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»Geiseln der Atomindustrie«

Vor vier Jahren explodierte der Reaktor Nummer 4 von Tschernobyl - der erste Super-GAU eines Kernkraftwerks. Die Folgen werden bis heute vertuscht: Riesige Gebiete sind lebensbedrohlich verstrahlt, Boden, Nahrungsmittel und Trinkwasser verseucht. Sowjet-Wissenschaftler warnen vor dem »nuklearen Völkermord«.
aus DER SPIEGEL 17/1990

Frühling in der Ukraine. Ein milder Wind weht über das Land. Er trägt den Duft aus Birkenwäldern nach Tschernobyl. Es ist Freitag, der 25. April 1986. Ein schöner Tag, 22 Grad Celsius. Vor den Kernkraftwerkern liegt ein langes Wochenende und dann auch noch der 1. Mai, ein Feiertag mit Paraden, Orden und Prämien. Die Stimmung ist heiter. Viele nehmen einen Kurzurlaub.

In Pripjat, drei Kilometer vom atomaren Feuer entfernt, sind Hochzeiten angesagt. In Tschernobyl, 18 Kilometer Luftlinie zum »Lenin-Kraftwerk«, freut man sich auf ein Fußballmatch, auf Picknick, Jagd und Fischfang. Hier läßt es sich leben. Das Klima ist sanft, die Natur meint es gut mit den Menschen. Pflanzen und Tiere gedeihen ohne viel Zutun, in den lichten Mischwäldern wachsen Beeren, Früchte, Pilze ohne Zahl.

In der ukrainischen Hauptstadt Kiew und, wichtiger noch, im fernen Moskau erfreuen sich die 49 000 Kraftwerksarbeiter höchster Wertschätzung. Vier riesige Atomreaktoren haben sie hochgezogen und in Betrieb genommen, ein weiterer ist im Bau, ein sechster geplant. Hier soll in den neunziger Jahren das größte Atomkraftwerk der Welt stehen, Symbol der neuen Zeit, ein kraftvolles Herz der Sowjetenergie. An Lob und Privilegien läßt es die ferne Führung deshalb nicht fehlen. Reaktoren und Turbinen schnurren wie Samoware. Ihr dumpfes Grummeln ist meilenweit hörbar, es flößt Vertrauen ein.

Gute Stimmung herrscht auch in der Schaltwarte des Reaktors Nummer 4. Die Besatzung ist auf ein Minimum reduziert. Der Reaktor soll abgeschaltet und gewartet werden. Die Techniker wollen die Gelegenheit zu einem »Turbinen-Test« nutzen - bei noch laufendem Reaktor. Wie lange, so lautet die Testfrage, wird sich die Turbine aus eigener Trägheit weiterdrehen, wenn man ihr abrupt die Dampfzufuhr sperrt?

Es ist Nacht geworden. Dunkle Wolken schieben sich vor den Mond. In Pripjat und Tschernobyl sind die Lichter gelöscht. Alles schläft. Um 1.20 Uhr am frühen Samstagmorgen nähert sich das Reaktor-Experiment seinem Höhepunkt. Die Mannschaft hat das automatische Steuerungssystem und die Notkühlung stillgelegt. Der riesige Reaktor, gefüllt mit gut 180 000 Kilogramm hochradioaktivem Material (einer Ladung von 1000 Hiroschima-Bomben), wird von Hand gesteuert. Die Besatzung trinkt Tee (so heißt es später).

Drei Minuten danach steigt die Leistung des Meilers innerhalb weniger Sekunden auf das Siebenfache an. Das atomare Feuer gerät außer Kontrolle. Die Hitze verbiegt Metall und Reaktorstäbe, in großen Mengen entsteht Wasserstoff. Um 1.26 Uhr am 26. April 1986 fliegt der Reaktor Nummer 4 von Tschernobyl in die Luft. Eine Wasserstoffexplosion reißt das Dach auf. An 30 Stellen bricht Feuer aus. Der schwere Deckenkran tanzt in seiner Halterung auf und ab. Dann fällt er aus großer Höhe in den offenen Reaktor.

Der Super-GAU von Tschernobyl - der größte anzunehmende Unfall, nicht beherrschbar und nicht vorhergesehen - nimmt seinen Lauf: Ein Feuersturm reißt das radioaktive »Inventar« nach oben. Mindestens 200 verschiedene radioaktiv strahlende Verbindungen und Elemente werden vom »Kamin-Effekt« hoch in die Wolken getragen. Am Morgen frischt der Wind auf, er kommt jetzt aus Südost. Eine schwarze Rauchsäule steht über Tschernobyl.

14 Tage brennt das Höllenfeuer. Dann erst ist es eingedämmt, von Hubschraubern aus zugeschüttet. Die Feuerwehrmänner der ersten Stunden sind schon nach wenigen Tagen gestorben. In Bleisärgen werden sie beerdigt, weil ihre Leichen so stark strahlen.

Sechsmal ziehen die radioaktiven Wolken aus der Ukraine um die ganze Welt. Jeden Kontinent haben sie gestreift, sogar Australien. Sie verstrahlten das Moos in Lappland, die erste Heuernte am Bodensee, den feinen Sandstrand Kaliforniens und das ewige Eis in Grönland. Vor allem aber ruinierte der Super-GAU von Tschernobyl riesige Gebiete der großen Sowjetunion.

