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UMWELT Geist aus der Flasche

Industrie-Manager informieren das alternative Freiburger Öko-Institut über umwelt- oder gesundheitsgefährdende Produkte der Konkurrenz - etwa bestimmte Korrekturlacke von »Tipp-Ex«.
aus DER SPIEGEL 29/1989

Auf dem Schreibtisch von Rainer Grießhammer, 35, langjähriger Geschäftsführer des Freiburger Öko-Instituts, landen die seltsamsten Sachen. Nach der Atomkatastrophe im sowjetischen Tschernobyl schickten strahlenbesorgte Konsumenten »tütchenweise« Milchpulver und Babynahrung. Von einer Industriehalde in Nordrhein-Westfalen kam »zur Überprüfung« ein Brocken schwarzer Schlacke. Und von der Nordsee kündigten Badegäste jüngst die Einsendung von »Wasserproben« an.

»Unser Laden«, sagt Chemiker Grießhammer, der mit 30 Mitarbeitern wissenschaftliche Studien zu Umweltproblemen erarbeitet, »macht zwar keine Öko-Tests«, aber in der Regel »können wir weiterhelfen«.

Das denken sich neuerdings auch westdeutsche Manager: Ausgerechnet dem industriekritischen Öko-Institut, das vor zwölf Jahren aus der Anti-Atom-Bewegung hervorgegangen ist, werden immer häufiger heiße Informationen von Industrie-Insidern zugesteckt.

Oft melden sich »anonyme Anrufer«, die »interne Details« aus Unternehmen anbieten. Zumeist erweisen sich die telephonischen Tips oder die eingesandten Dokumente als handfeste Hilfe, um bislang unbekannten Umweltsündern auf die Spur zu kommen.

»Das meiste«, sagt Grießhammer, »wird uns von der Konkurrenz verpfiffen.« So ärgerte sich ein Münchner Fabrikant von Reinigungssprays für elektronische Bauteile über die »unverfrorene Werbung« seiner Mitbewerber: Der baden-württembergische Hersteller Kontakt-Chemie hatte seine Spraydosen - bis auf eine Ausnahme - mit dem verkaufsfördernden Aufdruck »Ozon-freundlich« angepriesen.

In Wahrheit, so ergab eine Untersuchung in einem Labor in England, enthielt mehr als die Hälfte der Dosen die Substanzen F 11, F 12 oder F 113 - allesamt Ozonkiller, die nach dem jüngst im finnischen Helsinki vereinbarten Plan zur Reduzierung von Fluorchlorkohlenwasserstoffen (FCKW) bis Anfang der neunziger Jahre drastisch vermindert werden sollen. »Wir bitten um Weiterleitung der Information«, schrieb der Firmenchef, »ohne uns zu erwähnen.«

Andere Öko-Petzer steckten den Freiburger Forschern unbekannte Daten über die möglicherweise krebserzeugende Allerweltschemikalie Formaldehyd. Sein Tip erwies sich für den Hersteller von Reinigungsmiteln allerdings als Bumerang. Denn eine daraufhin erarbeitete Großstudie der Öko-Tester wies in »50 Prozent« aller Haushaltsreiniger für Autos, Metall, Geschirr, Schuhe, Teppiche, Wäsche oder Möbel die heikle Substanz nach.

»Ohne gezielte Hinweise«, sagt der Freiburger Öko-Experte Fritz Kalberlah, Leiter des Forschungs- und Beratungsinstituts Gefahrstoffe, »müßten wir jeweils die Nadel im Heuhaufen suchen.« Die fälligen Analysen könnten bei Eingrenzung eines Suchauftrages auf bestimmte Schadstoffe zur Freude der Ökologen »deutlich verbilligt« werden.

Ein Tip aus der Industrie führte auch zum jüngsten Fund - bei einem weltweit bekannten Produkt: Mit der bislang vertriebenen Version (Artikel-Nummer 5000) des Korrekturlacks »Tipp-Ex« würden, so der Hinweis, nicht nur millionenfach Schreibfehler, sondern auch Teile der schützenden Ozon-Schicht getilgt.

