GEHEIMDIENSTE Gehlens Bekenntnisse
Ein Bündel englischsprachiger Druckfahnen hat Westdeutschlands führende Staatsspione allarmiert: Der Bundesnachrichtendienst (BND) sieht sich von einem Mann enttarnt, der bisher fast jede Veröffentlichung über den bundesdeutschen Geheimdienst als Verrat brandmarkte -- dem BND-Gründer und Ex-General Reinhard Gehlen.
»Ein Nachrichtendienst braucht nun einmal, und das wird sich nie ändern, ein gewisses Maß an Abdeckung und Abschirmung, wenn er erfolgreich arbeiten soll«, postulierte Gehlen in der deutschen Ausgabe seiner Memoiren. »Der geheime Auslandsnachrichtendienst soll und darf keinen Platz im Blickfeld der Öffentlichkeit haben.«
Die Druckfahnen der britisch-amerikanischen Ausgabe von Gehlens Erinnerungsbuch »Der Dienst« aber offenbarten den Lesern im Geheimdienst-Camp Pullach, daß der Alt-Präsident seine Position radikal geändert hat. Gehlen nennt der Öffentlichkeit bisher völlig unbekannte Details aus dem Intimbereich des BND: Namen, Zusammenhänge, operative Einzelheiten.
Da wird die Kode-Nummer der Organisation Gehlen (I-1783) für Adenauers Staatssekretär Hans Globke preisgegeben, da erfährt man, daß Gehlen in den fünfziger Jahren in dem General von Mellenthin einen Stellvertreter besaß, der nie genannt werden durfte.
Dabei wird auch die bis in die jüngste Zeit von Gehlen gehegte Legende zerstört, der BND habe niemals bundesdeutsche Politiker ausgeforscht. Gehlen enthüllt:
* 1968 habe er die Anweisung erteilt, den damaligen Sonderbotschafter Egon Bahr durch BND-Agenten zu beschatten,
* den amerikanischen Spionageabwehrdienst FBI habe er ersucht, über die kommunistische Vergangenheit des heutigen Kanzler-Beraters Leo Bauer Ermittlungen anzustellen,
* er habe den jetzigen Verfassungsschutz-Präsidenten Günther Nollau zu einem begrenzten Sicherheitsrisiko erklärt.
Nicht einmal vor dem Freund und Nachfolger Gerhard Wessel mochte Gehlen noch länger haltmachen. BND-Präsident Wessel, so Gehlen, sei »ein ausgezeichneter »Zweiter Mann'«, doch müsse er »bezweifeln, ob er das notwendige Format für eine so hohe Kommandofunktion habe«.
Der jähe Frontwechsel des Memoirenschreibers Gehlen gab den Pullacher Lesern das Rätsel auf, was den alten (70jährigen) Herrn am Starnberger See veranlaßt hatte, Ausländern gegenüber so offenherzig zu sein. Einfach urteilende BND-Analytiker fanden eine Erklärung: Durch eine Flucht nach vorn habe Gehlen der angelsächsischen Ausgabe seiner Memoiren den geschäftlichen Erfolg sichern wollen.
Tatsächlich war fachkundigen Rezensenten die deutsche Ausgabe der Gehlen-Memoiren nach ihrer Veröffentlichung im Herbst vergangenen Jahres als ein »nichtssagendes Buch« ("Stuttgarter Zeitung") erschienen, auch als ein Akt »publizistischer Selbstverbrennung« (so »Die Zeit"), keineswegs aber als »Sensation des Buchmarktes« (Verlagsankündigung).
Das hinderte freilich den amerikanischen Verlag The World Publishing Company nicht daran, am 21. September 1971 die Weitrechte an dem Werk für über eine halbe Million Dollar (mehr als 1,6 Millionen Mark) zu erwerben. Doch World-Publishing-Präsident Christopher Shaw bemängelte schon bei der Übergabe des Schecks an den deutschen Verleger Volker Hansen den »schülerhaften Stil« des Gehlen-Werks.
Der Vizepräsident des Verlages Peter Ritner erklärte sich daher bereit, zu Gehlen nach Starnberg zu fahren und mit ihm eine neue Fassung des Buches zu erarbeiten. Doch erwies sich diese Arbeit als so umfänglich, daß der US-Verlag schließlich den britischen Zeitgeschichtler David Irving beauftragte, dem abgedankten Geheimdienstler weitere Einzelheiten zu entlocken und zugleich den »schülerhaften Stil« aufzubessern.