Jahrelang war es den Regierenden in Moskau gelungen, das wahre Ausmaß der Katastrophe und ihre verheerenden Folgen zu verschleiern. Die internationale Atomlobby, aber auch willfährige sowjetische Wissenschaftler halfen dabei mit, so gut es ging.

Nun aber geht es nicht mehr. In den verstrahlten Gebieten regt sich Bürgerwiderstand, lokale Politiker rücken mit der schrecklichen Wahrheit heraus; Experten offenbaren bislang verheimlichte Fakten, Journalisten publizieren Berichte und Proteste Betroffener.

Am 26. April, dem vierten Jahrestag des Super-GAUs, will das sowjetische Zentralfernsehen der Tragödie von Tschernobyl eine 24-Stunden-Sendung widmen - es wird die Bilanz eines nationalen Desasters sein: *___Alle Hoffnungen, die schwer verseuchten Regionen mit ____wertvollem Ackerland zu entgiften und wieder bewohnbar ____zu machen, mußten inzwischen begraben werden; eine ____Dekontaminierung würde nach neuesten Berechnungen ____sowjetischer Fachleute an die 350 Milliarden Dollar ____kosten - 20mal mehr, als Regierungsbeamte in Moskau ____bislang behauptet hatten. *___118 verstrahlte, aber derzeit noch bewohnte ____Ortschaften, die meisten in Weißrußland, müßten nach ____Ansicht kritischer Sowjet-Wissenschaftler unverzüglich ____"evakuiert« werden - von der Umsiedlungsaktion wären ____weitere 34 000 Menschen betroffen. *___In den radioaktiv verseuchten Gebieten wächst die Zahl ____der Einwohner, die an Leukämie und Schilddrüsenkrebs ____sowie einer Immunschwäche erkranken, die von den Ärzten ____als »Tschernobyl-Aids« bezeichnet wird - ein Leiden, ____dem mit herkömmlichen Therapieformen kaum beizukommen ____ist. *___Überall in den »verschmutzten Territorien« (so der ____offizielle Terminus) weist die medizinische Versorgung ____der Bevölkerung schwere Mängel auf - Kritiker klagen ____über Schlamperei, Korruption und Inkompetenz der ____Behörden, die den Problemen teils hilflos, teils aber ____auch gleichgültig gegenüberstehen.

Die Hauptschuld an der fortdauernden Strahlenkatastrophe allerdings liegt nach Ansicht der Kritiker bei den Regierungsstellen und ihren Helfershelfern, die vier Jahre lang alle Folgen des Unglücks bagatellisiert hatten. Nun aber muckt das geschundene, um die Wahrheit betrogene Sowjetvolk auf - immer häufiger dringen seine Beschwerden an die Öffentlichkeit: *___Sowjetische Zeitungen drucken Zuschriften ab, in denen ____ehemalige Katastrophenhelfer verbittert über ihr ____Schicksal berichten (siehe Kasten Seite 188); viele der ____damals nach Tschernobyl abkommandierten, durchweg ____ahnungslosen Männer waren zunächst dekoriert, dann ____krank und schließlich vergessen worden: »Heute«, klagt ____einer, »kümmert sich keiner mehr um uns.« *___In den Krankenhäusern von Kiew und Charkow traten ____letzten Monat Strahlenkranke in den Hungerstreik, um ____eine bessere Behandlung zu erzwingen; die Patienten ____leiden an Krebs oder an einer Fülle von diffusen ____Symptomen, die sowjetische Mediziner unter dem Begriff ____"LAP-Krankheit« zusammenfassen (LAP ist das russische ____Kürzel für »Liquidation von Havariefolgen"). *___Mitte April brachte die mit 20 Millionen Exemplaren ____auflagenstärkste sowjetische Tageszeitung Trud einen ____schonungslosen Artikel ("Wem nützt die Halbwahrheit?"), ____in dem der Chef des ukrainischen Roten Kreuzes, Iwan ____Usitschenko, das schauerliche Ausmaß der ____Strahlenschäden schilderte - die Regierung, so seine ____Anklage, habe dem Massenunglück bislang »nicht die ____erforderliche Bedeutung beigemessen«.

Mittlerweile verlassen in den Risikogebieten »leitende Kader« ohne Erlaubnis die ihnen zugewiesenen Posten. Die im Stich gelassenen Einwohner drohen mit Selbsthilfemaßnahmen, so etwa am 13. April im Kreml-Saal zu Moskau vor dem Obersten Sowjet.

Bürger aus der Region Schitomir verteilten dort Flugblätter an die Abgeordneten: Wenn der Oberste Sowjet den »Opfern von Tschernobyl« nicht entgegenkomme, hieß es darin, »werden Menschen, die in den radioaktiv befallenen Gebieten leben, den Deputierten das Mißtrauen aussprechen und selbst für das Leben und die Gesundheit ihrer Kinder kämpfen und dabei radikale wirtschaftliche und politische Maßnahmen anwenden«.

»Wir haben«, so konstatiert Jurij Schtscherbak, Schriftsteller und Mitglied des Obersten Sowjets der UdSSR, »mitten in Europa eine Atomkriegszone« - ihre Ausdehnung geht aus einer lange geheimgehaltenen Karte hervor (siehe Seite 181): Sie zeigt, einem Flickenteppich vergleichbar, in mindestens drei Sowjetrepubliken Dutzende von Arealen, die extrem hoch verstrahlt sind, gut 2000 Quadratkilometer in der Russischen Föderation, mindestens 1500 Quadratkilometer in der Ukraine und 7000 Quadratkilometer in Belorußland.