Zu diesem überraschenden Ergebnis kam eine aufwendige Labor-Analyse des weißen, aromatisch duftenden Lacks, der mit einem kleinen Pinsel aufgetragen wird. Im Hamburger Natec-Institut hatten die Freiburger Ökologen die »flüchtigen Inhaltsstoffe« des Korrekturlacks untersuchen lassen. Dabei ergab sich, daß die Gase zu 15 Prozent aus einer Chemikalie mit der Bandwurmbezeichnung 1,2-Dibrom-1.1.2.2-tetrafluorethan bestehen. Dieser Stoff, kurz Halon 2402 genannt, hat es in sich: Das Lösungsmittel greift die Ozonschicht an. Das sogenannte Ozonschädigungspotential, ein Maßstab für Klimaforscher, liegt um das Sechsfache über dem von Standard-FCKW. Das in der Halon-Verbindung enthaltene Brom ist nach Erkenntnis der Bonner Enquete-Kommission »Vorsorge zum Schutz der Erdatmosphäre« insbesondere in den »Polargebieten relevant«, da es in »größerem Ausmaß« Ozon zerstören könne.

Die Halone sind denn auch bereits 1987 in das sogenannte Montreal-Protokoll aufgenommen worden. Auch nach einem Beschluß der Bundesregierung müssen »unverzüglich« Maßnahmen ergriffen werden, um »insbesondere die Verwendung von FCKW und Halonen zu beschränken«.

»Wenn wir das geahnt hätten«, sagt Peter Österreicher von der »Tipp-Ex«-Geschäftsführung, »hätten wir die Finger davongelassen.« Vor dem Einsatz von Halon, das die Entflammbarkeit des als Lösungsmittel verwendeten Benzins herabsetzen soll, hatte der Hersteller eine Expertise eingeholt. Ergebnis: keine Bedenken gegen Halone. Tipp-Ex warb für seinen Artikel 5000 fortan mit dem Aufdruck: »Ohne Chlorkohlenwasserstoffe«. Damit jedoch war der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.

Mit den Halonen hatte die Firma eine andere, möglicherweise erbgutschädigende und krebserzeugende Substanz ersetzen wollen: Dem schnell trocknenden Lack war jahrelang als Lösungsmittel 1.1.1-Trichlorethan beigemischt worden, eine süßlich duftende Chemikalie, die auch Schnüfflern zur Selbstbetäubung verhilft. Weil diese Substanz aber unter die Gefahrstoffverordnung fällt, mußten die Fläschchen mit einem schwarzen Kreuz auf gelbem Grund als »Gesundheitsschädlich. Harmful. Nocif. Schadelijk« gekennzeichnet werden: »Darf nicht in die Hände von Kindern gelangen. Berührung mit den Augen vermeiden«.

Das war dem Absatz nicht eben zuträglich gewesen. »Unsere Kunden«, weiß Österreicher, »achten immer mehr auf die Unbedenklichkeit der Produkte.«

Mit dem seit zwei Jahren verwendeten neuen Lösungsmittel sind zwar die unmittelbaren Gesundheitsrisiken beseitigt. Dafür aber entweicht den rund anderthalb Millionen bereits ausgelieferten Fläschchen das umweltgefährdende Halon. Im DIN-Sicherheitsblatt zu dem neuen Korrekturlack wird lediglich empfohlen, das Produkt nicht in »Kanalisation und Gewässer gelangen zu lassen«.

Nicht nur die Einschaltung des Öko-Instituts gegen den Halon-Geist aus der Flasche hat bei Tipp-Ex jetzt für eine jähe Korrektur gesorgt. Nachdem das Berliner Umweltbundesamt vergangenen Monat Auskunft über den Einsatz ozonschädigender Stoffe verlangte und der italienische Chemie-Konzern Montedison Halon-Lieferungen nur noch für flammenhemmende Feuerschutzmittel ankündigte, änderte Tipp-Ex die Produktstrategie.

