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EXTREMISTEN Geister der Vergangenheit

Ein wegen Mordes verurteilter thüringischer Satanist ist wieder auf freiem Fuß und schockiert brave Bürger. Im Internet predigt er Rassenhaß, Staatsanwälte sind ihm auf der Spur.
aus DER SPIEGEL 50/1998

Glaubt man der Bibel, wohnt der Satan in der Stadt Pergamon - und ist ein Tier, das »zwei Hörner« besitzt »und redete wie ein Drache« (Offenbarung 13, 11). Glaubt man Christa Jenal, hat sich der Teufel dem Informationszeitalter angepaßt und haust derzeit im World Wide Web. Deshalb hat die Saarbrücker Studienrätin jetzt Strafanzeige gegen einen Internet-Webmaster erstattet.

Was die Frau so erzürnt, ist eine Homepage, auf der, so geben ihre Verfasser vor, über die Black-Metal-Szene informiert wird. In Wahrheit ist dort kaum anderes zu finden als Nazi-Propaganda - vermischt mit Satanistenphantasien und heidnischem Germanenkult.

Eine Satans-Rockband, die sich Barad Dúr nennt, verkündet da etwa, die »richtige Lösung wäre, 60 bis 70 Prozent der Menschheit auszurotten«. Nur die Weißen sollten überleben, »Teile anderer Rassen« würden »in Zoos als Schauobjekte gehalten«.

Die Bundesrepublik habe eine »Judenregierung«, heißt es auf der Seite, der Euro sei das Produkt einer »Verschwörung« von »Untermenschen«, und die Teufelsanbeter von »Eternity« propagieren den Mord an Christen, der »leider nun mal schwer strafbar« sei.

Besonders geschockt reagierte die im Netz surfende Lehrerin Jenal jedoch auf die Selbstdarstellung der Band Absurd. Ein junger Mann, der sich in der Szene Jarl Flagg Nidhögg nennt, teilt - voller »Ehrfurcht vor den Leistungen unserer Ahnen« - mit, die »weiße Rasse« zeichne sich »seit jeher vor den anderen Großrassen« aus. Er befürchte freilich eine »Zersetzung des Deutschtums« und liebe besonders seine thüringische Heimat, die schon unter den Nazis »berechtigte Priorität in Deutschland« besessen habe.

Nazi-Fan Jarl Flagg Nidhögg hat in der Szene einen Ruf wie Donnerhall. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich Hendrik Möbus aus Sondershausen: Der berüchtigte Satanist ist erst seit drei Monaten wieder auf freiem Fuß. Fünf Jahre saß er wegen eines Mordes in Haft - gebessert hat ihn das keineswegs: Möbus, 22, hetzt wie zuvor, und der Einfluß auf seinesgleichen ist größer denn je.

1993 hatte er gemeinsam mit zwei Freunden seinen Mitschüler Sandro Beyer erdrosselt. Der Fall, ein »archaisches Opferritual« (Möbus), machte damals Schlagzeilen und galt als Beleg für die Gefährlichkeit satanistischer Umtriebe. Was bis dahin als pubertäres Bürgerschreckgehabe belächelt wurde, war plötzlich tödlicher Ernst geworden.

Schwarz gewandet und mit Satansdevotionalien behängt, hatten Möbus und Konsorten jahrelang ihre Mitschüler schockiert und mit dem Brutalo-Sound ihrer Band Absurd traktiert. »Ihr könnt meinem Blutdurst nicht entrinnen«, texteten die Gymnasiasten. Und: »Im Wald hört niemand der Opfer Schrei/ Wieder ist die graus'ge Tat vollbracht! Ha!«

In einem Schülerzeitungsinterview hatte Möbus, damals noch unter dem Phantasienamen Randall Flagg, seinem Mitschüler Sandro gedroht: »Sandro B. gehört definitiv nicht zu uns.« Wer das Absurd-Trio, das sich abends mit Vorliebe auf dem nahen »Totenberg« aufhielt, besuchen wolle, möge sich »genauestens überlegen, welches Risiko er einzugehen gedenkt«.