Manche der verseuchten Gebiete liegen - Opfer der Launen von Wind und Wetter - mehrere hundert Kilometer von Tschernobyl entfernt. Mindestens zwei Millionen der rund zehn Millionen Weißrussen sind akut gefährdet, 20 Prozent des Territoriums gelten als unbewohnbar. »Die Welt muß wissen«, erklärte Anfang April der angesehene Radiologe Oleg Schadiro, Professor in Minsk, »daß in Weißrußland ein nuklearer Völkermord stattfindet.«

Der weißrussische Botschafter bei den Vereinten Nationen hat die »internationale Gemeinschaft« aufgefordert, möglichst umgehend Geigerzähler und medizinische Geräte zu spenden. Tschernobyl habe sich für seine Republik als furchtbares »Desaster« erwiesen. 70 Prozent des radioaktiven Fallouts gingen über Weißrußland nieder. 526 Dörfer müssen deshalb für immer evakuiert werden. Allen ihren Bewohnern droht sonst der Strahlentod.

Dieser Tod kommt langsam und sehr leise. Der Mensch spürt die radioaktive Strahlung nicht. Sie tut nicht weh, es gibt kein Sinnesorgan, das sie wahrnimmt. Deshalb wehrt der Körper radioaktive Strahlung nicht instinktiv ab wie etwa ein Zuviel an Wärmestrahlung. Abhängig von der empfangenen Dosis, machen sich die Schäden schon nach wenigen Minuten, nach Tagen, Wochen oder erst nach Jahren bemerkbar.

Die Männer der Tschernobyler Betriebsfeuerwehr überlebten das unsichtbare Strahlenbombardement nur wenige Stunden, manche einige Tage. Helfer aus der zweiten Reihe erkrankten Wochen später. Die Nachbarn aus der unmittelbaren Umgebung der Atomruine, am dritten Tag endlich evakuiert, und die völlig uninformierten Opfer, Hunderte von Kilometern entfernt, sind oft erst Monate später erkrankt. Doch bei Millionen Menschen, nicht nur in der Sowjetunion, können die Strahlen von Tschernobyl Krebs auslösen, der sich vielleicht erst nach Jahrzehnten einstellt.

Die akute Strahlenkrankheit hat viele Tücken. Es gibt kein charakteristisches Symptom, anfangs bleibt es bei Schwindel und Kreislaufschwäche. Selbst Todgeweihte erleben meist noch ein »symptomfreies Intervall«. Für Stunden oder Tage gaukelt es dem Opfer eine Überlebenschance vor.

Entgegen einer von der Atomlobby in Ost und West immer wieder neu erzählten Mär gibt es bei radioaktiven Strahlen keine unschädliche Dosis. »Strahlung ist von Natur aus schädlich für das Leben«, stellte die Uno-Umweltorganisation UNEP 1985, im Jahre vor Tschernobyl, fest. »Durch niedrige Strahlendosen kann eine Reihe von Reaktionen ausgelöst werden, die Krebs oder genetische Schäden nach sich ziehen.« George Wald, ein angesehener amerikanischer Stahlenmediziner, hält »ionisierende Strahlung in jeder Höhe für ein ernstes Gesundheitsrisiko«. Der Professor: »Es gibt keine Schwelle; jede noch so geringe Erhöhung bewirkt ein erhöhtes Risiko.«

Je stärker die Strahlung, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß in irgendeinem Zellkern die lebenswichtigen Erb- und Fortpflanzungsstrukturen irreparabel Schaden nehmen. Die drei möglichen Folgen: Tod der Zelle; Entartung zu krebsigem Wachstum; erbliche Mißbildungen. In Rußland ist alles zu besichtigen.

Ein Stacheldrahtverhau grenzt die Zone um den »havarierten Reaktor« (so die offizielle Sprachregelung) ab - ihr Durchmesser: 60 Kilometer. Alle menschlichen Bewohner wurden zwangsweise umgesiedelt, unter ihnen die 49 000 Kernkraftwerker aus Pripjat und die alteingesessenen Tschernobyler. Ihre Heimat ist für das nächste Jahrtausend unbewohnbar.

Rund 135 000 Menschen lebten vormals in der Todeszone. Wie es heute dort aussieht, hat der amerikanische Mediziner Robert Peter Gale in einem noch unveröffentlichten Artikel beschrieben. Gale, der seit 1986 sowjetische Strahlenopfer betreut und allmonatlich nach Rußland reist, hat unlängst die Kleinstadt Pripjat durchstreift.

»Pripjat«, schreibt er, »war eine neue Stadt mit 45 000 jungen Einwohnern. Jetzt ist sie eine Geisterstadt, wie Hiroschima und Nagasaki ein Opfer des Atomzeitalters. Ich ging durch die Straßen und blickte in leere Wohnungen, einen Kindergarten mit noch bezogenen Betten und in die öffentliche Bibliothek, deren Boden mit Büchern bedeckt war.