Unter Irvings Seelenmassage wurde der einstmals so schweigsame General geschwätzig. Unbefangen plauderte er über ehemalige Mitarbeiter, Vorgesetzte und Politiker, gab er Details der Geheimdienst-Arbeit preis.
Gehlen enthüllte Einzelheiten der Nahost-Arbeit des BND in den fünfziger und sechziger Jahren, die Eingeweihten sicher keine Neuigkeiten bieten. Doch könnten die gewissermaßen »amtlichen« Äußerungen des damals verantwortlichen Geheimdienstchefs den gegenwärtigen noch immer labilen diplomatischen und geheimdienstlichen Verbindungen Westdeutschlands zu Israel und dessen arabischen Gegnern ernstlich schaden.
Der ehemalige BND-Präsident berichtet: »Gebeten von Allan Dulles und dem CIA, taten wir von Pullach aus unser Bestes, dem ägyptischen Geheimdienst Lebendigkeit und Sachverstand beizubringen, und vermittelten ihm ehemalige SS-Führer.« Er fährt fort: »Nach dem Suez-Krieg 1956 wandten wir unser besonderes Interesse den Israelis zu. Wir gaben ihnen unseren fachmännischen Rat bei der Entwicklung ihres kleinen, aber schlagkräftigen Geheimdienstes. Wir machten ihnen unsere Erfahrungen zugänglich und halfen ihnen, Schlüsselagenten in den arabischen Ländern zu placieren.«
Später habe sich jedoch der BND, beunruhigt durch die zunehmende Ausrüstung Ägyptens mit sowjetischen Waffen, wieder der Gegenseite zugewandt. Da solche Waffenlieferungen »den Empfänger von russischen Ersatzteilen und anderen Hilfslieferungen abhängig machen«, habe er, so Gehlen, auf Abhilfe gesonnen: »Wir richteten Konkurrenz-Ersatzteillager und Depots in Ägypten ein, um Kairo die Trennung von Moskau zu ermöglichen, und ich fand Industrielle, die das finanzierten.«
Auch auf anderen Gebieten läßt Gehlen außenpolitische Rücksichten nicht mehr gelten. Über die Zusammenarbeit mit dem französischen Nachrichtendienst: »Wir konnten unsere französischen Freunde nach und nach zum Verzicht auf ihre entwürdigende Gewohnheit überreden, führende deutsche Persönlichkeiten zu engagieren, damit sie über interne deutsche Angelegenheiten berichteten.«
Diplomatisches Feingefühl gegenüber der Sowjet-Union wird man von dem Antikommunisten Gehlen kaum erwarten. So überrascht denn die folgende Mitteilung nur deshalb, weil es sich um ein Detail handelt, das nicht nur für den Leser, sondern auch für die westlichen Partner des BND eine Neuigkeit ist: »Wir demaskierten den Direktor der sowjetischen Atomspionage mit Hilfe einer Photographie.« Und er fügt hinzu: »Dieser Mann, Sergej Kudrjawzew, ist heute sowjetischer Botschafter in Kambodscha*.«
Der einst als Geheimdienst-Sphinx gefeierte General offenbart auch Details seiner nachrichtendienstlichen Praxis. Gehlen: »Nur zweimal wurde ich in Kontakte mit dem russischen Geheimdienst verwickelt.« Zunächst ziert er sich zwar noch: »Es widerstrebt mir, darüber Einzelheiten zu berichten, weil solche Kontakte von einer mit geheimdienstlichen Erfordernissen nicht vertrauten westdeutschen Öffentlichkeit mißverstanden werden müssen.« Doch dann beschreibt er eine Episode, die auch Fachleuten bisher unbekannt war:
»Ungefähr 1953 nahmen wir in Italien Kontakte mit einem KGB-Offizier auf und drehten ihn um. Durch ihn erfuhren wir zuerst, daß der Chef des sowjetischen Geheimdienstes Lawrentij Berija liquidiert worden war. Die Nachricht erschien uns so unglaubhaft, daß wir zunächst nicht wußten, ob wir ernsthaft mit ihm verhandeln könnten. Durch diesen Offizier wollten wir einen direkten politischen Kontakt mit Moskau anknüpfen, aber seine Vorgesetzten müssen den Braten gerochen haben. Nachdem er ein Jahr mit uns gearbeitet hatte, verschwand er spurlos, ehe wir unsere Ideen realisieren konnten.«
Gehlen erwähnt einen zweiten Kontakt zwischen BND und KGB: das Treffen des Obersten a.D. Bogislaw von Bonin mit dem russischen Geheimdienst-Obersten Karpow im Sommer 1955, das der Öffentlichkeit kein Geheimnis mehr ist, seit der sowjetische Partner dem SPIEGEL davon berichtete (SPIEGEL 3/1966). Gehlen über seinen Kriegskameraden Bonin: »Würde ich bei dieser Fühlungnahme irgendeinen Erfolg vorausgesehen haben, so hätte ich einen diplomatisch gewandteren Unterhändler geschickt als einen ehemaligen Panzer-Obersten.«
Derart abfällige Urteile tauchten immer häufiger in den Erzählungen des ehemaligen BND-Chefs auf. Frühere Kampfgefährten, Beamte und Politiker wurden mit einem Giftpfeil aus dem Starnberger Hinterhalt bedacht.