Mitte vergangenen Monats wurde per internen Rundschreiben mit »sofortiger Wirkung« das »nicht umweltfreundliche« Problem-Produkt 5000 aus dem Sortiment gestrichen. »Das können wir uns vom Image her nicht leisten«, sagt Österreicher, »auch wenn es sich um geringste Mengen handelt.« Nun muß wieder der gesundheitsgefährdende und kennzeichnungspflichtige Chemie-Stoff 1.1.1-Trichlorethan für schnelltrocknende Lacke verwendet werden.

Korrekturlacke sind nicht die einzigen Büroartikel, die als gesundheitsund/oder umweltgefährdend gelten. In westdeutschen Kontoren wird mit einer Vielzahl von Schadstoffen hantiert.

Betroffen ist jeder vierte Bundesbürger. Rund die Hälfte aller Erwerbstätigen, immerhin 14 Millionen Menschen, haben ihren Arbeitsplatz in einem Büro, weitere zwei Millionen arbeiten zu Hause an einem Schreibtisch. Und überall kommen Umweltchemikalien zum Einsatz, in Filzschreibern und Klebstoffen, Stempelfarben, Farbbändern und auch in kunststoffbeschichteten Möbeln. In einem Handbuch zur »Chemie im Büro« (Titel) warnen die Fachautoren Claudia und Reinold Fischer vor den alltäglichen »Schadstoffduschen"*.

Anders als im privaten Lebensbereich, wo sich der »Wohnzimmerteppich« oder die »Müslimarke« wechseln lasse, sei der Arbeitsplatz, so die Autoren, für viele Umweltbewußte ein »unlösbares Problem«. In Hannover stellte eine Projektgruppe »Gefahrstoffe im Büro« bei Sekretärinnen eine »erschreckende Unkenntnis und Sorglosigkeit« im Umgang mit Bürochemikalien fest.

Daß Phenolharze in modernen Durchschreibpapieren Hautreizungen und Heiserkeit auslösen können, ermittelte eine Forschergruppe an der Universität des US-Bundesstaates Iowa. Photokopierer, die in engen Räumen manchmal »irgendwie komisch riechen« (Fischer/ Fischer), emittieren nicht nur gesundheitsgefährdende Gase, sondern mit der schwarzen Toner-Farbe auch krebsfördernden Ruß.

Als Alternative zu den herkömmlichen schnelltrocknenden Korrekturlacken, die nach Branchenschätzungen in zwei von drei Büros stehen, empfehlen die Umweltautoren Produkte auf Wasserbasis, die zwar »langsamer trocknen, aber ebenso gut decken« und die - etwa unter den Produktnamen »School & Study« oder »fluid water base« - auch von Tipp-Ex angeboten werden. Für die chemische Abrüstung auf der Arbeitsplatte sei es »höchste Zeit«, denn immerhin verbringe der Durchschnittsangestellte in seinem Arbeitsleben rund 80 000 Stunden am Schreibtisch.

Daß die Inhaltsstoffe vieler Produkte heute selbst den Behörden unbekannt sind, ist nach Ansicht von Öko-Chemiker Grießhammer »nicht akzeptabel«. Die US-Chemie-Industrie komme schon heute weitgehenden Informationspflichten nach, die auch westdeutschen Firmen zugemutet werden könnten.

Die bisher praktizierte Geheimhaltung führe nur dazu, meint Grießhammer, daß »umweltbelastende Stoffe« und die »meist genauso trostlosen Ersatzstoffe« viel zu spät erkannt würden.

»Tipp-Ex«-Manager Österreicher: »Wenn wir das geahnt hätten«

Altes, neues »Tipp-Ex«-Produkt Umwelt statt Gesundheit gefährdet?

Risikofaktor Büroarbeit: »Irgendwie komisch«

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