»Pripjat ist aufgegeben, es wird nicht dekontaminiert werden; das wäre zu teuer und wohl zu gefährlich. Doch das Problem ist damit nicht gelöst. Die hohen Betonhäuser, unbeheizt und von Regen und Schnee durchnäßt, sind verwahrlost und fangen an zu bröckeln. Irgendwann werden sie unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen . . . Wahrscheinlich werden sie eines Tages abgerissen und als radioaktiver Abfall vergraben werden.«

Die Einwohner der gespenstischen Stadt wurden in hastig errichtete Notquartiere umgesiedelt. Die Tiere der Todeszone blieben ihrem Schicksal überlassen. Elche und Wildschweine sind gestorben, auch die Vögel. In den Wäldern um Tschernobyl ist es deshalb jetzt ganz still. Nur noch Enten lassen sich auf der Durchreise hier nieder. Selbst die Ratten hat der Super-GAU von der Erde getilgt; kraftlos sind sie sonst harmlosen Infektionskrankheiten erlegen.

Die Wälder haben ihr Gesicht erschreckend verändert. Kiefern und Fichten strahlen in rosaroter Farbe. 200 Hektar »roten Wald« hat man abgeholzt und vergraben, dann wurde die Säuberung eingestellt. Es war eine Sisyphusarbeit. Jetzt sind 150 000 Hektar Wald rund um Tschernobyl sich selbst überlassen. Hin und wieder kontrolliert eine Moskauer Delegation das Desaster. Flechten, Moose und Farne enthalten die höchsten Cäsiumkonzentrationen, es folgen Gras und Birke. Alle Pilze, Beeren und Früchte sind völlig ungenießbar. Im Unterholz wachsen bizarre Pflanzen heran, Mißbildungen, die keinen Namen haben.

Viele Bäume sind abgestorben. Andere explodieren geradezu: Sie wachsen zehnmal so schnell wie früher, doch ihr Holz ist brüchig. Dieser »Gigantismus« kontrastiert mit den Kümmerformen, die zahlenmäßig weit überwiegen. Manche Bäume brechen unter der Last ihrer Äste. Die Nadeln der Kiefern und Tannen, so zeigt sich, sind zehnmal schwerer als normal.

Auch die Laubbäume verlieren Form und Farbe, allen voran die Eichen. Von einer Expedition in die Wälder um Tschernobyl brachte der Moskauer Genetiker Wladimir Schewtschenko ein Sammelsurium entarteter Eichenblätter mit nach Hause. Die Blattform, uraltes Symbol der Könige, ist nicht wiederzuerkennen. »Der Strich der Natur ist zerbrochen«, sagt Schewtschenko.

Entlaufene Haustiere sind erblindet, viele Katzen offenbar taub geworden. Sofern sie sich überhaupt fortgepflanzt haben, übersteigt die Zahl lebensunfähiger Nachkommen die Zahl der gesunden. Einige Defekte werden bereits vererbt. Im Fluß Pripjat, dessen Wasser die Atomreaktoren kühlt, gibt es keine gesunden Fische mehr. Ihre Schuppen sind asymmetrisch, die Sinnesorgane defekt. Die für den Verzehr festgelegten radioaktiven Grenzwerte werden um das Tausendfache überschritten.

Leonid Bolschow, Vizedirektor des Moskauer Instituts für nukleare Sicherheit, erkannte nach einer Tatortbesichtigung, daß die Region von Tschernobyl »für uns ein enormes Laboratorium geworden« ist. Die Regierungszeitung Iswestija, immer auf der Suche nach einer guten Nachricht, schreibt dazu: »Diese Erde ist Gold wert. Nur auf ihr und nur durch sie ist es den Wissenschaftlern möglich geworden, unter Natur- und nicht unter Laborbedingungen wahrhaft einmalige radiobiologische Forschungen und Experimente zu betreiben. Nirgendwo anders findet die Wissenschaft ähnliche Voraussetzungen vor.«

Ein längerer Aufenthalt in den so gelobten Gegenden kann Besucher die Gesundheit und das Leben kosten. Die Strahlenbelastung ist enorm. Jurij Israel, Vorsitzender des Staatlichen Komitees der UdSSR für Hydrometeorologie und ranghöchster Strahlenmesser, mußte zugeben, daß seine Behörde auf »zirka 10 000 Quadratkilometern eine Kontamination durch Cäsium 137 von 15 Curie pro Quadratkilometer und höher« festgestellt hat.

10 000 Quadratkilometer - das ist eine Fläche viermal so groß wie das Saarland. Und ein Curie - das bedeutet 37 Milliarden atomare Zerfallsprozesse pro Sekunde, also 37 Milliarden Becquerel.

Bei 15 Curie pro Quadratkilometer strahlt jeder Quadratmeter demnach 550 000 Becquerel ab. Zum Vergleich: Vor Tschernobyl betrug die Cäsiumbelastung als Folge der oberirdischen Atomwaffentests rund 1000 Becquerel pro Quadratmeter. 15 Curie pro Quadratkilometer ist jedoch nicht der Maximalwert: Hunderte von Dörfern sind mit 60 und mehr Curie verstrahlt. In Tschudjany maßen Israels Helfer 147 Curie, in Nowojelna 390 Curie (das entspricht 14,4 Millionen Becquerel je Quadratmeter). Alle diese Ortschaften - insgesamt mehr als 500 - sind noch bewohnt.

Gebiete mit einer Strahlenbelastung zwischen 550 000 und 1,5 Millionen Becquerel je Quadratmeter gelten offiziell als »Zonen permanenter Kontrollen«. »Strenge Kontrollzonen« sind Gegenden, in denen der radioaktive Fallout des Super-GAUs noch immer mit mehr als 1,5 Millionen Becquerel pro Quadratmeter strahlt.