Dem BND-Präsidenten Wessel unterstellte er, durch »taktlose Bemerkungen« zu dem Selbstmord seines Rivalen, des Generals Horst Wendland, beigetragen zu haben. Über den Gehlen-Kritiker Nollau weiß er zu berichten, er,
* Kudrjawzew wurde im Sommer 1971 aus Kambodscha abberufen
Gehlen, habe das Kanzleramt informiert, »daß Nollaus Sicherheitsüberprüfung nicht den Befund ergeben hatte, der für diesen Posten erforderlich war«.
Der zu Kanzler Erhards Zeiten im Bundeskanzleramt für den BND zuständige Ministerialrat Günter Bachmann wird in Gehlens Optik zu »einem Mann mit Ambitionen, der nach dem Rang des Ministerialdirigenten strebte
doch hatten sich seine Fähigkeiten als nur mittelmäßig erwiesen«. Sein Nachfolger, Ministerialrat von Köster, »hatte noch weitergehende Ambitionen«, er suchte nach »Möglichkeiten, unseren Dienst zu diskreditieren ... als ein neuer Sicherheitsskandal über Pullach hereinzubrechen drohte«.
Denn 1966 hatte ein BND-Mitarbeiter mit dem Decknamen Marwitz, nach Gehlens Meinung »einer der echten Unruhestifter in Pullach«, den Versuch unternommen, Präsident Gehlen zu stürzen. Marwitz verdächtigte einen Kollegen, den Historiker und Analytiker Dr. H., ein von östlichen Gegnern in den BND eingeschmuggelter Agent zu sein, und warf Gehlen vor, den Fall nicht mit gebührender Sorgfalt zu verfolgen.
Doch Gehlen will rasch reagiert haben: »Ich erfuhr von einem zuverlässigen Mitglied meines Stabes, den ich in die Gruppe der Unzufriedenen um Marwitz eingeschleust hatte, daß er versuchen würde, meinen vorzeitigen Rücktritt zu fordern.« Unter solchem Druck hielt es Gehlen für angebracht, den Fall an das Kanzleramt zu melden.
Bonn entsandte den ambitionierten Ministerialrat von Köster als Untersuchungsführer. »Neun Monate lang«, so klagt Gehlen, »wurde im BND-Hauptquartier das Unterste zuoberst gekehrt.« Gehlen berichtet, Dr. H. sei später vom Generalbundesanwalt rehabilitiert worden.