Einige Monate später wurde die Leiche Sandro Beyers, in einem Erdloch vergraben, gefunden. »Wir haben die Warnungen nie ernst genommen«, macht sich der Sondershäuser Pastor Jürgen Hauskeller noch heute Vorwürfe. Der Protestant hat sich geschworen, beim nächstenmal rechtzeitig einzugreifen.

»Gerade seit dem Mord von Sondershausen«, so Hauskeller jetzt, »hat die Szene in Thüringen unglaublichen Zulauf erhalten.« Mit Vorträgen versucht der Geistliche, Jugendliche aufzuklären. Über das »verlockende Spiel mit dem Bösen« und den Mordfall hat er ein Buch geschrieben.

Hauskeller befürchtet in Thüringen eine Entwicklung wie in Norwegen. Dort hatte Anfang der neunziger Jahre ebenso plötzlich wie unerklärlich ein regelrechter Satansboom eingesetzt. Kirchen wurden in Brand gesteckt, ein Szenemusiker ermordet.

Möbus' Umtriebe, warnen Szenekenner, könnten ähnliches auslösen, denn seit dem Mord hat seine Band Absurd vor allem im Osten Kultstatus. Ihre CDs werden teuer gehandelt, die drei gelten als Märtyrer. Noch während der Haftzeit konnten sie eine CD und eine Kassette veröffentlichen.

Der Szeneruhm gibt Möbus, so sagt er, »ein gewisses Selbstwertgefühl« - und bestätigt offenkundig auch sein rechtsextremes Weltbild. Die Absurd-Mitglieder seien, so der Satanist heute, tief in der »Blut- und Bodenideologie« verwurzelt und gehörten zur »arischen Elite«. Doch die beiden anderen ehemaligen Bandmitglieder haben sich offenbar von Möbus abgewandt - einer studiert in Dresden, der andere hat einen Beruf ergriffen. In Sondershausen lebt keiner von ihnen mehr. Auch Möbus' Familie - der Vater des Satanisten war CDU-Landtagsabgeordneter - ist fortgezogen.

»Jetzt tauchen die Geister der Vergangenheit aber wieder auf«, glaubt Pastor Hauskeller. Über die Chuzpe seines einstigen Zöglings aus dem Konfirmationsunterricht kann der Geistliche nur staunen. »Make war, not love«, tönt Musiker Möbus etwa im Internet: Wenn in Deutschland nicht soviel verboten wäre, hätte er sich längst mit allen möglichen »legal oder illegal erhältlichen Mordwerkzeugen«, auch »Weltkriegsgerät«, ausgestattet. Im übrigen begrüße er »jede Aktion, die sich gegen die jüdisch-christliche Fremdherrschaft auf germanischem Boden« richte.

Um diesmal zu verhindern, daß Möbus' Gewaltphantasien wahr werden, hat sich der thüringische Justizminister Otto Kretschmer eingeschaltet. »Alle zuständigen Stellen«, so ein Ministerialer, seien »mit Nachdruck gebeten« worden, »der Angelegenheit nachzugehen und die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen«.

Die Staatsanwaltschaft werde prüfen, ob Möbus' Haßparolen »strafrechtliche Relevanz« besitzen. Sollte das der Fall sein, muß der Jungsatanist womöglich bald wieder ins Gefängnis, ist er doch derzeit nur zur Bewährung auf freiem Fuß.

Derartige Strafe fürchtet Jarl Flagg Nidhögg jedoch offenbar wenig. Noch aus dem Knast heraus gab er amerikanischen Black-Metal-Autoren ein Interview. Um den Ritualmord an Sandro Beyer »einen großen Wirbel zu machen«, dafür gebe es keinen Grund: »Wir haben keinerlei Gewissensbisse.«

Seine Tat rechtfertigt der Jungkriminelle auch jetzt noch ganz kühl: »Am 29. April 1993 entschlossen wir uns, dem Leben eines lebensunwerten Geschöpfes ein Ende zu setzen.« THILO THIELKE

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