Nur die 30-Kilometer-Zone rund um Tschernobyl heißt »Evakuierungsbereich«. Nur dort drohen - offiziell - »gesundheitliche Gefahren«. In allen anderen Gebieten, schreibt Jurij Israel in der April-Ausgabe der deutschen Atomwirtschaft, werde »die radioaktive Kontamination« zu »keiner Gesundheitsgefährdung der Bevölkerung führen«.

Eine Dienstreise in die betroffenen Regionen könnte ihn schnell vom Gegenteil überzeugen. In weiten Teilen Rußlands herrscht medizinischer Notstand - und Untergangsstimmung. »In meinem Bezirk leben 4500 Kinder«, berichtet Walentin Budko, Erster Parteisekretär des ukrainischen Bezirks Naroditschi, »so gut wie alle sind krank.«

Die beiden weißrussischen Dörfer Lumatschi und Tulgowitschi liegen unter einer Plutoniumschicht, die mit 5,4 Curie strahlt. Plutonium ist eine der giftigsten Substanzen auf Erden, ein künstlich erzeugtes radioaktives Metall mit einer Halbwertzeit von 24 000 Jahren. Die beiden Dörfer sind Teil eines Staatsgutes (eines »Sowchos"), dessen Planvorgaben für Milch und Fleisch im letzten Jahr auf das Fünffache erhöht wurden. Ales Adamowitsch, der Volksdeputierte dieser Region: »So funktioniert vor unser aller Augen der bürokratische Mechanismus des Völkermords weiter, eines blinden, sinnlosen, nicht einmal böswilligen Mordes, ganz einfach die übliche Funktionsweise des bürokratischen Räderwerks.«

Der Apparatschik denkt an sich selbst zuerst. Als der Reaktor von Tschernobyl noch rauchte, drohte eine mit Cäsium und Strontium beladene Wolkenfront Kurs auf das 750 Kilometer entfernte Moskau zu nehmen. Flugzeuge stiegen auf, zerstäubten Silberjodid über den Wolken und ließen sie so künstlich über dem Gebiet von Mogiljow abregnen. Dort strahlt die Erde jetzt mit 3,7 Millionen Becquerel pro Quadratmeter.

Wie es in Gebieten zugeht, die »nur« mit rund fünf Curie verstrahlt sind (und für die deshalb von Staats wegen überhaupt keine Maßnahmen vorgesehen sind), berichtet Alexej Tarasewitsch, Chefarzt des Gebietskrankenhauses von Choiniki: Immer mehr Kinder erkranken an Schilddrüsenstörungen, Blutarmut, Sehschwäche. Nasenbluten gehört zum Alltag. Die Kindersterblichkeit steigt. »Allein in den ersten neun Monaten des letzten Jahres starben in unserer Klinik 15 Neugeborene an Fehlbildungen - und zwar an solchen, die man bisher hier bei uns überhaupt nicht kannte«, etwa Wilms-Tumoren. Das sind Krebserkrankungen (vor allem der Niere), die sich schon im Mutterleib entwickeln.

Von den 248 Kindern, die im weißrussischen Dorf Bartolomewka zu Hause sind, leidet die Hälfte an chronischer Mandelentzündung, Nasenbluten und der daraus resultierenden Blutarmut, gehäuften Erkältungskrankheiten und allgemeiner Abwehrschwäche. Arzthelfer Suglob: »Auch das Sehvermögen verschlechtert sich immer mehr.« Bartolomewka im weißrussischen Bezirk Wetka liegt 170 Kilometer von Tschernobyl entfernt.

Den brennenden Reaktor hatten die Eingreiftruppen des Fliegergenerals Nikolai Antoschkin aus Helikoptern mit Tausenden von Säcken Sand, Bor und Bleibarren zugeschüttet. Ein Teil des Bleis verdampfte im Atomfeuer und findet sich jetzt im Blut von Sowjetbürgern wieder. Einer Expertengruppe des Internationalen Roten Kreuzes, die Anfang des Jahres die GAU-Gebiete bereiste, wurde von Ärzten »die bisher wenig bekannte Tatsache mitgeteilt«, daß man »nunmehr bei Kindern deutlich erhöhte Bleikonzentrationen im Blut« finde - der Zellgift-Pegel ist 50fach erhöht.

1984 registrierten die Ärzte im ukrainischen Bezirk Naroditschi 24 Fälle von grauem Star ("Katarakt"): Die Augenlinse trübt sich, wird schließlich undurchsichtig. Blindheit ist die Folge. 1989 wurden im gleichen Gebiet mehr als 1000 Katarakt-Patienten gezählt. Die radioaktiven Strahlen haben ihre Augenlinsen ruiniert, sie müssen entfernt werden; eine dicke Star-Brille ersetzt danach die fehlende Brechkraft. Die Augenoperation ist eines der raren Beispiele für die erfolgreiche Behandlung eines Strahlenschadens.

