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LADENDIEBSTAHL Geht kaputt

Mit der steigenden Zahl der Ladendiebstähle greifen Warenhäuser und deren Hausdetektive zu immer rüderen Methoden der Abschreckung.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Der Geschäftsführer einer Boutique in Hamburgs Spitalerstraße gab sich kulant: »Ich verzichte auf die Anzeige.« Die Schülerin, die eine geklaute Bluse anhatte, brauchte das Kleidungsstück nur zu kaufen und 50 Mark draufzulegen, Bearbeitungsgebühr.

Bei Metro in Regensburg kam es zuweilen dicker. Wer etwas mitgehen ließ und erwischt wurde, hörte seinen Namen und seine Tat anschließend über Lautsprecher.

Solche Willkür gegenüber Ladendieben ist in bundesdeutschen Geschäften und Warenhäusern an der Tagesordnung. In manchen Läden hat sich, so kritisiert Helmut Leonardy vom Deutschen Richterbund, ein-»Schwarzmarkt des Rechts« entwickelt. Die Hausherren und ihre Helfer maßen sich Polizeibefugnisse an, nehmen fest, ermitteln auf eigene Faust, klagen an, verkünden das Urteil und nehmen Geldstrafen für sich oder ihr Personal.

Besonders rigoros geht es häufig zu, wenn Kaufhausdetektive im Spiel sind. In Berlin legte ein Detektiv einem Kunden Handschellen um und zog ihn durchs Kaufhaus in den Bürotrakt. In München ging ein Ladendieb gegen einen Kaufhausdetektiv vor Gericht: Der Ladendieb, der eine Tafel Schokolade entwendet hatte, verlor im Handgemenge durch den Karateschlag eines Hausdetektivs seine Vorderzähne.

Die Methoden sind rüder geworden, seit die Zahl der Ladendiebstähle wächst und wächst. Rekord im letzten Jahr: 20 000 festgestellte Diebstähle aus Warenhäusern und Selbstbedienungsläden -- fast siebenmal soviel wie 1963 und wahrscheinlich nur ein Zwanzigstel der tatsächlich begangenen. Experten schätzen den Wert der entwendeten Waren auf etwa drei Milliarden Mark jährlich.

In der kostenfreien Warenbeschaffung sind kriminelle Profis die Ausnahme, nur jeder zehnte Warenhausdieb ist auf das Delikt spezialisiert. Die anderen 90 Prozent sind Gelegenheitsdiebe aus allen Schichten, auch den sogenannten gehobenen. Psychologen und Kriminologen nannten das Phänomen »Wohlstandskriminalität": Wer heute im Kaufhaus stehle, so die Formel, habe es eigentlich gar nicht nötig -- aber das gilt eben nur zum Teil.

Bereits 1975 hatte das Freiburger Max-Planck-Institut für ausländisches Strafrecht festgestellt, daß Ladendiebstahl ein Unterschicht-Delikt geblieben sei. 83 Prozent aller erwischten Diebe gehörten damals der Unterschicht an.

»Wohlstandsdiskrepanzkriminalität« nannte das der Jurist Joachim Wagner, der die Freiburger Erkenntnisse 1978 mit einer eigenen empirischen Untersuchung bestätigte.

Mit immer mehr Technik will der Handel den Klauern beikommen. Erst waren es Kameras, Überwachungsspiegel und Kojak-Lampen (die aufleuchten, wenn ein Notausgang geöffnet wird). Jetzt sind es vermehrt elektronische Warnsysteme, die einen Massenklau zumindest eindämmen sollen: elektronische Alarmleisten und Alarmketten, die Signal geben, wenn etwas ab- und herausgenommen wird. An Mänteln und Röcken haften Artikelsicherungen, die Signal auslösen, wenn man am Ausgang eine elektronische Schranke passiert.

Aber auch der technische Fortschritt konnte die Epidemie der kleinen Unehrlichkeiten nicht stoppen. Und die besonders Versierten haben auch schon herausgefunden, wie solche Sicherungen matt zu setzen sind: Die Tasche mit Alufolie auslegen und die präparierten Artikel hineinlegen, das neutralisiert die Piepser.

Die Handelskonzerne Hertie, Horten, Karstadt und Kaufhof verlassen sich zunehmend aufs Wachpersonal. Die Zahl der Detektive nimmt ständig zu. Die Kaufhof AG beispielsweise hat in ihren rund 90 Warenhäusern mehr als 120 Detektive im Einsatz -- vor zehn Jahren standen im gesamten Bundesgebiet nur etwa 100 zur Verfügung. S.43

Kaufhausdetektiv ist kein Lehrberuf, und nicht selten fühlt sich zu dem Job hingezogen, wer Sheriff spielen möchte. Andererseits setzen die Firmenleitungen gern Verkäufer ein, die Aufpasserqualitäten entwickelt haben. Teils arbeiten die Detektive auf Honorarbasis (50 Mark pro Fang), teils haben sie ein festes Gehalt (Anfänger bekommen etwa 1800 Mark brutto), und manchmal gibt es zehn Mark Fangprämie.

Das Kopfgeld verleitet oft zum Übereifer. Immer wieder stellt sich vor Gericht heraus, daß Fahnder zu Unrecht Kunden beschuldigt oder ein Geständnis erpreßt hatten.

Manch einer steigt da aus. »Ich habe«, sagt ein Ex-Kaufhausdetektiv (siehe unten), »das Lauern auf faule Kunden nicht mehr ausgehalten. Wer nicht der Typ danach ist, der geht daran kaputt.«

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