Reagierte Gehlen in diesen Fällen nur alten, unvergessenen dienstlichen Ärger ab, so charakterisiert er linke Politiker pointierter und aggressiver. Der General erwähnt etwa die kommunistische Spionageorganisation »Rote Kapelle« und unterbricht die Aufzählung der Länder. in denen sie (angeblich) tätig war, nur bei Skandinavien, um die unzutreffende Bemerkung einzufügen: »Dort war Ernst Wollweber der Resident, dem Herbert Wehner folgte.«
An anderer Stelle erzählt Gehlen, 1968 habe ihn der damalige Sonderbotschafter Bahr in Pullach besucht. Gehlen: »Nachdem er das Gelände verlassen hatte, ordnete ich an, ihm diskret zu folgen. Seine Beschatter berichteten dem Dienst später, daß Bahr in München mit einem führenden Funktionär der italienischen Kommunisten zusammengetroffen war. Nach meiner Vermutung war seine Reise nach Pullach nur ein Vorwand, um von seinem eigentlichen Vorhaben abzulenken.«
Tatsächlich aber hatte Gehlen auf Seite 268 der deutschen Ausgabe seiner Memoiren das Gegenteil behauptet: »Ich bin davon überzeugt, daß nicht eine einzige Meldung (des BND) mit innenpolitischen Aufklärungsergebnissen zu meiner Amtszeit nach Bonn gegangen ist. Ebensowenig haben wir jemals einen deutschen Politiker überwacht.«
Doch diesen Grundsatz wollte Gehlen für Egon Bahr nicht gelten lassen, der ihm als Architekt der neuen Ostpolitik besonders verdächtig ist. Genüßlich bedient er sich einer italienischen Neofaschisten-Postille: »Die einflußreiche Zeitschrift ,Il Borghese' schrieb im September 1971 sarkastisch vom neuen Deutschland, dessen Kanzler »ein früherer norwegischer Partisan und dessen Staatssekretär ,ein Sowjet-Agent' sei; und sie gab zu verstehen, es könne andere Motive für ihre Aktivitäten geben, ,dunklere und schmutzigere Motive, die eines Tages ein Gehlen entschleiert'.«
Angesichts so düsterer Tendenzen wollte es Gehlen auch nicht mehr wundern, »daß westliche Geheimdienste -- mit denen ich mich immer engster Zusammenarbeit erfreute -- nun zögern, ihre ganz geheimen Informationen mit dem jetzigen Bundesnachrichtendienst auszutauschen«. Gehlen spricht dem Dienst das Todesurteil: »Der BND ist gründlich entmannt und nicht mehr in der Lage, den Kampf der freien Welt gegen den Weltkommunismus zu unterstützen.«
So geartete Erklärungen ließen die Führung des BND befürchten, dem Dienst stünde eine neue öffentliche Kontroverse bevor. Die Pullacher erwarteten nicht nur, die neuen Mitteilungen Gehlens könnten für den Ex-Präsidenten ernsthafte politische und möglicherweise sogar strafrechtliche Folgen haben, sie rechneten bereits fest mit neuem Ärger für den BND, der nach der »Pullach intern«-Aufregung des letzten Jahres wieder zur Ruhe gekommen ist.
Erst als Mitte Mai die ersten Vorausexemplare der amerikanischen Ausgabe der Gehlen-Memoiren vorlagen, konnte die BND-Führung aufatmen. Geheimdienstler Gehlen hatte in letzter Stunde Verbalinjurien und einige nachrichtendienstliche Erkenntnisse. die vermutlich noch der Geheimhaltung unterliegen, aus dem Manuskript gestrichen.
Selbst aus den Druckfahnen hatte der Autor noch ganze Absätze entfernt, die ihm nun nicht mehr opportun erschienen. Die seit Montag dieser Woche erscheinende US-Ausgabe der Gehlen-Memoiren wird kaum noch Anstoß erregen: Jeder Seitenhieb auf BND-Chef Wessel fehlt, kaum ein kritisches Wort gegen Mitarbeiter und Vorgesetzte ist stehengeblieben.
Trotz dieser Vorsicht könnten BND-Juristen befinden, daß Gehlens ungekürztes Manuskript tatsächlich Amtsgeheimnisse enthält. Denn nach dem Paragraphen 353 b des Strafgesetzbuches wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren bestraft, »wer unbefugt ein Geheimnis, das ihm in seiner Eigenschaft als Beamter ... bekannt geworden ist, offenbart«. Und der Kommentar von Schönke-Schröder weist ausdrücklich darauf hin, daß ein Geheimnis schon dann offenbart ist, wenn es einer Person mitgeteilt wird«.
Mithin hätte Gehlen, falls er im Gespräch mit seinem Übersetzer Irving Amtsgeheimnisse ausplauderte, den Straftatbestand des Paragraphen 353 b bereits erfüllt. Zudem hat der New Yorker Verlag World Publishing Manuskript und Druckfahnen auch jenen ausländischen Verlagen zugänglich gemacht, die von ihm die Nachdruckrechte erworben haben. Die Folge: Gegenwärtig laufen etwa 20 Exemplare der ungereinigten Bekenntnisse Gehlens in aller Welt um.