Im allgemeinen gibt es für die Strahlenopfer keine wirksame medizinische Hilfe. »Ich leide an 17 verschiedenen Gesundheitsstörungen«, berichtete der ukrainische Arzt Dr. Andrej Archipow Anfang April den Teilnehmern eines medizin-ethischen Symposions in Krakau. Archipow ist seit Mai 1986 rund um Tschernobyl im Einsatz. »Ich bin jetzt häufiger krank. Alle Infekte dauern länger, vor allem die Mandelentzündungen.« Diese körpereigene Abwehrschwäche, das Tschernobyl-Aids-Syndrom, verstärkt sich im Laufe der Jahre.

Dabei hat Archipow bisher nachweislich weniger als 30 rem abgekriegt. Erst bei 35 rem beginnt sowjet-offiziell die gesundheitliche Gefährdung. Archipow will weiter an der Betreuung der Atomopfer mitwirken. Er ist jetzt 28 Jahre alt.

Mindestens 600 000 Helfer - nur wenige Freiwillige darunter - sind seit dem Super-GAU als »Liquidatoren« zur Schadensbegrenzung eingesetzt worden. Wie viele von ihnen bereits gestorben sind, ist Staatsgeheimnis. Moskau räumt bisher lediglich 86 Tote ein. Dem russischen (Bürger-)Komitee für Nuklearenergie sind jedoch bisher schon die Namen von 300 Soldaten bekannt, die nach ihrem Tschernobyl-Einsatz starben.

Die meisten der Liquidatoren waren schlecht informiert und miserabel ausgerüstet. Mit bloßen Händen warfen sie hochradioaktiven Schrott in den später zubetonierten Reaktor; sie legten 600 Deponien mit verstrahlten Autos, Werkzeugen und Nahrungsmitteln an, asphaltierten ohne Atemschutz die staubigen Landstraßen oder schoben wochenlang Wache im atomaren Niemandsland. Erst nach sechs Monaten wurden die Soldaten zu ihren jeweiligen Truppenteilen entlassen.

Die geheime »Erläuterung der Zentralen Militärärztekommission des Verteidigungsministeriums der UdSSR vom 8.7.1987, Nr. 205« begleitet seither ihren weiteren Lebensweg: _____« Bei der Erfassung von Aussagen über frühere » _____« Erkrankungen bei Arbeiten im KKW Tschernobyl und nicht » _____« vom OLB (der schweren Verlaufsform der Strahlenkrankheit) » _____« betroffenen Personen ist unter Punkt 10 die Heranziehung » _____« zu den genannten Arbeiten und die Gesamtdosis der » _____« Bestrahlung, die kein Stadium der Strahlenkrankheit » _____« erreichte, nicht zu erwähnen. »

Zu deutsch: Nur wer todkrank vom Einsatz zurückkehrte, wird als Strahlenopfer anerkannt.

Zur »geheimen Verschlußsache« erklärte die für Tschernobyl gebildete Moskauer Regierungskommission am 29. Februar 1988 »alle Angaben über den Grad der radioaktiven Verseuchung in einzelnen Ortschaften, der den zulässigen Stand überschreitet«, sowie alle »Kenndaten für eine Verschlechterung der physischen Leistungsfähigkeit« bei den »zur Folgenbeseitigung der Havarie eingesetzten Personen«.

Nicht immer gelingt es der Administration, die tragischen Schicksale junger Helfer mit Schweigen zuzudecken. Für den Hubschrauberpiloten Anatolij Grischtschenko interessieren sich sogar amerikanische Kollegen. Grischtschenko, der als einer der ersten den Reaktorbrand aus der Luft bekämpfte, leidet inzwischen an strahlenbedingtem Blutkrebs.

Diese Form der Leukämie ist, jedenfalls theoretisch, durch eine Knochenmarktransplantation zu heilen, die in der Sowjetunion jedoch bisher kaum praktiziert wird. Die ersten 30 000 Dollar für eine Behandlung in den USA wurden gesammelt, nachdem amerikanische Versuchsflieger bei der Flugzeugschau in Le Bourget bei Paris gesprächsweise vom Schicksal des mutigen Russen erfahren hatten.

Ob die spektakuläre Aktion den jungen Flieger am Ende wirklich rettet, ist jedoch höchst fraglich. Von den 13 russischen Patienten, die US-Arzt Robert Gale 1986 unter weltweiter Anteilnahme in Moskau mit gespendetem Knochenmark versorgt hatte, starben 11. Die beiden Überlebenden stießen das Transplantat sofort ab - sie überlebten also trotz, nicht etwa wegen der Knochenmarkspende.

»Die Strahlenkrankheit ist keine Krankheit, sie ist der Tod«, heißt es kurz und bündig unter Ärzten. Die Frage ist nur, wie schnell das Sterben geht. Vorhersagen läßt sich das nicht. Denn bisher gibt es keine Untersuchungsmethode, um nachträglich festzustellen, wie groß die Dosis war, die ein Opfer abbekommen hat.

»Tausende von Kindern«, so hat die Internationale Rot-Kreuz-Delegation errechnet, haben durch das radioaktive Jod 131 »Schilddrüsendosen über 2 Sievert und teilweise über 10 Sievert« erhalten, das sind, nach alter Nomenklatur, 200 bis 1000 rem - eine mörderische Strahlendosis. Nur an wenigen Orten waren rechtzeitig Jodtabletten verteilt worden. Doch auch dieses Medikament schützt keineswegs vor akuten Strahlenschäden, sondern allenfalls vor Schilddrüsenkrebs, der sich Jahre oder Jahrzehnte später entwickelt.

