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»Geistige Feldwebel«

aus DER SPIEGEL 32/1996

Zimmermann, 52, stammt aus Dresden und machte sich als Dirigent und Komponist ("Die weiße Rose") einen Namen; seit 1990 leitet er die Leipziger Oper.

SPIEGEL: Herr Zimmermann, warum sind die Sachsen so störrisch?

Zimmermann: Sind sie doch gar nicht. Wir haben eine wohltemperierte Lebensart, in der sich Bildung und Bescheidenheit mit Gemüt und Energie aufs schönste verschwistern. Kurz: Wir Sachsen haben einen nüchternen Realitätssinn.

SPIEGEL: Können Sie das beweisen?

Zimmermann: Aber ja. Ich halte es mit dem Sachsen Friedrich Nietzsche, der einst schrieb, »die gefährlichste Gegend in Deutschland« sei Sachsen und Thüringen. Nirgends gäbe es mehr »geistige Rührigkeit und Menschenkenntnis, nebst Freigeisterei«. Alles sei »so bescheiden durch die häßliche Sprache und die eifrige Dienstbeflissenheit dieser Bevölkerung versteckt«, daß man kaum merke, es hier »mit den geistigen Feldwebeln Deutschlands« zu tun zu haben. Sie sehen, eigentlich leiden wir an einem Mangel an Selbstbewußtsein.

SPIEGEL: Dieses Manko kaschieren die Sachsen aber sehr gekonnt.

Zimmermann: Sicher, das ist doch unser Geheimnis. In Wirklichkeit sind wir zu verschmitzt, als daß wir nicht hintenrum schnell ein Ding schieben könnten. Das ist unser geschäftlicher Sinn, der überall zur rechten Zeit den Fuß in der Tür hat. Es kann kein Zufall sein, daß wir diese Unmenge von Genies hervorgebracht haben. Angefangen von Leibniz, Lessing, Fichte bis zu Robert Schumann, Richard Wagner und Karl May. Provinziell waren wir nie.

SPIEGEL: Das Sächsische hört sich aber nicht gerade sehr weltoffen an.

Zimmermann: Stimmt. Diese Sprache ist auch so ein Ausdruck unseres fehlenden Selbstbewußtseins. Sosehr man sich auch anstrengt, seine sächsische Herkunft kann man nicht verleugnen. Diese ganzen netten Floskeln wie »nee« und »nu«, mit denen wir unsere Sätze garnieren, sind eigentlich ja fürchterlich. Nein, sinnlich kann ich diese Sprache nun weiß Gott nicht finden.

SPIEGEL: Wie klingt sie denn in Ihren Künstlerohren?

Zimmermann: Nu ja, gemütlich. Auf der anderen Seite sind die Sachsen ein Volk, das ungemein akribisch und pingelig ist, da sind sie wie die Preußen. Aber wir sind friedlich und so gar nicht heimtückisch. Wir haben unsere Kriege stets verloren, und die Preußen haben gewonnen. Trotzdem ist bei uns der Kunstsinn größer gewesen als andernorts - seit über 750 Jahren. Die Leipziger Oper ist immerhin 300 Jahre alt.

SPIEGEL: Speist sich aus der reichen Historie der gelegentliche Größenwahn der Sachsen?

Zimmermann: Ich weiß nicht. Der Biedenkopf will doch das Land nur wieder zu dem wichtigen Wirtschaftsraum machen, das es vor dem Krieg war. Das ist legitim. Außerdem stimmt es doch: Wir haben hier womöglich mehr Orchester als in ganz Italien.

SPIEGEL: Die Stadt Leipzig will 21 Millionen Mark bei der Kultur einsparen. Wie kommen Sie an der Oper mit der Vorgabe zurecht?

Zimmermann: Es wird irgendwie gehen müssen, aber es gibt einen Punkt, an dem ich die Kommune bitten müßte, mir die Möglichkeit zu geben, wieder verstärkt zu komponieren oder zu dirigieren. Wenn ich nur noch einen Nothaushalt verwalten soll, dann kann die Oper auch von einem Herrn Meier oder Müller geleitet werden.

SPIEGEL: Unter diesen Umständen klingt es verwegen, daß Sie den Hollywoodgiganten Steven Spielberg als Regisseur für Wagners »Ring« engagieren wollen.

Zimmermann: Die Idee, den Mythos Wagners mit dem Seziergeist eines Spielberg zusammenzubringen, ist doch an sich schon patentverdächtig, oder? Vielleicht realisiert sich mein Traum nicht, aber lassen will ich davon auch nicht. Kosten würde das so gut wie nichts. Die Region profitiert nur davon.

SPIEGEL: Verlieren Sie jetzt nicht die Bodenhaftung?

Zimmermann: Es wäre doch schrecklich, wenn wir keine Verrücktheiten mehr wagen würden oder romantische Höhenflüge. Immerhin sind wir in Leipzig 1993 zur Oper des Jahres gewählt worden, und am Donnerstag, dem 12. September, wird Karlheinz Stockhausens Musiktheater »Freitag aus Licht« bei uns uraufgeführt. Da reist die halbe Welt an. Man darf die Latte nie zu tief legen. Mir ist es immer noch lieber, auf die Nase zu fallen, als den sicheren Sprung zu wagen.

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