THAILAND Geile Bestien
Nan war 23, als sich ihr Leben plötzlich wendete: Die hübsche Kosmetikverkäuferin lernte in einem Spielsalon den reichen Besitzer eines Kaufhauses kennen. Seither fährt sie einen Honda Accord, wohnt in einem der vornehmen Apartment-Blocks an Bangkoks Sukhumvit-Straße, trägt teure Kleider und viel Schmuck.
Jeden Monat steckt der Gönner ihr 40 000 Baht (rund 2150 Mark) zu - mehr, als ein thailändischer Professor verdient. »Von dem Geld kann ich gut leben und außerdem meine Eltern und meine jüngeren Geschwister unterstützen«, sagt Nan. Die Gegenleistung besteht darin, daß sie sich für ihren 54jährigen Liebhaber Tag und Nacht bereit hält.
Der ist verheiratet, hat zwei Kinder und denkt nicht daran, sich scheiden zu lassen. Doch weil ihm die Ehe zu langweilig geworden ist, hält er sich mit Nan, was die Thailänder »mia noi«, eine »Nebenfrau«, nennen.
Mit wachsendem Wohlstand leisten sich mittlerweile Hunderttausende thailändischer Männer eine Geliebte, manche mehrere. Häufig gebären die »kleinen Ehefrauen« Kinder.
Mia nois gibt es in »allen Gesellschaftsschichten«, sagt die Sozialwissenschaftlerin Siriporn Skrobanek. »Politiker, höhere Regierungsbeamte, die Reichen und die nicht ganz so Reichen«, berichtete auch die englischsprachige Thai-Zeitung NATION, »halten sich ganz offen eine Konkubine.«
Für viele Männer ist die Geliebte ein Statussymbol wie Rolex-Uhr, Villa und Luxusauto. »Sie fühlen sich in ihrem Stolz bestätigt, spielen die Rolle des Beschützers in ihrem Harem«, so die Frauenrechtlerin Supawadee Phetcharat.
Zudem glauben viele Thais, mit einer ständigen Zweitpartnerin das Aidsrisiko verringern zu können, da sie sich die sonst üblichen Bordellbesuche sparen. Pflichten bringt das Verhältnis nicht: Männer können ihre Geliebte von einem Tag auf den anderen davonjagen, Unterhalt für uneheliche Kinder müssen sie meist nicht zahlen.
Fremdgehen, so denken viele Thais, gehört zum Eheleben wie Chili zum Reis. »Was ist schon dabei, wenn verheiratete Männer sich eine Konkubine nehmen oder Frauen freiwillig in diese Rolle schlüpfen?« fragt der bekannte Autor Ying Kowsurat, der seine Geschlechtsgenossen durchaus anerkennend eine »Bande geiler Bestien« nennt.
Die Vielehe hat Tradition: Wie in China unterhielten früher die Reichen und Mächtigen im ehemaligen Siam einen Harem. Unter König Rama I., dem Gründer der noch heute regierenden Chakri-Dynastie, erlaubte das Gesetz ausdrücklich neben der von den Eltern ausgesuchten Braut zwei Nebenfrauen. So sollte vor allem verhindert werden, daß sich ehemüde Adlige bei Prostituierten Geschlechtskrankheiten holten.
Der Drang zur Geliebten blieb auch ungebrochen, als die Polygamie 1932 gesetzlich verboten wurde. Legendär ist die Rekordsucht des früheren Ministerpräsidenten, des Feldmarschalls Sarit Thanarat, der sich 1958 an die Macht putschte. Er zweigte nicht nur ein Viertel des Staatshaushaltes für sich ab, sondern sammelte auch fleißig Konkubinen. »Ich zählte insgesamt 171, für die er sorgte«, erinnert sich eine ehemalige Gespielin Sarits. »Er baute für sie Häuser, kaufte Autos.« Bis zu 20 der Damen, unter den Bangkok-Bewohnern als »Rote Pyjamas« bekannt, wohnten gleich auf dem Kasernengelände der 1. Armeedivision.
Auch Politiker der Gegenwart halten es so. Innenminister Snoh Thienthong hat mit seiner Mätresse Jitra Tosaksit drei erwachsene Söhne.
Für junge Frauen vom Lande ist das Verhältnis mit einem älteren, verheirateten Mann häufig die einzige Chance, in kurzer Zeit der Armut zu entkommen. Verläßt der Gönner sie, haben die Frauen oft genügend gespart, um sich mit einem Geschäft selbständig zu machen. Die ehemalige Kosmetikverkäuferin Nan etwa will später in den Textilhandel einsteigen.
»Er löst alle deine Probleme mit seinem Geld. Du hast deine Freiheiten, wenn er nicht da ist. Das ist anders, als einen gleichaltrigen Freund zu haben, der womöglich mit finanziellen Problemen zu kämpfen hat«, sagt die Verkäuferin Phaa, 26.
Auch die Büroangestellte Raewadee Thaweedej, 30, fände wenig dabei, Nebenfrau zu werden: »Besser mia noi eines reichen Mannes als Gefangene in einer unglücklichen Ehe, in der es an allen Ecken und Enden nicht reicht.«
Die Frauen sind ohnehin weitgehend machtlos: Betrogene Ehemänner dürfen sich sofort scheiden lassen, betrogene Gattinnen dagegen haben erst dann ein Recht auf Trennung, wenn sie nachweisen können, daß ihr Mann mit der Nebenbuhlerin nicht nur gelegentlich das Bett, sondern auch öffentlich den Alltag teilt.
Wird die Untreue bekannt, machen Verwandte und Freunde nicht selten die Gattin verantwortlich: Sie habe den Ärmsten in die Arme einer anderen getrieben. Viele Ehefrauen nehmen deshalb Konkurrentinnen hin, schreibt die Kolumnistin Sanitsuda - »so wie einen Kopfschmerz«.
Andere suchen die Befreiung mit einem radikalen Schnitt gegen die Männlichkeit. In Thailand mehren sich Fälle, in denen Frauen für Demütigungen rabiat Rache nehmen - mit dem Küchenmesser.
Ärzte der Siriraj-Klinik in Bangkok haben sich darauf spezialisiert, das abgetrennte Corpus delicti wieder anzunähen. Das geht nicht immer. Eine enragierte Ehefrau fütterte damit die Enten, eine andere schickte es, geknüpft an einen Luftballon, gen Himmel.