Krebs ist die Zeitbombe, deren Lunte in Tschernobyl gezündet wurde. Die Internationale Atomenergie-Organisation in Wien, ein Pro-Kernkraft-Verein, rechnet mit 24 000 zusätzlichen Krebstoten; der amerikanische Experte Robert Gale kommt schon auf bis zu 100 000 Krebsopfer. John Gofman, Professor für Medizinische Physik an der kalifornischen Berkeley University, ist sicher, daß am Ende mehr als eine Million Menschen wegen des Super-GAUs von Tschernobyl an Krebs sterben werden. Das sei wegen der Langzeitwirkung des radioaktiven Cäsiums (Halbwertzeit: 30,2 Jahre) unvermeidlich - das Unglück von Tschernobyl setzte mehr Cäsium frei als alle Atomtests zusammengenommen.

Ziemlich erfolglos bemüht sich die Sowjetregierung, den Bürgern die Angst vor der ungewissen Zukunft zu nehmen. Anfang letzten Jahres hat Gorbatschow Tschernobyl besucht und sich, wie die deutsche Atomwirtschaft rühmt, über die »schnellstmögliche Beseitigung der Unfallfolgen« ausführlich »unterrichtet«. Viel mehr als Verbote sind den Regierenden bisher nicht eingefallen.

In den diversen Zonen »permanenter« oder gar »strenger Kontrollen« darf man zwar wohnen und arbeiten - aber: Der Verzehr aller dort erzeugten landwirtschaftlichen und tierischen Produkte ist verboten; niemand darf jagen oder fischen, Pilze oder Beeren sammeln; alle Kinder haben sich täglich zwölf Stunden in den geschlossenen Schulräumen aufzuhalten; Schwimmen ist verboten, auch das Spielen in Wald und Flur. Niemand, weder alt noch jung, darf sein gewohntes Leben führen. »Die Menschen hier«, sagt Alexander Stepanenko, Vizepräsident der Weißrussischen Akademie der Wissenschaft, »sind praktisch Versuchskaninchen.«

Jeder erhält vom Staat pro Monat 30 Rubel, damit er sich Konserven kaufen kann. Das Geld wird »grobowje« genannt, Sarggeld. Die Lebensmittelversorgung in den »schmutzigen Gebieten« klappt schlecht, oft bleiben die versprochenen Lieferungen aus: Welcher Bauer bringt es schon über sich, die Milch der eigenen Kuh bis auf den letzten Tropfen abzuliefern?

Die hochverstrahlten Nahrungsmittel werden nicht weggeworfen, sondern mit unbelasteten Produkten so lange vermischt, bis sie den jeweils vorgeschriebenen Grenzwert nicht mehr überschreiten. Die »Dekontaminierung« durch Abtragen der obersten Bodenschichten oder durch besonders tiefes Pflügen hat kaum etwas gebracht. Im letzten Jahr, sagt der ehemalige weißrussische Ministerpräsident Michail Kolwaljow wahrheitsgemäß, »haben wir Hunderttausende von Tonnen ,schmutziges' Getreide abgeliefert«.

Selbstkritisch fügt er hinzu: »Bis auf den heutigen Tag ist es uns nicht gelungen, den Geist in die Flasche zurückzuzwingen und die Verschleppung radioaktiver Teilchen zu begrenzen.«

Die Bevölkerung, so hat die Rot-Kreuz-Delegation beobachtet, »ist in erschreckendem Ausmaß verängstigt«. Alle Frauen tragen wieder Kopftücher, die Männer Hüte, die Kinder Wollmützen. Jeder glaubt fest daran, daß die gefährliche Radioaktivität über die Kopfhaare aufgenommen wird. Die verstörten Menschen wissen es nicht besser - und sie mißtrauen verständlicherweise allen Erklärungen der Autoritäten, die sie seit vier Jahren hinters Licht führen.

Geigerzähler sind im Katastrophengebiet absolute Mangelware; und wenn es einen gibt, dann fehlt ihm die Batterie. Die deutsche Sektion der »Internationalen Ärzte zur Verhinderung des Atomkrieges« sammelt deshalb seit kurzem Meßgeräte für das bedrängte Rußland. Kurz nach dem Super-GAU hatte sich der sowjetfreundliche Verband auf seinem Weltkongreß 1986 in Köln noch mit allen Mitteln dagegen gesträubt, das Drama von Tschernobyl auch nur en passant zu erörtern - das würde, fürchteten die deutschen Veranstalter, der Sowjetunion nicht recht sein.

Nach vierjährigem Zögern will auch die Internationale Atombehörde in den kontaminierten Gebieten endlich Messungen an Mensch und Boden vornehmen. Bisher hatte sie gehofft, das delikate Problem werde sich in den vergleichsweise dünn besiedelten Weiten Rußlands ganz von allein erledigen. Denn dort ist passiert, was von der Internationale der Kernkraft-Propagandisten bis zum 26. April 1986 als völlig unmöglich hingestellt wurde - der Super-GAU. Um seine Bagatellisierung bemühen sich seither auch die deutschen Atom-Experten, allen voran die Herren der sogenannten Strahlenschutzkommission.

