéten das Ereignis mit Champagner.

Erst am nächsten Morgen kam die volle Wahrheit zutage. Diem und Nhu hatten sich nach dem Putsch des Generals Minh nicht ergeben, sondern waren ermordet worden. Beide Brüder hatten sich in eine Kirche geflüchtet. Dort wurden sie gefangengenommen und auf dem Transport zum Hauptquartier der Aufständischen von einem vietnamesischen Major in einem Militärlieferwagen erschossen. Dieser Major beging zwei Monate später unter mysteriösen Umständen Selbstmord.

Drei Tage nach Diems Sturz kamen Telegramme von Tuân und von dem Dekan unserer medizinischen Fakultät in Hub. Er bat mich, so rasch wie möglich nach Hué zurückzukehren. IM NÄCHSTEN HEFT

Konkurrenzneid der vietnamesischen Ärzte behindert die Arbeit im Krankenhaus -- Die Nationale Befreiungsfront dringt in die Städte ein -- Bonn sperrt die Mittel für das Ärzteteam in Hué

Georg W. Alsheimer
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