Erich Oberhausen, 1986 Vorsitzender dieser vom Bundesinnenministerium berufenen Runde, hatte damals so getan, als gelte es, die Strahlen vor der üblen Nachrede einfältiger Menschen zu schützen. Der Gelehrte - ein doppelter Doktor und Professor - behauptete Wochen nach der Katastrophe kühn, in Tschernobyl sei insgesamt nur etwa eine Million Curie freigesetzt worden. Die Wahrheit ist: Nach den Angaben des sowjetischen Unionsforschungsinstituts für Kernkraftwerke war es mindestens eine Milliarde Curie, obwohl nur vier Prozent des radioaktiven »Inventars« ins Freie gelangt waren - dennoch 1000mal mehr, als Oberhausen behauptet hatte.

Oberhausens Nachfolger Albrecht Kellerer, Strahlenkundler von der Universität Würzburg, hat Anfang dieses Jahres nach einer sechstägigen Reise durch die neuentdeckten Katastrophengebiete erkannt, daß die gehäuften Krankheitsfälle keinesfalls der extremen Strahlenbelastung anzulasten seien, sondern erstens den »veränderten und eingeschränkten Lebens- und Ernährungsbedingungen«, zweitens »gravierenden Angstzuständen« und drittens den »häufigeren und intensiveren ärztlichen Untersuchungen und vollständigeren Berichten«. Sein Rat: Aufklärung, sonst nichts.

Gerade damit hatten die deutschen Gesundheitswächter in den vergangenen vier Jahren nichts im Sinn. Weder wurden die vom Bundesgesundheitsrat dringend empfohlenen regelmäßigen Untersuchungen repräsentativ ausgewählter Personen jemals ins Werk gesetzt, noch gingen die Verantwortlichen Untersuchungen nach, die zeigen, daß Tschernoby l die Säuglingssterblichkeit und die Mißbildungsrate auch in der Bundesrepublik meßbar erhöht hat.

Sorglose Laune verbreitet auch Forschungsminister Heinz Riesenhuber, der nach vier Jahren ohne weiteren Super-GAU die Reaktorsicherheit »besser als angenommen« und damit »sehr erfreulich« nennt. Von Riesenhuber finanzierte Atomforscher haben im letzten Jahr errechnet, daß die Wahrscheinlichkeit eines »Super-GAUs wie in Tschernobyl« für die Bundesrepublik mit »einmal in zwei Millionen Jahren pro Atomkraftwerk angegeben« werden kann.

So wird »Murphy's Gesetz« ("Alles, was schiefgehen kann, geht auch mal schief"), ein von jedem Physiker anerkannter Grundsatz, in ein fernes Utopia verwiesen - und durch den amtlichen Zusatz ergänzt: Atomkraftwerke bilden die einzige Ausnahme.

Inoffiziell sieht die Lage aber schon anders aus. Nach seiner russischen Reise urteilt der oberste Bonner Strahlenschützer Albrecht Kellerer: »Es ist offensichtlich, daß auch in Zukunft die Möglichkeit von Reaktorunfällen in Notfallplanungen einbezogen werden muß.« US-Mediziner Gale und seine Arbeitsgruppe schätzen das Super-GAU-Risiko auf 50 Prozent innerhalb der nächsten zehn Jahre. Derweil inseriert die deutsche Atomindustrie in allen Zeitungen unverdrossen: »Kernkraft gewinnt an Boden.«

In Tschernobyl tritt sie eher auf der Stelle. Zwar arbeiten die drei übriggebliebenen Reaktoren weiter - riesige Monster, vor Jahrzehnten entworfen, um Plutonium für die begehrten Wasserstoffbomben auszubrüten. Sie haben weder eine schützende Betonkuppel noch lassen sie sich mit neuen Sicherheitssystemen nachrüsten. Doch sie können auch nicht abgeschaltet werden: Westrußland braucht den Strom, sonst gehen dort die Lichter aus.

Die Arbeiter werden inzwischen aus einer 52 Kilometer entfernten Siedlung namens Slawutitsch herangeschafft. Die Betriebsleitung zahlt ihnen doppelte Löhne und wechselt die Schaltraumbesatzungen in schnellem Rhythmus. Der »havarierte« Reaktor Nummer 4 ist zubetoniert und mit schwarzen Stahlplatten ummantelt. Er steht nur 300 Meter vom nächsten Atommeiler entfernt.

Dringend erforderliche Evakuierung aus den Strahlen-Notstandsgebieten kommt wegen Kapitalmangels nicht voran. Bisher hat die Sowjetunion dafür ganze 90 Millionen Mark aufgewendet. Die nötigen Evakuierungsmaßnahmen würden voraussichtlich 300 Milliarden Rubel kosten, das sind 900 Milliarden D-Mark; viel zuviel für die arme Sowjetunion.

Der »Sarkophag«, wie der Unglücksreaktor amtlich genannt wird, macht ihr schon Kummer genug. Er strahlt immer noch. Er muß deshalb noch einmal neu eingemauert werden. Im Inneren sind 180 Tonnen radioaktives Material beerdigt, das für Jahrtausende keine Ruhe geben wird. Die in seinem rumorenden Bauch zirkulierende Luft wird ungefiltert nach außen geleitet. Auch Frauen dürfen den Sarkophag betreten. Manchmal lehnen Arbeiter müßig an seiner schwarzen, stark strahlenden Wand. Es tut nicht weh.

Als Michail Gorbatschow aus Tschernobyl abflog, fand er für die beklemmende Situation eine, wieder mal, treffende Formel: »Wir alle«, sprach er, »sind Geiseln der Atomindustrie.« f

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